Ich habe nun als Einleitung zu meinen zwei Beiträgen zum aktuellen IPCC-Bericht noch eine Einführung in das, was der IPCC macht, geschrieben. Hier ist sie:


Sogar Expert*innen versprechen oder verschreiben sich gelegentlich und sagen „IPPC“ statt „IPCC“. Die Buchstaben kürzen den englischen Namen „Intergovernmental Panel on Climate Change“ ab, was auf Deutsch auch nicht unkomplizierter klingt: „Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen“. Glücklicherweise ist es üblich, das als „Weltklimarat“ abzukürzen. Dieser Weltklimarat wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinigten Nationen (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet und vereint 159 Regierungen als Mitglieder, während mehr als 120 Organisationen als sog. Beobachter registriert sind.

 

Durchschnittlich aller 5 Jahre macht der Weltklimarat deutlich auf sich aufmerksam. Dann wird jeweils der neue Sachstandsbericht über das Thema der Klima- und globalen Umweltveränderungen veröffentlicht („Sachstandsbericht“ heißt auf Englisch Assessment Report, deshalb werden die Berichte auch mit der Abkürzung „AR“ und der jeweiligen Nummer bezeichnet). Hunderte von Wissenschaftler*innen haben hierfür zehntausende von wissenschaftlichen Veröffentlichungen dazu zusammengetragen und ausgewertet und der Zweck der Berichte ist die Information der Entscheidungsträger über die Ergebnisse dieser Arbeiten. Der IPCC ist dabei politisch neutral, er will und soll die Wissensgrundlage für Entscheidungen liefern, aber selbst keine Handlungsempfehlungen aussprechen. Es heißt dann nur: Wenn Ihr dies oder jenes so und so entscheidet, dann sagen wir  Euch, was aus naturwissenschaftlicher Sicht passieren wird. Der IPCC betreibt keine eigenen Forschungen, die Beteiligten arbeiten auch ehrenamtlich. Es gibt für alles mehrere Beratungs- und Begutachtungsrunden. Meist wird auch vermerkt, welche Wahrscheinlichkeit eine Aussage hat und mit welchem Grad an Übereinstimmung diese Aussage getroffen wird. Letztlich schaffen es nur Inhalte in den Bericht, die erstens die ganzen Diskussionsrunden überstanden haben (d.h. die allerneuesten Veröffentlichungen können nicht mehr berücksichtigt werden) und bei denen zweitens ausreichend Übereinstimmung besteht. Es entstehen dabei auch „Konsense durchWeglassen“ (Oreskes et al. 2011: 1024), bzw. ein „middle-of-the-road-reporting“ (d.h. eine Berichterstattung, die die Extreme meidet, sondern auf der „Mitte der Straße“ bleibt) (Spratt, Dunlopp 2018: 34). Auch für den Forschungsprozess wird festgestellt: „In mehrfacher Hinsicht zensiert die Modellierungsgemeinschaft ihre Forschung tatsächlich selbst, um sich an das vorherrschende politische und wirtschaftliche Paradigma anzupassen.“ (Anderson 2016: 9). Derzeitig gilt z.B. noch das Paradigma, nicht zugeben zu wollen, dass es für das Einhalten des 1,5-Grad-Zieles zu spät ist. Da wird dann mit der Hoffnung operiert, dies könnte noch möglich sein, wenn nach 2050 genügend CO2 der Atmosphäre wieder entzogen wird oder es wird gesagt, dass es „physikalisch“ noch möglich sei…, was außer Acht lässt, dass die technologische Umstellungszeit und erst recht die gesellschaftspolitische Trägheit das Ziel außer Reichweite bringt. (Über gesellschaftspolitische Barrieren wird allerdings im jeweiligen Teil III verstärkt nachgedacht).

An der Formulierung der den Berichten vorangestellten „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“ (Summary for Policymakers, SPM) arbeiten ausdrücklich Regierungsvertreter mit, so dass hier am häufigsten aus politischen Gründen Änderungen von dem, was die Wissenschaftler*innen eigentlich sagen wollten, vorgenommen werden. Über ein Beispiel, das vom IPCC selbst genannt wird, berichte ich im Teil zum „geleakten“ (vorfristig veröffentlichten) Teil des aktuellen IPCC-Berichts.

Der erste Sachstandsbericht (AR1) wurde im Jahr 1990 veröffentlicht, gefolgt von AR2 1995, AR3 2001 und AR4 2007. Der letzte vollständige Bericht ist AR5, bei dem 2013 die Arbeit der ersten Arbeitsgruppe (Working Group: WGI) zur naturwissenschaftlichen Grundlage erschienen ist, gefolgt von den Teilen „Auswirkungen, Anpassungen und Anfälligkeit“ (WGII) und „Abschwächung des Klimawandels“ (WGIII) im Jahr 2014. 5 Jahre sind mittlerweile sehr lang in der Forschung, deshalb wurden diesmal zwischendrin mehrere Berichte über Teilthemen veröffentlicht. Viel diskutiert wurde vor allem der Sonderbericht „1,5°C Globale Erwärmung“ von 2018 (abgekürzt als SR1.5 = Special Report zu 1.5) gefolgt vom „Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme“ und dem „Sonderbericht über Ozean und Kryosphäre“. Auch über die Entwicklung der angewandten Methoden gibt es Sonderberichte. Der Umfang eines Berichts kann enorm sein. So umfasst allein der Bericht der Arbeitsgruppe I (WGI) des 6. Sachstandsberichts, der Anfang August veröffentlicht wurde, ganze 3949 Seiten!

