Von Kim Stanley Robinsons Themenwahl bin ich immer wieder begeistert. Zwischen 1992 und 1995 hatte er die berühmten drei Marsromane (Roter Mars, Grüner Mars, Blauer Mars) geschrieben, in denen er die Utopie einer letztlich kommunistischen Welt nicht aufgibt, sondern für eine Besiedlung des Mars neu durchdenkt. Aber dann wechselt er das Thema. Er geht zurück auf die Erde und behandelt in drei Romanen zwischen 2004 und 2007 den drohenden gefährlichen und menschlich verursachten Klimawandel (Forty Signs of Rain, Fifty Degrees Below, Sixty Days and Counting, nicht ins Deutsche übersetzt). Im Roman „2312“ aus dem Jahr 2021 schließlich taucht ein unverzichtbares Motiv aller künftigen Zukunfts-SF auf: Für das im Titel angegebene Jahr wird nur noch fast nebenbei erwähnt, dass es keine Eisdecke mehr gibt auf der Erde, dass weite Küstenbereiche überschwemmt sind, dass das Ausbringen von Schwefeldioxid in die Atmosphäre auch nicht mehr viel genützt hat… und es immer noch Reste des Kapitalismus gibt. In New York „schimmerten… die braunen Umrisse der versunkenen Halbinsel Florida unter der Meeresoberfläche“. Das Zeitalter der Climate-Fiction ist nicht mehr aufzuhalten. Alle Zukunftsvorstellungen müssen beinhalten, was mit ziemlicher Sicherheit passieren wird in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten und die Bedingungen dafür sind weniger utopisch als dystopisch. Ich kann mich noch erinnern, dass dieses Bild der künftigen Vergangenheit aller Zukunftsoptionen für mich auch der Auslöser war, 2013 die Broschüre „Schönwetter-Utopien im Crashtest“ drucken zu lassen. Genau jetzt – am historischen Verzweigungspunkt, da es noch möglich scheint, das Schlimmste aufzuhalten, bleibt Robinson mit seinem neuen Buch „Das Ministerium für die Zukunft“ nah dran an unsrer Gegenwart. Alles dort Beschriebene könnte hier und heute beginnen.

Eine Hitzewelle bringt in Indien Millionen Menschen um. Was den Rest der Welt erst mal genau so wenig stört, wie die 70 000 Hitzetoten der echten Hitzewelle von 2003 in Europa. Mit etwas Verzögerung geschieht dann doch etwas. Die Unterzeichnerländer des Pariser Klimaabkommens gründen ein Ministerium für die Zukunft. Außerdem beginnt eine Zeit der Konflikte und von Experimenten zur Rettung eines stabilen Klimas. Es besteht keine Zeit mehr für lange gesellschaftliche Debatten, wers technisch machen kann, tuts einfach. Und Robinson lässt das durchgehen, im allgemeinen sind diese Experimente bei ihm sogar erfolgreich. Weniger erfolgreich ist nach wie vor die politische Bürokratie, auch jene des Zukunftsministeriums. Manchen ist das zu zaghaft und zu langsam, sie greifen Vertreter des alten Systems direkt und körperlich an. Wie weit darf man gehen, um die Welt zu retten? „Wenn Sie aus der Zukunft wären und genau wüssten, dass es früher Leute auf der Welt gab, die sich mit aller Kraft gegen den Wandel gestemmt und damit Ihre Kinder und Enkelkinder zum Tod verurteilt haben, würden Sie doch auch für die Ihren eintreten.“ Oder nicht?

Einer, der das große Sterben in Indien durchleiden musste und die Chefin des Zukunftsministeriums sind die Hauptprotagonisten des Romans, die wir und die sich immer einmal wieder treffen. Wie immer enttäuscht Robinson darin, den Menschen Kontur und menschliche Tiefe zu geben, sondern sie sind eher Puppen, die das von Robinson Gewünschte sagen, damit wir Leser:innen es erfahren. So kommt dieser Roman auch zu weiten Teilen wie ein von den Protagonisten im Dialog mitgeteiltes Sachbuch daher. Sehr kenntnisreich über alles, was wir aus den Natur- und Klimawissenschaften wissen über die kommenden bedrohlichen Trends und durch die Dialogform auch einigermaßen spannend, wenn man nicht zu viel wirkliche Action erwartet.

