Dies ist Teil 3 eines Textes über „Hoffnung“.


Sinn der Hoffnung heute

Heutzutage gibt es genügend Gründe für Angst und Furcht. Vor 26 Jahren wurde gesagt, dass wir noch 25 Jahre Zeit hätten, eine Klimakatastrophe zu verhindern. Und trotzdem wird noch verkündet, die Uhrzeiger stünden noch auf 1 Minute vor 12 Uhr. Auch andere planetare Belastungsgrenzen, wie die der Zerstörung der Biodiversität oder der Vergiftung der Gewässer mit Stickstoff wurden bereits überschritten. Aus dem „sichere Handlungsraum“ sind wir bereits herausgeschossen und für viele Menschen auf dieser Welt zeigt sich dies durchaus schon in existentiellen Katastrophen. Gleichzeitig sind auch die Kriegsbedrohungen nicht wirklich kleiner geworden. Während allerorten das „Pfeifen im Walde“, dass wir es doch noch irgendwie schaffen könnten, bei der global-durchschnittlichen Erwärmung unter 1,5 Grad zu bleiben, zu hören ist, läuten bei anderen schon längst die Alarmglocken. Mit der Einführung der „Negativ-Emissionen“ in die Szenarien, mit denen das Einhalten der 1,5-Grad-Grenze noch gesichert werden soll, ist eine Bankrotterklärung verbunden, die aber weitgehend übersehen wird (Schlemm 2020). In früheren IPCC-Berichten wurden die Techniken, die zu den „Negativ-Emissionen“ führen sollen (also jene, die zu viel ausgestoßenes CO2 wieder zurückholen sollen), als technisch im großen Maßstab zu ungewiss, zu teuer und wegen der Konkurrenz zu anderen Formen der Landnutzung (z.B. für die Ernährung) als unverantwortbar gekennzeichnet. Inzwischen stehen wir so sehr überm Abgrund, dass sich die letzten Hoffnungen darauf richten. Die bisherigen Hoffnungen aus dem letzten Vierteljahrhundert, die sich auf „Nachhaltigkeit“ ausrichteten und damit auf die üblichen Mechanismen von reformerischer Politik und auch die Unehrlichkeit, mit der die Brisanz der Lege verdeckt wird, weil man Panik oder Apathie als Folge befürchtet, haben dazu beigetragen, viele Gründe von realer Hoffnung zu zerstören.

Wenn jetzt noch über Hoffnung gesprochen werden soll, darf der mögliche „Durchgang durchs …Vernichtende“, von dem auch Ernst Bloch schrieb (Bloch AiC 325), nicht unausgesprochen bleiben. Die jetzt drohende Vernichtung kann nicht beschwichtigt werden mit der Losung, dass die Enkel es ja besser machen könnten. Für Bloch war noch zu hoffen: „Den wir sterben […] so bleibt doch die Erde, und die Waffen lassen sich weiter geben“ (GU II: 338). Auch wenn es nicht direkt zu einem Aussterbe-Kollaps für die Menschheit kommt, ist das für die Überlebenden nicht unbedingt die gute Nachricht. Eine ökologisch verwüstete Erde wird für Jahrhunderte und Jahrtausende ihre Fruchtbarkeit verlieren, eine hoffnungsvolle Utopie ist ein Überleben von wenigen Menschen mit notwendiger harter Arbeit zum Neuaufbau z.B. von fruchtbarer Erde wohl eher nicht. Es klingt ziemlich trotzig, wenn Bloch angesichts der Möglichkeit des Scheiterns verkündet: „Hoffnung ist kritisch, Hoffnung ist enttäuschbar, Hoffnung nagelt aber doch immerhin eine Flagge an den Mast, auch im Untergang, indem er nicht akzeptiert wird, auch wenn er noch so mächtig ist“ (Bloch 1964: 75). Aber es hilft nicht wirklich weiter. Die Hoffnung ist enttäuscht worden. Was nun? Vielleicht ist der Schritt aus der damit verbundenen Verzweiflung in die Angst hinein schon ein Fortschritt. In der Angst ist noch etwas „in der Schwebe“ (vgl. Fahrenbach 2021: 249). Und wenn wir die noch präzisieren könnten zur Furcht vor konkreten Gefahren, könnten wir mit denen vielleicht umgehen. Furcht bezieht sich auf „situationsbezogene und insofern zeitlich und sachlich partikuläre Phänomene“ (ebd.: 159). Diese konkreten Phänomene können wir anpacken. Wir können z.B. daran arbeiten, eine Atmosphäre zu schaffen, in denen wir geflüchteten Menschen eine neue gemeinsame Heimat öffnen – so wie auch wir im Ernstfall aufgenommen zu werden hoffen können. Wir können Verantwortung für unser alltägliches Tun übernehmen, nicht nur als konsumierende Marktteilnehmer_innen oder politisch demonstrierende Akteure, sondern auch als jene Menschen, die tagtäglich im kapitalistischen Produktionsprozess funktionieren, Kapital und Mehrwert „schaffen“ und dabei die Natur zerstören. 

So wie jetzt schon viele junge Menschen wissen, dass sie eh keine Rente mehr zu erwarten haben, so protestieren viele dagegen, dass ihre zukünftige Welt zerstört wird. Es geht eh nicht mehr lange so weiter wie bisher. Wenn wir mehr Furcht vor dem hätten, was durch unsere Zustimmung tagtäglich an Gefahren erzeugt wird, würden wir vielleicht eher aufhören damit. In diesem Sinne müssen wir den Schleier der falschen Hoffnungen zerstören und uns mindestens ent-täuschen. Ob daraus neue „wahre Hoffnungen“ entstehen können, überlasse ich den Jüngeren.