Manchmal muss man einen Schritt zurück treten, um eine Orientierung für den Schritt nach vorn zu gewinnen. Den Kapitalismus und mit ihm jegliche Klassengesellschaft zu überwinden und eine Gesellschaft aufzubauen, in der Ausbeutung, Unterdrückung, Diskriminierung und andere Entwürdigungen nicht mehr vorkommen, ist nach den vielen Jahrtausenden voller Kriegen, Plünderungen und Demütigungen eine ungeheure Herausforderung. In der bleiernen Zeit der frühen 70er Jahre durchforstete der Schriftsteller Wladimir Tendrjakow die Leninschen Schriften auf der Suche nach der Quelle der verfahrenen Situation im Sozialismus der UdSSR.

„Zwei sind im Zimmer:
ich
und Lenin – “ (Majakowski in Tendrjakow 1969ff./1991: 11)

Nach der sog. „Großen sozialistischen Oktoberrevolution“ änderte Lenin innerhalb weniger Wochen häufig seine Positionen. Genauso häufig, wie er lernte, dass in der Praxis vieles anders wird, als man theoretisch vorher wollte. Auch in der Autobiographie von Trotzki (1929/1990) kann man diese abrupten Wendungen in den Erfahrungen und Positionen nachvollziehen.

Vor ziemlich 100 Jahren musste die marxistische Theorie, auch jene von Lenin, ihren Weg durch die Crashtests der Praxis gehen und sie sah nicht besonders gut aus dabei. Wer das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft teilte und teilt, war und ist bestürzt von den dabei entstandenen Erschütterungen in den Leben unzähliger Menschen, aber auch der theoretischen Vorstellungen. Die dabei entstandenen Fragen wurden immer wieder behandelt, theoretisch und künstlerisch in Romanen, Dramen usw.. Besonders spannend finde ich die Verlagerung der Themenstellungen in utopische Romane hinein. Bei der Verwendung des in der Farbe sicher nicht zufällig ausgewählten „roten Mars“ gibt es eine besondere „literarische Vererbung“ (Gorki, nach Schaumann 2004). Die Tradition begann mit dem Roman von Alexander Bogdanow (eigentlich Alexander Malinowski) „Der rote Planet“ aus dem Jahr 1907. Vererbt wird der Mars als Ort der Utopie zuerst an Alexej Tolstoi, der seinen Roman „Aëlita“ (1922/1981) auch dort spielen ließ. Einige Jahrzehnte später ließ auch Kim Stanley Robinson den Mars transformieren vom „Roten Mars“ über den „Grünen Mars“ zum „Blauen Mars“. Darauf antworteten Brian W. Aldiss und Roger Penrose mit dem „Weißen Mars“.

Der „rote Mars“ wird bei Bogdanow zum Ziel einer Reise von Leonid, einem russischen Revolutionär und Naturwissenschaftler. Eingeladen wurde er von Menni, dem Marsbewohner, der ihn auf der Erde als geeigneten Gast ausgesucht hatte. Auf dem Mars landet Leonid in einer Gesellschaft, die schon seit längerer Zeit kommunistisch ist. Er erfährt, dass auf dem Mars der Verlauf der Geschichte „sanfter und einfacher“ (ebd.: 45) als auf der Erde war. Der Übergang zum Kommunismus wurde beschleunigt durch die Austrocknung der Böden auf dem Mars. Ein Volksaufstand richtete sich gegen die kapitalistischen Syndikate, die den Bau enormer Kanäle übernehmen wollten. Deren Macht wurde durch eine starke Besteuerung gebrochen und „bald wurde Grund und Boden nationalisiert“ (ebd.: 48). Nach einer Industriekrise kam es schließlich zu einer unblutigen sozialen Revolution, bei der „die Arbeiterpartei die Staatsmacht übernahm“ (ebd.: 49). Aus der Zeit des Kanalbaus wird die Geschichte von einem Vorfahren von Menni erzählt, der ebenfalls Menni hieß.

