Diese Seite gehört zum Text: „Sozialismus-Utopie?“


Klaus Dörre erfüllt mit seinem „Sozialismus als Utopie“ wahrlich die Forderung von  Ernst Bloch nach der Konkretheit der Utopie, d.h. der Anknüpfung an konkrete Bedingungen. Was Sozialismus konkret sein kann, hängt ab von „der Entwicklung der kapitalistischen Formation und den Gegenbewegungen, die sie hervorbringt“ (Dörre 2021: 38). Der Zielhorizont ist durch die „Ziele nachhaltiger Entwicklung“ (SDGs) gegeben. Dabei verweist Dörre auch auf Friedrich Engels, der wie Marx die künftige erwünschte Gesellschaftsordnung nicht im Einzelnen vorplante: „[…] wir haben kein Endziel. Wir sind Evolutionisten, wir haben nicht die Absicht,  der Menschheit endgültige Gesetze zu diktieren. Vorgefasste Meinungen in Bezug auf die Organisation der zukünftigen Gesellschaft im einzelnen? Davon werden Sie bei uns keine Spur finden. Wir sind schon zufrieden, wenn wir die Produktionsmittel in die Hände der ganzen Gesellschaft gebracht haben […]“ (Engels 1893: 542).

Etwas konkreter wird Dörre allerdings schon.

 „Das Fundament einer künftigen sozialistischen Gesellschaft bilden transformative Rechtsverhältnisse, die Nachhaltigkeitszielen einen Verfassungsrang geben; kollektives Selbsteigentum an und in großen Unternehmen; kooperative Marktwirtschaft mit kleineren Unternehmen; die Eckpfeiler von Wirtschaftsdemokratie; Produktionsweisen mit langlebigen Gütern; ein neues Verhältnis von Markt und Plan sowie Nachhaltigkeits- und Transformationsräte im politischen System.“ (Dörre 2021: 117-118)

Anstelle des Gewinnstrebens bestimmen „soziale Bedürfnisse, Kooperation, kollektives Lernen und solidarische Sozialbeziehungen die Dynamik“ (ebd.: 118). „Bildung, Mobilität und Gesundheit sind in einer sozialistischen Gesellschaft zu öffentlichen Gütern geworden, deren Inanspruchnahme garantiert, dass man auch mit relativ geringem Einkommen gut leben kann.“ (ebd.: 149)

Das heißt, dass derzeitige Einrichtungen wir Staatlichkeit und Austausch auf Märkten nicht völlig abgeschafft, sondern in den Dienst der neuen Ziele gestellt werden sollen. Auch von der Planung kann demnach nicht völlig abgegangen werden. Die Argumentation folgt der Logik, dass diese Momente von Gesellschaftlichkeit auch den Kapitalismus überdauern werden, dass sie also als überhistorisch angesehen werden, ohne dass ihre Notwendigkeit Frage gestellt würde…

Wie schnell ließe sich der Sozialismus verwirklichen und durch wen? In Jena werden gerade in einem Forschungsprojekt „Mentalitäten im Fluss“ (flumen) erforscht. Für Menschen in den Kernländern des Kapitalismus ist es nicht leicht, ihre in langen Jahrzehnten des Kapitalismus ausgebildeten und stark an ihm festhaltenden Mentalitäten loszuwerden.[1] Klaus Dörre geht deshalb davon aus, dass auch der Sozialismus „über Jahrzehnte verinnerlicht“ werden muss, bis er „zu einer Lebensform“ wird, d.h. bis er „als verinnerlichtes Äußeres, zunehmend die Auswahl individueller und kollektiver Handlungsstrategien“ bestimmt (Dörre 2021: 149).

Zwei wesentliche Dimensionen gehören unabdingbar zum neuen Sozialismus des 21. Jahrhunderts: Die Befriedigung sozialer Bedürfnisse, ökologische Nachhaltigkeit und Demokratie. Vor allem an den letzten beiden hat es in den Sozialismusansätzen des 20. Jahrhunderts gemangelt.

Nachhaltiger Sozialismus

Klaus Dörre bezieht sich positiv auf den Begriff der „Nachhaltigkeit“[2]: „Nachhaltigkeit beinhaltet Antworten auf den ökologischen Gesellschaftskonflikt, sie schließt aber auch soziale Zielsetzungen ein und ist von ihrer Begriffsgeschichte her betrachtet sowohl global ausgerichtet als auch universalistisch ausgelegt.“ (Dörre 2021: 31)

Würde der Sozialismus, dessen Fundamente und Konturen eben geschildert wurden, (ökologisch und sozial) nachhaltig sein (können)? Die Klammer im vorigen Satz verweist schon auf das Problem: Er wäre sicher nicht automatisch nachhaltig, aber er könnte es besser sein als der Kapitalismus, denn die „Zentralität privaten Gewinnstrebens“ würde wegfallen (Dörre 2021: 224).

