Dieser Text gehört zum Projekt „Anregungen von Maurice Godelier“

Version 2.0; 05.01.2021


Begriffe sollten spezifisch genug sein, um sie gegen Begriffe mit umfassenderer Bedeutung abzugrenzen, aber ausreichend weitgefasst sein, um gleiche inhaltliche Bedeutungen über angemessen große Geltungsbereiche hinweg damit erfassen zu können. Der traditionelle bürgerliche Begriff für „Eigentum“ basiert auf der im römischen Recht gebildeten Unterscheidung von „Besitz“ und „Eigentum“. „Besitz“ kennzeichnet dann die tatsächliche Verfügung über eine Sache (z.B. verfügen die MieterInnen über die von ihnen gemietete Wohnung), während „Eigentum“ eine rechtlich bindende Zuordnung der Sache zu einer Person ist (die Wohnung kann Eigentum einer anderen Person sein, an die deswegen eine Miete zu zahlen ist). In der „Einleitung zu den „Grundrissen“ (MEW 42 EL:36) verwendet auch Marx eine Unterscheidung von „Besitz“ und „Eigentum“, aber nicht ausdrücklich in der eben genannten bürgerlichen Form. An anderen Stellen verwendet er die Bezeichnung „Eigentum“ ausdrücklich auch für vorjuristische politökonomische Sachverhalte, so wenn er schreibt: „Eigentum meint also ursprünglich […] Verhalten des arbeitenden […] Subjekts […] zu den Bedingungen seiner Produktion oder Reproduktion als den seinen“ (MEW 42 Gr: 403). Die mit der Arbeitsteilung zusammenhängenden Formen des Eigentums bestimmen Marx und Engels als „Verhältnisse der Individuen zueinander in Beziehung auf das Material, Instrument und Produkt der Arbeit“ (MEW 3: 22). Das heißt: „Im Mittelpunkt jeder Bestimmung des Eigentums muß das Verhältnis von Subjekten zueinander in der gesellschaftlichen Produktion ihres materiellen Lebens stehen.“ (Brie 1990: 29) 

Die Eigentumsverhältnisse beziehen sich nicht nur auf den Gebrauch, also die Verfügung bzw. den Besitz, sondern es geht vor allem um die Aneignung. Marx identifiziert in etwas verkürzter Weise für den Kapitalismus sogar „das kapitalistische Privateigentum“ mit der „kapitalistischen Aneignungsweise“ (MEW 23:791). Für Michael Brie ist das Eigentum kein Ding, sondern „die reale Aneignung der wesentlichen gesellschaftlich erzeugten Reproduktions- und Entwicklungsmöglichkeiten durch den Eigentümer im unmittelbaren Produktionsprozeß sowie in Verteilung, Austausch und Konsumtion.“ (Brie 1990: 40) Daher ergibt sich auch die überhistorische Verwendung des Begriffs „Eigentum“, denn dass „von keiner Produktion, also auch von keiner Gesellschaft die Rede sein kann, wo keine Form des Eigentums existiert, ist eine Binsenweisheit. Eine Aneignung, die sich nichts zu eigen macht, ist ein Widerspruch in sich.“ (MEW 42 EL: 23). Auch im Kommunismus gibt es noch Eigentum – “Nur der gesellschaftliche Charakter des Eigentums verwandelt sich. Es verliert seinen Klassencharakter“ (MEW 4 Man: 476).

