Im neuen Heft der Zeitschrift „Streifzüge“ mit dem Thema „Dystopien“ erschien ein Beitrag von mir zu diesem Thema. Hier die Online-Version:


Schon in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts verschwanden die echt utopischen Romane aus den Verkaufsregalen und die imaginierten Zukünfte wurde lRaut, dreckig und technikversifft. Bis mindestens 2010 sank die Verwendung des Worts[1] „Utopie“ in Büchern nach einem Maximum in den 1980ern stark ab, während das Wort „Dystopie“ einen starken Aufschwung nahm. Auch Agnes Heller schrieb drei Jahre vor ihrem Tod vom „Sieg des dystopischen Denkens“ (Heller 2016: 69). Die Anzahl der Verwendung des Wortes „Zukunft“ schoss ebenfalls in die Höhe. Die „Utopie“ nimmt seit 2010 wieder Anlauf, denn angesichts der Verunsicherung durch die multiplen Krisen wird nun auch wieder verstärkt nach guten Aussichten gesucht. Diese Zahlen unterscheiden nicht nach dem Genre der Bücher, deshalb sind hier fiktionale Geschichten aus der Literatur mit sozialphilosophischen und anderen Texten bunt gemischt. Aber die Übergänge sind sowieso nicht klar und deutlich.

Dies sieht man auch an Texten antiker Autoren. Platon behandelt ein ideales Staatswesen beinah in Erzählform wahrscheinlich nicht nur als Fiktion, sondern als echte Vorausschau auf etwas zu Verwirklichendes. Dies thematisiert er, jeweils in Gesprächsform, zweimal: Zuerst in „Der Staat“ und dann in „Die Gesetze“. Rolf Schwendter findet in dieser Aufeinanderfolge ein Muster, das auch in den späteren Utopien, z.B. bei dem Schweizer Autor P.M. wieder auftaucht: „Dem „besten“ Gemeinwesen folgt das „zweitbeste““ (Schwendter 1994: 46). Diese Abfolge ist z.B. auch bei Ètienne-Gabriel Morelly im 18. Jhd. und Alexander Bogdanow im 20. Jhd.zu finden (und wird sich bei manchen Utopien der heutigen Zeit sicher wiederholen ;-)). In den Marsromanen von Kim Stanley Robinson werden die hochfliegenden Pläne der ersten BesiedlerInnen ebenfalls einem starken Realitätsschock ausgesetzt, als sie diese dann verwirklichen wollen. Aristoteles unterscheidet zwischen einer „schlechthin besten Verfassung“ und der „nach Umständen beste[n]“ (Aristoteles Politik: 123).

Auf Letztere zielt auch Ernst Bloch mit seinem Begriff der „konkreten Utopie“: „Mein Utopiebegriff aber ist konkret, d.h. bezogen auf die in der Realität vorhandene objektive Möglichkeit…“ (Bloch 1976: 115). Insoweit Utopien auf noch offene Möglichkeiten verweisen, fallen vor allem Möglichkeiten zum Besseren in den Blick. Eine Offenheit gegenüber Möglichem muss aber nicht in diese Richtung „vorgespannt“ sein, wie in der Blochschen Philosophie. Mögliches kann auch in eine negative Richtung gehen. Dabei hängt das, was als erwünscht und besser gilt, auch stark von den vorhandenen Verhältnissen ab: „Sage mir, welche Utopien in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit geschrieben worden sind, und ich sage Dir, wie, im Gegensatz dazu, die gesellschaftlichen Bedingungen damals dort gewesen sind“ (Schwendter 1994: 21). Die frühen Staatsutopien z.B. von Campanella sind verständlich als Gegenbild zu einer Gesellschaft, „in der es vor Konkurrenz, Chaos, Interessenwidersprüchen, die notwendige Problemlösungen blockieren, nur so wimmelt“ (ebd.). Während seit den 70er Jahren Utopien mit mehr Ambiguität und auf jeden Fall mit dem Wunsch nach mehr individueller Freiheit vorherrschend geworden sind, könnten in Zukunft kollektivistische Utopien und jene, die eine Unterordnung unter natürliche Reproduktionszyklen implizieren, wieder zunehmen.

Auch das Verhältnis zwischen Utopien und Dystopien hängt von den realen Verhältnissen ab. Die oben genannten Zahlenverhältnisse zwischen Utopien und Dystopien lassen sich zeitgeschichtlich durchaus einordnen. In der Geschichte gibt es immer wieder Zeiten, in denen die Zukunft offener ist als in anderen. Selbstorganisationstheorien nennen diese Zeiten „sensible Phasen“. In den Zwischenstadien ist vieles strukturell oft lange Zeit stark festgezurrt, die Zustände reproduzieren sich immer wieder, entlang von sog. „Attraktoren“. In den „sensiblen Phasen“ werden dafür die Weichen gestellt. Und was in den 90ern des vorigen Jahrhunderts oft noch als offener Möglichkeitsraum erschien, wurde nach den 2000ern durch bereits erfolgte Weichenstellungen weiter geöffnet oder verstellt. Utopien können nicht einfach weiter verfolgt werden, sondern sie müssen sich unterschiedlichen Crashtests (Schlemm 2013) stellen.