„Zwar lassen sich die Ursachen des kapitalistischen Expansionismus keineswegs auf die Eigentumsfrage reduzieren; ohne die Aufhebung von kapitalistischem Besitz als dynamischem Prinzip ist dieser Expansionismus aber nicht zu überwinden.“ (224)

Die Voraussetzung ist die Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln. Dass dies nicht automatisch zu ökologischeren Produktionsweisen führt, zeigte der real gewesene Sozialismus. [3]  Aber wenigstens war und wäre der Kapitalakkumulationszwang und damit der daher rührende Druck auf ein ökologisch nicht verantwortbares Maß an Naturverbrauch nicht mehr vorhanden. Die Menschen haben dann „in demokratischer Weise direkt darauf Einfluss zu nehmen, was, wie und zu welchem Zweck produziert und reproduziert wird“ (Dörre 2021: 134). Erforderlich ist eine „Umstellung auf eine ressourcenschonende, kohlenstoffarme Produktion mit langlebigen Gütern in einer den Netzwerken des Lebens angepassten Kreislaufwirtschaft“ (ebd.: 143).[4]

Sozialistische Demokratie

Es gibt auch ökosozialistische Konzepte, die nicht darauf vertrauen, dass Menschen von sich aus in demokratischer Weise eine nachhaltige Lebensweise gestalten können. Davon grenzt sich Dörre eindeutig ab. Er warnt vor „autoritären Versuchungen von links“ (z.B. bei Andreas Malm) (ebd.: 25, 35, 206ff.). Gleichzeitig sieht er anarchistische Konzepte als unrealistisch an: „Bei der Ursachenanalyse springt anachistische Staats- und Bürokratiekritik jedoch dann zu kurz, wenn sie den Eigenwert parlamentarischer Demokratien unterschätzt oder völlig ignoriert“ (ebd.: 25). Aus den Erfahrungen von Freiheitsbewegungen wie dem Anti-Apartheid-Kampf ergibt sich für ihn: „Aus den Erfahrungen solcher Freiheitsbewegungen heraus gelten plurale parlamentarische Demokratien als unverzichtbare Basis aller Versuche, Alternativen zum Kapitalismus überhaupt zu diskutieren“ (ebd.: 31).

Im Sozialismuskonzept von Dörre werden also wie im Kapitalismus Parteien gewählt, aber zusätzlich haben Nachhaltigkeitsräte eine regulative Funktion mit einer geringen politischen Durchsetzungskraft (ebd.: 22). Es wird auch im Sozialismus viele Auseinandersetzungen geben, aber „trotz des Streits kann man sich darauf verlassen, dass allen, die in Not geraten, von anderen geholfen wird“ (ebd.: 23). Die Demokratie ist hier auch auf die Produktion ausgedehnt, dabei werden Möglichkeiten internetbasierter sozialer Netzwerke auf die Betriebsorganisation übertragen (ebd.: 137f.).

Trotz solcher technischer Unterstützung soll, wie eben gesagt, auch die Produktion auf demokratische Weise geregelt werden. Im Sinne von Partei-Wahlen, deren Ergebnisse dann Weiteres regeln, kann ich mir das nicht vorstellen. Und es wird Probleme geben: der neue Sozialismus kann, wie auch Dörre es sieht, nicht nur ein „Schönwetterkonzept“ sein. Das „Problem-Trias von Leistungserbringung, Arbeitszeiten und Arbeitsoutput“ (ebd. 139) ist nicht trivial, erst recht nicht in Krisensituationen (ebd.).



[1] Je individuelle Handlungen – sie die Kritische Psychologie betont –  sind je individuell begründet, allerdings gehen in diese Gründe als Prämissen zu großen Teilen die vorherrschenden Ideologien und Mentalitäten ein.

[2]  Dieser Begriff war in den 1990er Jahren mit vielen Hoffnungen aufgeladen, die schlechte Bilanz seitdem wäre noch aufzuarbeiten.

[3] Gegen einen Wirtschaftswunder- und Sozialpartner-Kapitalismus hatte der real gewesene Sozialismus deshalb schlechte Karten – angesichts eines Katastrophenkapitalismus könnte die Bereitschaft, sich auf das Neue einzulassen, hoffentlich größer sein.

[4] Im Einzelnen diskutiert Dörre auch die Verkehrswende (ebd.: 174), Umstellungen im Gebäudesektor (ebd.: 175) sowie den Abbau des Stadt-Land-Gegensatzes (ebd.: 176).


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