Ich rezensierte gerade ein neu herausgegebenes Buch des Philosophen Helmut Fahrenbach über „Wesen und Sinn der Hoffnung“ (Talheimer 2021). Hoffnung??? Hoffnung!!! Dieses Thema, so scheint mir, ist dringender denn je. Für mich zumindest. Mir war der Autor schon aus Sammelbänden mit Texten über den Ernst Bloch bekannt, dessen Philosophie er – durchaus mit kritischen Einwänden – in ihrer Einheit von marxistischen und metaphysischen Momenten erkannte.

In den folgenden Blogbeiträgen stelle ich – über den Text der Rezension hinausgehend – wichtige Gedanken aus dem Buch vor:


Fahrenbachs Konzept von Wesen und Sinn der Hoffnung

Das neu herausgegebene Buch vereint Teile der Dissertation des Autors aus dem Jahr 1955 mit späteren Arbeiten, in denen er das Thema „Hoffnung“ neu und weiterführend beleuchtet.

In der Dissertation wird das Thema Hoffnung phänomenologisch ausgelegt. Dies geschieht in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten:

1.

Zuerst wird darauf geschaut, wie sich die Hoffnung im Erleben der Menschen konkret zeigt. Daraus folgt: „das Hoffen bezieht sich also immer auf ein (mir) zuträgliches Zukünftiges“ (Fahrenbach 2021: 29). Dabei unterscheidet sich das Hoffen vom Erwarten oder Wünschen, denn: „Weder eignet ihm die Sicherheit der Erwartung noch die völlige Ungewissheit des Wünschens, sondern es ist die Bekundung einer eigenen „Zuversicht“ hinsichtlich des (unverfügbar) Zukünftigen.“ (ebd.: 30) (auf weitere Unterscheidungen werde ich im nächsten Teil näher eingehen)

Dabei zeigt sich, dass die Hoffnung ihren Ort in der „Sorgestruktur des Daseins“ (Heidegger, zit. ebd.: 34) hat. Menschliches Dasein ist auf die Zukunft gerichtet, Menschen verstehen sich, indem sie sich an den Möglichkeiten, die das eigene Sein-Können beinhalten, orientieren. Der Ort der Hoffnung ist demnach „die zeitlich fundierte Sorgestruktur und darin insbesondere die Zukünftigkeit des Daseins im Sich-Vorweg-sein“ (ebd.: 37). In der Hoffnung wird die bedürftige Gegenwart in die erhoffte Zukunft hinein verlegt (ebd.: 43)

Das Hoffen sagt nicht nur etwas über die Zukunft, sondern auch den hoffenden Menschen. Man könnte sagen: „Sage mir, was Du hoffst, und ich sage Dir, wer Du bist.“ Fahrenbach spricht von einem „Sich-Verstehen aus dem Erhofften her“ (ebd.: 30). Hoffnung, so wie wir sie erfahren, ist also „eine dem menschlichen Dasein mögliche Weise seines verstehenden Verhaltens zur Zukunft zu“ (ebd. 33).

2.

Im zweiten Schritt wird die „formale Wesensstruktur der Hoffnung“ (ebd.: 76) untersucht. Die Grundmomente der Hoffnung werden in drei Ebenen gefunden. Unterschieden werden dabei die drei Fragen: Was wird gehofft? Worauf beruht die Hoffnung? Worumwillen hat der Hoffende diese Hoffnung?

a) Die Frage, was gehofft wird, bezieht sich auf den Inhalt der Hoffnung. Ich hoffe z.B., dass ich zu Weihnachten dieses besondere Buch (…) geschenkt bekomme. 

b) Worauf bezieht sich diese Hoffnung? Darauf, dass ich zu meinen Lieben so eine Beziehung habe, dass sie mir gern etwas schenken, was ich haben möchte. Dies ist die Ebene, in der meine Hoffnung einen Halt findet, worin eine „tragende Zuversicht“ (ebd.: 71) liegt. Oder anders formuliert: Hier wird danach gefragt, worin der Grund für die Möglichkeit des Erhofften liegt. Um hier einmal aus der anthropologisch-existenziellen Analyse herauszusteigen, in der Fahrenbach an dieser Stelle bleibt, sei darauf verwiesen, dass z.B. Jean Paul Sartre diese „tragende Zuversicht“ in der von ihm unterstellten „Geschichte zu einer Bewußtwerdung des Menschen durch den Menschen“ fand:

„[…] die Zukunft wird viele meiner Behauptungen widerlegen; ich hoffe, daß einige erhalten bleiben, aber auf jeden Fall gibt es eine langsame Bewegung der  Geschichte zu einer Bewußtwerdung des Menschen durch den Menschen. […] Erst dann wird alles, was in der Vergangenheit getan worden ist, seinen Platz, seinen Wert bekommen. […] Anders gesagt, man muß an den Fortschritt glauben.“ (Sartre 1991: 16)

c) Die dritte Frage bezieht sich darauf, warum gerade ich hoffe, gerade dieses Buch geschenkt zu bekommen: Dieses erhoffte Buch soll mich in meinen philosophischen Studien voranbringen.

3.