Michael Brie sieht die Besonderheit des Eigentums gegenüber dem Besitz darin, dass Eigentümer über den Zweck der Nutzung der Sache bestimmen können. (Brie 1990: 40) Sie können die Sache in den Besitz und die Verfügung anderer geben, aber dabei muss das „Primat der Interessen des Eigentümers“ (ebd.: 115) gewahrt bleiben. Wenn also durch wen auch immer bestimmt würde, dass dies oder jenes Raumgebiet als „Commons“ verwendet werden kann, ist dies die Eigentümerin oder der Eigentümer – die Commoner sind dann die Besitzenden bzw. die darüber Verfügenden. Die Nutzung als Commons durch die Commoner ist immer von der Genehmigung dieser Nutzung durch die Eigentümer zu unterscheiden. Natürlich kann die Menschengruppe, die im Besitz eines Commons ist, auch gleichzeitig die Eigentümergruppe sein – aber dieses Zusammenfallen kann nicht die Regel sein, weil es auch immer übergeordnete Menschengruppen gibt, die über weiträumigere Territorien entscheiden und in die jedes Commons durch sachliche Beziehungen (Wasserläufe, Emissionen…) und soziale Beziehungen eingebunden ist. Es überlappen sich meist individuelle, kleingruppen- und großräumigere Nutzensinteressen und die übergreifende Regelung, was wie in Commons genutzt wird, wird jeweils von den Eigentümern getroffen, die auch Gruppen sein können. Beispielsweise kann die Nutzung des Ackerlands in einer bestimmten Region wegen ihrer Einbindung in Treibhausgasemissionen eingeschränkt werden auf bestimmte Nutzungsarten. Die Menschengruppen oder Institutionen, die das allgemeine Interesse der Emissionsreduktion vertreten und diese Nutzungsformen in Abstimmung mit anderen Territorien vereinbaren und dann mit den Commoners freie Vereinbarungen über die Festlegungen treffen, wirken dann als Eigentümer.

Da Eigentümer über den Zweck der Sache bestimmen können, so vermittelt sich in den Eigentumsverhältnissen das persönliche Interesse mit dem kollektiven und gesellschaftlichen Handeln. In den konkret-historisch bestimmten Eigentumsverhältnissen verwirklichen und entwickeln Individuen oder Gruppen jeweils ihre eigenen Interessen und mit deren Verwirklichung im Handeln gestalten sie die gesellschaftlichen Strukturen und auch die Eigentumsverhältnisse aktiv mit. Hier liegt deshalb ein wichtiger „Link“ zwischen Individuellem und Gesellschaftlichem vor.

Der Inhalt des Eigentumsbegriffs ist in allen menschlichen Gesellschaften vorhanden und konkrete juristische Formen „können als bloße Formen diesen Inhalt nicht bestimmen. Sie drücken ihn nur aus“ (MEW 25: 352). Auf diese notwendige Unterscheidung von Eigentum als Produktions-und als Rechtsverhältnis macht auch Peter Römer (1978: 101) aufmerksam. Die (polit-)ökonomische Kategorie des Eigentums erfasst z.B. für den Kapitalismus die Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Mitteln der Reproduktion und damit spezifische Aneignungsprozesse, während die juristische Kategorie des Eigentums, die den Ausschlusses der Menschen von den von ihnen selbst produzierten Gütern und Produktionsmitteln erfasst, nur die Beziehung des Habens einer Sache beinhaltet (Römer 1978: 22). Es muss darauf geachtet werden, dass diese Form des Eigentums nicht naturalisiert[1] wird, das würde bedeuten: „Die für kapitalistisches Eigentum spezifischen Merkmale wie Ausschließlichkeit und hoher Abstraktionsgrad geraten zu Merkmalen von Eigentum schlechthin“ (Nuss 2005: 171). Stattdessen sind die konkreten Formen des Eigentums spezifisch für jede Gesellschaftsformation:

„Es ist jedesmal das unmittelbare Verhältnis der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten […], worin wir das innerste Geheimnis, die verborgene Grundlage der ganzen gesellschaftlichen Konstruktion […] finden.“ (MEW 25: 799)

Aus diesem Grund ist es auch sinnvoll, die Eigentumsverhältnisse als „Leit-Verhältnisse“ bei der Unterscheidung von Gesellschaftsformationen zu verwenden.[2]

„In jeder historischen Epoche hat sich das Eigentum anderes und unter ganz verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen entwickelt. Das bürgerliche Eigentum definieren heißt somit nichts anderes, als alle gesellschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen Produktion darstellen.“ (MEW 4 EP: 165)

Michael Brie formuliert dies so: „Wer verhält sich wie zu welchen Prozessen und Gegenständen als den eigenen oder fremden? Mit der Beantwortung dieser Frage wird das innerste Geheimnis einer Gesellschaft ausgesprochen.“ (Brie 1990: 10)

