Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Wir, die weit entwickelten Länder der Welt, die sich nur auf Kosten der Ausbeutung von Mensch und Natur so weit entwickeln konnten, müssen zurück stecken. Wir können der ökologischen Zerstörung, speziell der Gefahr von Klimakatastrophen nicht mit bloßen technischen Veränderungen entkommen. Bisher hofften viele, wir könnten dieser Gefahr zu entkommen, indem weitere technische Innovationen und damit auch Profitquellen entwickelt werden könnten. Elektro- statt fossile-Energie-Antriebe…, Photovoltaik statt Kohle… und wenn das nicht reicht noch ein wenig Climate Engineering…

Denkste…

Seit einiger Zeit war schon bekannt, dass der Wirtschaft nachgeholfen werden muss, sich in die richtige Richtung zu wenden. Die Unterstützung der Nutzung der sich erneuernden Energiequellen reicht nicht aus bzw. wurde nicht lange genug aufrecht erhalten; die Umstellung der Energiewirtschaft und z.B. der Autoindustrie erweist sich als ausgesprochen träge und zu langsam im Angesicht der sich rapide verschlechternden Aussichten. Alle Hoffnungen, unter einer global durchschnittlichen Temperaturerhöhung von 1,5 Grad zu bleiben, erweisen sich immer mehr als „Pfeifen im Walde“… Der IPCC-Bericht von 2018 verkündete es dann: Ohne eine Vervielfachung der Kernkraft und/oder von Maßnahmen des Climate-Engineerings wird es nicht zu schaffen sein (IPCC 2018, siehe auch Schlemm 2020). Um dieses Climate-Engineering versucht man nun wie die Katze um den heißen Brei herumzuschleichen. Einerseits will es niemand wirklich verantworten müssen, andererseits richten sich wissenschaftliche Bemühung nun verstärkt in diese Richtung, einfach um nichts unversucht zu lassen. In der Studie „ A Societal Transformation Scenario for Staying Below 1.5°C“ (Eine gesellschaftliche Transformation, um unter 1,5 °C zu bleiben) (Kuhnhenn u.a. 2020: 11, 16) werden die bisherigen Treibhausgas-Reduzierungspläne aus folgenden Gründen kritisiert:

  • Sie negieren die Möglichkeit der Emissionsminderung durch eine Minderung der ökonomischen Aktivität.
  • Sie setzen auf technologische Lösungen statt auf gesellschaftlichen Wandel.
  • Sie setzen auf gefährliche Lösungen wie Kernenergie und „Negative Emissionen“.

Bleibt da gar kein anderer Ausweg? Tatsächlich erweiterte sich das Themenfeld beispielsweise des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in Potsdam in den letzten Jahren. Mit Ottmar Edenhofer als neuem Direktor wurde dessen Projekt einer CO2-Bepreisung populär (kritisch dazu Schlemm 2019a). Unter der Überschrift „CO2-Bepreisung hilft bei der Energiewende“ in der taz (2021a) wird dann letztlich aber auch nur von „könnte“ und „dürfte“ und „würde“ geschrieben. Dass gleichzeitig global eine massive Kohle-Invest-Maschinerie anläuft, wird da wohlweislich ausgeblendet. Global gesehen wird nur die Hälfte des weltweiten Anstiegs der Stromerzeugung durch sich erneuernde Energien gedeckt (Solarserver 2021) und im Jahr 2021 wird mit 5% mehr CO2-Emissionen gerechnet als im Jahr 2020 (Diehrmann 2021).

„Bildlich gesprochen, fährt die Welt derzeit die Welt in einer geraden Linie von ständig steigender Nachfrage und Produktion, einfach in der Hoffnung dass bis zum Ende der Straße eine Brücke gebaut wird.“ (Kuhnhenn u.a. 2020: 12)

Was bleibt nun? Ernstzunehmende Debatten über Alternativen zu den derzeitigen verhängnisvollen Wegen der Bedürfnisbefriedigung von Menschen haben schon immer auch eine sog. „Suffizienzrevolution“ gefordert. Während sich die Effizienz auf eine ergiebigere Nutzung von Materie und Energie richtet, orientiert Suffizienz auf einen absolut geringeren Ressourcenverbrauch. Das bedeutet einerseits, die benötigten Güter mit langer Lebensdauer, ohne „geplante Obsoleszenz“ (geplanter Verschleiß) und reparaturfreundlich zu konstruieren, andererseits gar nicht so viele Güter zu brauchen.