Spätestens seit der Jahrtausendwende müssen sich Vorstellungen einer besseren Welt aus marxistischem Impetus heraus die Frage stellen lassen, was von ihnen bleibt, wenn auf die vorher erhoffte Produktivkraftentwicklung verzichtet werden muss, weil sie zu einem großen Teil auf der Nutzung fossiler Energien beruhte. Einst band z.B. auch Max Horkheimer die Utopie daran. Er erkannte das Utopische einer „Assoziation freier Menschen, bei der jeder die gleiche Möglichkeit hat, sich zu entfalten“ (Horkheimer 1937/1979: 176). Die Hoffnung darauf unterscheide sich von einer abstrakten Utopie „durch den Nachweis ihrer realen Möglichkeit beim heutigen Stand der menschlichen Produktivkräfte.“ (ebd.) Claude Lévi-Strauss hatte Zivilisationen, die auf der Steigerung der „verfügbaren Energiemenge pro Kopf der Bevölkerung“ (Lévi- Strauss 1975: 384) beruhen, „warme“ Zivilisationen genannt. Das postfossile Zeitalter kann kein Zeitalter „warmer“ Zivilisationen mehr sein. Worauf käme es stattdessen jetzt an?

Wenn das Kriterium der Entwicklungshöhe „der Grad der Fähigkeit, mit den ungünstigsten geographischen Umweltbedingungen fertig zu werden“ (ebd.) wäre, dann wären Eskimos oder Beduinen im Vorteil. In Zukunft werden jene überleben, die mit den Folgen der Überschreitung der Planetaren Grenzen, insbesondere des Klima-Umbruchs am besten umgehen können. Bedeutet das ein „Streben weg von menschlicher Dominanz und ewigem Wachstum hin zu menschlicher Anpassungsfähigkeit und langfristigem Überleben“ (Le Guin 2020: 78)? Während sich Privilegierte dieser Erde – und dazu gehören wir alle, sofern wir (noch) nicht von Überflutungs- und Unwetterkatastrophen betroffen sind – noch krampfhaft am „business as usual“ festhalten, ballen sich die verhängnisvollen Trends zu einer „katastrophischen Konvergenz“ von ökologischen Zerstörungen, ökonomischer Ungleichheit und dem Zerfall von Staaten[2] (Parenti 2011) zusammen. Dies zerstört die Hoffnung u.a. darauf, mit einer ausreichend mitproduktiven Natur agieren zu können.

Rüdiger Lutz fasste einst aus vielen durchgeführten Zukunftswerkstätten sieben mögliche Zukunftsszenarien zusammen (Lutz 1988: 293). Ich hörte ihn noch in den 90er dazu referieren: Seine Übersicht, bei der auch jedes Szenarium mit jedem anderen kombiniert werden konnte, umfasste: „Computopia“, „Raumkolonie“, „Ökotopia“, „Chinatown“, „Findhorn“, „Dalles“ und „Gaia“. Die Weichen haben sich inzwischen zuungunsten von Ökotopia, Findhorn und Gaia verstellt, wir erleben eine Melange aus Computopia, Chinatown und Dallas. Lutz thematisierte später nur noch eine achte Zukunft: „Corcoran“, was die Bezeichnung des Höchstsicherheitstrakts des State-Prison-Systems in der Wüste Kaliforniens ist (Lutz 2006). Die Verzweiflung über diese Weichenstellung kennzeichnete auch seinen persönlichen Niedergang. Corcoran (2006) entspricht auch ziemlich genau der möglichen Exterminismus-Zukunft aus den „4 Zukünften nach dem Kapitalismus“ von Peter Frase (2016). Die beiden Zukünfte, bei denen es gelingt, bei geringer ökologischer Zerstörung weiter zu leben, nämlich den „Rentismus“ (Überfluss mit gesellschaftlicher Hierarchie) und Kommunismus (Überfluss mit Gleichheit) können wir wohl eh vergessen. Unter Mangelverhältnissen sieht Frase noch die Möglichkeit eines Mangels mit Gleichheit (Sozialismus) und eines Mangels unter hierarchischen Bedingungen (Exterminismus).

