Geplanter, beim Reden gekürzter
Redebeitrag auf der Trauerfeier für den sterbenden Wald
am 22.05.2021 in Jena

Der utopische Kommunist Théodor Dézamy schrieb im Jahr 1842 etwas, das auch für unsere Haltung hier und heute gelten kann:

„Ich gehöre nicht zu jenen Unglückspropheten, die nur Sturm und Umsturz verkünden. Im Gegenteil: weil ich den Sturm herannahen und schon das alte Gebäude in seinen Grundfesten krachen höre, komme ich, vom Eifer für die gesellschaftliche Ordnung beseelt, meinen Stein zum großen sozialen Bauwerk beitragen…“

Diese Frage steht immer noch: In welcher gesellschaftlichen Ordnung können wir gut leben, ohne unsere Mitwelt und die stabilen Klimabedingungen zu zerstören? Eine Studie von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Konzeptwerk Neue Ökonomie untersuchte, wie sehr wir unser Leben ändern müssen, wenn die global-durchschnittliche Temperaturerhöhung unter 1,5 Grad bleiben soll.

Was also muss – nach dieser Studie – geschehen?  

  • der Autoverkehr in den Städten muss um 81 Prozent sinken,
  • der Wohnraum pro Einwohner muss um 25 Prozent sinken,
  • die Zahl von elektrischen Geräten wie Waschmaschinen muss sich halbieren,
  • ein Flug ist nur noch aller drei Jahre möglich,
  • der Fleischkonsum muss schon bis 2030 um 60 Prozent zurückgehen.

Ist das wirklich so schlimm, wenn die Alternative nur darin besteht, immer mehr unter den Folgen des Klima-Umbruchs leiden zu müssen? Und außerdem: Lebt es sich nicht sogar besser mit weniger Autos oder mit anderen Wohnkonzepten mit mehr gemeinschaftlicher Nutzung von Räumen und Haushaltsgeräten? Wer kann denn heute sich überhaupt Flüge leisten und was macht die Fleischernährung mit unserer Gesundheit?

Dass ein anderes, ökologisches und Klimagerechtes Leben auch ein besseres Leben sein kann, hat das Konzeptwerk Neue Ökonomie schon im vorigen Jahr gezeigt: Sie führten einen Kongreß zum Thema „Zukunft für alle“ durch, für den sie in vielen Gesprächen mit der Methode der Zukunftswerkstätten ein Buch vorbereitet hatten: „Zukunft für alle – Eine Vision für 2048“.

Hier werden Bausteine vorgestellt für eine Welt, in der globale Gerechtigkeit und Demokratie verwirklicht sind, in der es eine demokratische Selbstbestimmung auch in der Wirtschaft gibt. Dabei hat die Wirtschaft soziale und ökologische Ziele zu erfüllen, nicht Profite zu scheffeln – somit auch die Systemfrage gestellt ist. Sorgearbeit wird als wesentlicher Bereich der Arbeit gesehen, Recycling und Kreislaufwirtschaft sind selbstverständlich. Soziale Garantien werden gewährleistet und für Menschen in Bewegung gibt es allerorten echte Willkommenszentren. Sicherheit, Gestaltbarkeit, Solidarität und Vielfalt prägen diese Praxen. Meines Erachtens ist dieses Konzept so weit gefasst, dass sich die Wünsche und Bedürfnisse der allermeisten Menschen hierin wiederfinden dürften. Aber es ist auch sinnvoll, sich einzelnen Konzepten für eine klimafreundliche, nachkapitalistische Gesellschaft zu widmen. Als besonders spannend finde ich die Konzepte und Praxen des Commoning, also der selbstorganisierten und kollektiven Verfügung über Ressourcen und Güter, die wir zum Leben brauchen. Eine andere Debatte, nämlich die des Öko-Sozialismus, widmet sich stärker einer angemessenen Gestaltung gesamtgesellschaftlicher Strukturen.

Worauf warten wir also noch? Ich hoffe, ich habe hier Leute vor mir, von denen der Autor Charles Eisenstein schrieb:

„Diesen Leuten muss man nichtsagen, was die Probleme sind. Man muss ihnen nicht einmal sagen, was die Lösungen sind.“

Mischen wir uns also ein in die Erarbeitung eines angemessenen Klimaaktionsplanes in Jena. Ein Klimaentscheid für ein klimaneutrales Jena ab 2035 wird gerade vorbereitet und kann engagierte Mitstreiter*innen gebrauchen. Außerdem öffnet die „Zukunftswerkstatt Jena“ sich speziell für weitergehende Debatten über die


Gestaltung einer „Klimagerechten Zukunft für Alle“ (und kann gerne kontaktiert werden unter: kza@zw-jena.de).