„Nicht so viele Güter brauchen“… – das ist ein heißes Eisen. Die Frage des „Verzichts“ schwebt bei jeder Klima-Diskussion im Raum und wird dann meistens umschifft. „Nein, es geht auch ohne Verzicht“, wird meist behauptet, während es eigentlich niemand mehr glaubt. Die Ahnung, wieviel sich wird ändern müssen, um global gerecht und ökologisch angemessen zu leben, treibt meines Erachtens viele in eine Verweigerungshaltung.

Also nun mal Klartext! Autor*innen von der Heinrich Böll Stiftung und dem Konzeptwerk Neue Ökonomie haben sich diese Aufgabe gestellt. Ohne großes Tamtam und erst mal auch nur auf Englisch erschien irgendwann gegen Ende 2020 ihre Studie „ A Societal Transformation Scenario for Staying Below 1.5°C“ (Eine gesellschaftliche Transformation, um unter 1,5 °C zu bleiben).In der taz (2021b) wird resümiert, dass hierfür bis 2050 in den Industrieländern

  • der Autoverkehr in den Städten um 81 Prozent sinken muss,
  • der Wohnraum pro Einwohner um 25 Prozent sinken muss,
  • die Zahl von elektrischen Geräten wie Waschmaschinen sich halbieren muss,
  • ein Flug nur noch aller drei Jahre möglich ist und
  • der Fleischkonsum schon bis 2030 um 60 Prozent zurückgehen muss.
    (umfassend in der Studie bei Kuhnhenn u.a. 2021: 33f. aufgeführt)

Aber dies wird in der Studie explizit nicht mit einem Verweis auf „Verzicht“ diskutiert, sondern die Verringerung des Konsums und damit auch der Produktion soll zu einem besseren Leben führen! Wäre es nicht wirklich besser, in Städten freier atmen und sich per Fuß oder Fahrrädern bewegen zu können? Wäre es nicht besser, weniger Wohnfläche sauber machen zu müssen, wenn bestimmte Nutzungsformen wie Bibliotheken, Kindertobezimmer, Partyräume usw. in Gemeinschaftsobjekte ausgelagert werden könnten? Brauchen wir alle unsere eigene Waschmaschine, oder wäre ein Waschraum im Keller für alle nicht wirklich ausreichend und platzsparend? Fleisch könnte für jene, die es zu brauchen meinen, wieder was Besonderes sein, ohne dass es die Gesundheit unmäßig belastet. Und fliegen können eh nicht alle, warum auf unhaltbaren Privilegien bestehen?

Schöne Vorstellungen für ein besseres Leben in einer „Zukunft für alle“ sind vom Konzeptwerk Neue Ökonomie in der letzten Zeit entwickelt und vorgestellt worden. Inwieweit solche Ideen zusammen passen mit dem Ziel, die global durchschnittliche Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, wurde nun auf wissenschaftlicher Grundlage erforscht. Dazu wurde ein Rechenmodell entwickelt: der „Global Calculator“, der auf anderer Grundlage und vor allem transparenter funktioniert als die in der Klimaforschung üblicherweise verwendeten Integrated Assessment Models (IAM, siehe Kuhnhenn u.a. 2021: 17). Man kann damit präzise zeigen, wie der Rückgang des Fleischkonsums zur Möglichkeit führt, landwirtschaftliche Flächen, die jetzt für den Futtermittelanbau drauf gehen, in natürliche klimarettende Ökosysteme umzuwandeln oder in anderer Weise nachhaltiger zu bewirtschaften. Im Unterschied zu allen Trends muss der Energieverbrauch in den Ländern des globalen Nordens stark zurück gefahren werden. Nach Berechnungen in der Studie können durch die genannten Veränderungen im Konsum der Energieverbrauch und die CO2-Emissionen bis 2030 um 50% und bis 2050 um weitere 22% gesenkt werden (Kuhnhenn u.a. 2020: 10, die folgende Abbildung übersetzt aus ebd.: 60):

