Religiöse Verhältnisse dominieren

Dieser Text gehört zum Projekt „Anregungen von Maurice Godelier“


Eine Verbindungslinie von den genealogischen Ursprüngen gesellschaftlicher Strukturen zu eher auf Religion bezogenen gesellschaftlichen Orientierungen zeigt sich in der Gesellschaft in Isreal während der sog. Richterzeit (ca. 1250-1000 v.u.Z.). Damals herrschte noch eine egalitäre Gesellschaftsstruktur vor. Dieser weitgehende Egalitarismus stand nie unangefochten fest, sondern wurde durch ein Gebot „eingeschärft“, nämlich das bekannte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn ich bin der Herr“ (zit. in Haude 2019b: 185). Hier wurde das hierarchische System der Abstammungsverhältnisse in einen „Vätergötterkult“ übertragen, eingebettet in den Gründungsmythos vom Exodus aus Ägypten (ebd.: 186). Das besondere Wesen des damaligen Jahwekultes als herrschafts- und staatsfeindlich kann verstanden werden als „die Antwort auf die Herausforderung, eine antistaatliche Gesellschaft nicht allein auf dem Territorium der vormaligen kanaanäischen Staatlichkeit, sondern in einer imperialen Umwelt […] zu institutionalisieren“ (ebd.: 188).

Im historischen Süd-Mesopotamien entstand eine Bewässerungslandwirtschaft mit Viehzucht (Lambrecht u.a. 1998: 240). In dieser Region waren die Umweltbedingungen sehr instabil, so dass nach der Entstehung der Landwirtschaft für die Versorgung der Menschen eine Vorratswirtschaft unabdingbar wurde. Dies geschah vor allem in den Tempeln und dieser Vorratshaltung wird heute ein größerer Anteil an der Entstehung zentralisierter Herrschaftsformen zugeschrieben als der Organisation von großen Bewässerungsarbeiten, weil letztere erst später begannen. Die Vorratshaltung entsprang nicht zuletzt dem Bedürfnis nach einer gemeinsamen Vorsorge.

„Diese gemeinschaftliche Vorsorge wird im Bewußtsein einer Gemeinschaftlichkeit aller Beteiligten getroffen worden sein, das der gentilizischen Tradition entsprach. […] Ein solches Bewußtsein der Gemeinschaftlichkeit ermöglichte die Lieferung von Gütern aus den Haushalten an den Tempel und dann wohl auch die Übergabe von Ländereien an und die Bereitstellung von Arbeitsleistungen für diesen im allseitigen Einvernehmen.“ (Lambrecht u.s. 1998: 214)

Verbunden damit war eine „Vergöttlichung von kaum durchschauten geo-hydrologischen Verhältnissen und Entwicklungen“ (Lambrecht u.a. 1998: 235). In Uruk wurde die Göttin Inanna u.a. verantwortlich gemacht für den Getreidespeicher. Ihnen und ihren Vertretern auf Erden stand deshalb auch die Entscheidungsmacht zu. Eine religiose Sicht auf die natürlichen Lebensgrundlagen war für viele frühe Kulturen maßgeblich. Auch in frühen nordischen Ländern galt: „Wenn der Mensch das Land bestellte, trat er in sakral-magische Wechselwirkung mit der Natur und den göttlichen Kräften“ (Gurjewitsch 1978: 272)

Die folgende Abbildung (aus ebd.: 212) zeigt einen „Mann im Netzrock“, der wahrscheinlich einen Tempelherrn darstellt, der „ökonomisch-religiöse Funktionen“ (ebd.: 229) bekleidet. Indem er die Schafe füttert, legitimiert er seine Rolle als Sammler und Umverteiler des vorsorgend produzierten Überschusses:

Durch die „Übertragung von Verfügungsmacht über sächliche, menschliche und natürliche Vermögen […] an die Leitung der Wirtschaftseinheit Tempel“ (ebd.: 240) entstand eine Klassenherrschaft noch „auf der Basis von Gemeineigentum“ (ebd.).

Im nord-mesopotamischen Assur wurden große Teile des Bodens als Eigentum des Gottes Assur betrachtet (Godelier 1990: 145), sowie Tempel als die Wohnstatt des Gottes und seiner Priester:

„Die Ökonomie funktionierte in einem umfassenden, zentralisierten System, in dem die lokalen Gemeinschaften und die Individuen unter der Autorität des Tempels und der Priester standen, denen sie einen Teil ihrer  Arbeit und ihrer Produkte schuldeten. Hier dienten die religiösen Verhältnissen als Rahmen für die Aneignung der Ressourcen und bildeten gleichzeitig die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse.“ (ebd.: 145)

Auch bei den Inka war der Glaube an die übernatürliche Kraft des Inka durch die indigenen Bauern[1] die Grundlage für die Begründung und Legitimation des „ungleichen Zugang[s] der einen und des anderen zu den Produktionsmitteln sowie dem gesellschaftlichen Reichtum“ (ebd.: 42). Ähnliche herrschaftslegitimierende umverteilende Funktionen übernahmen die Pharao des alten Ägypten (ebd.: 166).

„Und was den Inka oder Pharao betraf, deren Lebenskraft alle Lebewesen in der Natur beseelte, so schuldeten ihnen ihre Untertanen ihnen nichts weniger als ihre eigene Existenz.“ (ebd.)

Der Inka jedenfalls brachte seine Forderungen „stets in der Terminologie und in den Formen der in den Anden traditionellen Gegenseitigkeit zum Ausdruck“ (Godelier 1990: 165). Auch dies war wohl ein Grund dafür, dass im Vergleich zur europäisch-griechischen Antike die Macht- und Gewaltverhältnisse bei den Inka als „vergleichsweise milde“ eingeschätzt werden (Tjaden-Steinhauer, Tjaden 2004: 95)[2].

Im Unterschied zu den eben genannten Religionsformen übernahm die christliche Religion keine solche Rolle im System der Produktionsverhältnisse. Das Christentum gab „nicht den unmittelbaren Rahme für die Kontrolle und Ausbeutung der Menschen und des Bodens ab. In diesem Sinne kontrollierte es nicht die Reproduktion der Gesellschaft insgesamt“ (Godelier 1990: 149).


[1] Zu den Bewusstseinsformen bei den Maya siehe Tjaden-Steinhauer, Tjaden 2004: 119ff..

[2] Der grundlegende Unterschied der altamerikanischen Gesellschaften gegenüber speziell den europäischen ist materiell vorwiegend in der nicht vorhandenen Eisenmetallurgie, dem Fehlen von Nutzieren, die ein großes Ausmaß an menschlicher Arbeitskraft ersetzen könnten und einer Bodenbeschaffenheit, die „nicht geeignet für massenhaften und großflächigen Anbau“ ist (Tjaden-Steinhauer, Tjaden 2004: 99), begründet.


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