In Jena arbeitet eine Forschungsgruppe der Universität am Thema der „Mentalitäten im Fluss. Vorstellungswelten in modernen bio-kreislaufbasierten Gesellschaften“ (flumen). Ich hatte bereits interessiert an einem ihrer Treffen teilgenommen und nun gibt es die ersten Ergebnisse. Der Leiter der Gruppe, Dennis Eversberg, bringt sie auch in die Klimabewegung, z.B. bei den Parents for Future Jena, ein. Weil ich die Methode und Ergebnisse sehr interessant finde, möchte ich sie hier vorstellen:

Es gibt mehrere Teile:

  1. Wie ticken „die Leute und warum interessiert uns das? (hier weiter unten)
    Der Begriff der Mentalitäten (hier weiter unten)
  2. Umweltbezogene Mentalitäten
  3. Das Diagramm der Mentalitäten
  4. Grundform der Umweltmentalitäten
  5. Was tun mit diesem Wissen?
  6. Literatur

Wie ticken „die Leute“ und warum interessiert uns das?

Egal ob wir meinen, vor allem durch Veränderungen im Alltagshandeln oder erst durch einen grundlegenden Systemwandel könnten wir „die Welt retten“, besteht eine dringende Frage darin, wer „wir“ eigentlich sind? Welche Kräfte mit welchen Interessen gibt es in unserer gegenwärtigen Gesellschaft? Wie sind „die Leute“ drauf? Wenn die Option des gewaltvollen Zwangs („Ökodiktatur“) wegfällt, wovon ich ausgehe, müss(t)en alle Menschen selbst freiwillig die notwendigen Veränderungen hin zu einem sozial gerechten und ökologisch und klimatisch verträglichen Leben wollen und mitgestalten. Ganz grob gesehen sollten tatsächlich alle Menschen ein gemeinsames Interesse am Überleben der Menschheit haben, denn darum geht es. Aber da beginnt schon das Problem: Sehen das alle so? Ausgerechnet die Zerstörung der ökologisch-klimatischen Lebensgrundlagen betrifft zuerst jene, die am wenigsten zu den Ursachen davon beitragen und damit aufhören könnten. Jene, die die Probleme viel mehr als andere verursachen, verspüren die Folgen ihres Handelns (noch ?) nicht bzw. sehen sie nicht in diesem Zusammenhang. Die Klimabewegten versuchen, in ihrem gesellschaftlichen Umfeld etwas zu bewegen und stoßen nur allzu oft mit anderen zusammen, denen anderes wichtiger ist. Sie sind (vielleicht) eine Avantgarde, die tatsächlich nicht das Recht hat, anderen etwas aufzuzwingen. Also müssen Lösungen gefunden werden, die für alle lebenswert sind, die alle mitnehmen, die alle mit gestalten können, oder?

Wer das „wir“ der Gesellschaft ausmacht, könnte in alten Begriffen wie „Eigentümer der Produktionsmittel“ und „Nichteigentümer der Produktionsmittel“ bestimmt werden. Die ersteren sind dabei jene, die über das Ziel, den Zweck und die Methoden der Wirtschaft bestimmen können und aus systemischen Gründen wegen der Konkurrenz untereinander dazu verdammt sind, immer mehr Profite und damit Wachstum anstreben zu müssen. Die anderen haben keinen Zugriff auf die wichtigsten Steuerungshebel der gesellschaftlichen Ziele und wirtschaftlichen Methoden. (Dabei kann ein Mensch beide Funktion erfüllen: als „Arbeitnehmer“ muss er wegen seiner sozialen Absicherung den Erfolg „seiner“ Firma im Konkurrenzkampf wollen; gleichzeitig erlebt er die Grenzen der Einflusssphären politischer Mitbestimmung z.B. von Klimabewegungen an den Grenzen der Werktore).