Bogdanow hatte ein überaus großes Interesse, die Arbeitsorganisation in dieser kommunistischen Gesellschaft zu schildern. Sein Hauptinteresse als Wissenschaftler war die allgemeine Organisationslehre (Bogdanow: AO), die er „Tektologie“ („Lehre vom Aufbau“ (ebd.: 59), nach „tekton“ = der Erbauer) nannte. Er sah das Hauptproblem des Kapitalismus in der Desorganisiertheit durch die anarchisch-konkurrierende Struktur der Wirtschaft und erkannte den „notwendigen Übergang zu einer Integralorganisation“ (ebd.: 53), in der u.a. „die gesamte Summe der Arbeitskräfte der Gesellschaft […] in einer harmonischen Gemeinschaft vereinigt und genau in Einklang gebracht werden [muss, AS] mit der vorhandenen Summe der Produktionsmittel, die der Gesellschaft zur Verfügung steht…“ (ebd.). Auf seinem roten, d.h. sozialistischen Mars wird dies ziemlich einfach verwirklicht. Es gibt eine Zentrale zur Verrechnung der Bilanz von Arbeitskräftebedarf und -Angebot. Jede Stunde werden die Ergebnisse, die elektrisch in alle Betriebe weitergeleitet werden, aktualisiert und auf Tafeln öffentlich angezeigt: „Die Bekleidungsindustrie benötigt 392 6782 Arbeitsstunden pro Tag, davon 21 380 Arbeitsstunden von Mechanikern für Spezialmaschinen und 7852 Arbeitsstunden von Arbeitsorganisatoren…“ Auf anderen Tafeln steht z.B.: „In der Maschinenproduktion beträgt der Überschuß pro Tag 968 757 Arbeitsstunden…“ (Bogdanow RP: 60, 59). Auf Grundlage dieser Aushänge entscheiden die Menschen dann, von den Überschusssektionen in jene mit Bedarf an Arbeitskräften zu wechseln. Die Zuordnung zu diesen Arbeiten geschieht durch die Menschen selbst: „Die Statistik verpflichtet niemanden zu irgend etwas. Jeder nimmt sie zur Kenntnis, muß sich jedoch nicht einzig nach ihr richten“ (ebd.: 63). Die „Zentrale“ wäre heute sicher eine Software-Plattform, auf der Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften angezeigt und aktuell gehalten würde. Auch das steht natürlich in einem utopischen Roman, diesmal von Kim Stanley Robinson: „Supercomputer und künstliche Intelligenzen ermöglichten die vollständige Koordination einer nicht-marktwirtschaftlichen Ökonomie, in dem sie den Mondragon[5] berechenbar machten. Jedes Jahr wurde der Bedarf mit demografischer Präzision ermittelt und die Produktion darauf abgestimmt. Alle ökonomischen Transaktionen – von Energieerzeugung bis Rohstoffgewinnung über Herstellung und Verbreitung bis hin zu Verbrauch und Abfallverwertung – wurden von einem einzigen Computerprogramm berechnet.“ (Robinson 2012/2013: 137) Auf dem Mars von Bogdanow, für den die Elektrifizierung die höchste Form der Produktivkraftentwicklung verkörperte, hatte es nur zuerst für ca. 100 Jahre noch einen „vorgeschriebenen Arbeitstag, anfangs zirka sechs Stunden, dann immer weniger“ (Bogdanow RP: 49) gegeben.

