Ich lese mich seit einigen Wochen durch die Texte zur „Sozialistischen Kalkulationsdebatte“ und zu Erfahrungen der realsozialistischen Länder. Mir war bewusst geworden, dass viele Konzepte zu einer Welt nach dem Kapitalismus wahrscheinlich viele Probleme, die dabei zu beachten sind, einfach nicht im Blick haben. Wenn man die Probleme gar nicht erst sieht, erscheinen die eigenen Lösungen unabweisbar und überzeugend. Schön, wenn sich Leute drüber freuen können… aber so richtig ernst wird’s erst, wenn wir versuchen würden, das umzusetzen. Und alle Konzeptschreiber*innen gehen davon aus, dass sie guten Grund haben, die früheren Konzepte verwerfen zu können – oft unbesehen oder nur auf der Suche nach Fehlern, die sie ja nie machen würden. Was spricht dann dagegen, diese alten Sachen einfach zu verwerfen? „Hat sich nicht bewährt, weg damit!“. Der Roman „Deutsche Demokratische Rechnung“ von Dietmar Dath endet mit solchen Aussagen wie „Liebe Linke und Linksradikale, nennt euch nicht Kommunisten, das war ein Irrweg – nennt euch, was ihr wollt, tretet ein in die Wirklichkeit und lasst die Toten unter der Erde“.

Dabei war der Tod des Vaters für Vera, eine abgebrochene Mathestudentin, die als Bäckereiverkäuferin ihr Brot verdient, überhaupt erst der Anlass gewesen, in dessen alten Notizen mit Abhandlungen über eine bessere Berechnung der Planwirtschaft unter Ulbricht herumzustöbern. Schon aus sachlich-mathematischer Hinsicht findet sie das spannend, wie sie ihrem neuen Freund ausgiebig erklären kann. Die kluge Frau hatte es selten erlebt, dass ihr jemand so interessiert zuhört, auch anregend nachfragt. Ja es gab einmal unter Ulbricht Bemühungen, Mathematik und Kybernetik zu nutzen, um systemische Prozesse besser begreifen und steuern zu können. Ich habe 1983 in einem Studienfach Wirtschaftssimulationen ausprobiert; die Computertechnik entwickelte sich erst nach und nach. Es war leider weithin unbekannt, dass schon in Chile unter Allende eine vernetzte computerbasierte Wirtschaftssteuerung begonnen wurde (Cybersyn). Natürlich wäre heutzutage viel, viel mehr möglich.

Der neue Freund von Vera war es, der aus dem heraus, was er von ihr gelernt hat, die Bemühungen ihres Vaters und auch ihre um dessen Erbe in den realkapitalistischen Dreck zieht, wenn er ihr schreibt: „Ich wünsche mir, dass Du eines Tages lernst, dass man nicht alles planen und beherrschen kann und dass der eigene Kopf die Menschen unberechenbar macht, und dass das wertvoller ist als der ganze ideologische Müll, der Antifaschismus und Antikapitalismus, das ganze Anti von Menschen, die sich nicht am Leben freuen können“. Er ist damit zurück bei Friedrich von Hayek, der die Möglichkeit einer bewussten Planung für eine Wirtschaft, in der das Verhältnis von Aufwand und Nutzen noch wesentlich ist und die sich weiter entwickelt, ausschloss. Trotzdem schrieb auch von Hayek: „Sollte es jemals zu einer Lösung kommen, wäre dies eher den Kritikern zu verdanken, die zumindest aufgezeigt haben, wo das Problem liegt, auch wenn sie an einer Lösung verzweifelt sind“. Wo anders als in den bereits ausprobierten Konzepten und den Widersprüchen der Praxis sollten wir die Probleme verstehen lernen, um uns mit neuen Mitteln neuen Lösungen nähern zu können? Ohne das Eintauchen in diese Erfahrungen werden unsere Konzepte oberflächlich sein, ohne ein Ernstnehmen der klugen Kritiken unserer Gegner werden wir uns nur einbilden können, klüger zu sein als unsere Vorfahren. Klüger sein wollen, aber wichtige Probleme lieber außen vor lassen. Manches davon ist auch für viele Linke zu anspruchsvoll, „das kannst du den Linken heute nicht erzählen […] die gucken dich komisch an, wenn du loslegst mit solchen Folgerungen, mit logischem Argumentieren, die sagen nur: Eine andere Welt ist möglich“. Dath wird diese Erfahrungen auch zur Genüge gemacht haben. Das Buch „Deutsche Demokratische Rechnung“ endet nur formal mit der Verurteilung durch den verräterischen Freund. Getragen wird es von der Überzeugung: „… aber ich glaube, wir sind es den Alten ganz allgemein schuldig, dass zumindest nicht so schnell vergessen wird, was sie erlebt und probiert haben, woran sie gescheitert sind. Man kann daraus ja lernen und muss nicht alles übernehmen.“


Dath, Dietmar (1915): Deutsche Demokratische Rechnung. Eine Liebeserzählung. Berlin: Eulenspiegel Verlag.