Der Begriff der „Mentalitäten“

Aber die derzeitige kapitalistische Gesellschaft ist differenzierter. Vor allem entspricht das Denken und Wollen nicht direkt diesen Eigentumsverhältnissen. Das Denken und Wollen ist aber auch nicht ganz beliebig, sondern hat durchaus etwas mit der sozialen Lage und den spezifischen Erfahrungen der Menschen zu tun. Um dies zu erfassen, wird u.a. der Begriff „Mentalität“ verwendet. „Mentalitäten“ sind dabei – in noch einfacher Form – bestimmt „als die Orientierungen, Werthaltungen, Zukunftsvorstellungen oder Weltbilder, Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Handlungsgewohnheiten, die sich im Laufe des Lebens in Verarbeitung der an einem bestimmten Ort in der Gesellschaft gemachten Erfahrungen körperlich und seelisch ablagern und ihrerseits das gesellschaftliche Handeln der Menschen formen“ (Eversberg u.a. 2021: 5-6, kursiv AS; genaue Formulierung siehe S. 12, 13). Damit gehen Mentalitäten über das Thema des „Umweltbewusstseins“ hinaus (ebd.: 6). Bedeutsam ist hierbei, dass sich Mentalitäten „nur relational analysieren“ lassen (ebd.), also „nur in ihrer wechselseitigen Unterscheidung und in ihrer Verbindung mit sozialen Nähe- und Distanzverhältnissen“ (ebd.). Mentalitäten sind auch als Dispositionen zu verstehen, was zusammenhängt mit einer jeweils individuellen Bereitschaft zu etwas. Diese Dispositionen sind unter anderem abhängig von der sozialen Positionen und sie leiten bestimmtes typisches Positionieren an (ebd.: 13). Man kann einer Person eine „Mentalität“ aber nicht fest zuschreiben. Eher bilden sich, statistisch verteilt, in einer gesamten Bevölkerung typische Weisen heraus, auf bestimmte Anforderungen zu reagieren. (Sie sind deshalb ein Thema der Soziologie, nicht der Psychologie[1]). Max Weber untersuchte ähnliche „handlungsstrukturierenden kollektiven Haltungen oder Einstellungsmuster“ mit den Stichworten „Geist“, „Gesinnung“ oder „Ethik“ (ebd.: 15) (wie die bekannte „protestantische Ethik“ als Voraussetzung des Kapitalismus). Solche Orientierungen bilden sich „über lange Zeiträume und in Auseinandersetzung mit der spezifischen Situation einer sozialen Gruppe im Verhältnis zu anderen“ heraus und entwickeln „dabei eine relative Stabilität und Eigenlogik“ (ebd.: 16). Bourdieu hatten diesem Begriff vorgearbeitet, indem er mit dem Begriff des „Habitus“ „die als Gewohnheiten (habits) des Wahrnehmens, Denkens, Empfindens und Handelns verinnerlichten sozial spezifischen Handlungsschemata: die von dem im Laufe des Lebens in einer bestimmten sozialen Position gemachten Erfahrungen strukturierten“ und „das soziale Agieren der Akteure strukturierenden“ „inkorporierten sozialen Strukturen““ (zit. S. 24,kursiv AS) erfasste.

Eine falsche Lesart wäre es, die unterschiedenen „Mentalitäten“ als „Schubladen“ zu verstehen, in die man einzelne Menschen mit ihren jeweiligen Mentalitäten einordnen könnte. Es geht dagegen um die „Struktur der Beziehungen zwischen den relativen Positionen“ der Menschen zueinander (Eversberg u.a. 2021: 43).Es wird nicht gefragt: Wie denkt dieser Mensch? sondern: Wie unterscheiden sich typische Mentalitäten und welche liegen sich nahe …? Trotz der relativen Langlebigkeit von Mentalitäten verschieben sie sich im Laufe der Zeit aber auch, und dies nicht nur als Folge der Veränderung der sozialen Strukturen, sondern vor allem im Rahmen des eigenen praktischen Handelns (ebd.: 44). Die folgende Abbildung (aus ebd.: 45) zeigt die “Praxis als Ort der wechselseitigen Hervorbringungen von objektiven und inkorporierten sozialen Strukturen“:

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[1] Sie spielen durchaus eine große Rolle bei der Handlungsbegründung einzelner Menschen, die in der Kritischen Psychologie Thema sind. Dort gehören sie in die Analyse der Begründungsmuster (Schlemm 2011) bei der Bildung von Bedeutungen, die dann in die individuellen Prämissen des u.a. dadurch begründeten Handelns eingehen. Interessant finde ich auch die Verbindung zum Inhalt des Begriffs der „sozialen Repräsentation“ nach Josef Held, der innerhalb der Kritischen Psychologie noch zu wenig integriert wird (vgl. Schlemm 2019).