Ich dokumentiere hier einen Text von mir aus dem Jahr 2009, als wir in der Jenaer „Zukunftswerkstatt“ eine 7 Jahre dauernde Kapital-Lektüre begannen. Die damaligen Unterlagen und Handouts sind leider aus dem Internet verschwunden, so dass ich dieses, was ich gerade zur Beantwortung einer Frage brauche, wenigstens aus meiner Textdatei heraus rekonstruiere, ohne inhaltlich noch mal drüber zu gehen.

Minka (R.I.P.) und das „Kapital“ (immer noch lebendig)

Der Kapitalismus erscheint nicht mehr als das Ende der Geschichte und neue Kapitalstudien[1] beginnen. Wohl noch nie gab es eine derartig lange Pause in der Bildungsgeschichte zum „Kapital“. Fast 20 Jahre lang war das Marxsche „Kapital“ out. Die sich noch darauf beziehenden westlichen Linken verhakten sich in ihren alten Streitigkeiten und im Osten landeten die blauen Bände im Altpapier. Eine neue Generation nimmt es nun auf sich, wieder von vorn zu beginnen. Im günstigsten Fall sollen alle gleichberechtigt beim Studieren des Textes des „Kapitals“ von Marx voran kommen, ohne „Besserwisser“ und ohne an Autoritäten glauben zu müssen. Einige Tutorinnen und Tutoren, die den Kursen hilfreich zur Seite stehen, wurden benannt.

Trotzdem können es auch die angesagten Kommentare bzw. Vorlesungen, die beim Studium des „Kapital“ behilflich sein wollen (Haug 1989, Heinrich 2005, 2008), nicht vermeiden, erläuternd zu helfen, allerdings streng nach dem Prinzip, dass es um den Marxschen Text geht und nichts vorausgesetzt zu werden braucht außer der Bereitschaft, sorgfältig zu lesen und die Argumente zu prüfen.

Ich werde meine Zusammenfassungen zu diesem Thema hier im Internet zur Verfügung stellen für andere, denen dies vielleicht helfen kann, durchzublicken. Wer sich mehr Zeit nehmen kann, sollte neben dem Text des „Kapital“ vor allem auch auf folgende Sekundärliteratur zurück greifen:

  • Altvater, Elmar; Heinrich, Michael, Hecker, Rolf; Schaper-Rinkel, Petra (1998): Kapital.doc. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot. (Buch mit CD)
  • Haug, Wolfgang Fritz (1989): Vorlesungen zur Einführung ins „Kapital“. Hamburg: Argument Verlag. (auch neuere Auflagen bzw. „Neue Vorlesungen…“)
  • Heinrich, Michael (2005): Kritik der politischen Ökonomie. Stuttgart: Schmetterling Verlag. (über alle drei Bände des „Kapital“)
  • Heinrich, Michael (2008): Wie das Marxsche Kapital lesen? Stuttgart: Schmetterling Verlag. (über den ersten Band des „Kapital“)

Wenn in Gruppen gelesen und diskutiert wird, könnte je eine/r je eine Sekundärliteratur zum besprochenen Abschnitt durcharbeiten und dies dann mit vorstellen.

Ziel/Aufgabe des „Kapitals“

Das „Kapital“ kann man nicht einfach lesen wie einen Roman. Es kommt darauf an zu wissen, worauf es abzielt. Es gibt Antworten auf Fragen, die heute noch aktuell sind, die aber vorher verdeutlicht werden müssen, „denn solange die Fragen unklar sind, bleiben es die Antworten nicht minder“ (Haug 1989: 80). Wenn in einem der neuen Seminare vom Moderator gesagt wurde, Marx hätte die Begriffe in der Arbeitswertlehre gerade so bestimmt, dass er normativ gleichen Arbeitslohn für alle Arbeitenden fordern könne, so ist das total falsch.

