Politische Theorie


Der folgende Offene Brief wurde geschrieben von der AG Bildung der Ortsgruppe Jena von „Extinction Rebellion“, zu der ich gehöre:


 

Am 06.10.2019 veröffentlichte Jutta Ditfurth erstmals per Twitter ihre seitdem viel diskutierte Kritik an Extinction Rebellion. Frau Ditfurth bezeichnete die Bewegung darin unter anderem als „esoterische Sekte, welche an die Apokalypse der baldigen Auslöschung der Menschheit glaubt“, die „Emotionen schürt, die den Verstand vernebeln“, und auf Hyperemotionalisierung anstatt auf intellektuelle Aufklärung setzt. Wir, die Arbeitsgruppe Bildung der Extinction-Rebellion-Ortsgruppe Jena, wollen in diesem Schreiben zu diesem Vorwurf der Nicht-Rationalität, und somit der Nicht-Wissenschaftlichkeit Stellung nehmen.

Unsere AG bereitet Zusammenfassungen wissenschaftliche Befunde in deutscher Sprache für die Ortsgruppe Extinction Rebellion Jena[1] und andere interessierte Menschen auf und überprüfen die von Extinction Rebellion (z.B. auf der Website Extinction Rebellion Deutschland) genannten Fakten auf ihre aktuelle wissenschaftliche Belastbarkeit. Darüber hinaus beteiligen wir uns auch an größeren Fachvorträgen für Interessierte, so z.B. im Rahmen der Alternativen Orientierungstage für die neuen Studierenden in Jena. Um verschiedene Bereiche abdecken zu können, haben wir sowohl Naturwissenschaftler*innen als auch Gesellschaftswissenschaftler*innen in der AG. Unsere Kritik stieß innerhalb von XR bereits Diskussionen an, deren Ausgang zwar teilweise noch nicht sicher ist, aber Lernprozesse initiiert hat.

Die von Extinction Rebellion genannten naturwissenschaftlichen Motive für eine neue soziale Bewegung sehen wir von der AG Bildung als wissenschaftlich gut begründet an.

Bei fortschreitendem Klimawandel droht der Erde tatsächlich ein Massensterben der Arten. Der in diesem Jahr erschienene Bericht des IPBES[2] zeigt auf, dass etwa 25 % aller Arten vom Aussterben bedroht sind. Momentan spielt der Klimawandel als Ursache für die Bedrohung der Biodiversität zwar noch eine untergeordnete Rolle, es wird aber betont, dass sein Einfluss bei weiterer Erwärmung deutlich zunehmen wird. Bei einer 2°C-Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum werden z.B. 99 % aller Warmwasserkorallen sterben[3], was weitreichende ökologische und wirtschaftliche Folgen haben wird. Der IPCC zeigt darüber hinaus den Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit der Erwärmung und Aussterberate auf3.

Das Szenario des biologischen Aussterbens der Menschheit, mit dem Extinction Rebellion des Öfteren Aufsehen erregt, sehen wir von der AG Bildung für die nächsten Jahrzehnte als eher unwahrscheinlich an. Jedoch halten wir eine Reduktion der Bevölkerung in erheblichem Maße für ein gefährlich realistisches Szenario: bei weiterer globaler Erwärmung sind Probleme in der Ernährungssicherheit sowie der Wasserversorgung der Bevölkerung sowie zunehmende Konflikte durch Massenmigration absehbar[4]. Diese Probleme existieren in Teilen der Welt schon seit Jahrzehnten und verschärfen sich infolge des Klimawandels[5]. Diese Effekte betreffen schon jetzt, sowie in Zukunft zuerst die Menschen, welche für den Klimawandel die wenigste historische Verantwortung tragen. Doch selbst Zyniker*innen, welche die global humanistische Forderung von Extinction Rebellion nach Klimagerechtigkeit kalt lässt, werden früher oder später von den Folgen dieser Entwicklung betroffen sein[6].