Die Frage, warum so wenig Wirksames unternommen wird gegen die Gefahren landet richtigerweise bei der Systemfrage. Wie schon in den Marsromanen geht es auch um die Handlungsoptionen für die Menschen bei der Gestaltung der Zukunft. Konzepte und Projekte wie die 2000-Watt-Gesellschaft, des Kooperativenverbunds Mondragón oder der Einführung einer digitalen Währung für nachgewiesene negative Emissionen („Carboncoin“) und sogar eine „Rote Zukunft“ auf Basis von Computerplanungen werden durchdiskutiert. Was wird auf dem Weg zur versuchten Rettung nicht alles versucht. Demonstrationen reichen nicht: „Demonstrationen sind wie Partys. Die Leute feiern, und dann gehen sie wieder nach Hause. Nichts verändert sich.“ Der Weg über die Gesetzgebung erscheint viel zu langsam. Inzwischen verschärft sich die Situation – erst mal noch im Roman, aber in dem wird nur beschrieben, was in vielen Teilen der Welt längst begonnen hat. „Erst wenn alles auseinanderfällt, merkst du, dass es auch dir passieren kann“. Wenn nach einer der nächsten „Jahrhundertfluten“ nicht einfach wieder alles aufgebaut werden kann und der Staat nicht mehr für das nicht mehr versicherbare Risiko einstehen kann. Weder für die Flutopfer, noch die gestorbenen Wälder oder die Ernteverluste. Wenn Du im Sommer wegen der Hitze nur noch abends rauskannst, wenn Du vor jeder Reise erst checken musst, welche Strecken wegen Unwetter mal wieder gesperrt sind, wenn nach und nach die Lebensmittel in den Supermärkten nicht nur teurer, sondern echt knapp werden. Dann werden wir uns die sozialen und auch die Versorgungsverhältnisse aus den altsozialistischen Zeiten eher zurückwünschen oder, dass wir die Zeiten des Überflusses besser genutzt hätten, nicht nur reich und privilegiert, sondern klug und gut zu werden. Ab wann gilt diese Zeitbeschreibung: „Obwohl sie nicht mehr lebte, lief die Zivilisation weiter auf der Erde herum und wankte auf ein Schicksal zu, das noch schlimmer war als der Tod“?

Leider muss es erst schlimm werden, ehe die, bei denen es eh nicht mehr so weiter geht wie vorher, in großem Ausmaß Neues probieren. Im Roman ist es nicht zufällig Indien, wo sich neue Praktiken z.B. der gemeinsamen Landarbeit entwickeln. Und nicht zufällig beginnen die Menschen gerade in Paris nach einem großen Aufstand wenigstens zeitweise „ein postkapitalistisches und sogar postmonetäres Gemeinwesen“ zu entwickeln, „ in dem die Menschen alles Notwendige“ tun, „damit alle zu essen“ haben. Ist es utopisch, überleben zu wollen? Robinson kann sich einiges ausdenken. Aus dem Nichts heraus wie einst der Klimastreik von Greta Thunberg könnte noch einiges entstehen in der nächsten Zeit. In einer globalen Streikwelle bekommt in Robinsons Roman der Schulden-Streik eine enorme Bedeutung. Wenn genügend Menschen ihre angehäuften z.B. Studienschulden nicht bezahlen, ist das aufs Funktionieren der Geldwirtschaft angewiesene System ziemlich am A… . Gleichzeitig muss natürlich eine alternative Versorgungsstruktur aufgebaut werden. Solange dabei nicht an die Übernahme eines global funktionierendes großindustriellen Systems gedacht wird, scheint das auch schaffbar. Und solange nicht die Eigentumsfrage für die Agrarflächen gedacht wird. Aber das werden sie schon merken, wenn sie den Auftrag der Chefin des Zukunftsministeriums annehmen: „Schaffen Sie die nächste politische Ökonomie. Erfinden Sie den Postkapitalismus!“. Dies fällt erst auf fruchtbaren Boden, als das alte System längst ins Rutschen gekommen ist. Das ist „als würde man erst nach dem Sprung in den Abgrund den Fallschirm erfinden“. Aber letztlich wird „der beste Plan B […] aus der Masse hervorgehen“ – oder es wird keinen geben. Im Roman wird nicht plötzlich alles gut. Es gibt mitten im Abrutschen der früheren Zivilisationen viele hoffnungsvolle Neuaufbrüche, aber keine Gewissheit der Rettung. Weiterhin gilt: „Plan A fallen lassen, wenn alles schiefgeht, und Plan B umsetzen: Überleben! Man muss einfach ständig improvisieren und das Nötige tun, dann überlebt man vielleicht.“ Mehr Hoffnung gibt es nicht.

Der neue Roman von Kim Stanley Robinson spielt wirklich nicht in der Zukunft, denn es gilt hier und heute:

„Wir wissen, dass wir alle in einem Dorf mit acht Milliarden Nachbarn leben. Das ist unser Jetzt. Entweder sind alle zufrieden, oder keiner ist sicher.“


Robinson, Kim Stanley (2021). Das Ministerium für die Zukunft. München: Heyne.