Dieser Text gehört zum Projekt „Anregungen von Maurice Godelier“

Version 1.01 vom 13.01.2021


Maurice Godelier unterscheidet typisch voneinander unterschiedene Produktionsverhältnisse danach, wie der ökonomische Prozess „zu verschiednen Zeiten und an unterschiedlichen Orten institutionalisiert wird“ (Godelier 1990: 191). Schon Polanyi hatte festgestellt, dass diese Institutionalisierung, also die Verfestigung zu für das Handeln maßgeblichen regelhaften Strukturen, nur ausnahmsweise im Kapitalismus selbst über ökonomische Strukturen erfolgt. Wenn man eine ökonomistische oder produktivistische[1] Lesart des Marxismus vertreten würde, wäre die Rolle von Verwandtschaftsstrukturen, von Religion oder auch von Politik in anderen Gesellschaften nur als Epiphänomen verständlich, wodurch die Dynamiken dieser Gesellschaften nicht verstanden werden könnten.[2]

Godelier unterscheidet Gesellschaften, in denen Verwandtschaftsverhältnisse oder religiöse Verhältnisse oder politische Verhältnisse und schließlich ökonomische Verhältnisse die Produktionsverhältnisse dominieren.[3] Mir erscheint diese Differenzierung als weithin tragfähig, um einerseits weiterhin Produktionsverhältnisse als Kernstrukturen für Gesellschaften in unterschiedlichen Gesellschaftsformationen zu verstehen, andererseits auch typischen Unterschieden zwischen ihnen Rechnung zu tragen.

Verwandtschaftsverhältnisse dominieren

Unter Verhältnissen, in denen vorwiegend die natürlichen Potentiale in der außermenschlichen wie auch der menschlichen biologischen Natur ausgeschöpft werden, liegt es nahe, die gesellschaftliche Reproduktion auch über soziale Formen zu regulieren, die diesen Naturbereichen nahe sind. Die Aneignung der Naturressourcen erforderte deren besonders genaue Kenntnis innerhalb des jeweiligen Territoriums. Ein wesentliches Moment der Reproduktion unter diesen Umständen ist die biologische Reproduktion und deswegen wird dieser Prozess „der Kontrolle durch die Gesellschaft unterstellt“ (Godelier 1990: 66). Ein herausragendes Beispiel für diese Art der Regulierung sind die Aborigines. Bei ihnen regeln ausdrücklich die Verwandtschaftsbeziehungen die Aneignung der Natur (ebd.: 101). Der Katalog der „Australien Aboriginal Cultures Gallery“, die wir vor fast 20 Jahren besuchten, informiert mich dazu:

„Unter den Aborigines sind Verwandtschafts- und Großfamilienbeziehungen auch heute noch von großer Bedeutung und bilden die Grundlage für soziale Ordnung, Religion, Landbesitz, Freizeitgestaltung und Wirtschaft.“ (Clarke 2000: 9)

Die folgende Abbildung zeigt verwandtschaftliche Gruppen A bis D (aus Peasley 2007: 18). Ein Mann aus Teil A soll eine Frau aus B heiraten, wenn es dort keine geeignete Frau gibt, dann aus Teil D. Strikt verboten sind Verbindungen zwischen Menschen aus A und C.

William Peasley besuchte im Jahr 1977 ein Paar, das trotz des Verbotes zusammen lebte. Sie hatten als junge Leute aus ihren Gruppen fliehen und ihr Leben lang nur zu zweit verbringen müssen. Nach der Flucht hatte ihnen ein gewaltsames Zurückbringen gedroht. Wie Godelier analysierte, ist bei den Aborigines 1. Eigentum an der Natur „ein Aspekt der Verwandtschaftsbeziehungen“ (Godelier 1990: 99). 2. hat das Eigentum die „Form eines gemeinsamen Eigentums einer Gruppe von Verwandten, die untereinander die egalitäre Aneignung der Ressourcen praktizieren“ (ebd.). 3. schließt dies andere Gruppen nicht völlig aus, denn es gibt auch für andere „gewisse Rechte auf diesen Teil des Territoriums in einem System wechselseitigen Zugangs und wechselseitiger Zusammenarbeit“ (ebd.). Auch Lévi-Strauss betonte die Bedeutung der Verwandtschaftsbeziehungen für die Herstellung und Stärkung von Reziprozitätsbeziehungen zwischen Stämmen (Lévi-Strauss 1992).

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Dominanz der Verwandtschaftsbeziehungen in dementsprechenden Produktionsverhältnissen „gesellschaftliche Kontrolle der Reproduktion des Lebens durch die Regelung von Heirat und Filiation“ ermöglicht dient zusätzlich „als ökonomische Struktur der Gesellschaft und Rahmen für die materielle Aneignung der Natur“ dient (Godelier 1990: 152). Gesellschaftliches Geben und Nehmen ist über einen verwandtschaftlichen „Komplex persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse“ geregelt, die “ materielle oder nicht-materielle -wechselseitige oder nicht wechselseitige – Verpflichtungen“ (ebd.: 156) beinhalten.