Der Sonderbericht des IPCC von 2018 zeigt, dass bereits im Bereich zwischen 1,5°C- und 2°C-Erwärmung mit einer deutlichen Verschärfung vieler Probleme zu rechnen ist. Darüber hinaus könnten in diesem Bereich auch schon einige sogenannte Kipp-Elemente, die zur positiven Rückkopplung der globalen Erwärmung führen, ausgelöst werden, was eine für den Menschen nicht mehr kontrollierbare Erwärmung um mehrere Grad verursachen würde[7].  Mit Verweis auf Kipppunkte empfiehlt der IPCC 2018er Bericht zum 1,5°C-Ziel3, dass Maßnahmen ergriffen werden sollen, um den Klimawandel auf 1,5°C- Erwärmung zu begrenzen. Bei Umsetzung der Maßnahmen, die sich aus dem Pariser Abkommen ergeben, würde sich die Erde bis 2100 allerdings bereits um mindestens 3°C erwärmen[8]. Daher schlägt der IPCC Emissionspfade vor, mit denen eine Begrenzung auf 1,5°C Erwärmung mit 66 %iger Wahrscheinlichkeit möglich wäre, d.h. selbst bei Einhaltung der Pfade bleibt ein nicht geringes Restrisiko von 34%, über das Temperaturziel hinauszuschießen. Alle diese Pfade erreichen global eine Netto-Null-Kohlendioxidemission um das Jahr 2050 und bauen auf nachfolgende Negativemissionen3, deren Verfügbarkeit nicht sicher ist und deren Anwendung starke Zielkonflikte auslösen kann[9].

Diese Frist gilt für die globalen Emissionen. Unter Einbezug von Gerechtigkeitsprinzipien, z.B. im Hinblick auf die Tatsache, dass reiche Industrieländer mehr Mittel zur Verfügung haben, um Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen und zudem in der Vergangenheit insgesamt deutlich mehr Emissionen kumuliert haben, als andere Länder, sollte man für Deutschland (bzw. Europa) bereits lange vor 2050 Netto-Null-Emissionen erreicht haben. So fordert die Bewegung Fridays for Future etwa jene Emissionen für 2035, Campact sie für 2030[10], Extinction Rebellion sie für 2025. Je früher wir Netto-Null-Emissionen erreichen, desto geringer sind die Auswirkungen auf (noch) bestehende Ökosysteme3.

Die Anliegen von Extinction Rebellion lassen sich also wissenschaftlich begründen. Und ob man mit diesen durchaus beängstigenden Fakten und Prognosen emotional oder eher sachlich umgehen möchte, bleibe allen selbst überlassen. Emotionen vernebeln den Verstand nicht unbedingt, sondern sie können auch eine erkenntisleitende Funktion haben[11]. Und Ängste werden nicht durch die geschürt, die die Botschaft überbringen, sondern durch die Lage selbst. Umso wichtiger ist es, ebenjene Ängste aufzugreifen, und gemeinsam so damit umzugehen, dass wir aktiv gegen die Gefahren werden können.

Zum Abschluss noch ein paar Bemerkungen zu Roger Hallam. Er gilt als Gründer von Extinction Rebellion und hat einige Texte verfasst, die in den letzten Wochen häufig zitiert wurden. Und ja, in diesen Texten existieren Aussagen, die sich nicht wissenschaftlich belegen lassen – das ist uns auch schon aufgefallen! Aber deshalb gleich die ganze Bewegung in Frage zu stellen, halten wir für übereilt. Roger Hallam mag einer der Gründer der Bewegung sein, er ist aber weder ihr Anführer noch ihr Guru. Eines der Grundprinzipien von Extinction Rebellion ist das Hinterfragen des Systems, aber auch der eigenen Denk- und Verhaltensmuster. Und gerade dieses Prinzip führt hoffentlich dazu, dass nicht alles, was Roger Hallam sagt (oder andere Menschen, die sich mit XR identifizieren, und für XR Aussagen tätigen), zum festen Gesetz oder Glaubenssatz wird, sondern eben kritisch geprüft wird. In unserem Wirkungskreis Thüringen wird dies unserer Ansicht nach erfolgreich gelebt. Wir von der AG Bildung Jena distanzieren uns klar von den nicht belegbaren oder nicht verantwortbaren Äußerungen Roger Hallams oder z.B. Gail Bradbrook. Wir arbeiten daran die wissenschaftliche Seite der Bewegung zu stärken und dadurch dazu beizutragen, dass Jutta Ditfurths Bedenken, Extinction Rebellion könne sich zu einer esoterischen Endzeit-Sekte entwickeln, unbegründet bleiben. Deshalb werden wir uns in der nächsten Zeit auch noch mit weiteren Vorwürfen gegenüber XR beschäftigen und freuen uns über jede solidarische Kritik.

