Dieser Text gehört zum Projekt „Anregungen von Maurice Godelier“

Version 1.02, 05.01.2021


Bei Karl Marx gibt es den Begriff der „ökonomischen Gesellschaftsformation“ (MEW 23: 16, 184). Ohne an dieser Stelle den Begriff der „Gesellschaftsformation“ zu verwenden, erklären Marx und Engels, dass theoretische Abstraktionen dazu dienen können, „die Ordnung des geschichtlichen Materialist zu erleichtern, die Reihenfolge seiner einzelnen Schichten anzudeuten“ (MEW 3: 27). Als „progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation“ unterscheidet Marx die „asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen“ (MEW 42 VW: 9). Ob diese ausreichen, um die Vielfalt gesellschaftlicher Verhältnisse zu erfassen und in welcher Art manche von ihnen in unterschiedlichen Weltregionen aufeinander folgen, kann nur Gegenstand konkreter Untersuchungen sein. Der Vorteil marxistischer Gesellschaftstheorien ist es, innergesellschaftliche Phänomene immer im Zusammenhang zu den menschlichen Praxen der Naturveränderung zu sehen. So bestimmt Karl Hermann Tjaden Gesellschaftsformationen als „Formen der Auseinandersetzung von menschlicher und außermenschlicher Natur in der Menschheitsgeschichte“, d.h. als „Formen der Auseinandersetzung von menschlicher und außermenschlicher Natur“ (Tjaden 1976: 70). Denn „das Eingebundensein menschlichen Zusammenlebens in die Bio-, Geo- und Atmosphäre der Erde und in deren Evolution sind der menschlichen Vergesellschaftung nicht äußerlich“ (Lambrecht u.a. 1998: 13). Diese Auseinandersetzung erfolgt in der gesellschaftlichen Arbeit, in der Arbeitsgegenstände, Arbeitskräfte und Arbeitsmittel zusammenwirken, um die erstrebten Ergebnisse zu herzustellen. Es sind im Wesentlichen die Veränderungen der Weise, in der diese Faktoren angeeignet und zusammengebracht werden, welche nach Marx die ökonomischen Gesellschaftsformationen unterscheiden:

„Welches immer die gesellschaftlichen Formen der Produktion, Arbeiter und Produktionsmittel bleiben stets ihre Faktoren. Aber die einen und die andern sind dies nur der Möglichkeit nach im Zustand ihrer Trennung voneinander. Damit überhaupt produziert werde, müssen sie sich verbinden.[1] Die besondre Art und Weise, worin diese Verbindung bewerkstelligt wird, unterscheidet die verschiednen ökonomischen Epochen der Gesellschaftsstruktur.“ (MEW 24: 42)

Diese Formen hängen auch vom konkreten Material dessen ab, was da in Verbindung gebracht wird:

„Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterschiedet die ökonomischen Epochen.“ (MEW 23: 195) „Die Arbeitsmittel […] sind auch Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird.“ (ebd.)

Etwas allgemeiner formuliert, ist es die „technologische Produktionsweise“, die vor allem auch mit den Eigentumsverhältnissen zusammenhängt, denn durch die Arbeitstechnologie wird der Inhalt der Arbeit und der Kooperationsbeziehungen weitgehend bestimmt. Damit verlangt eine bestimmte technologische Produktionsweise „ein bestimmtes System von Eigentumsverhältnissen, aus denen sich jene sozial oft sehr unterschiedlichen Handlungstriebkräfte ergeben, die für die Ausübung des notwendigen Inhalts der Arbeit und der Kooperation notwendig sind.“ (Brie 1990: 35).

Für den real gewesenen Sozialismus[2] konstatierte Brie, dass es hier eine Überschneidung von zwei Typen der Arbeitsorganisation gab: einerseits die „knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit“ (MEW 19 KdGP: 21), andererseits bereits deren Ablösung „durch das total entwickelte Individuum, für welches verschiedne gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind“ (MEW 23: 512). Nicht nur politische und kulturelle Fehler bestimmten die Widersprüche in diesem Sozialismus, sondern vor allem auch die Folgen dieser Überschneidung, die sich darin zeigten, dass die Menschen sich nicht ausreichend in der Arbeit entwickeln konnten und deshalb ihre Motivation daran nur vermittelt über den durch Lohn ermöglichten Konsum finden konnten, was den Übergang von lohnvermittelter Motivation zu selbstbestimmter Beteiligung an der Produktion als Moment der eigenen Entwicklung[3] erschwerte.

In den von Ausbeutung bestimmten Gesellschaftsformen verändern sich jeweils auch die Ausbeutungsformen:

„Nur die Form, worin diese Mehrarbeit den unmittelbaren Produzenten, dem Arbeiter, abgepreßt wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen…“ (MEW 23: 183).

