Wissenschaft in der Zeitgeistbewegung
Durch die Begegnung mit Menschen, die sich der Zeitgeistbewegung verbunden fühlen, bin ich vor einigen Wochen herausgefordert worden, mir dazu eine Meinung zu verschaffen. Bisher hatte ich gedacht, dass der Hype um die „Zeitgeist“-Filme doch inzwischen vorbei sei und die dadurch inspirierte Bewegung „Zeitgeist-Movement“ wohl auch keine längere Lebensdauer haben würde, als viele andere.

Wir hatten inzwischen auch einen sehr lebhaften Diskussionsabend in der „Zukunftswerkstatt Jena“ dazu. Ich habe mich nun noch einmal mit einer Kernfrage der Leitlinien der Zeitgeist-Bewegung beschäftigt: Ihrem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Ich referiere erst die in den Leitlinien der Zeitgeistbewegung genannten Ansichten dazu und stelle dem dort Gefundenen wichtige Argumente aus einer umfassenderen Wissenschaftstheorie gegenüber.
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In der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg (siehe dazu eine kurze Einführung von Gens 2009 bzw. Blogbeiträge von mir) wird davon ausgegangen, dass alle Menschen letztlich grundsätzlich die gleichen Bedürfnisse haben (Rosenberg 2004/2010: 13) – diese werden zur häufig in Listen erfasst (Liste 1 (Becker), Liste 2 (Lichtkreis), Liste 3 (Fritsch), Liste in Forendiskussion „Gewaltfrei im Norden“ 2007f.,… Liste aus verschiedenen Konzepten (Weckert 2011)).

Mit dem Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“ können Konflikte gelöst werden, wenn es den Beteiligten gelingt, sich über ihre Bedürfnisse klar zu werden, ihre Bedürfnisse mitzuteilen und Strategien zu entwickeln, mit denen sie ihre Bedürfnisse befriedigen können, ohne in Konflikt zu geraten.
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Viele kennen vielleicht die sog. Maslowsche Bedürfnispyramide (hier die erweiterte Form aus Wikipedia):

beduerfnispyramide

Diese Pyramide gibt’s mittlerweile mit weiteren Ergänzungen nach unten: So wird als Grundbedürfnis genannt: „WLAN“ und Witzbolde fanden noch ein tieferes Bedürfnis: „Akku“!
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Die eben genannten Spezifika des Gesellschaftlichen haben auch Folgen für die Bedürftigkeit der Menschen. Sie sind zwar auch biologische Wesen, die durchaus auch unter physiologischen Mangelzuständen leiden, aber der Hunger hat für Menschen eine andere Bedeutung als für Tiere. Schon innerhalb der Tierwelt gibt es verschiedene Entwicklungsstadien von Bedarfszuständen und Aktivitäten ihrer Befriedigung. Das beginnt bei einer „weitgehend am Stoffwechselgeschehen orientierte[n] Bedürftigkeit der niederen Tierformen“ (Holzkamp-Osterkamp 1077: 191). Im Verlauf der phylogenetischen Entwicklung entwickelt sich vor allem die individuelle Lernfähigkeit, so dass Tiere höherentwickelter Tierarten Fähigkeiten für vielfältigere Aktionsmuster haben. Zur Befriedigung eines Bedarfs gehört nicht nur das Erreichen des befriedigenden Gegenstands (Futter etc.), sondern auch das Ausüben der entsprechenden Aktivität (Jagen). Es entsteht ein „gegenüber den einzelnen inhaltlichen Bedarfszuständen verselbständgte[r] übergeordnete[r] „Bedarf nach Umweltkontrolle“ […] außerhalb der jeweiligen Ernstsituation“ (ebd.: 190). Auch das Neugier- und Explorationsverhalten, lernende und übende Verhaltensweisen und der Bedarf nach sozialen Kontakten sind „“bedarfsmäßig“ abgesichert“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 37). In Tiergärten und Zoos wird seit längerer Zeit darauf geachtet, dass die Tiere nicht nur ihr Futter vorgesetzt bekommen, sondern ihre artgerechten Verhaltensweisen, z.B. beim Suchen und Jagen nach dem Futter, ebenfalls ausleben können. (mehr …)

Die logisch-historische Ableitung der „biologisch-naturgeschichtlichen Gewordenheit“ nehmen in dem Buch von Ute Holzkamp-Osterkamp („Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung 1“) über 200 Seiten ein und die „neue Qualität der gesellschaftlichen Entwicklung“ (ebd.: 229) weitere 150 Seiten. Sie kann deshalb hier nicht einmal ansatzweise angemessen referiert werden. Festzuhalten sind jedoch folgende Ergebnisse:

  • Dadurch, dass Menschen durch Arbeit ihre eigenen Lebensbedingungen schaffen, sind die veränderten bzw. hergestellten Gegenstände Vergegenständlichungen menschlicher Zwecke und Fähigkeiten (ebd.: 233) im Kontext der „übergreifenden Notwendigkeiten der Lebenssicherung“ (ebd.: 235) und tragen Bedeutungen, die über die Phase der unmittelbaren Nutzung hinausgehen (Das Spezifikum der menschlichen Werkzeugherstellung wird in der „geplante[n] Werkzeugherstellung für künftige Gelegenheit“ (ebd.: 232) gesehen).
  • Menschliche Tätigkeit bezieht sich auf diese bedeutungsvolle Umwelt innerhalb der jeweils konkreten historischen Entwicklungsstufe der Menschheit (ebd.: 235).
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Methodik der Kritischen Psychologie für die Kennzeichnung menschlicher Charakteristika

Die genannten Begriffsbestimmungen von Rubinstein und Leontjew leiden wie fast alle anderen an einer gewissen Willkürlichkeit. Wie können wir vom willkürlichen „Ausdenken“ von Definitionen wegkommen? Gibt es andere als „bloß äußerliche, unabgeleitete Klassifikationen“, wie Ute Holzkamp-Osterkamp die vorhandenen kritisiert (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 117)? Die Alternative sieht Holzkamp-Osterkamp darin, den Begriff der Bedürfnisse wie andere Begriffe zur Kennzeichnung von menschlichen Charakteristika „aus den materiellen Entwicklungsnotwendigkeiten des Übergangs von der bloß biologischen zur gesellschaftlichen Lebenserhaltung und der progressiven Entfaltung der Produktionsweise“ abzuleiten (ebd.: 124). (mehr …)

Über die volkswirtschaftliche und die Kritisch-psychologische Unterscheidung zwischen „Bedürfnis“ und „Bedarf“ hatte ich schon einen Blogbeitrag geschrieben.

In volkswirtschaftlichen Texten wird der Begriff „Bedarf“ für jene Bedürfnisse verwendet, für die eine zahlungskräftige Nachfrage besteht (Bild aus Heini 2014).

bedarf
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