[1] Beispiele für bisher gehaltene Vortragsthemen sind die Zusammenfassung des IPCC-Sonderberichts über 1,5°C-Erwärmung von 2018, Planetare Grenzen, Einflüsse und klimawandelbedingte Veränderungen des Jetstreams und daraus resultierende Einflüsse auf unser Wetter, Bedrohung der Biodiversität, Strukturen und Vorgehen des Europäischen „Instituts“ für Klima und Energie (EIKE), Klimawandel und Landnutzung, sowie eine Überprüfung des strategischen XR-Ziels, dass 3,5 % der Bevölkerung benötigt werden würden, um eine gesellschaftliche Transformation herbeizuführen.

[2] IPBES. 2019. Summary for policymakers of the global assessment report on biodiversity and ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. S. Díaz, J. Settele, E. S. Brondizio E.S., H. T. Ngo, M. Guèze, J. Agard, A. Arneth, P. Balvanera, K. A. Brauman, S. H. M. Butchart, K. M. A. Chan, L. A. Garibaldi, K. Ichii, J. Liu, S. M. Subramanian, G. F. Midgley, P. Miloslavich, Z. Molnár, D. Obura, A. Pfaff, S. Polasky, A. Purvis, J. Razzaque, B. Reyers, R. Roy Chowdhury, Y. J. Shin, I. J. Visseren-Hamakers, K. J. Willis, and C. N. Zayas (eds.). IPBES secretariat, Bonn, Germany.

[3] IPCC. 2018. Global Warming of 1.5 °C – an IPCC Special Report on the Impacts of Global Warming of 1.5 °C above Pre-Industrial Levels and Related Global Greenhouse Gas Emission Pathways, in the Context of Strengthening the Global Response to the Threat of Climate Change, Sustainable Development, and Efforts to Eradicate Poverty, available at http://www.ipcc.ch/report/sr15/.

[4] Rigaud, Kanta Kumari; de Sherbinin, Alex; Jones, Bryan; Bergmann, Jonas; Clement, Viviane; Ober, Kayly; Schewe, Jacob; Adamo, Susana; McCusker, Brent; Heuser, Silke; Midgley, Amelia. 2018. Groundswell : Preparing for Internal Climate Migration. World Bank, Washington, DC. © World Bank. https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/29461 License: CC BY 3.0 IGO

IPCC. 2019. Climate Change and Land: An IPCC Special Report on climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Geneva available at: https://www.ipcc.ch/report/srccl/.

[5] IPCC. 2019. Climate Change and Land: An IPCC Special Report on climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Geneva available at: https://www.ipcc.ch/report/srccl/.

[6] Gerstengarbe, FW, Welzer H (Hrsg). 2013. Zwei Grad mehr in Deutschland. Wie der Klimawandel unseren Alltag verändern wird. Fischer, Frankfurt am Main.

[7] Steffen, W., J. Rockström, K. Richardson, T. M. Lenton, C. Folke, D. Liverman, C. P. Summerhayes, A. D. Barnosky, S. E. Cornell, M. Crucifix, J. F. Donges, I. Fetzer, S. J. Lade, M. Scheffer, R. Winkelmann, and H. J. Schellnhube et al. 2018. Trajectories of the Earth system in the Anthropocene. Proc. Natl Acad. Sci. USA https://doi.org/10.1073/pnas.1810141115

[8] Climate Analytics, Ecofys, NewClimate Institute & PIK. 2019. Pledged action leads to 2.9°C – time to boost national climate action. Climate Action Tracker. https://climateactiontracker.org/publications/time-to-boost-national-climate-action/

[9] Jan C Minx , William F Lamb, Max W Callaghan1, Sabine Fuss, Jérôme Hilaire, Felix Creutzig, Thorben Amann, Tim Beringer, Wagner de Oliveira Garcia, Jens Hartmann. 2018 Environ. Res. Lett. 13 063001

[10] Höhne, N., J. Emmrich, H. Fekete, T. Kuramochi. 2019. 1,5°C: Was Deutschland tun muss. NewClimate Institute.

[11] Holzkamp-Osterkamp, U. 1978. Erkenntnis, Emotionalität, Handlungsfähigkeit. In Forum Kritische Psychologie. Vol. 3, S. 13-90.

Manche/r mag empört sein darüber, dass Extinction Rebellion mit den Aktionen, die gerade in Berlin laufen, das normale, alltägliche Leben stört. Aber ehrlich: Es geht ja gerade darum, dass nicht unser Leben grundlegend gefährdet wird.