Im Roman „Ingenieur Menni“, den er 1912 schrieb, ging Bogdanow tiefer in die Kanalbau-Geschichte hinein, die schon im Roman „Der Rote Planet“ erwähnt wurde. Hier befinden wir also noch vor dem Sieg des Sozialismus auf dem Mars, mitten im Durcheinander des Kampfes gegen natürliche Unbilden und mitten in sozialen Wirren. Gesellschaftspolitisch sind die Debatten in diesem Roman vielfältiger und spannender als im „Roten Planeten“. Geschildert wird vor allem das Verhältnis zwischen Menni dem Älteren und seinem Sohn Netti. In einem Kapitel mit dem Titel „Zweierlei Logik“ wird an diesem Verhältnis herausgearbeitet, warum sich die Menni-Generation und die Netti-Generation ziemlich grundlegend unterscheiden. Über Menni wird geschrieben: „Menni war stets verschlossen, und das lange Alleinsein hatte die Kälte, mit der er sich umgab, nur noch verstärkt“ (Bogdanow IM: 228).Er, der sich nur als Einzelner denken kann, „muß dem neuen Platz machen, dem das Gefühl, Bestandteil eines großen Ganzen zu sein, immanent ist“ (Rollberg 1989: 296). Das Gemeinsame scheint nun den Einzelnen aufzuschlucken: „Der Bau einer Eisenbahnlinie, eines Kanals, einer Maschine, die Massenproduktion von Garnen und Stoffen, der Abbau von Kohlebergen – welchen Sinn hätte das alles, ginge es um den Einzelnen, der von jenen losgelöst wäre, mit denen er diese kolossalen Aufgaben erfüllt, von jenen, für die sie erfüllt werden?“ (Bogdanow IM: 230). Und: „Würde man einen Arbeiter aus dem großen Miteinander der Millionen Menschen und der Kette von Generationen herausreißen, verwandelte er sich augenblicklich in ein Nichts.“ (ebd.) In dieser frühen Sozialismus-Utopie wurde zwar der Übergang vom vereinzelten Individuum zum kollektiven als der nächste Schritt antizipiert – aber noch nicht die notwendige Negation der Negation, also die Ausbildung von Persönlichkeiten, die sich als kollektive und gesellschaftliche starke individuelle Besonderheiten entfalten. Gegen Ende des Realsozialismus konnte eine solche Persönlichkeitsentwicklung in den Mittelpunkt rücken, so als Forderung nach „immer bessere[n] Bedingungen für die möglichst allseitige Entwicklung, für die der Tendenz nach universelle Entfaltung der Individuen mit allen ihren Anlagen und Fähigkeiten“ (Hagen 1988: 99). Gorki, der Menschenerzähler, stellte jedoch fest, dass man hierfür nicht am „Individualismus der Besitzenden“ anknüpfen könne. Er schreibt lobend über jemanden: „Er hatte sich anscheinend schon lange das „Ich“ abgewöhnt und gebrauchte nur das „Wir“.“ (Gorki 1928-29/1956: 357) Samjatin zeigte in seinem dystopischen Roman „Wir“ diese bloß erste Negation in später so: „Vergiß, daß du nur ein Gramm bist, und fühle dich als millionstel Teil einer Tonne“ (Samjatin 1920/1975: 78). Auch im utopischen Roman „Aëlita“ von Alexej Tolstoi von 1922 ist der Lebensinhalt des positiven Helden die Revolution „und alle anderen Dinge des Lebens, wie persönliches Glück und Liebe, spielen eine untergeordnete Rolle“ (Stephan im Nachwort um Roman 1981: 203). Gorki übrigens, sah das Kollektive durchaus nicht als das Endziel, sondern: „Ich möchte sagen, daß das Leben, wenn auch ein hartes, so doch ein ausgezeichneter Lehrmeister der Starken, diese Kinder zu „Kollektivisten im Geiste“ erzogen hat. Gleichzeitig ist jeder von ihnen eine bereits mehr oder weniger scharf umrissene Persönlichkeit, jeder ist ein Mensch mit „eigenem Gesicht“.“ (Gorki 1928-29/1956: 351)

Bogdanow sieht die Besonderheit des Individuums vor allem in seiner Begrenztheit, und der daraus folgenden „Unmöglichkeit, völlig mit dem Ganzen zu verschmelzen, dieses Ganze mit seinem Bewußtsein vollständig zu erfassen“ (Bogdanow RP: 79). Die „unausbleiblichen Dissonanzen“ bezeichnet er als „qualvoll“ (ebd.).