(Warum die fossilen Energien nicht einfach durch sich erneuernde ersetzt werden können, habe ich schon öfter thematisiert, z.B. Schlemm 2019b; Hinweis: sie sind viel weniger „dicht gepackt“ und erfordern deshalb zur „Ernte“ einen dauerhaft und maßgeblich höheren Arbeits- und Flächeneinsatz). Unter anderem durch diese Senkung des Energieverbrauchs sinken auch die CO2-Emissionen (übersetzt aus ebd.: 61):

Die Bedeutung der Reduktion des Konsums zeigt sich an dem Vergleich in folgender Abbildung (übersetzt aus ebd.: 63). Hier ist – für die Länder des globalen Nordens – zu sehen, dass der Energiebedarf, wenn der Konsum nicht reduziert wird, nur sehr wenig und spät absinkt (rote Linie), aber bei weniger Konsum auch entsprechend sinkt (blaue Linie):

„STS“ steht hier fü  „Societal Transition Scenario“ (STS), also ein Szenario für eine gesellschaftliche Transformation (ich komme unten darauf zurück).

Die folgende Abbildung zeigt die Struktur des Global Calculator (übersetzt aus Kuhnhenn u.a. 2021: 24):

Entscheidungen können in diesem Modell unabhängig von vorgegebenen ökonomischen Zielen wie einer Wohlfahrtsfunktion (im Sinne einer bloß ökonomischen Optimierung) getroffen werden. (ebd.: 28f.) Es werden wie beim IPCC unterschiedliche Berechnungen für die Länder des globalen Nordens („Annex-I-Länder“) und des globalen Südens („Non-Annex-I-Länder“) durchgeführt. Am Beispiel des Wohnfläche für einen Haushalt wird die Annäherung dieser beiden Regionen gezeigt, wobei sich die Fläche für die  Bewohner*innen des globalen Nordens leicht reduziert, während sich jene für die Bewohner*innen des globalen Südens noch ausweiten kann (übersetzt aus ebd.: 49):

Die Studie unterscheidet sich vor allem dadurch von anderen ähnlichen Treibhausgas-Reduktions-Plänen, weil sie eine gesellschaftliche Transformation einfordert, auch um den sozialen Folgen der Maßnahmen gerecht zu werden. Bei allen anderen Konzepten müssen irgendwie alle Menschen (d.h. nicht die Unternehmen) für die enormen Kosten der technologischen Umstellungen und der CO2-Bepreisung aufkommen. Das ruft berechtigterweise Ablehnung und Verleugnung des Problems hervor. Diese Kostenüberwälzung ist aber nicht alternativlos. Die Studie (Kuhnhenn u.a. 2020: 9) schlägt folgende gesellschaftlichen Maßnahmen vor:

  • Besteuerung von Ressourcen anstelle von Arbeit,
  • Unabhängigkeit der Sozialsystem vom Wirtschaftswachstum,
  • Verkürzung der Arbeitszeit,
  • Einführung eines Grundeinkommens und eines Höchstlohns,
  • Verlangsamung des Lebens und die
  • Demokratisierung der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung.



BürgerInnenversammlung während der Rebellion Wave im Oktober 2019

Damit werden zwar nicht direkt die Treibhausgasemissionen gemindert, aber solche gesellschaftlichen Veränderungen sind notwendig, damit die Reduktionen sozial verträglich sein können und sogar viele Aspekte des Lebens aus den Zwängen der derzeitigen Wachstumswirtschaft befreit werden können. Damit entwickelt die Studie im Unterschied zu allen vom IPCC diskutierten Szenarien ein „Societal Transition Scenario“ (STS), also ein Szenario für eine gesellschaftliche Transformation.

Solche Veränderungen im Lebensstil und die gesellschaftliche Transformation tauchen in den IPCC-Berichten nicht auf. In deren Konzepten scheint sich an unserem Alltagsleben nicht viel ändern zu müssen, außer dass wir alle auf Elektroautos umsteigen müssen und vieles wegen der CO2-Bepreisung teurer wird. Dass sich dann Kernenergie als scheinbare Notwendigkeit aufdrängt und dass die Climate-Engineering-Maßnahmen auch extrem teuer sein werden und vor allem auch gefährlich sein können, wird meistens noch nicht diskutiert. Wir haben gar nicht die Wahl, dass alles bleibt, wie es ist. Wenn nicht alles den Bach runter geht, könnten sich gefährliche und teure „Lösungen“ durchsetzen, die wir auch nicht wirklich wollen können. 