Der Film „Elysium“ mit der Elite in der Raumstation und den auf der Erde dahinvegetierenden restlichen Menschen zeigt von der zuletzt genannten und auch wahrscheinlichsten Möglichkeit bewegte und bewegende Bilder. Und wir sind direkt auf dem Weg dorthin: für eine globale Minderheit ist Überfluss und Freiheit von harter Arbeit längst Wirklichkeit geworden, aber aufgrund ökologischer Grenzen ist diese Lebensweise nicht für alle Menschen der Erde verallgemeinerbar. Und nicht nur die „Plutokraten“ in ihren Gated Communities, sondern auch in unseren imperialen Gesellschaften nehmen die meisten dies gerne hin und verteidigen es gegen jene, die von außen noch dazu kommen wollen oder müssen. Peter Frase meint aus eigener Erfahrungen als US-Bürger, dass es recht leicht fällt, als Begünstigter eines historischen Genozids an den Ureinwohner:innen zu überleben. Die Frage ist also nicht, ob die menschliche Zivilisation überleben wird, sondern „wer wird den Wandel überleben“ (Tarnoff 2016). Die scheinbar verschwundene Klassenfrage entsteht neu als Überlebensfrage. Wer verfügt über die Mittel der Zerstörung und des Überlebens und wer nicht? Solange die Weichen nicht erneut herumgerissen werden, scheint es so, als blieben die U-Topien ihrem Namen treu und fänden keinen Ort der Verwirklichung, was auf ihren Schatten, die Dystopien, eher nicht zutrifft.

Wie Hans Jonas (1979/2003) gegen bestimmte Utopien einwendet, können wir nicht mehr auf Fülle, Leichtigkeit und Muße hoffen. Ernst Bloch, der Philosoph der Hoffnung, der zwei Jahre vor dem Erscheinen von Jonas´ Buch gestorben war, kannte jene Zweifel auch: „»Denn ein Pessimismus mit realistischem Maß ist immerhin nicht so hilflos überrascht vor Fehlschlägen und Katastrophen, vor den entsetzten Möglichkeiten, die gerade im kapitalistischen Fortgang gesteckt haben und weiter stecken. Denken ad pessimum ist jeder Analyse, die es nicht wieder verabsolutiert, ein besserer Mitfahrer als billige Vertrauensseligkeit…“ (Bloch PH: 228). Die Utopie liegt nicht mehr im Schneller, Weiter, Höher, Besser…, sondern: „Das zivilisierte Überleben wird zur Utopie“ (Schlemm 2021: 158).

Hierzu sind auch Utopien nicht nur möglich, sondern überlebensnotwendig. Schon Thomas Morus wollte nicht einfach eine Vision einer besseren Welt schaffen, sondern: „Morus ist kein Optimist, dem es gegeben ist zu glauben, es werde schon alles irgendwie werden. Seinem Realismus eignet eher Pessimismus, der im Begriff U-topia zum Ausdruck kommt und Alternativen formuliert: Entweder bekommt das neue Insel-Denken einen Ort in dieser Welt – oder die Welt wird nicht mehr bleiben als eine Insel, der jederzeit die Überflutung droht“ (Kraft 2012). Utopien in solchen dystopischen Zuständen sind nicht mehr dieselben wie anderswann und -wo. Im Buch „Wenn der Krebsbaum blüht“ hat Reinmar Cunis gezeigt, welche Stürme die utopischen Inseln in Kommunen zausen werden und dass dabei scheinbar längst überwundene Zustände auferstehen könnten: „Die Menschen begannen, sich mit der europäischen Vergangenheit zu beschäftigen, die sie glorifizierten und nachzuahmen versuchten. Der Feudalismus gelangte wieder zu Ansehen, mit ihm Fürsten und Geldadel. Gegen Mitte des Jahrhunderts wurde auch eine neue Form der internationalen Wirtschaft erkennbar, die nicht mehr auf Kapitalbesitz, sondern auf Handel gegründet ist.“ (Cunis 1987: 443, vgl. Schlemm 2017) Die Leute im Rest einer Stadtkommune bekommen ständig gesagt: „Ihr Träumer! Ihr lebt im selbstgemachten Paradies, und rings um euch herum ist seit fünfundreißig Jahren Krieg […] Euer System ist ein Schönwettersystem, hab ich´s nicht immer gesagt? Beim ersten Sturm hält es nicht mehr stand.“ (49, 123)

Auch Doris Lessing antizipierte in den „Memoiren einer Überlebenden“ den Untergang von hoffnungsvollen Alternativen: „… was soll man über die zahllosen Bürgerinitiativen sagen, die noch bis ganz zum Schluß gegründet wurden, zur Durchsetzung aller erdenklichen ethischen oder sozialen Ziele: zur Verbesserung der Altersrenten, in einer Zeit, da der Geldverkehr vom Tauschhandel abgelöst wurde […]. Narrenpossen. Mit Eimerchen und Schaufelchen gegen eine Sturmflut antreten, sich vor dem Spiegel die Krawatte oder das Make-up richten, während das Haus einstürzt […].“ (Lessing 1974/1985: 127)