Was also ist die Fragestellung, die Marx beantworten will?  Marx sagt dies selbst: „… Es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“ (MEW 23: 15 f.; MEGA II.5: 13 f., Vorwort zur 1. Auflage). Das bedeutet: Marx will nicht historisch nacherzählen, wie der Kapitalismus entstand, er will auch nicht eine konkrete Form des Kapitalismus in einem konkreten Land oder einem konkreten Entwicklungsstadium beschreiben, sondern er will die kapitalistische Produktionsweise „in ihrem idealen Durchschnitt“ (MEW 25b: 839) erfassen, das heißt „das Gemeinsame, das wir in jedem entwickelten Kapitalismus antreffen“ (Heinrich 2008: 17), erkennen.

Dabei geht es Karl Marx nicht darum, „der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip“ entgegen zu treten (MEW 1: 345), sondern „wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. […] Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft“ (ebd., vgl. Haug 1989: 78 f.).

Zur Methode und Darstellungsweise

Schon die erste Auflage des „Kapitals“ von 1867 enthält eine Popularisierung einer früheren Analyse der Wertsubstanz und der Wertgröße, wobei das erste Kapitel den Inhalt der früheren Schrift „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ (von 1859, veröffentlicht in MEW 13b) resümiert wird (MEW 23: 11, Vorwort zur ersten Auflage). Die zweite Auflage erfuhr dann eine weitere Vereinfachung, nachdem Marx auf Veranlassung von L. Kugelmann erkannte, „daß für die meisten Leser eine nachträgliche, mehr didaktische Auseinandersetzung der Wertform nötig sei“ (MEW 23: 18, Nachwort zur zweiten Auflage).

  • objektive Denkformen

So dankbar wir für diese Vereinfachungen sein können, so gefährlich können sie auch sein:

„Die meist recht einfache Sprache verleitet bei einer oberflächlichen Lektüre sogar dazu, dass man vorschnell glaubt, alles begriffen zu haben.“ (Heinrich 2008: 21)

 Wenn wir einfach von unserem normalen, alltäglichen Denken oder auch angelernten Begriffen und Methoden ausgehen, so könnten wir vieles systematisch missverstehen, denn es ist „uns Bürgern einer kapitalistischen Gesellschaft kaum möglich […], in  Nicht-Tauschbegriffen zu denken.“ (Haug 1989: 43). Unser Denken ist nicht willkürlich wählbar. Ohne eine bewusste Reflexion über unsere Denkformen reproduzieren wir einfach das, was uns in der gegebenen Gesellschaftsform nahe gelegt wird: Wir reproduzieren die gegebenen Verhältnisse, nehmen sie als gegebene Tatsache hin und verdoppeln sie lediglich gedanklich – statt eine kritisierende, negierende Distanz aufbauen zu können. Was wir – aufgrund der von uns gelebten alltäglichen Praxis – gedanklich erzeugen, sind „objektive Gedankenformen“, d.h. „Formen, die primär nicht solche des Denkens sind, sondern solche der gesellschaftlichen Grundverhältnisse, also gesellschaftliche Praxis-, Verkehrs- und Verhaltensformen“ (ebd.: 42). Das führt z.B. dazu, dass die Wertform nicht von vornherein als spezifisch nur für den Kapitalismus gedacht wird, sondern für alle Gesellschaftsformen vorausgesetzt wird. Dann wird z.B. jede zweiseitige Beziehung, sogar die Zärtlichkeiten zwischen Menschen, als Warentauschbeziehung gedacht.

  • neue Bedeutung von scheinbar bekannten Kategorien

Friedrich Engels erwähnte ein weiteres Problem: „Eine Schwierigkeit besteht dennoch, die wir dem Leser nicht ersparen konnten: die Benutzung von gewissen Ausdrücken in einem nicht nur vom Sprachgebrauch des täglichen Lebens, sondern auch dem der gewöhnlichen politischen Ökonomie verschiednen Sinne. […] Jede neue Auffassung einer Wissenschaft schließt eine Revolution in den Fachausdrücken dieser Wissenschaft ein.“ (MEW 23: 37, Vorwort zur englischen Ausgabe) Im Kommentar von Michael Heinrich wird auch festgestellt:

„Bei der Lektüre des „Kapital“ stößt man auch auf Schwierigkeiten, die aus dem eigenen Vorverständnis resultieren. Begriffe wie Wert, Geld und Kapital benutzen wir im Alltag und verbinden bestimmte Vorstellungen damit, die aber nicht mit dem identisch sein müssen, was diese Begriffe bei Marx bedeuten. Häufig projiziert man jedoch, ohne es zu merken, bei der Lektüre eigene, als selbstverständlich erachtete Ideen auf den Marxschen Text. Diese Gefahr besteht insbesondere dann, wenn man einige Semester Volkswirtschaftslehre studiert hat und unterstellt, dass bestimmte angeblich „elementare“ Beziehungen immer gelten.“ (Heinrich 2008: 23)

Die bei Marx neu bestimmten Inhalte von Kategorien werden  jedoch nicht definitorisch einfach hingestellt, sondern ihre Bedeutung ergibt sich aus dem Durchgang durch die Argumentation selbst.

  • Darstellungs- und Forschungsweise

Als Marx das „Kapital“ schrieb, hatte er viele Jahre gründlichen Studiums hinter sich. Er war kreuz und quer durch die ökonomischen Phänomene und ihre Beschreibungen gegangen und musste nun nach einem Weg suchen, das Gefundene so aufzuschreiben, dass jedes Argument so auf das nächste folgen konnte, dass ausgehend von den geringsten Voraussetzungen die ganze Fülle der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse erfasst werden kann. Deshalb unterscheiden sich Forschungs- und der Darstellungsweise:

„Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu analysieren und deren inneres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun.“ (MEW 23: 27; Nachwort zur 2. Auflage)

Marx beginnt nicht aus Willkür mit der „Ware“, er konstruiert diesen Anfangspunkt auch nicht vor aller Erfahrung (=a priori), sondern dass er damit beginnt, ist das Ergebnis langwieriger Versuche, den geeigneten Ausgangspunkt zu finden. Wir werden an der Stelle des Textes darauf zurück kommen.

  • Zirkularität

Der Begründungszusammenhang im „Kapital“ kann sich nicht erschließen, wenn man von einem streng linearen Argumentationskonzept ausgeht. Es wäre nicht angemessen, induktiv von einzelnen Waren auszugehen und dann ihre theoretische Verallgemeinerung zu suchen. Ebenfalls reicht es nicht aus, etwas Allgemeines voraus zu setzen und daraus das Einzelne, Besondere ableiten zu wollen. Beide Richtungen sind verflochten, das gesellschaftliche Kapitalverhältnis ist eine in sich widersprüchliche Einheit, bei der es selbst die Momente aus sich heraus setzt, die sich widersprechen, aber auch gegenseitig bedingen und enthalten und in ihrer Bewegung das Ganze konstituieren. Solch eine Einheit zu denken ist mit der formalen Logik nicht möglich, hier wird dialektisches Denken benötigt.

Aus diesem Grund meint Marx, „daß es keinesfalls anging, den ersten Band zu veröffentlichen, ohne die anderen theoretischen Bände wenigstens im Entwurf fertig und vor sich zu haben.“ (zit. in Einleitung MEGA II.5: 16*) „Der erste Band des „Kapitals“ von 1867 ist […] das Ergebnis der Arbeit von Marx an allen vier Bänden des Werkes. Er hat erst alle vier Bände im Entwurf geschaffen, bevor er den ersten veröffentlichte. Das ist von großer inhaltlicher und methodischer Bedeutung. Alle vier Bände des „Kapitals“ bilden eine innere Einheit und bedingen einander. Das ist in der Totalität des widerzuspiegelnden Gegenstandes begründet. Die innere Einheit des Gesamtwerkes findet ihren Ausdruck in der dialektischen Form der Darstellung und den inhaltlichen Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Bänden.“ (ebd.: 17*) Auch unsere Kommentatoren Heinrich und Haug sehen diese „Umkreisung“ (nach Haug 1989: 45): „Letztlich wird auch der erste Band erst vor dem Hintergrund der beiden folgenden Bände vollständig verständlich. Dies gilt bereits für die von Marx als Erstes analysierte Warenform. Die Ware ist mit dem ersten Kapitel […] noch keineswegs fertig bestimmt, dies ist sie erst am Ende des dritten Bandes.“ (Heinrich 2008: 21, vgl. auch Heinrich 2005: 8 f.). In einem Brief an Engels 1965 erwähnt Marx, sein Werk sei ein „dialektisch Gegliedertes“ (zitiert in Einleitung zur MEGA II. 5: 16*).

