Dieser Text gehört zur Vorstellung des Buches „Omnia Sunt Communia“ von Massimo de Angelis.


Zweifel an der präfigurativen Politik

Die bei Massimo de isngelo vertretene Strategie des Zurückdrängens der kapitalistischen Produktion, das durch Kämpfe und Konstitution von neuen Lebens- und Wirtschaftsformen erreicht werden soll, erinnert mich an die Konzeption des „Auskooperierens“, die in dem Diskussionszusammenhang „Oekonux“ lange Zeit vertreten wurde (Meretz 2008). Im Konzept von de Angelis wachsen dabei die alternativen Produktionsweisen schließlich an und diese sind dann die materielle Bedingung für die nachfolgende, den Prozess abschließende politische Umwälzung. Diese Theorie der sog. präfigurativen Politik ist seit langem in libertären, anarchistischen Debatten bekannt. Sie sagt zwar, was sie will, aber sie hat sich meines Wissens auch nicht wirklich mit dem Gegenargument beschäftigt, das ich aus meinen ML-Zeiten her kenne und das mir noch nicht widerlegt scheint: Die Gesellschaftsordnung des Kapitalismus konnte sich durchaus im Schoße des Feudalismus ökonomisch „wie ein Maulwurf“ vortunneln und die ökonomisch-materiellen Voraussetzungen für den Kapitalismus schaffen, dessen Macht dann „nur“ noch durch politische Revolutionen bestätigt zu werden brauchte. Denn die frühere feudale Macht reproduzierte sich nicht primär als ökonomische/ökonomiedominierte Gesellschaftsordnung, so dass ihr die materiellen Bedingungen „unterm Hintern weggenommen“ werden und entsprechend der neuen Gesellschaftsformation umgestaltet werden konnten. Die kapitalistische Gesellschaft basiert jedoch im Wesen auf der Trennung von Menschen vom Eigentum an den wichtigen Produktionsmitteln. Deshalb können sie, eigentlich per definitionem, den Kapitalismus nicht austricksen, indem sie sich von dessen Reproduktionsform unabhängig machen, indem sie sich mit eigenen Mitteln ökonomisch reproduzieren. Alle Hoffnungen, per Grundeinkommen oder nach-und-nach-Aufkaufen-Praxen, in den Besitz der zur Reproduktion notwendigen Mittel zu kommen, setzen darauf, dass darüber das Klassenverhältnis ausgetrickst werden könnte. Dies gelingt aber beim derzeitigen Kräfteverhältnis nur für die vom Kapital nicht mehr verwertbaren Reste an Ressourcen und Mitteln. Diese können mehr oder weniger prekäre Lebensgrundlagen für Menschen bieten (vgl. das Umsonstladenkonzept von Hamburg), was für den Kapitalismus, der mehr und mehr Menschen nicht mal mehr ausbeuten will, recht bequem sein kann. Aber wirklich verallgemeinerbar ist das nicht für alle Regionen, in denen sich die Industrialisierung als Hauptproduktionsweise durchgesetzt hat. Hier führt das Herummogeln um die Marxsche Frage nach der Enteignung der wesentlichen (!) Produktionsmittel durch das Ausweichen auf landwirtschaftlich-handwerkliche Subsistenzproduktion nicht weiter. Den Bereich, in dem der Kapitalismus seine Stärke gewann, den industriellen, kann man nicht „an ihm vorbei“ präfigurativ umgestalten. Hier wäre daran zu erinnern, dass „über Marx hinaus“ nicht an ihm vorbei gehen sollte.


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