Und wenn sich alle an den Aktionen beteiligen, fühlt sich auch keine/r mehr gestört davon … 😉

Ein Panel auf der Konferenz „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“ beschäftigte sich mit dem Ökosozialismus. Später las ich nach, dass es ein „Netzwerk Ökosozialismus“ gibt. In Bezug auf die Einschätzung der Lage waren alle Beteiligten hier sehr drastisch. Frieder Otto Wolf etwa sagte: „Wir müssen die Katastrophen jetzt einbauen in die Realität.“ Das entspricht etwa dem, was mir klar wurde, als ich „Crashtest für Utopien“ schrieb.

Diese Lage führt auch dazu, dass man sich den Sozialismus nicht mehr als möglichst reiche Gesellschaft ohne Mangel vorstellen kann, sondern es geht, so Bruno Kern, um eine „absolute Verbrauchsreduktion“. Dies relativierte Frieder Otto Wolf, indem er von selektiver Schrumpfung, Aufrechterhaltung wichtiger Bereiche und gar Wachstum anderer (wie ökologischer Landwirtschaft) sprach. Und dies alles geht nicht mit und im Kapitalismus, sondern erfordert eine neue Gesellschaftsform, den Sozialismus. Sozialismus wird in unterschiedlichem Maße verbunden mit Staatlichkeit. Nicht alle teilen die Meinung von Bruno Kern, der von der Notwendigkeit einer verstärkten Staatlichkeit zu Beginn der Umgestaltung (aufgrund ihrer Durchsetzungsmacht angesichts widerstrebender Interessen) ausgeht. Alle verweisen auf die entscheidende Rolle von „Aktivität und Selbsttätigkeit der Menschen“ (Wolf). In der Diskussion verwies ich darauf, dass die Erfahrung gezeigt hat, dass gerade ein stark agierender Staat diese Selbsttätigkeit der Menschen radikal einschränkt. Das ist nicht nur eine Folge von Unterdrückung, sondern auch von Bequemlichkeit: Immer wenn jemand anders sich den Hut aufsetzt, kann ich mich zurück lehnen.

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Speziell auf einem Workshop der Konferenz „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“ ging es um Naturbegriffe, die mit dem praktischen gesellschaftlichen Naturverhältnis zusammen hängen. Solveig Selzner verglich z.B. die Naturbegriffe von Hans Jonas, Hartmut Rosa und Bruno Latour. Während Jonas der Natur einen Eigenwert und einen Eigenzweck zuschrieb, spricht sich Rosa für eine Eigenständigkeit der Natur aus und Latour für einen Eigensinn. Das „Eigen-“ in den Bestimmungen wurde dann als Bestimmung der Natur als Subjekt genommen. Die Vorstellung einer auf die Menschen beschränkte Subjektivität wurde ganz allgemein, so auch mein Eindruck aus der Diskussion, als unzulässige Heraushebung des Menschlichen, als Anthropozentrismus verworfen. Es wurde auf Andreas Weber verwiesen, bei dem Subjektivität, die auch im Biotischen vorhanden sein soll, an Kommunikation gebunden ist, wodurch der „Anthropozentrismus durchbrochen“ sei. Hm, wenn ich die Subjektivität von vornherein auf das reduziere, was auch im Tier- oder gar Pflanzenreich schon vorkommt, dann ist das so. Aber dann entmenschliche ich die Menschen, weil ich sie um die Fähigkeiten verkürze, die nur sie haben (Stichwort „Spezifische Möglichkeitsbeziehung“). Aber davon haben die Soziolog_innen hier nicht gesprochen (das wäre z.B. in Bezug auf die Unterscheidung ihres Fachs von den Naturwissenschaften wichtig).

Über die rechtliche Debatte zu Rechten der Natur sprach Stefan Knauß. Er berichtete über die Rechte in der Verfassung von Ecuador. Die Natur, zweimal auch „Patcha Mama“ genannt, hat dort das Recht auf „Aufrechterhaltung ihrer natürlichen Kreisläufe, Strukturen, Funktionen und evolutionären Prozesse.“ Dieses Recht kann – und dies zeigt schon den Unterschied gegenüber Menschen – nur durch Menschen eingeklagt werden. Letztlich wird das Recht von Menschen durch Menschen gesetzt.