Auch die Ziele der Produktion sind jeweils unterschiedlich. Gemeinsam ist aller Produktion, dass mit ihr das gesellschaftliche sich Leben immer wieder erneuert – aber was hierzu im Fokus steht, ist für die unterschiedlichen Gesellschaftsformationen durchaus unterschiedlich. Von außen und nachträglich kann man sagen, dass die Gesellschaften sich, solange sie existieren, im materiellen Sinne natürlich reproduzieren müssen. Aber die Sinngebung und Organisation der Gesellschaft drehte sich in den meisten Gesellschaften nicht direkt darum. In vielen frühen Gesellschaften wird die biosphärische Reproduktionskraft als göttliche Kraft vorgestellt und der Einfluss dieser göttlichen Kraft ist in ihrer Vorstellung das Wichtigste. Dies wird bei den Inkas vom Herrscher-Inka und bei den alten Ägyptern vom Pharao geleistet (Godelier 1990: 165f.). Auch in den nordischen Ländern galt: „Wenn der Mensch das Land bestellte, trat er in sakral-magische Wechselwirkung mit der Natur und den göttlichen Kräften“ (Gurjewitsch 1978: 272). Im alten China bedeutete Gartenbau nicht, zu „produzieren“, sondern „einen Austausch mit den Ahnen und den Göttern zu praktizieren“ (Godelier 1990: 141). In Griechenland ging es dagegen vorwiegend darum, den politischen Status zu erhalten, deshalb bestand auch kein Interesse daran, das Produktionsergebnis zu steigern. Deshalb gilt auch:

„Das ökonomische Grundgesetz einer Formation deckt die spezifische Erscheinungsweise des Zusammenhangs von Produktion und Konsumtion auf, es bringt die jeweilige soziale Zielrichtung der Produktion zum Ausdruck.“ (Stiehler 1967: 17)

Maurice Godelier verwendet nicht die Kategorie der „Gesellschaftsformation“, sondern schreibt z.B. vom „Gesellschaftstyp“ (Godelier 1990: 19); vor allem, um sich gegen universalhistorische Automatismen zu verwahren, die trotz Marxens Einspruch[4] im traditionellen Marxismus-Leninismus immer wieder vertreten wurden. Trotz der Ablehnung dieser Automatismen sieht auch Godelier eine historische Abhängigkeit, d.h. Bestimmung des jeweils historisch-konkret Möglichen vom bereits Vorhandenen: „Das Denkbare geht […] über das Machbare voraus, aber das Machbare geht nicht über die Natur der in der Gesellschaft vorhandenen Produktionsverhältnisse und der Produktivkräfte hinaus. Das genau ist die historische Notwendigkeit“ (ebd.: 170).

Jede raum-zeitlich konkrete Gesellschaft[5], zu der konkrete Individuen in einem Verhältnis stehen, ist durch einen Ganzheitlichkeits-Charakter bestimmt, der über die Summe der Beziehungen zwischen den Menschen hinausgeht. Gesellschaftliche Verhältnisse werden zwar in der Praxis der Menschen konstituiert, sie sind deren Produkt, aber auch strukturelle Voraussetzung, „die gesellschaftlichen Verhältnisse sind notwendige Formen, in denen sich die praktische menschliche Tätigkeit vollzieht, und sie bestimmen deren Richtung, Tempo und Charakter“ (Eichhorn 1976): 482)

Das Übergreifen dieser Verhältnisse über die Praxis[6] formuliert z.B. Klaus Holzkamp so:

„Auch das Verhältnis der Menschen zueinander erschöpft sich demgemäß nicht in bloß sozialen Beziehungen, sondern ist über die in der produzierten gegenständlichen Welt angelegten, überdauernden Beziehungsstrukturen als jeweils bestimmte Produktionsverhältnisse gemäß den Notwendigkeiten der kollektiven Existenzsicherung vermittelt.“ (Holzkamp 1977: 233)

Eine Gesellschaftsformation hat demgegenüber noch einmal eine umfassendere Allgemeinheit, denn es kann verschiedene raum-zeitlich unterscheidbare Gesellschaften geben, die einer Gesellschaftsformation entsprechen. Beides ist jeweils nur fassbar „als Ganzes, als ein artikuliertes Ganzes von Verhältnissen und Funktionen, von denen alle gleichzeitig notwendig sind, damit sie als solche existieren kann, deren Einfluß auf ihre Reproduktion aber unterschiedlich ist“ (Godelier 1990: 18). Damit spricht Godelier, obgleich er sich auch gegen die Hegelsche Dialektik ausspricht, genau das an, was Hegel mit dem Begriff der „Totalität“ erfasste, also ein Ganzes, das „in sich selbst getragen und vollendet ist, keinen Grund außer sich hat, sondern durch sich selbst in ihrem Anfang, Mittel und Ende begründet ist“ (HW 2: 46)[7]. Marx kennzeichnet den totalen Charakter dadurch, dass die Entstehung eines System als gesellschaftliche Totalität bedeutet, „alle Elemente der Gesellschaft sich unterzuordnen oder die ihm noch fehlenden Organe aus ihr heraus zu schaffen“ (MEW 42 Gr: 203). Zwar geschieht all dies in der wirklichen Praxis der Menschen – aber eben nicht unabhängig von den bereits existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen.