Nun folgt in Fahrenbachs Analyse der Hoffnung eine existenzdialektische Interpretation, wobei Dialektik „je weiter in den Grund verweisend“ (ebd.: 68) bedeutet und damit „immanent kritisch“ (ebd.: 100) ist. Existenzdialektik ist dabei der „existenzial-anthropologische Sachverhalt, dass die Existenz ein Sein in der Bewegung seines Sich-Verstehens ist, welche Bewegung sich letztlich als die Fraglichkeit des Da-Seins zwischen und vor den eigentlichen und verfehlten Möglichkeiten des Existierens vollzieht“ (ebd. 77). Diese Bewegung vollzieht sich in aufeinander folgenden Stadien, denn immer wieder stellen sich neue Existenzfragen (ebd.: 94).

„Der Mensch ist von der Frage nach sich bewegt, und diese Frage entfaltet in der Geschichtlichkeit der Existenz eine innere Dialektik, sofern sie inmitten solcher Situationen, die ein jeweils faktisches in Frage stellen, um des Sich-Verstehens willen, in eine Wende des leitenden Existenzverständnisses nötigt.“ (ebd.: 77, kursiv AS)

In diesen Stadien treten die „möglichen Weisen des Hoffens“ auf (78). Dabei wird die Hoffnung jeweils mit „den konkreten Situationen des Daseins“ (ebd.: 76) verflochten. Zu unterscheiden sind dabei folgende Situationen des Daseins: die alltägliche Situation, die Situation der Kommunikation in menschlichen Beziehungen, die ethische Grundsituation (wo es um Verantwortlichkeit geht, die mit Freiheit und Personalität verbunden ist (ebd.: 87)) sowie um eine mögliche religiöse Bestimmtheit der Existenz (ebd.: 90f.). Diese unterschiedlichen Stadien verweisen auch auf „die Dialektik des Grundes als des möglichen Worauf-Beruhens des Hoffen-Könnens“ (ebd.: 98):

  • In den alltäglichen Situationen entspringt Hoffnung vor allem aus der „vertrauten Kenntnis“ der Bedingungen und damit dessen, was in ihnen möglich und wahrscheinlich ist und mit denen man umzugehen gelernt hat. In Frage gestellt wird diese Hoffnung dann erst durch „Störungen“ solcher alltäglichen Situationen (ebd.: 80). Erst dann gerät das „gängige Verhalten“ in „eine weiterweisende Bewegung“ (ebd.: 82).
    Eine besondere Rolle nehmen die Grenzsituationen ein, bei denen die „gemeine Alltagshoffnung“ verloren gegangen ist. Hier erst geht es um Hoffnung im eigentlichen Sinn. Das „eigentliche Hoffen“ kommt „erst im Umkreis der Situation der Verzweiflung bzw. im Durchgang durch sie zu sich selbst“ (ebd.: 110). “Aus dem Verlust der gemeinen Alltagshoffnung entsteht die echte Hoffnung.“ (Plügge 1960: 437)
  • Menschliche Beziehungen gehören zu den existenziellen Grundphänomenen (Fahrenbach 2021: 83), aus denen Hoffnung erwachsen kann (wie mein Beispiel oben zeigte). Wenn anderes misslingt, gibt es immer noch die liebenden bzw. freundschaftlichen Beziehungen. Dies verweist darauf, dass jeder einzelne Mensch „ursprünglich angewiesen“ ist auf menschlichen Beistand (ebd.: 86).
  • Die ethische Grundsituation verweist darauf, dass mit der Freiheit eine Verantwortlichkeit verbunden ist, die jedoch bewusst erkannt und eingegangen werden muss (ebd.: 87). Dies ist eine individuelle Aufgabe.
  • Für gläubige Menschen gibt es noch eine weitere Dimension von Hoffnung.

4.

Hoffnung ist, und darin steckt der dem Buch seinen Titel gebende Unterschied zwischen Wesen und Sinn, zusätzlich zu den bisher analysierten Bedeutungen auf einen jeweils umfassenderen Sinnhorizont bezogen. Wenn im „Sinn“ ein jeweils umfassenderer Horizont verstanden wird, so findet Hoffnung ihren besonderen Sinn in einem Sinnganzen (ebd. 104f.). Es wird nun gefragt: Welche Bedeutung hat die Hoffnung im menschlichen Leben? (ebd.: 106) Der Sinn in meinem Bücherbeispiel wäre eine umfassende Bildung.

Die „Frage nach dem Sinn […] nimmt das Phänomen als Ganzes in den Blick und fragt nach seiner Bedeutung in einem es selbst umgreifenden Bezugsganzen, weil der Sinn einer Wesenserscheinung immer ihr ganzheitliches Bestimmtsein in einer umfassenden Bedeutungsgesamtheit erfasst.“ (ebd.)