War mir bei der Debatte noch auffiel: Mensch und Natur wurden i.a. als Gegensatz betrachtet, es ging vor allem um den Schutz der Natur vor den menschlichen Eingriffen. Einmal wurde der Mensch selbst als Natur thematisiert, hier aber nur seine Leiblichkeit. Bei aller Betonung der Besonderheit der Menschlichkeit sind aber Menschen auch nicht „widernatürlich“; sie sind selbst eine hoch entwickelte Form der Natur, in der die Natur „ihre Augen aufschlägt“ (Schelling), in der Menschen in die Natur „neue Verwirklichungen und Wirklichkeiten entbindend“ eingreifen (Bloch) und letztlich setzen wir uns auch als natürliche Wesen gegen die Zerstörung der Natur, der uns äußeren wie auch der inneren, ein:

Nature

Die Welt zu zerstören muss für die Verursacher so weh tun, dass sie es lassen.

Die Zeit für zaghafte Experimente ist vorbei. Wir brauchen einen radikalen Schnitt.

Ein Vierteljahrhundert lang wurde herumprobiert, doch weder Nachhaltigkeitsappelle noch ein marktgängiger Emissionshandel oder der Kuhhandel mit sog. „Clean Development Mechanismen“ brachten wirklich viel für die Umwelt und die Senkung der Treibhausgase. Lediglich der Abbau und Umbau der früher realsozialistischen Industrien bewirkten als ungewollter Nebeneffekt etwas. Ebenso wie bei den bisherigen Wärmedämmungen, Heizungssanierungen usw. waren das aber nur die niedrig hängenden Früchte, und sie reichten längst nicht aus, um wirklich „in den Knick“ zu kommen hin zu einer deutlichen Senkung der jährlichen Treibhausgasemissionen der hochindustriellen Nationen.

Inzwischen ist es ohne die Einbeziehung von Kernkraft und das Versprechen einer später vielleicht funktionierenden technische Entfernung von CO2 („Negativemissionen“) zu spät für eine Bremsung der globalen durchschnittlichen Temperaturerhöhung auf unter 1,5 Grad. Wenn jetzt wieder nur ein wenig herumgespielt wird an den Mechanismen der Wirtschaft, so dass unter dem Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ kein wirkliches abruptes Umsteuern erfolgt, so geht noch mehr Zeit verloren.

Die Maßnahmen dürfen nicht so lasch sein, dass es wieder keiner merkt. Die Welt zu zerstören muss für die Verursacher so weh tun, dass sie es lassen.

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Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, aber es waren Veranstaltungen während den Ferienunis „Kritische Psychologie“, die mich darauf aufmerksam machten, dass es zwischen der individuellen und der gesellschaftlichen Ebene noch soziale Orte gibt, die für die Orientierungen und Begründungen von Handlungen von Individuen wesentlich sind. Insbesondere den Namen Josef Held merkte ich mir. Vor kurzem las ich nun die IG-Metall-Jugendstudie aus dem Jahr 2002 (Bibouche, Held 2002) und fand darin interessante inhaltliche Ergebnisse zu Orientierungen von Jugendlichen zur damaligen Zeit (immerhin von vor 20 Jahren), aber auch wertvolle konzeptionelle Ergänzungen zu dem, was ich aus der Kritischen Psychologie kenne. Ich denke, diese sind wichtig 1. für das inhaltliche Konzept der Kritischen Psychologie wie auch 2. für die daraus abgeleiteten Praxen der Kollektiven Selbstverständigung. (mehr …)

Gerade die individuelle Möglichkeitsbeziehung verweist also auf die Notwendigkeit eines systemischen Zusammenhangs, eines „in sich funktionsfähige[n] Erhaltungssystem[s]“ (Markard 2009: 162), „durch das die Lebenssicherung des Einzelnen vermittelt ist“ (ebd.: 86). Solche „in sich funktionsfähigen Systeme“ sind auch Gegenstand von System- und Selbstorganisationstheorien. Dort wird von ihrem sachlichen Inhalt abstrahiert und allgemeine Zusammenhänge für solche Systeme erkundet. Es wäre unangemessen, direkt aus der dort vorliegenden abstrakten Sphäre direkte Schlüsse auf konkrete inhaltlich bestimmte Systeme, wie z.B. das gesellschaftliche zu ziehen (vgl. Bühl 1987), aber heuristische Hinweise können auf jeden Fall entnommen werden. Was könnte aus diesen Theorien für unser Thema interessant sein?

Zunächst einmal wird davon ausgegangen, dass Systeme „höherer“ Ordnung jeweils auf Grundlage der Bewegung von Elementen der „niederen“ Systeme entstehen, wobei „Hö-herentwicklung“ mit wachsendem Komplexitätsgrad verbunden ist und damit, dass jeweils „niedere“ Systeme ohne die „höheren“ existieren können, aber nicht umgekehrt.
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