  • Dialektik

Wer bereits Vorwissen über Dialektik hat, wird bei den vorangegangenen Bemerkungen verspürt oder gedacht haben: „Nachtigall, ick hör dir trappsen…“. Die schlechten Erfahrungen mit einer schematisierten und Wortgeklingel-Dialektik aus der Praxis des „Marxismus-Leninismus“ führen heute dazu, dass immer wieder berechtigt betont wird, dass es nicht angeht, eine fertige Dialektik äußerlich auf ein Thema wie das „Kapital“ „anwenden“ zu wollen. Michael Heinrich unterscheidet berechtigt zwischen der schematischen Schlagwort-Dialektik des traditionellen Marxismus-Leninismus und der Dialektik als „Form der Darstellung in der Kritik der politischen Ökonomie“ (Heinrich 2005: 35). Im letzten Fall, und nur so hat Dialektik ihre Berechtigung, geht es darum, „dass im Fortgang der Darstellung die einzelnen Kategorien auseinander entwickelt werden sollen: Sie werden nicht einfach nach- und nebeneinander präsentiert, es soll vielmehr ihre innere Beziehung (inwiefern macht eine Kategorie eine andere notwendig) deutlich werden.“ (ebd.: 35 f.)

Dass Kenntnis der Hegelschen Dialektik zumindest für Marx sehr hilfreich war, zeigt ein interessanter Bericht: Marx begann gerade während seiner Ökonomiestudien in den 1850er Jahren seine „zweite Hegelrezeption“, nachdem er zufällig erneut die Logik von Hegel geschenkt bekam. “In der Methode des Bearbeitens hat es mir großen Dienst geleistet, daß ich by mere accident – Freiligrath fand einige, ursprünglich dem Bakunin gehörige Bände Hegels und schickte sie mir als Präsent – Hegels „Logik“ wieder durchgeblättert habe.“ (Marx 1858: 260)

Welche Merkmale von Marxens Herangehen sind dabei dialektisch?

  • „Soweit eine Theorie der Selbstbewegung ihres Gegenstands Rechnung trägt, kann sie dialektisch genannt werden.“ (Haug 1989: 83, kursiv A.S.)
  • „Der Bogen spannt sich also von der einzelnen Ware zu den gesellschaftlichen Klassenverhältnissen. Dies geschieht unter der Annahme, daß in der Besonderheit alle Elemente des Allgemeinen im Keim enthalten sind und daher begrifflich entfaltet werden können. Diese Methode wird gemeinhin als „dialektisch“ bezeichnet.“ (Altvater u.a. 1998: 9, kursiv A.S.)

Dabei ist diese Selbstbewegung des Gegenstands, die bei der begrifflichen Entfaltung begriffen wird, keine einfache lineare Aufeinanderfolge. Innerhalb der Argumentation geht es darum, die „verkehrte Widerspiegelung in der Erscheinung auf der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft“ (Einleitung zur MEGA II, 5: 18) zu überwinden. Besonders das, was am Anfang als gesetzt genommen (vor allem, insofern es unhistorisch genommen) wird, wird danach negiert/kritisiert/aufgehoben und als konkret-historisch und widersprüchlich nachgewiesen. Manches, was „bei Marx so steht“, ist nicht Marxens Position, sondern eine Aussage, die er später in ihrer Absolutheit/Einseitigkeit selbst wiederlegt! Der Ausgangspunkt mit der „Ware“ wird im Verlauf der Argumentation so aufgeschlüsselt, dass sich gerade darin zeigt, dass die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Menschen in der kapitalistischen Warengesellschaft sich in verkehrter Form als Verhältnis von Sachen verwirklichen und verwirklichen müssen.