Im dritten Entwurf des Briefes an Vera Sassulitsch unterscheidet Marx eine primäre gesellschaftliche „Formation“, die auf Gemeineigentum beruht, von einer sekundären „Formation“, die auf Privateigentum beruht (MEW 19 BVS 3: 404). Mehr Unterteilungen verwenden er und Engels bei der Darlegung der Zusammenhänge von verschiedenen Stufen der Entwicklung des Eigentums mit konkret-historischen Produktionsweisen (Stammeseigentum, antikes Staatseigentum, feudales Grundeigentum, korporatives Mobiliareigentum, Manufakturkapital… reines Privateigentum) (MEW 3: 61f.). .). In einer Sammlung „Die ethnologischen Exzerpthefte“ können Studien von Marx zu frühen Eigentumsformen nachgelesen werden (insb. Marx eE: 170ff.):

„Jede ethnische Periode zeigt so einen deutlichen Fortschritt gegenüber den ihr vorangehenden, nicht nur in der Zahl der Erfindungen, sondern ebenso in deren Mannigfaltigkeit und im Umfang des Eigentums, der daher resultiert.“ (ebd.: 171)

Maurice Godelier kann noch auf weitaus mehr anthropologische und ethnologische Erkenntnisse zurückgreifen als Marx und Engels. Obgleich auch bei ihm eine Art „Roter Faden“ des Zusammenhangs mit den objektiven Bedingungen der jeweiligen Gesellschaft zu erkennen ist, verweist er auch darauf, dass für unterschiedliche Gesellschaften durchaus gleiche Probleme unterschiedlich gelöst werden können (Godelier 1990: 116), aber auch, dass es diese unterschiedlichen Lösungen nicht in unbeschränkter Zahl gibt (ebd.). Sie sind gebunden an die konkreten Inhalte der Sache um die es geht, wie auch die konkreten gesellschaftlichen Vermittlungsformen in z.B. Verwandtschaftsstruktur und Arbeitsteilung:

„Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Teilung der Arbeit sind ebensoviel verschiedene Formen des Eigentums; d.h. die jedesmalige Stufe der Teilung der Arbeit bestimmt auch die Verhältnisse der Individuen zueinander in Beziehung auf das Material, Instrument oder Produkt der Arbeit.“ (MEW 3: 22)

Auch Godelier findet, dass man anhand der Eigentumsformen „die systematische Geschichte der ökonomischen Systeme“ herausarbeiten kann (Godelier 1990: 92). Angesichts der Vielzahl konkreter Eigentumsformen, die in einer Gesellschaft auch häufig „vermischt“ auftreten, wäre es sehr unbefriedigend, lediglich zwischen „Besitz“ und „(kapitalistischem Privat)-Eigentum“ unterscheiden zu sollen oder zwischen Commons[3] und Privateigentum.

Als Beispiele nennt Godelier z.B. folgende Regelungen des Eigentums:

