Dieser Text gehört zum Projekt „Anregungen von Maurice Godelier“


Produktionsverhältnisse

Version 1.03, 13.01.2021

Worin besteht der wesentliche Motor bei der Veränderung der Gesellschaftsformationen? Einerseits wird der Klassenkampf, also wieder eine Form menschlicher Praxis, als „entscheidende Triebkraft des gesellschaftlichen Fortschritts“ (Heyden 1976a: 625) bezeichnet. Andererseits ist auch klar, „daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse“ (Engels MEW 20: 609). Produktionsverhältnisse sind dabei das „System gesellschaftlicher Verhältnisse, die die Menschen im Produktionsprozeß objektiv eingehen“ (Heyden 1976b: 977). Produktion ist dabei zu verstehen als die „Erzeugung der materiellen Existenzmittel für die Menschen und der materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse, worin die Menschen produzieren“ (Heyden 1976c: 974). Indem auch die gesellschaftlichen Verhältnisse produziert werden, können sie einerseits auch verändert werden; jedoch sind sie nicht jederzeit von jeder und jedem in beliebiger Weise veränderbar, denn „[w]elcher Art die ökonomischen Verhältnisse zwischen den Beteiligten sind, hängt davon ab, wie die verfügbaren Produktionsmittel unter ihnen verteilt sind“ (Bayertz 2018: 110). Außerhalb der dadurch bestimmten Möglichkeiten steht es deshalb „den beteiligten Individuen nicht frei, ein Produktionsverhältnis zu wählen“ (ebd.: 113). Der Begriff „Produktionsverhältnisse“ soll letztlich die Bindung aller gesellschaftlichen Verhältnisse an die jeweils konkret-historischen Bedingungen der Produktion zum Ausdruck bringen (Jaeck 1978: 67).[1] Zu beachten ist, dass hier ein weiter Begriff von „Produktion“ verwendet wird, der die „Reproduktion der Gesellschaftsmitglieder[2], unter Umständen auch von Teilen ihrer natürlichen Umwelt sowie von Sachen“ (Lambrecht u.a. 1998: 15) sowie die Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst beinhaltet und nicht neben sich gestellt sieht.

Produktivkräfte und Produktionsweise

Der Begriff „Produktionsverhältnisse“ wird, obwohl Marx in seinen Formulierungen keine klaren Definitionen vorgab, im Marxismus gemeinsam mit den „Produktivkräften“ zur „Produktionsweise“ (vgl. Heyden 1976d) zusammengefasst: PW = PK+PV. Die Produktivkräfte beinhalten die schöpferisch tätigen Menschen selbst, ihre Werkzeuge und Maschinen, ihre Produktions- und Kooperationsmethoden, ihre Wissenschaft, ihre Verkehrs- und Kommunikationsmittel und die von ihnen „formierte“ Natur (Jaeck 1978: 64; vgl. Manifest MEW 4 Man: 467). Wesentlich an ihnen ist nicht die verwendete Technik, sondern die Organisationsform der Arbeit (vgl. Müller 1982: CXIV). 

„Die Produktivkräfte entsprechen folglich verschiedenen historischen Entwicklungsstufen der Fähigkeiten der Menschen, auf die sie umgebende ebenso wie auf ihre eigene Natur einzuwirken“ (Godelier 1987: 637).

Obwohl es so scheint, als wäre im historischen Materialismus mit den Begriffen wie „Produktivkräfte“, „Produktionsweise“… keine Rede mehr von Individuum, macht Lucien Séve (2008) darauf aufmerksam, dass diese Kräfte und Verhältnisse jeweils Kräfte und Verhältnisse von und zwischen Menschen sind, denn: „Die soziale Geschichte der Menschen ist stets nur die  Geschichte ihrer individuellen Entwicklung […] Diese materiellen Verhältnisse sind nichts anderes als die notwendigen Formen, in denen ihre materielle und individuelle Tätigkeit sich realisiert.“ (MEW 4 BA: 548-549)

Lambrecht u.a. machen darauf aufmerksam, dass die fortlaufende Produktivkraftentwicklung nicht unbedingt identisch ist mit menschheitlichem Fortschritt[3] (Lambrecht u.a. 2004: 16). Zu stark erweist sich eine Erhöhung der Wirksamkeit technischer Eingriffe in die Natur bezahlt mit Fortschritten in der Naturzerstörung (ebd.: 14f.). Allzuoft sind organisatorische Fortschritte mit einem Anwachsen von Unterdrückung verbunden (ebd.: 15).

Die Art und Weise zu produzieren, d.h. die Produktionsverhältnisse auf Grundlage der vorhandenen Produktivkräftesind das Bestimmende für die Spezifik der Gesellschaftsformationen.[4] Jeder Gesellschaftsformation entspricht ein „Grundtyp“ von Produktionsverhältnissen (Heyden 1976c: 977). Die Produktionsverhältnisse (PV) verleihen den Produktionsprozessen eine gesellschaftsformationsspezifische Form, die nach Godelier drei Funktionen erfüllen:

  1. Produktionsverhältnisse legen fest, auf welche Weise die Mitglieder der Gesellschaft Zugang, oder keinen Zugang zu den natürlichen Ressourcen und Produktionsmitteln haben;
  2. Produktionsverhältnisse bestimmen die Gestaltung der Organisation der Arbeitsprozesse und die Verteilung der Arbeitskraft der Gesellschaftsmitglieder;
  3. Produktionsverhältnisse bestimmen die Gestaltung der Art und Weise, wie die Produkte umverteilt werden und setzen somit verschiedene Zirkulations- und Austauschformen in Gang (Godelier 1987: 638).

Alle drei Funktionen hängen davon ab, „wie die verfügbaren Produktionsmittel unter ihnen [den Beteiligten, AS] verteilt sind.“ (Bayertz 2018: 110). Dadurch erklärt sich die bestimmende Rolle der Eigentumsverhältnisse.


[1] Genau diese Bindung an solche Bedingungen wird im Buch „Kapitalismus aufheben“ von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz (2018) überhaupt nicht diskutiert, weswegen die entsprechenden Kategorien und Theorieteile einfach entsorgt werden.

[2] Zur „Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens“ gehört für Friedrich Engels: „Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen er Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andererseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung“ (MEW 21: 27-28).

[3] Als Kriterium des Fortschritts wird stattdessen danach gefragt, „ob und ggf. in welchem Maße infrage stehende Veränderungen der Selbsterhaltung jedes einzelnen der beteiligten Menschen dienlich“ sind (ebd.: 17); d.h. ob und wie sie „die Lebensbedingungen und -möglichkeiten der betroffenen Individuen“ fördern (ebd.: 19). Dazu gehört neben der „Gewinnung des unmittelbaren Lebensunterhalts“ auch die „Sorge für die Nachkommenschaft und die Erhaltung des Lebensraums“ (ebd.) und Selbsterhaltung enthält auch das wesentliche Moment der Selbstbestimmung (ebd.: 22).

[4] Das heißt nicht, dass in Gesellschaften einer bestimmten Gesellschaftsformation nicht unterschiedliche Produktionsweisen auch gleichzeitig vorhanden sein könnten, jedoch hat eine von ihnen eine „Vorherrschaft“ (Anderson 1978/2015: 22), d.h. sie dominiert.


Hier gehts weiter mit den Eigentumsverhältnissen.