In der Beziehung zu einem umfassenderen Ganzen entsteht das kritische Prinzip, denn „gegen die in der faktischen Erscheinung immer mitgegebenen Weisen der Verdeckung des eigentlichen Sinns“ (ebd.: 105). Wesensbestimmung und Sinndeutung unterscheiden sich deshalb dadurch, dass zur letzteren „eine kritisch-wertende Hinsicht gehört“ (ebd.: 106). Erfüllt das, worauf ich hoffe, tatsächlich den Sinn? Kann ich mich durch dieses Buch wirklich weiterbilden? (Durch das Buch von Fahrenbach auf jeden Fall ;-))

Die Sinnhorizonte beziehen sich auf grundlegende Fragen der menschlichen Existenz. Jedes Handeln ist angewiesen auf die Möglichkeit des Erfolgs durch das eigene Können und der erfolgreichen Veränderung dessen, worauf sich das Handeln richtet.

„Die Hoffnung bzw. das Hoffen-Können ist mit der Existenz da, sofern diese als ein Sein-Können auf die Zukunft gerichtet ist und sich aus eine immer schon irgendwie bezogene Zuversicht zum Hoffen-Können befähigt und ihn ihm bestärkt weiß.“ (ebd.: 107-108)

Das „Hoffen-Können“ ist deshalb eine „Grundbedingung der sinnvollen Lebenstätigkeit überhaupt“ (ebd.: 108). Hoffnung ist mit der Existenz „mit-da und also auch mit aufgegeben“ (ebd.: 106). Sie ist nicht einfach nur „da“, sondern sie muss aktiv „gewählt“ werden, „denn im Hoffen geschieht ein Sich-Entwerfen des Daseins auf Möglichkeiten seines Sein-Könnens hin“ (ebd.: 114). Der Sinn des eigenen Lebens, das, worauf sich Hoffnung gründet und der Inhalt des Hoffens selbst sind nicht einfach nur gegeben, sondern werden je individuell entschieden. Und es muss entschieden werden, wenn nicht reflektiert, so geschieht es unreflektiert. Indem Hoffen auf Möglichkeiten bezogen ist, kann es sich auch verlieren im „bloßen Spiel der Möglichkeiten“ (ebd.: 117) und damit Sinnhorizonte verfehlen. Im „Spiel der Möglichkeiten“ wird die „eigentliche“ Weise des Hoffens nur verdeckt.

„Ist die Hoffnung nicht mehr verstehend-zuversichtliche Antwort auf eine echte Not an der Grenze des Könnens und so auf die Existenz in der Geschichtlichkeit verweisend, dann kann sie zum leeren Aufenthalt des aus seiner Gegenwart ins Schattenreich der bloßen Möglichkeiten flüchtenden Menschen werden.“ (ebd.: 119)

Es kommt dann zu einer „Flucht aus einer fraglichen Gegenwart […] im leichtfertigen und fraglosen Vorwegnehmen der Zukunft“ mit einem „Überspringen der Endlichkeit des Daseins“ (ebd.: 119). Dies könnte man (dies steht so nicht bei Fahrenbach) in Analogie zur Begriffsbildung der „abstrakten Utopie“ nach Bloch (PH: 1237) als „abstrakte Hoffnung“ bezeichnen.

Mit der Fokussierung auf die individuelle Existenz in der phänomenologisch-existenziellen Analyse zeigt sich zugleich die Grenze dieser Betrachtung. Das Individuum wird zwar in „Situationen“ gestellt, aber diese fordern vor allem das Selbstverständnis des Individuums zu einer Entwicklung heraus, nicht etwa ein veränderndes Eingreifen in die Welt. Eine Ausweitung von Fahrenbachs Untersuchung könnte die Frage der Sorge um die Existenz einbetten in die „vorsorgende Daseinssicherung“ durch gesellschaftliche Arbeit, welche in der Kritischen Psychologie die Spezifik menschlicher Bedürfnisse ausmacht (Holzkamp 1983: 62). Wenn Fahrenbach schreibt, dass „die faktischen Möglichkeiten […] dem Dasein aus seiner Geschichtlichkeit“ zukommen, so wäre zu ergänzen, dass die Möglichkeit der Hoffnung wesentlich von den gesellschaftlichen Verhältnissen abhängt, weil diese die Reichweite der Kontrolle über die relevanten Lebensbedingungen und damit die eigene Existenz im Interesse der Vorsorge bestimmen. (vgl. Holzkamp-Osterkamp 1977: 77) Das anthropologische „Verfallensein“ (auf Heideggerscher Grundlage) würde sich dann öffnen in die Richtung der Möglichkeit gesamtgesellschaftlicher Transformationen. Dieses „Verfallensein“ reinterpretiert sich dann als das Bedingtsein von konkreten, aber auch historisch veränderbaren gesellschaftlichen Verhältnissen und eröffnet neue Arten von transformationsbezogenen Möglichkeiten und damit auch Hoffnungen. Man könnte von Möglichkeiten und Hoffnungen erster Ordnung innerhalb der gerade herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse sprechen und von Möglichkeiten und Hoffnungen zweiter Ordnung in möglichen zukünftigen neuen gesellschaftlichen Verhältnissen. Diese Differenzierung wäre auch anschlussfähig an Fahrenbachs Einsicht, dass die individuelle Existenz nichts Isoliertes ist, sondern dass in ihr das Allgemein-Menschliche und dessen Schicksal auf spezifische Weise enthalten sind.