  • Jäger und Sammler: Hier sind die Zugriffsrechte über Verwandtschaftszugehörigkeiten geregelt, wobei ggf. bei unsicheren Reproduktionsbedingungen Verwandtschaftsgruppen vermehrt werden, damit komplexere Netze reziproker Verpflichtungen entstehen können (Godelier 1990: 115). Schon hier sind kollektive und individuelle Eigentumsformen miteinander verbunden; so wird häufig das Territorium eines Stammes gemeinsam angeeignet, Werkzeuge und Waffen sind jedoch individuelles Eigentum.
  • Ein „Territorium“ ist nicht ein beliebiger Raumbereich, sondern: „Als „Territorium“ wird man […] denjenigen Teil der Natur und des Raumes bezeichnen, den eine Gesellschaft als den Ort beansprucht, wo ihre Mitglieder ständig die materiellen Bedingungen und Mittel ihrer Existenz finden können.“ (ebd.: 90)
  • Bei den Siane in Neu-Guinea gibt es unterschiedliche Rechte als Stammes-oder als Clanmitglied. Im Falle eines Konflikts zwischen Individuen hat dasjenige Recht die Priorität, „welches die größere Zahl von Nutzungsrechten der betreffenden Parzelle geltend machen kann“ (ebd.: 87).
  • In Gesellschaften mit nomadischer Viehzucht gehört das Vieh i.a. einzelnen Haushalten (ebd.: 108), während Weideflächen und Wasserstellen gemeinsam genutzt werden: „Die „individuelle“ oder private Aneignung des Viehs fördert die Entwicklung von Ungleichheiten zwischen „lignages“, Clans und Stämmen, während die „gemeinsame“ Aneignung der Weideflächen und der Wasserstellen diese Entwicklung begrenzt und sich ihr entgegenstellt.“ (ebd.: 109)
  • Es ist auch möglich, Weideflächen zu nutzen, ohne sie direkt anzueignen. So drangen z.B. die Wanderhirten im Niger in das Territorium der sesshaften Haussa ein und gaben ihnen dafür Vieh ab oder leisteten bestimmte Dienste (ebd.: 93). Die Nomaden müssen z.B. auch den Tuareg Abgaben leisten, welche die sesshaften Populationen kontrollieren. Es können auch mehrere Nomadengesellschaften eine nach der anderen und in einer genau definierten Ordnung dasselbe Territorium nutzen, so bei den Stämmen Bassari und Kurdshuli-Lur Süden Persiens. „Dieses flexible System bringt eine so gut wie ununterbrochene und beinahe maximale Nutzung der Ressourcen eines jeden Orts zu jeder Jahreszeit mit sich und trägt Sorge für die Zukunft durch eine ausgewogene Anpassung menschlicher und tierischer Populationen an lokale Ressourcen an Weideflächen und Wasser…“ (ebd.: 94).
  • An (rumänischen) Dorfgemeinschaften ließ sich beobachten, wie durch Bevölkerungswachstum und die ungleiche Verteilung guter Böden das Territorium letztlich in zwei Teile aufgeteilt wurde: der schlechtere Boden frei zugänglich für Viehhaltung und das Sammeln – die guten Böden wurden als Ackerböden und Obstgärten zu gleichen Teilen an die Familien verteilt. (ebd.: 109f.)

Gegenüber all diesen traditionellen Eigentumsformen, und auch den antiken und feudalen, haben die kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse eine spezifische Besonderheit: „Die kapitalistische Produktionsweise z.B. beruht darauf, daß die sachlichen Produktionsbedingungen Nichtarbeitern zugeteilt sind unter der Form von Kapitaleigentum und Grundeigentum, während die Masse nur Eigentümer der persönlichen Produktionsbedingung, der Arbeitskraft, ist“ (MEW 19 KrGP: 22). Daraus folgt: „Eigentum erscheint jetzt auf der Seite des Kapitalisten als das Recht, fremde unbezahlte Arbeit oder ihr Produkt, auf Seite des Arbeiters als Unmöglichkeit, sich sein eignes Produkt anzueignen“ (MEW 23: 610). Diese Eigentumsverhältnisse bilden den dynamischen Kern der kapitalismusspezifischen Produktionsverhältnisse, die auf der Ebene der Zirkulation in verkehrter Weise bloß als „gerechter“ Austausch von Produkten zwischen vereinzelten Produzenten nach Maßgabe des Wertgesetzes erscheinen.


[1] Die Bezeichnung „naturalisiert“, welche Sabine Nuss verwendet, trifft es nicht ganz, weil diese Eigentumsform nicht der Natur zugeschrieben wird, sondern menschlichen Verhältnissen. Kritisiert wird aber m.E. richtig, dass der Begriff des Eigentums nur auf die juristische Form des Privateigentums reduziert wird.

[2] Und deshalb zerstört ein Verzicht auf einen allgemeinen Begriff von Eigentumsverhältnissen diese Grundlage der marxistischen Gesellschafts- und Geschichtsbetrachtung.

[3] „Der Begriff Commons (von latein. communis; von cum und munus; engl. common; dt. gemein(sam)) bezeichnet Ressourcen (Code, Wissen, Nahrung, Energiequellen, Wasser, Land, Zeit u. a.), die aus selbstorganisierten Prozessen des gemeinsamen bedürfnisorientierten Produzierens, Verwaltens, Pflegens und/oder Nutzens (Commoning) hervorgehen“ (Wikipedia: Commons)


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