Dies gehört zum Projekt „Verstehen wir Gesellschaften als Systeme oder Verhältnisse?“.


Nikolaus von Cues

Bei Cusanus/ Nikolaus von Cues z.B. kann die Bewegung als Selbstbewegung, d.h. unabhängig von einem Beweger gedacht werden, in dem die Kreisbewegung als „Muster einer Bewegung, die endlos fortgeht und dennoch in sich abgeschlossen ist“ (Hedtke 1977: 44) gedacht wird, was Hegel später aufgreifen wird. Als Beispiel nennt Cusanus die Aufeinanderfolge von einem Baum, der wieder Baum wird, was durch den Samen vermittelt wird. Die Bewegung ist das Ganze und sie wird vollzogen von ihren Teilen. Das Ganze ist dann die „wechselseitige Aktion und Reaktion der Teile selbst“ (ebd.: 51). Die spezifische eigene Qualität der Teile verschwindet dabei nicht, sondern sie löst geradezu die Bewegung aus und trägt sie. Das, was sich bewegt, verschwindet dabei nicht, d.h. die Substantialität wird nicht von der Bewegung ersetzt. „Jeder Teil besitzt somit Qualitäten, die für das System konstitutiv sind. Aber er realisiert diese Tätigkeiten nicht in der direkten Beziehung zum Ganzen, sondern im Teil-Teil-Wechselwirkungszusammenhang.“ (ebd.: 51) Den Grund für diese Bewegung kann man nur finden, wenn man die Qualitäten der in Bewegung befindlichen Teile selbst in Betracht zieht, denn nur daraus erklärt sich z.B., warum ein Baum über die Vermittlung der Samen wieder zu einem Baum wird. Dieses Denken des Cusanus hängt durchaus mit konkreten gesellschaftlichen Umständen zusammen, nämlich der Entstehung eines einheitlichen europäischen Markts durch das handelskapitalistische Patriziat (ebd.: 29).

Universalienrealismus vs. Nominalismus

Neben diesen auch heute noch als vernünftig zu bewertenden Anfängen des Verstehens vom dialektischen Verhältnis von Ganzen und Teilen blieb – ebenfalls innerhalb des historischen Kontextes verständlich – zuerst jedoch die Überbetonung des Allgemeinen alle seine einzelnen Teile sich unterwerfende Allgemeine die vorrangige Denkweise, die als universalienrealistisch bezeichnet wird (die Universalien werden als real wirkende und letztlich einzig wahre Entitäten angenommen). Demgegenüber entstand in harten Kämpfen nominalistische, d.h. das Einzelne als einzig Wahres behauptende Weltanschauungen. Man kann dies vereinfachend als Reflex auf die sich durchsetzende kapitalistische Warenproduktion mit ihrer Vereinzelung der Unternehmen und der vorher gemeinschaftlich eingebundenen Menschen als „freie“ Unternehmer oder Arbeitskräfte in Verbindung bringen. Daran stimmt vieles, aber in der Vereinfachung würde es wieder falsch. Helga Bergmann und Peter Ruben verweisen auf die beiden Formen der Metaphysik, die sich im 17. Jahrhundert ausbilden im Spannungsfeld zwischen den Kräften des despotischen Absolutismus (der sich mit dem Geld des Handelskapitals den alten Feudaladel unterwirft) und der bürgerlichen Kräfte: den metaphysischen Realismus, der von René Descartes vertreten wird und den metaphysischen Nominalismus, der durch Thomas Hobbes vertreten wird (Bergmann, Ruben 1977: 60ff.). 

Descartes, Voltaire

Mit Descartes wird das Denken von „ersten Prinzipien aus“ zum Prototyp der Bildung von Systemen, wobei Descartes selbst nur an der Methode interessiert war. Dabei hatten schon protestantische deutsche Theologen das Wort „System“ verwendet, um die Einheitlichkeit und Geschlossenheit einer Lehre zu unterstreichen (ebd.: 75). Dieses so entstandene Systemdenken beruhte „auf der gedanklichen Voraussetzung, daß ein Gott dank seiner unendlichen Weisheit und Vollkommenheit die Ordnung der Welt geschaffen hat und sie mit Hilfe der Naturgesetze […] aufrechterhält“ (ebd.: 77).

Hier setzt nun die Kritik der Aufklärer an. Voltaire etwa schreibt diesem Systemdenken einen „Hang [zu], sich für irgendwelche Erscheinungen Erklärungen auszudenken, die nicht empirisch beweisbar sind“ (ebd.: 81). Dies wurde zum Prototyp dessen, was noch heutzutage mit der Bezeichnung „metaphysisch“ als ablehnenswert gilt.

Schon bis dahin sehen wir also, dass sich gegensätzliche Positionen durch die häufig „abendländisch“ genannte Philosophie ziehen, so dass eine pauschale Zuschreibung dieses Denkens als Substanzdenken (Brodbeck 2002: 8) völlig fehl geht.

Nachdem Cusanus/ Nikolaus von Cues schon einmal die Richtung in eine angemessene dialektische Denkweise gezeigt hatte, splitteten sich die Traditionen dann – wie eben gezeigt – erst mal wieder auf in eine Überbetonung des Substantiellen und eine Überbetonung des Relationalen. Einer Vermittlung der beiden Pole im Denken näherten sich dann wieder die klassischen deutschen Philosophen Schelling und Hegel.


Hier gehts mit Schelling weiter.