Neben den von Marx oben bereits genannten ökonomischen Gesellschaftsformations-Unterscheidungen gibt es weitere Versuche der Gruppierung von Gesellschaftsformationen.[8] So unterscheidet Reißig archaische (undifferenzierte und differenzierte archaische Formation), traditionale (asiatische, antike, feudale) und moderne (kapitalistisch, sozialistisch) Formationen (Reißig 2009: 40). Karl Hermann Tjaden unterscheidet „die verschiedenen Epochen der (gentilistischen, ökonomischen oder politischen) Gesellschaftsformation“ (Tjaden 1992:194).

Eine zeitlich- geographische Einordnung von frühen Gesellschaftsformationen nimmt Herrmann (1998:90) vor:

 

Um der Gefahr zu begegnen, zu schematische Klassifizierungen und automatistische Ablauffolgen zu konstruieren, betonen Lambrecht u.a. neuerdings sehr stark die mitunter unvergleichliche Gesellschaftsformen, vor allem auch jene, die „neben der Spur“ der traditionellen, vorwiegend auf Europa beschränkten[9], Klassifizierung liegen (Lambrecht u.a. 2004).

Bei Maurice Godelier erfolgt eine solche Differenzierung auf der Ebene des Begriffs der Produktionsverhältnisse.


[1] In der konkreten Verbindung, d.h. den wirklichen Arbeitsprozessen verfügen die Arbeitenden immer über die Produktionsvoraussetzungen, die gleichwohl nicht in ihrem Eigentum sein müssen. Deswegen macht der Ausweichversuch, statt dem (zu eng definierten) Begriff „Eigentum“ den Begriff „Verfügung“ zu verwenden (Sutterlütti, Meretz 2018: 25), wenig Sinn.

[2] Ich verwende weiterhin diese Bezeichnung, denn eine Identifikation dieser Gesellschaftsform z.B. in der DDR vor 1990 mit „Staatskapitalismus“ würde die eigenständige Zielgebung  und die darin begründete Dominanz der Politik über die Ökonomie im Sozialismus verleugnen und eine Identifizierung mit dem Kommunismus würde alle historische Korrektheit und auch die Selbstbestimmung des Sozialismus verfehlen.

[3] Für den entwickelten Sozialismus geht Brie davon aus, dass die „Entwicklung der Subjekte und ihrer Verhältnisse […] zur Hauptquelle gesellschaftlicher Produktivität“ wird (ebd.: 68).

[4] „Sie [die Abstraktionen, AS] geben aber keineswegs […] ein Rezept oder Schema, wonach die geschichtlichen Epochen zurechtgestutzt werden können.“ (MEW 3: 27) Vgl. auch die Briefe an V.I. Sassulitsch (MEW 19 BVS 1 und MEW 19 BVS 3).

[5] Gemeint ist hier eine „Menge der Menschen, die zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Raum zusammenleben“ und „ein relativ selbständiges Element des übrigen Naturhaushalts“ darstellen; sie sind deshalb „historisch-materielle Systeme“ (Lambrecht u.a. 1998: 14). Von ihrer Funktion her sind sie „Mittel der Selbsterhaltung menschlicher Lebewesen in natürlichen Umwelten“ (ebd.: 15).

[6] Im Kapitalismus verselbständigen sich diese Verhältnisse auf besondere Weise, nämlich auf eine versachlichende und damit verkehrende Weise, gegenüber den Menschen und bei der Beseitigung dieser Verhältnisse kommt es darauf an, „an die Stelle der Herrschaft der Verhältnisse und der Zufälligkeit über die Individuen die Herrschaft der Individuen über die Zufälligkeit und die  Verhältnisse zu setzen“, was zusammenfällt „mit der Aufgabe, die Gesellschaft kommunistisch zu organisieren“ (MEW 3: 424).

[7] Etwas als Totalität zu begreifen bedeutet, es aus seinen eigenen Bestimmungen und Zusammenhängen zu erklären, als etwas, das sich selbst bedingt (Warnke 1977: 39).

[8] Zu Debatten um diese Unterscheidungen siehe Herrmann 1998

[9] Beispielsweise entwickelten sich die altamerikanischen Gesellschaften wie die Maya ohne Eisen oder Nutztiere und deshalb auf Grundlage kleinräumigen Pflanzenanbaus mit hohem Arbeitsaufwand (ebd.: 28).


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