Bei diesen technokratischen Lösungen würden vor allem die Expert*innen zu entscheiden haben, während die in der neuen Studie vorgeschlagenen gesellschaftlichen Veränderungen durch uns alle initiiert, durchgesetzt und gestaltet werden können und müssen. Denn weil es uns danach auch im sozialen Sinn besser geht, können wir das selber wollen, anstatt durch eine Art Ökodiktatur dazu gezwungen werden zu müssen. Wir müssen nur das Ruder rechtzeitig in die Hand nehmen; die Bedingungen für einen guten Ausgang des ganzen Prozesses werden leider im Lauf der Zeit nicht besser.

Dass auch Menschen, die nicht schon von sich aus in Klimabewegungen aktiv sind, durchaus vernünftige Vorschläge ausarbeiten können, zeigte der „Bürgerkonvent für das Klima“ in Frankreich. Dort wurden durch zufällig ausgeloste Menschen u.a. folgende Forderungen aufgestellt: das Verbot von Inlandsflügen ab 2025, ein Tempolimit von 110 km/h auf Autobahnen, eine Kennzeichnungspflicht für den CO2-Ausstoß von Produkten sowie Maßnahmen zur Reduktion von Energie- und Landverbrauch eine Mehrheit (Mathis u.a. 2020). Leider sieht es nicht so aus, als würde Macron sein Versprechen, diese Vorschläge auch aufzugreifen, erfüllen (Phalnikar 2021). Das zeigt, dass das Miteinander-Reden und Vorschläge entwickeln wohl nicht ausreichen wird, um wirksame Veränderungen durchzusetzen.

Die Bewegung Extinction Rebellion (XR) ist entgegen ihrem eigenen Wunsch (und weil sie Bürger:inneräte zum Klimathema ja schon lange forderte), im Unterstützer:innenbündnis des Bürger:innen-Rats Klima nicht vertreten (XR 2021). Spätestens wenn es um die Umsetzung der Vorschläge geht, wird sie wieder auf der Straße sein.

Wenn wir uns nicht auf den Weg eines „Degrowth by Design“ begeben, rutschen wir in ein „Degrowth by disaster“ (Kuhnhenn u.a. 2020: 9). Wir werden uns dann spätestens von unserer Enkelgeneration fragen lassen müssen, warum wir die gute Option eines besseren Lebens mit geringerer Konsumlast nicht angenommen haben und dafür gekämpft haben, als es noch nicht zu spät war…

P.S. Jede andere aktive Klimabewegung ist natürlich auch super, wie „Parents for Future“ oder „Klima und Klasse“ … 😉

Quellen

Diermann, Ralph (2021): Internationale Energie-Agentur IEA erwartet für 2021 deutlich mehr CO2-Emissionen. (20. April 2021). pv magazine.

IPCC (2018): Global Warming of 1,5°C (Sonderbericht über 1,5°C globale Erwärmung) (SR1.5)

Konzeptwerk Neue Ökonomie (2020): Zukunft für alle.

Kuhnhenn, Kai; Costa, Luis; Mahnke, Eva; Schneider, Linda; Lange, Steffen (2020): A Societal Transformation Scenario for Staying Below 1.5°C. Heinrich Böll Stiftung. Konzeptwerk Neue Ökonomie.

Mathis, Okka Lou; Hartmann, Nicole; Erhardt, Heiko (2020): Bürger:inneversammlungen als Weg aus dem Klima-Dilemma. 25.06.2020.

Phalnikar, Sonia (2021): Klimaschutz in Frankreich: Bürgerversammlung gescheitert? Deutsche Welle 16.02.2021.

Schlemm, Annette (2019a): CO2-Steuer – Zwischenlösung oder Alibi?

Schlemm, Annette (2019b): Was können wir uns auf der Erde leisten?

Schlemm, Annette (2020): Negativ-Emissionen.

Solarserver (2021): IEA befürchtet massiven Anstieg der globalen Kohlendioxidemissionen. 20.04.2021.

taz (2021a): Emissionshandel wird Klimaschützer. taz.

taz (2021b): Ein Flug alle drei Jahre. taz

XR (2021): Der Bürger:innen-Rat Klima aus der Sicht von XR. 12.04.2021.

(alle Internetquellen wurden zuletzt abgerufen 2021-04-21)