  • Logisches-Historisches

Eine dialektische Entwicklung ist nicht von vornherein ein zeitlich fortlaufendes, also historisches Geschehen, wie es im traditionellen Marxismus-Leninismus vorwiegend verstanden wurde. Es geht um die Entfaltung von Begriffsbedeutungen, die immer tiefer in den bewegenden Kern der untersuchten Sache eindringen. Schon der erste Satz des „Kapital“  macht klar, dass es Marx von vornherein um die kapitalistische Produktionsweise geht („Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine „ungeheure Warensammlung“ [….]“ (MEW 23: 49, kursiv A.S.)). Zuerst erfolgt die Analyse des vom Kapital dominierten gesellschaftlichen Verhältnisses, dann erst entsteht die Frage, wie neues Kapital produziert wird und im 24. Kapitel geht es um die historische „sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ (MEW 23: 741 ff.).

Demgegenüber behauptete Engels: „Wir gehen bei dieser Methode aus von dem ersten und einfachsten Verhältnis, das uns historisch, faktisch vorliegt, her also von dem ersten ökonomischen Verhältnis, das wir vorfinden.“ (Engels MEW 13a: 475) Zwar gehe Hegel von einer logischen Behandlungsweise aus, diese ist aber für ihn „in der Tat nichts andres als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der störenden Zufälligkeiten. Womit diese Geschichte anfängt, damit muß der Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fortgang wird nichts sein als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konsequenter Form, des historischen Verlaufs […]“ (ebd.). In seiner Ergänzung zum dritten Band des Kapital erläuterte Engels ausführlich seine historische Vorstellung der Entwicklung der Warenproduktion und des Geldes (Engels MEW 25a: 908 f.)

Eine solch historisierende Lesart  könnte bei Marx aus dem Kapitel „Der Austauschprozess“ herausgelesen werden. Er beginnt mit einem „unmittelbaren Produktenaustausch“ (MEW 23: 103) und setzt fort: „Mit der Entwicklung des Warenaustausches heftet sie [die allgemeine Äquivalentform, A.S.] sich aber ausschließlich fest an besondere Warenarten oder kristallisiert zur Geldform.“ (ebd.)

An mehreren Stellen verdeutlicht Marx jedoch, dass es nicht so einfach ist, den kategorialen Entfaltungsgang mit der historischen Entwicklung zu parallelisieren:

„Es wäre […] untubar und falsch, die ökonomischen Kategorien in der Folge aufeinander folgen lassen, in der sie historisch die bestimmenden waren. Vielmehr ist ihre Reihenfolge bestimmt durch die Beziehung, die sie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft aufeinander haben und die gerade das umgekehrte von dem ist, was als ihre naturgemäße erscheint oder der Reihe der historischen Entwicklung entspricht.“ (Marx MEW 42b: 41)

Letztlich liefert erst die Analyse im „Kapital“ die Kategorien, „die einer Untersuchung sowohl einer bestimmten Phase als auch der Geschichte des Kapitalismus zugrunde liegen müssen“ (Heinrich 2005: 29):

„Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutungen auf Höhres in den untergeordneten Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere schon bekannt ist.“ (MEW 42a: 39)

Auch W.F. Haug geht bei aller „Einheit von „Logischem“ und „Historischem“ von einer notwendigen „Unterscheidung zwischen genetisch-logischer und wirklich-historischer Ebene“ aus, d.h. „zwischen immanentem Entwicklungsgesetz einer ökonomischen Form und der Gesetzmäßigkeit einer wirklichen, durch viele Wechselfälle und heterogene Faktoren bedingten Geschichte der Gesellschaft.“ (Haug 1989: 9)

