Dieser Text gehört zur Vorstellung des Buches „Omnia Sunt Communia“ von Massimo de Angelis.

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Commons in Transformation/Revolution

Angesichts des koevolutionären Ineinandergreifens von Bewegungen gegen die Folgen des Kapitalismus und Commons ist auch danach zu fragen, wie Commons selbst zu einer transformativen Macht werden können (de Angelis 2017: 363ff.). Commons sind nach de Angelis „verborgene, latente materielle Bedingungen, in denen eine klassenlose Gesellschaft Gestalt annehmen kann“ (de Angelis 2014: 6). „The Commons“ ist der Zielhorizont einer Transformation, der sich nicht nur durch ein Negativum bezeichnet („klassenlos“), sondern auch durch das, was dann die vorherrschende Lebens- und Organisationsform der Menschen sein könnte.

De Angelis spricht sich – wie die meisten heutzutage -gegen eine klassische Revolutionsvorstellung aus, derzufolge zuerst eine politische Machtübernahme erfolgt und dann auf dieser Basis das gesellschaftliche Leben neu gestaltet wird. Die gesellschaftliche Revolution wird demgegenüber als lange Epoche betrachtet (de Angelis 2017: 269) und besteht aus einer Abfolge von Bewegungskämpfen und Commonsbildungen, die sich gegenseitig bestärken und im Laufe der Zeit zu einem Anwachsen der alternativen Lebens- und Produktionsweisen bis hin zu einer Überwindung der kapitalistischen Hegemonie führen (ebd.: 11). Die diese Entwicklung vorantreibenden Kräfte werden von den Commoners aufgebracht, wozu alle gehören, die sich hier einbringen, auch unbezahlt Arbeitende und sogar Kleingewerbetreibende (ebd.: 183). Das Entscheidende am Übergang zu den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen ist, dass letztlich mit den Commons jene Probleme gelöst werden, die das Kapital nicht lösen kann (weil es sie erzeugt) (vgl. de Angelis 2014). Die von Marx betonte Eigentumsfrage wird durch die „Commonalisierung“ beantwortet, das heißt, die notwendigen Lebensgrundlagen sollen unabhängig vom Kapitalreproduktionskreislauf erzeugt werden und bzw. bis dahin soll aus diesem entnommen werden – durch Kauf oder wie auch immer – , was gebraucht wird.

Strategische Fragen

Die Überlegungen zur Transformation setzen eine Vorstellung voraus, wie solche Übergänge ablaufen. De Angelis geht davon aus, dass Alternativen zuerst latent vorhanden sind und sie sich dann in einer Übergangsperiode bis hin zur dominanten Form der Re-Produktion entwickeln, wobei sie an einem bestimmten Punkt „explodieren“ (de Angelis 2017: 278). (vgl. den „Keimform“-Gedanken bei keimform.de). Dieser Punkt ist so etwas wie ein Kipp-Punkt, der erreicht wird, wenn eine „kritische Masse“ von Commons entstanden ist. Dann wird das gesamte soziale Gefüge („social fabric“) verändert, also der „soziale Raum, der durch die Vielfalt der sozialen Systeme in ihren strukturell gekoppelten Interaktionen gebildet wird“ (ebd.: 366f.). Das braucht nicht nur ein „Nein“, das von John  Holloway beschworen wird, sondern ebenso bereits eine „Vielheit von organisierten „Jas““ (ebd.: 311).

Die Übergangsperiode ist von einer dauernden „Doppelbewegung“ bestimmt. Die ablaufenden Zyklen von Einhegung und Erzeugung von Commons zeigten nach de Angelis ebensolche Zylen wie die Klassenkämpfe (de Angelis 2014, zu den Klassenkampfzyklen siehe Silver 2005). Diese Kämpfe können durchaus auch als Klassenkämpfe verstanden werden, wobei die Beteiligten als Commoners ebenso alle damit verbunden oder zusätzlichen Spaltungen untereinander überwinden müssen (de Angelis 2017: ebd.: 353). Diese Kämpfe spitzen sich dann zu, wenn Commons zur notwendigen Überlebensstrategie werden, d.h. wenn durch Commonalisierung aller Art öffentliche und private Ressourcen zum Überleben übernommen werden (ebd.: 363f.).

Die Handlungen müssen demnach auch jeweils auf zwei Ziele ausgerichtet sein: 1. das Nein gegen kapitalistische Ausbeutung und jegliche andere Formen der Unterdrückung und Entrechtung zu stärken und 2. das Ja der eigenen sozialökonomischen Alternativen zu stärken. Wenn eine Transformation gelingen soll, müssen sich Commons-Ökologien entwickeln, die immer größeren sozialen Raum einnehmen (ebd.: 11). Das Wachstum kann nach de Angelis gespeist werden durch das Einbringen eigener Materialien oder Finanzen durch die Beteiligten, durch Spenden, durch die Übergabe von Ressourcen durch den Staat und durch Enteignungen wie bei der Brasilianischen Landlosenbewerung) (ebd.: 95f.). Lediglich die Übernahme von Krediten schließt de Angelis aus. Wie schon erwähnt, ist es ganz wesentlich, frühere Spaltungen zu überwinden, indem sich Bewegungen und Commons mit unterschiedlichen Schwerpunkten verbinden: „Ich gehe von einer verallgemeinerten Veränderung der zeitgenössischen sozialen Bewegungen zu Commons-Bewegungen aus“ (ebd.: 25). Nick Dyer-Witheford schreibt davon, dass nicht nur ein Maulwurf (das Proletariat, wie bei Marx) den Kapitalismus untergräbt, sondern ein „Stamm aus Maulwürfen“, die ein Netzwerk aus Tunneln durch Schulen, Haushalte und Sozialämter graben. (Dyer-Witheford 2006).

Priorität haben dabei nach Massimo de Angelis jene Bereiche, die direkt mit der Reproduktion des menschlichen Lebens und der Natur zu tun haben (de Angelis 2017: 14). Denn es ist der Entzug der Möglichkeiten zur eigenständigen Reproduktion, die das Klassenverhältnis des Kapitalismus bestimmt (Trennung der Menschen von ihren Produktionsmitteln). Dyer-Witheford hatte vor allem den Bereich der „networked Commons“ im Bereich des Immateriellen als wesentlich angesehen (Dyer-Witheford 2006).

Die üblichen Politikformen allein werden nach de Massimo das Machtgefüge nicht grundlegend ändern können – gleichzeitig sind sie vor allem während der Übergangsperiode auch ein wichtiges Kampffeld (de Angelis 2014, de Angelis 2017: 265ff.). Terrence Love und Trudi Cooper haben 2007 aus den Erkenntnissen der Systemtheorie einige Hinweise für eine Strategie für politischen Aktivismus abgeleitet. Demnach müssen 1. Schwachstellen in der Kontrolle der bisherigen Systemreproduktion ausgemacht werden. Hier können eigene Teilsysteme implementiert werden (Love, Cooper 2007: 9). Durch weitere Kämpfe kann 2. die herrschende Kontrollvielfalt „überladen“ werden. Schließlich können 3. die Commons die Kapital- bzw. die staatlichen Regulationen ersetzen. Das gelingt dann, wenn die Commons(bewegungen) die gesellschaftliche Komplexität mit ihren eigenen Lösungen managen können (de Angelis 2017: 384), d.h.  Commons überflügeln dann Kapital und Staat mit besseren Lösungen (ebd.: 385).


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