Science Fiction ist auch diesen Veränderungen auf der Spur. Zukunftserzählungen enthalten seit ein paar Jahren nun schon oft die Folgen der derzeitig beginnenden Klima-Umbrüche. Dass Lower Manhatten in den Fluten steht, wird für die in dreihundert Jahren lebenden Menschen selbstverständlich sein, denn sie wurden hineingeboren in diese Situation. Und die Toten der Klimakriege werden dann von den Lebenden so weit weg sein, wie heute die Toten des Dreißigjährigen Kriegs und weiter zurück. Was für eine Perspektive! Leider für uns Heutige, die da noch durch müssen, keine gute.

Insgesamt gibt es jetzt schon eine Menge „Climate Fiction“ (Milner, Burgmann 2018). Nicht alle gehen dystopisch mit dem Thema um, wenn man Dystopien als „Schöpfungen der Einbildungskraft in Verbindung mit bestimmten Ansichten einer Zeit und der Leidenschaft der Furcht“ (Heller 2017: 17) versteht. Mich beeindruckt vor allem die eben geschilderte Kaltschnäuzigkeit des historischen Abstands, den die Nachkommenden haben könnten. Auf diese Weise sind diese Romane nicht mal mehr Warnungen, denn sie sehen das als vergebene Mühe an. „Das einzige Bedürfnis, das sie zu befriedigen versuchen ist, keine Lügen zu erzählen – das Bedürfnis nach Ehrlichkeit.“ (Heller 2016: 92) Wenn wir dies in gesellschaftstheoretischen und vor allem -antizipierenden Kreisen wenigstens auch erreichen könnten!

Wenn die beiden Zukünfte in Frases Übersicht, die auf relativ glimpflichen ökologischen Zerstörungen basieren, inzwischen nicht mehr möglich sind, so sind immer noch zwei möglich: Jene mit der Ausgrenzung und Vernichtung von „überflüssigen“ Menschen (bei ihm „Exterminismus“ genannt) und die einer solidarischen Menschheit auf gleichberechtigter Grundlage, wenn auch unter Mangelbedingungen („Sozialismus“ genannt). Wenn wir schon schlimme ökologischen Zerstörungen nicht mehr völlig verhindern konnten, so können wir mit den auftretenden Not- und Mangelsituationen immer noch auf die eine oder andere Weise umgehen. Eine konkrete Utopie, das heißt, die Vorstellung einer unter dystopischen Umständen besten Welt kann aufgrund der Naturzerstörungen nur noch eine Nach- bzw. eine In-Kollaps-Utopie sein. Auch alle neuen Utopias entspringen dabei, wie die von Thomas Morus, der Frage nach einem möglichen Ausweg vor und im Abgrund. Die Flut kann nicht mehr verhindert werden, nur noch abgemildert und auch das wäre schon eine Utopie. Jedes Zehntelgrad weniger global-durchschnittliche Temperaturerhöhung verbessert die Lebensbedingungen auch nach 1,5 oder 2 Grad. Deshalb ist die Befürchtung, mehr Ehrlichkeit über den schlimmen Stand der Lage könne die Menschen apathisch machen, eine Unterstellung, die verhindert, dass wir uns rechtzeitig aufraffen. Denn nicht die Angst ist das Problem, sondern ihre Nichtverarbeitung und Nichtakzeptanz. Die Zeitschrift „oya“ begann ehrlicherweise mit der Konstatierung der Tatsache, dass „egal was wir tun – der Weg in eine nachhaltige Welt […] durch ein Tal der Tränen führen“ wird (Heimrath 2010). Hier werden keine Utopien des besseren Lebens beschworen, sondern es wird die „Post-Kollaps-Gesellschaft“ vorbereitet. Die Thematisierung des Kollapses wird zwar leider tunlichst vermieden, aber alles, was hier als „enkeltauglich“ durchgeht, kann nach und im Kollaps ein würdevolles Leben ermöglichen, wenn auch nicht unbedingt in „Fülle, Leichtigkeit und Muße“. Utopisches Denken und Handeln ist immer noch möglich, wenn auch unter Trauerflor der bereits verlorenen Möglichkeiten. Jetzt erst recht!

[1] Nachweis der Worthäufigkeit in Büchern: https://books.google.com/ngrams .

[2] Bei aller Staatskritik ist dies in den konkreten Fällen bisher kein gutes Zeichen.


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