  • Vom Abstrakten zum Konkreten

Obwohl es besonders Michael Heinrich vehement ablehnt, Vorwissen über die Dialektik voraus zu setzen, möchte ich hier an einen wichtigen methodischen Hinweis von Marx erinnern:

„Es scheint das Richtige zu sein mit dem Realen und Concreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z. B. in der Oekonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Productionsakts ist. Indeß zeigt sich dieß bei näherer Betrachtung falsch. Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z. B. die Klassen aus denen sie besteht weglasse. Diese Klassen sind wieder ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhn. Z. B. Lohnarbeit, Capital etc. Diese unterstellen Austausch, Theilung der Arbeit, Preisse etc. Capital z. B. ohne Lohnarbeit ist nichts, ohne Werth, Geld, Preiß etc. Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Concreten auf immer dünnere Abstracta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre. Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, dießmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen.“ (MEW 42: 35 = MEGA II.1.1: 35 f.

Was das Abstrakte und was das Konkrete jeweils ist, werden wir im weiteren Durchgang genauer sehen. Um Missverständnisse zu vermeiden, sei aber vorangestellt, dass Marx gerade hier nicht die alltagssprachliche Unterscheidung von sinnlich-Konkretem und theoretisch-Abstrakten meint, sondern das Konkrete zuerst in der Gesamtheit an Erscheinungen und Zusammenhängen, die aber nicht noch begriffen ist, besteht, während das Abstrakte der geeignete Ausgangspunkt ist, von dem das Wesentliche danach geistig-konkret so reproduziert werden kann, dass seine Widersprüchlichkeit erkennbar und in ihrer Bewegungsform begreifbar (und praktisch greifbar) wird. Die Darstellung hat dann die Aufgabe von diesem abstrakten Ausgangspunkt „sich das Concrete anzueignen, es als ein geistig Concretes zu reproduciren.“ (MEW 42a: 35 = MEGA II.1.1: 36) Das Konkrete ist hier also niemals das Sinnliche, sondern „Das Concrete ist concret weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen“ (MEW 42a: 35 = MEGA II.1.1: 36) – einmal als Einheit in der Wirklichkeit und das andere Mal in unserem Denken reproduziert. Auf diesem Weg beweist sich Dialektik dann nicht darin, „undialektisch über Dialektik zu handeln, als vielmehr [darin,] die jeweilige Sache dialektisch zu behandeln“ (Haug 1989: 10).

  • Kritik

Wenn es Marx gelingt, die innere Strukturlogik, die widersprüchliche Bewegungsform des Kapitalverhältnisses darzulegen, so ist diese Darlegung gleichzeitig die Kritik von unangemessenen affirmierenden (das Gegebene bestätigenden) Darstellungen und der Nachweis der notwendigen Aufhebung dieser Verhältnisse. Denn wenn etwas als bestimmt begriffen wird, sind dessen Grenzen zugleich begriffen (omnis negatio est determinatio)[2] (vgl. dazu auch Haug 1989: 59 f.). Marx selbst schreibt zum Kritikcharakter seiner Darstellung: „Die Arbeit, um die es sich zunächst handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien, oder if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik derselben.“ (MEW 29: 550)

Dies liegt daran, dass die untersuchte Sache, die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse, dialektisch begriffen werden. Diese Einheit von Darstellung und Kritik bleibt einem nicht dialektischen Verständnis unbegreiflich und gleichzeitig vermeiden jene, die die gegebene Gesellschaftsform verewigen möchten, gerade deshalb die Dialektik. „In ihrer rationellen Gestalt ist sie [die Dialektik, A.S.] dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ (MEW 23: 28: Nachwort zur 2. Auflage)

Machen wir uns also daran, auf hoffentlich angemessene Weise den weiteren Text des „Kapital“ zu studieren.


[1] http://www.kapital-lesen.de

[2] Jede Bestimmung ist eine Negation. Ein von Spinoza übernommener Grundgedanke von Hegel.


Hier gibts noch  mehr zur Logik des „Kapitals“,
unter besonderer Beachtung der Rolle des Klassenverhältnisses dabei.