Rüdiger Haude macht auf die fraktale Struktur vieler ähnlicher auf Verwandtschaft beruhenden Strukturen aufmerksam, denn: „Der Wunsch, der eigenen Linie möglichst ewigen Bestand zu sichern, führt zu einem egalitären Erbrecht der Söhne; dadurch werden ökonomische Besitzungleichheiten spätestens im Generationenwechsel nivelliert…“ (Haude 2019a: 91). Damit wird auf häufig vorliegende „spezifische institutionelle Mechanismen, die die Entstehung ökonomischer Ungleichheit in engen Grenzen halten“ (ebd.) verwiesen. Ich erwähnte schon das mögliche Vorliegen von unterschiedlichen Rechten für jemanden als Stammes- bzw. als Clanmitglied. Haude spricht von „einer fraktalen Dimension von Eigentumsrechten, die wiederum Formen der selbstregulierenden Homöostase ermöglicht“ (ebd.). Die folgende Abbildung (ebd.: 95) zeigt den Ausdruck der fraktalen verwandtschaftlichen Struktur in einer territorialen, gegeneinander autarken Untergliederung.

Die Hierarchie der Verwandtschaftsstruktur verbürgt die Ableitung aus etwas Gemeinsamen und damit „ein Gefühl gemeinschaftlicher Solidarität“ (zit. ebd.:93) und damit Egalität der gleichzeitig existierenden Nachfahrengruppen.

In matriarchalen Gesellschaften[4], wie bei den Mosuo in Südchina, „hütet“ der Clan Haus und Hof und so etwas wie „ein Nutzungsrecht oder Privatbesitz von Einzelnen gibt es bei den Mosuo nicht“ (Marwege 2020: 28). Wenn jemand mehr Produkte eines Guts hat, als die jeweils um weibliche Abstammung gruppierte Mehrgenerationenfamilie benötigt, so wird das an andere abgegeben, wodurch auf Subsistenzbasis ein enges Netz einer „materielle[n] Grundgeborgenheit unter den Menschen“ entsteht (ebd.). Aus dem allgemeinen Nehmen und Geben fällt niemand heraus; es darf sich aber auch niemand herausnehmen (Göttner-Abendroth 1998: 46). Sanktioniert wird ein Fehlverhalten durch „unmittelbar stillschweigende Ausgrenzung durch die Gemeinschaft“ (ebd.). Die Rechte und Pflichten jedes Individuums gegenüber anderen ergeben sich aus ihrem Verwandtschaftsgrad entlang matrilinearer Verwandtschaftslinien (ebd.). Als ökonomische Merkmale von matriarchalen Gesellschaften fasst Heide Göttner-Abendroth zusammen: „Garten- und Ackerbaugesellschaften; Land und Haus als Sippenbesitz, nie als Privateigentum; Verfügungsmacht der Frauen über die entscheidende Nahrungsgrundlage; ständiger ausgleichender Austausch der lebensnotwendigen Güter – Ausgleichsgesellschaften“ (ebd.: 45).

Es kann allerdings auch vorkommen, dass Verwandtschaftsbeziehungen tatsächlich vorliegende Klassenverhältnisse verbergen kann. So erscheint die Unterscheidung zwischen Aristokratie und „gemeinen Leuten“ in mongolischen Kulturen als „Form der Beziehungen zwischen Älteren und Jüngeren“ (Godelier 1990: 121). Auch bei den Bakhtyâri-Hirten im Iran werden politische Beziehungen in Form von tatsächlich nicht vorliegenden verwandtschaftlichen Beziehungen ausgedrückt (ebd.).


[1] Hier würde der Zweck von menschlichen Gesellschaften in der Herstellung von Produkten bestehen. Lambrecht u.a. kritisieren an solchen Ansichten, dass hier der Warenfetischismus als Produktfetischismus weiter lebe (Lambrecht u.a. 1998: 22).

[2 Schon 1919 machte Georg Lukács darauf aufmerksam, dass auch der Historische Materialismus nicht für alle Gesellschaftsformationen in gleicher Weise, mit gleichen Begriffen gilt. Insbesondere zeichnen den Kapitalismus Besonderheiten aus, nämlich die „Selbständigkeit, Abgeschlossenheit, Selbstzweckcharakter und Eigengesetzlichkeit der Wirtschaft“ (Lukács 1919/1975: 117). „Das bedeutet, daß man den historischen Materialismus nicht in der gleichen Weise auf frühere gesellschaftliche Formationen wie auf die kapitalistische Entwicklung anwenden kann.“ (ebd.)

[3] Dies negiert nicht die meist gleichzeitige Existenz aller Faktoren.

[4] Über 20 000 Jahre hinweg dürften frauenzentrierte Gesellschaften auch in Alteuropa in der Alt- bis Jungsteinzeit vorherrschend gewesen sein (Göttner-Abendroth 1995: 108), was sich in geschichtlichen Darstellungen immer noch nicht in angemessenem Ausmaß widerspiegelt.


Hier gehts weiter