Gelesen


Aus meiner Feiertagslektüre:

„Folgendes: Man kann nicht leben wie ein Tier, wenn man ein Mensch ist. Das haben wir mal gewußt, das haben wir einander auch dauernd neu beigebracht, jeden Tag. Daß es um was gehen muß, um mehr als das stille Glück im Winkel und bestenfalls etwas philosophische Inneneinrichtung. Daß man die Welt planvoll umbauen muß, wenn man sich nicht gefallen lassen will, daß sie über einen verhängt wird, wie so ein Unglück.
Das Dumme war, daß unser biologisches Erwachsenwerden mit der größten historischen Niederlage der Linken seit ihrem größten historischen Sieg, der französischen Revolution, zusammengefallen ist. die meisten von uns sind dann Fatalisten geworden oder andere Arten Spießer. Aber einige machen, was die Vernunft in solchen Fällen empfiehlt: Sie zeichnen auf, was wir gewußt haben, als wir noch dachten, mit diesem Wissen könnte man erfolgreich handeln.“ (Dietmar Dath (2006) Dirac, S. 296)

Advertisements

In meinem Text „Wie weiter nach radikal ent-täuschten Hoffnungen?“ stellte ich die Frage, welche Bedingungen der Weg hin in die gewünschte mögliche Zukunft braucht.

Hilmar und Albert aus Hamburg gaben aus ihrer gelebten Praxis (Umsonstladen, Tomatenretter) einige Antworten daraus, die ich hier gerne ergänze:


  1. Wenigstens ein Lebensbereich (Grundnahrungsmittel, Wohnen, Energie, Reparieren, Produktverteilung u.s.w.) wird selbstorganisiert betrieben und in eine praktische Verbindung mit seinem sozialen Umfeld gebracht zu Gruppen und Einzelnen, die sich auch auf einen Weg aus diesem kriselnden System gemacht haben.
  2. Wenn diese vielfältigen Ansätze, wie momentan, allerdings weitgehend unverbunden bleiben, wird nichts gesellschaftlich Bedeutsames entstehen. Es wird gezielt versucht, zumindest einen Teil von Produktion, Verteilung und Reproduktion der allgemein vorherrschenden Erwerbsarbeit zu entziehen.
  3. Es hat ein gruppenübergreifender Prozess der gemeinsamen Bestimmung der Grundsätze begonnen, an dem eine wachsende Anzahl der Beteiligten mitwirkt. (Das ist heute noch nicht der Fall.) Dabei wird darauf verzichtet, sich gegenseitig zu einem geschlossenen Weltbild zu nötigen. Es wird von der Vielfalt der Einzelnen und deren besonderen Weltbildern akzeptierend ausgegangen. Grundlegende, nicht sogleich lösbare Kontroversen können auch mit ihren verschiedenen Ansichten in die gemeinsamen Grundsätze eingebaut werden.
  4. Dem Hauptanliegen der jeweiligen Gruppe wird ein breiter, selbstorganisierter Bildungsprozess hinzugefügt: Sport, Kunst, Musik, Entspannung und Spaß, Heilwissen Kräuter ..) haben dort neben allen gewünschten Wissensthemen ihren Platz.
  5. Es wird sich darin geübt, in den notwendigerweise in den Gruppen aufbrechenden Konflikten einen liebevollen, lösungsorientierten Umgang zu finden.
  6. Ein grundlegend friedliches, lernend offenes, respektvolles Verhältnis zu der uns umgebenden Natur, die nicht mehr einseitig nach unseren Zielsetzungen ausgerichtet werden soll, wollen wir Schritt für Schritt verwirklichen.
  7. Lernend aus bisherigen linken Parteien und Bewegungen wird versucht, einen inneren bunten Pluralismus zu fördern und die Einflussnahme von möglichst vielen Einzelnen auf Gemeinschaft und Gesellschaft zu fördern und zuzulassen: Wir üben uns in einem Verzicht auf (manchmal gedankenlose) Machtausübung und autoritäres Verhalten. Bestätigungen und Zuneigung geben wir uns gegenseitig, sodass ein zunächst vielleicht unstillbarer Anteil davon sich durch diese Erfüllung beruhigen und unser Angstpotential zurückgehen kann.
  8. Ein solcher Anfang ist hier und da gemacht. Aber nur wenn sich eine bewusst gelebte Menschlichkeit ausbreiten kann, wächst die Chance auf diesem Planeten dauerhaft zu überleben und zu leben.