Für die jeweilige Persönlichkeitsentwicklung sind bei der Negation der Vereinzelung Unterschiede festzustellen, die Netti, der bereits die neue Generation verkörpert, gegenüber seinem Vater formuliert:

„Sie verfügen über ein anderes Bewußtsein […]. Es ist das Bewußtsein jener Klasse, die dem Proletariat vorausgegangen ist, ihm den Weg gewiesen hat und es auf ihre Art, freilich nicht eben sanft, auch weiterhin erzieht. Jene Klasse schritt im Kampf des Menschen gegen den Menschen voran, im Krieg aller gegen alle, und sie konnte das auch gar nicht anders: Die historische Aufgabe bestand darin, die Persönlichkeit im Menschen herauszubilden, ein aktives Wesen zu schaffen, voller Glauben an sich selbst, um es aus der Menschenherde der Feudalepoche herauszuheben. Das aber ist nun getan, und die Arbeiterklasse hat heute eine neue Aufgabe. Es geht darum, diese aktiven Atome zu sammeln, sie in höchster Verbundenheit zu vereinen, ihr sporadisches und gegensätzliches Miteinander zu einem harmonisch-geordneten zu machen, sie zu einem einigen, vernünftigen Organismus der Menschheit zusammenzuschweißen.“ (Bogdanow IM: 233)

So tragisch schon die Geschehnisse auf dem Mars sind, erwartet Bogdanow für die Erde noch dramatischere Auseinandersetzungen. Sterni vom Mars ist skeptisch bezüglich der Erfolgsaussichten des Sozialismus auf der Erde:

„Aber selbst dort, wo der Sozialismus als Sieger hervorgeht, wird sein Charakter nach den vielen Jahren des Belagerungszustandes, nach dem unvermeidlichen Terror und dem Militarismus stark und für lange Zeit verzerrt sein, was unausweichlich einen barbarischen Patriotismus zur Folge haben wird. Es wird bei weitem nicht unser Sozialismus sein.“ (Bogdanow RP: 120-121)

Geschrieben 1907!


[1] Mondragon ist eine Genossenschaft in Spanien mit mehr als 70 000 Beteiligten.


Literatur:

Bogdanow, Alexander (RP): Der Rote Planet. In: Der rote Planet. Ingenieur Menni. Utopische Romane. Berlin: Volk und Welt 1989. S. 5-154.

Bogdanow, Alexander (IM): Ingenieur Menni. In: Der rote Planet. Ingenieur Menni. Utopische Romane. Berlin: Volk und Welt 1989. S. 5-154.

Bogdanow, Alexander (AO): Allgemeine Organisationslehre. Tektologie. Berlin: Hirzel [Reprint oft he Original from 1926].

Gorki, Maxim (1928-29/1956): Durch die Union der Sowjets. In: Maxim Gorki: Skizzen. Berlin: Aufbau-Verlag 1956. S. 294-424.

Hagen, Michael (1988): Die materiellen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens und die Dialektik des Sozialismus. In: Die Dialektik des Sozialismus. Berlin: Dietz Verlag. S. 69-108.

Rollberg, Peter (1988): Nachwort. In: A. Bogdanow: Der rote Planet. Ingenieur Menni. Berlin: Volk und Welt. S. 293-298.

Schaumann, Gerhard (2004): Kühn wirkten seine Fragen. neues Deutschland.

Robinson, Kim Stanley (1992/1977): Roter Mars. München: Heyne.

Robinson, Kim Stanley (1994/1997): Grüner Mars. München: Heyne.

Robinson, Kim Stanley (1996/1999): Blauer Mars. München: Heyne.

Robinson, Kim Stanley (2012/2013): 2312. München: Heyne.

Samjatin, Jewgenij (1920/1975): Wir. München: Heyne.

Soboleva, Maja (2008): Wissenschaftliche Ideen Aleksandr Bogdanows. Rosa-Luxemburg-Stiftung Workshop „Total verplant“, Berlin 26.6.2008. Online: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Themen/Wirtschaft/Bogdanov-_total_verplant.pdf (abgerufen 2016-12-28)

Stephan, Ulrike (1981): Nachwort. In: Alexej Tolstoi: Aëlita. Berlin: Das Neue Berlin 1981. S. 199-204.

Tendrjakow, Wladimir (1969ff./1991): Mein Gespräch mit Lenin (Revolution! Revolution! Revolution!). Berlin: Volk und Welt.

Tolstoi, Alexej (1922/1981): Aëlita. Berlin: Das Neue Berlin.

Trotzki, Leo (1929/1990): Mein Leben. Versuch einer Autobiographie. Berlin: Dietz Verlag.


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