Die IPCC-Berichte werden von Beginn an von der Szene der Klimawandelleugner und -verharmloser angegriffen. Eine überwältigende Zahl von Aussagen über zukünftige Entwicklungen bei entsprechendem Handeln bzw. eher Nicht-Handeln sind jedoch bestätigt worden. Oft sogar übertroffen. Das arktische Eis etwa verschwindet schneller als vorhergesagt und der Anstieg des Meeresspiegels folgt der oberen Grenze des prognostizieren Unsicherheitsbereichs. Hier kann man also überhaupt nicht sagen, die Berichte wären „zu alarmistisch“. Zu einem Eklat kam es wegen zwei echten Fehlern im AR4. Da wurde geschrieben, der Himalaya-Gletscher würde bis 2035 abschmelzen. Dies wurde aus einer Studie aus den 1990er Jahren abgeschrieben, und keiner hat gemerkt, dass dies nicht dem aktuellen Stand des Wissens entspricht. Der heutige Stand dazu ist: Auch bei einer Begrenzung global-durchschnittlichen Erderwärmung auf 1,5 Grad wird ca. ein Drittel des Gletschereises bis 2100 schmelzen (Wester et al. 2019). Außerdem beschleunigt sich das Abschmelzen: die Abschmelzrate aus der Zeit zwischen 1975-2000 von -3,9 (± 2,2) GT/Jahr erhöhte sich in der Zeit zwischen 2000 und 2011 auf -7,5 (± 2,3) pro Jahr (IPCC AR6_WGI: 8-43). Der zweite Fehler war eine zu große Fläche, die für die Niederlanden als bedroht angesehen wurde, was schon in der Quelle von der niederländischen Umweltbehörde falsch war. Diese Fehler werden natürlich von den Leugnern und Skeptikern hochgespielt. Von anderen „Skandalen“ mal noch abgesehen… Aber die Erfahrungen hiervon führen wohl auch dazu, dass die Wissenschaftler*innen jetzt eher übervorsichtig sind…

Ein weiterer Grund für die häufige Zurückhaltung vieler Klimawissenschaftler*innen ist die Angst, die Menschen zu sehr zu verschrecken. Der damalige Leiter des britischen Tyndall Centre for Climate Change Research, Mike Hulme äußerte die Befürchtung, „Leugnung, Lähmung und Apathie“ könnten entstehen (nach SPIEGEL 2007).

Inzwischen kann auch über die Berichte hinweg verfolgt werden, wie sehr jedes Mal die Einschätzungen der Gefahren verschärft werden mussten. Seit dem dritten Sachstandsbericht wird eine seither immer wiederkehrende Abbildung „Burning Embers“ (Brennende Glut) genannt. Dabei werden für Faktoren, die Risiken darstellen, wie die Kipp-Elemente im Klimasystem, Farben von weiß über gelb bis rot und neuerdings lila verwendet, um für die Werte der möglichen globalen-durchschnittlichen Temperaturerhöhung das Maß des Risikos für den Faktor anzugeben. Für die „großräumigen Diskontinuitäten“, also schnelle und irreversible Veränderungen, wurde einst (AR 3=TAR von 2001) erst im Bereich zwischen 3 und 4 Grad Temperaturerhöhung ein „mäßiges“ Risiko angenommen. Im Sonderbericht SR1.5 von 2018 liegt dieser Bereich, in dem das mäßige Risiko beginnt, schon bei einem Grad (das global durchschnittlich schon erreicht ist!) und ein hohes Risiko dafür wird dann bei über 2 Grad angenommen! Die folgende Abbildung (aus Zommers et al. 2020:522) zeigt diese Verschiebung zeigt diese Verschiebung der Risiken in geringere Temperatursteigerungen:

Trotz aller Zurückhaltung ist nicht mehr zu übersehen, dass die Warnanlagen hochrot blinken müssten.


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Literatur:

Anderson, Kevin (2016): Going beyond ‘dangerous’ climate change. LSE presentation, 4 February 2016.

Horn, Eva (2021): „Die  1,5 Grad sind auch nicht der Punkt. So wenig wie möglich ist der Punkt!“. Online: https://www.klimafakten.de/meldung/die-15-grad-celsius-sind-nicht-der-punkt-so-wenig-wie-moeglich-ist-der-punkt (abgerufen 2021-09-02)

Mora, Camilo; Dousset, Bénédicte; Caldwell, Iain R., at al. (2017): Global risk of deadly heat. Nature Climate Change, 7 (7). pp. 501­506. ISSN 1758­678X.

Oreskes, Naomi, Stainforth, David A.; Smith Leonard A. (2011): Adaptation to Global Warming: Do Climate Models Tell Us What We Need to Know? Philosophy of Science, Vol. 77, No. 5 (December 2010), pp. 1012-1028

SPIEGEL 2007: Grabenkämpfe um bunte Landkarten. Online: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/neuer-uno-klimabericht-grabenkaempfe-um-bunte-landkarten-a-475734.html (veröffentlicht 2007-04-04, abgerufen 2021-09-02)

Spratt, David; Dunlop, Ian (2018): What lies beneath. The Understatement of existential climate risk.

Wester, Philippus; Mishra, Arabinda; Mukherji, Aditi; Shrestha, Arun Bhakta (Ed. 2019): The Hindu Kush Himalaya Assessment. Springer. WMO (World Meteorological Organization) (2021): Weather-related disasters increase over past 50 years, causin more damage but fewer deaths. Online: https://public.wmo.int/en/media/press-release/weather-related-disasters-increase-over-past-50-years-causing-more-damage-fewer (veröffentlicht 2021-08-31, abgerufen 2021-09-02)

Zommers, Zinta et al. (2020): Burning embers: towards more transparent and robust climate-change risk assessment. Nature, October 2020, Vo. 1, pp. 516-529.