Ágnes Heller, auf deren Hoffnung auf „radikale Bedürfnisse“ ich hier im Blog schon einmal verwiesen habe, hat in einem recht hohen Alter nun noch ein Essay mit dem Titel „Von der Utopie zur Dystopie“ geschrieben. Als Buch ist es von der Edition Konturen sehr schön gestaltet – aber der Inhalt ist eher traurig. (mehr …)

Aktuell zum 1. Mai 2017:

Nach 7 Jahren erneuter Kapital-Lektüre in der Gruppe konnte ich es nicht lassen, auch das unvollendete letzte Kapitel von Marx ernst zu nehmen. Außerdem gibt es ja genug Neues seit Marx über den Klassenkampf, worüber zu berichten ist. Das Ergebnis gibts nun auch als Broschüre beim Packpapier-Verlag (für 4 Euro zu bestellen):

Ich weiß, dass sich einige schon über das Ernstnehmen dieses Themas ärgern werden. Aber lesen sollte sie es doch erst einmal 😉

 

 

Dies ist ein Titel eines SF-Roman aus dem Jahr 1987, der die Welt nach dem ökologischen und sozialen Zusammenbruch in den späten 90er Jahren beschreibt. Ich habe ihn jetzt erst gefunden, als ich in utopischen und SF-Schriften nach dem Umgang mit Geld in Beschreibungen möglicher zukünftiger Welten fragte.

Ich finde es verblüffend, wie in diesem Roman, der vor 30 Jahren geschrieben wurde, auf heutige Fragen geantwortet wird. Was kann alles passieren, wenn ökologische und Wirtschaftskrisen so stark zuschlagen, dass das Leben, wie wir es kennen, nicht mehr möglich ist und auch wir, die wir die Flüchtlinge größtenteils lieber abwehren, zu Flüchtenden werden? (mehr …)

marx Während der Beschäftigung mit dem Thema „Bedürfnisse“ wies mich Tom K. auf ein Buch von Agnes Heller mit dem Titel „Theorie der Bedürfnisse bei Marx“ hin. Auf der Rückseite ihres Buches steht die fundamentale Frage: heller

„Die Bedürfnisstruktur der kapitalistischen Gesellschaft gehört zur kapitalistischen Gesellschaft – allein und ausschließlich. Wenn aber ein Bedürfnissystem zu einem gegebenen gesellschaftlichen Gebilde gehört, wie können dann die subjektiven Kräfte zustande kommen, die diese Gesellschaft stürzen?“

Einzeltexte hierzu:

Einen umfassenden Text über Bedürfnisse gibt es jetzt im Philosophenstübchen als pdf.

Dieser Beitrag gehört zum Themenkomplex:
„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


„Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah?“
(Franz Schubert und Wilhelm Müller, Die Winterreise, Frühlingstraum;
Eingangszitat im Buch von Agnes Heller)

Karl Marx bezieht sich häufig auf menschliche Bedürfnisse, verwendet diesen Begriff aber eher unsystematisch und auch inkohärent. In der Kritischen Psychologie wurde eine Theorie der Bedürfnisse schon von Ute Holzkamp-Osterkamp (1977) entwickelt und von Klaus Holzkamp (1985) in seine „Grundlegung der Psychologie“ integriert. Später tauchen die Bedürfnisse als Moment von Gründen in der Behandlung des Begründungsdiskurses nicht mehr auf (außer z.B. bei Krauss 1998), obwohl damit ein großes Potential verschenkt wird. (mehr …)

Nächste Seite »