Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


Ein Universalschlüssel, der etwa aus den früher gelehrten „dialektischen Grundgesetzen“ konstruiert wurde, erschließt uns weder die Geschichte noch sinnvolle Antizipationen der Zukunft. Natürlich gibt es Widersprüche, bei denen gegensätzliche Momente einer Einheit einander konstituieren. Natürlich können aus quantitativen Veränderungen nach Überschreiten eines Maßes qualitative Zustandsänderungen folgen. Natürlich wird das entstehende Neue das Alte im Prinzip doppelt negieren, weil es gegensätzliche Momente hat, aber das Sich-Verändernde (als „Menschheit“) doch mit sich gleich geblieben ist. In Hegels „Logik“ treibt der Widerspruch zwischen der zuerst erkannten Begriffsbedeutung mit der in ihm implizit enthaltenden weitergehenden, der ersten widersprechenden, Bedeutung zur Weiterentwicklung des Begriffs. In der „Weltgeschichte“ von Hegel werden die geschichtlichen Übergänge konkret untersucht. Beim Übergang zur griechischen Antike betont Hegel die „Berührung der persischen und griechischen Welt“ (HW 12: 273, vgl. 313ff.). (mehr …)

Advertisements

Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


Dass die Fesseln der gesellschaftlichen Verhältnisse immer wieder gesprengt wurden, sieht man aus einer Perspektive des erreichten Entwicklungsstandes, quasi der „Eule der Minerva“, die „erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ beginnt. (HW 7: 28) Bis zur Gegenwart hat es immer weitere Stufen der Höherentwicklung gegeben. Wenn wir nur diese Stufen betrachten und dieses Strukturmuster des stufenweisen Voranschreitens weiter in die Zukunft antizipieren, entsteht ein recht deterministisches Geschichtsbild. Die Stufen werden abgeleitet aus den „Gesetzmäßigkeiten“ der Geschichte. In dem schon genannten Lehrbuch wird die Argumentationsweise, die dazu führt, offenbart: Die Bestimmung der „Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung“ werden unmittelbar aus dem „Kapitel über die materialistische Dialektik“ über die Bestimmung der dort verhandelten Gesetzmäßigkeiten abgeleitet (Hahn, Kosing, Rupprecht 1983: 411). Das ist ein methodologischer Kurzschluss (Erpenbeck, Hörz 1977: 50) zwischen unterschiedlichen Ebenen des Erkenntnisprozesses (zwischen der allgemein-philosophischen Ebene der Philosophie und der Verallgemeinerung geschichtlicher Erkenntnisse) und überspringt die notwendigen Studien der „wirklichen Bewegung“ in der Geschichte, d. h. das Studium geschichtlicher Entwicklungen „jede […] für sich“ und ihre Vergleichung. (mehr …)

Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


An diesem Zitat müssen wir natürlich heute zweifeln. Eine „Notwendigkeit des geschichtlichen Fortschritts“ gibt es nicht. Oder doch?
Ellen Meiksin Wood (Wood 2015) kritisiert in ihrem Buch „Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche“ (2015) jene Sichtweise, bei der die Entstehung des Kapitalismus als quasi notwendige Folge der vorherigen Geschichte angenommen wird. Das bedeutet dann, dass die Entstehung des Kapitalismus eine „Möglichkeit“ sei, „die ergriffen werden muss, wo immer und wann immer es möglich ist“ (ebd.: 14). Das Fehlen des Kapitalismus stellt dann immer „irgendwie ein historisches Scheitern dar […]“ (ebd.: 39) und bei der geschichtlichen Suche nach den Anfängen des Kapitalismus sucht man auf jenen Ansatz, „der immer nur darauf wartete, von äußeren Hindernissen befreit zu werden“ (ebd.: 25). Demgegenüber vertritt Wood die Ansicht, dass es nur in England eigentümliche Bedingungen gab, die zur Ausbildung des Kapitalismus führten. Ganz besondere rechtliche Eigentumsformen unter ganz speziellen Bedingungen führten erst dazu, dass Marktimperative entstanden, die dann auch die Entwicklung der Produktivkräfte beförderten. (mehr …)

Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


Die dialektische Entwicklung in der Geschichte verbürgte für viele MarxistInnen ihren Fortschrittsoptimismus. Kuczynski schrieb nach der „Wende“: „Der einzige Trost in der gegenwärtigen Situation ist, daß man weiß, wie auch Engels sagt, daß die Geschichte im Zickzack verläuft, und daß sich letztlich stets die fortschrittliche Zickperiode durchsetzt.“ (Kuczynski 1994: 92) Ist er damit ein „hoffnungsloser Fall von Optimismus“, wie das Buch heißt, aus dem dieses Zitat entnommen ist? Ernst Bloch jedenfalls wusste um die Möglichkeit des Scheiterns (EP: 70), der Vereitelung der Utopie (PH 364): „Also, Hoffnung muß enttäuscht werden können, sonst kann sie keine Hoffnung sein.“ (Bloch 1975: 233) (mehr …)

Wieder sind zwei Veröffentlichungen von mir erschienen. Diesmal fast gleichzeitig zum selben Thema. Der erste ist die Verschriftlichung eines Vortrags bei der Ernst-Bloch-Assoziation von 2017, der zweite wurde für die Zeitschrift „Aufhebung“ geschrieben.

 

Wie weiter nach radikal ent-täuschten Hoffnungen? In: VorSchein. Jahrbuch 2017 der Ernst-Bloch-Assoziation (Hg.: Doris Zeilinger). Nürnberg: ANTOGO Verlag. S. 77-88.
Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie? In: Aufhebung. Zeitschrift für dialektische Philosophie. #12/2018. Berlin: Gesellschaft für dialektische Philosophie Eigenverlag. S. 49-69.

Als Blogbeiträge online.

Ich lese mich seit einigen Wochen durch einen immer größer werdenden Bücherstapel zur Geschichte. Wie üblich finde ich in jeder Quelle mindestens ein bis zwei neue Hinweise auf Bücher oder Texte, die ich mir dann übers Internet oder auch antiquarisch besorge. Als ich in einem Mailwechsel vor einigen Tagen schrieb, dass gerade 24 Bücher noch warten, kamen eine Stunde später drei weitere mit der Post und seitdem noch einmal zwei.

Warum tue ich mir das an? Nun ja, seit ich einige Fragen habe, finde ich es spannend, die möglichen Antworten dazu nachzulesen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn andere etwas zitieren oder auch referieren, sie längst nicht alles für mich Wichtige erfasst haben. Was mich besonders ärgert ist die Praxis, dass oft jemand etwas liest, was ihn (oder sie) überzeugt und dann wird genau diese Position als „Wahrheit“ wie ein Banner weiter herumgetragen, ohne zu prüfen, ob es noch Alternativen zu dieser Position gibt.

(mehr …)

Ich war nach Dresden eingeladen, um in einer Veranstaltungsreihe anlässlich des Geburtstages von Karl Marx mit dem Motto „…an allem ist zu zweifeln!“ vorzutragen. Als Titel habe ich gewählt: „Täuscht die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“

Von der Notwendigkeit des Fortschritts sind wir längst nicht mehr so überzeugt wie früher. Können wir wenigstens Hoffnung auf den »dialektischen Gang der Geschichte« haben? Was geschah, als Marx und Engels die Hegelsche Dialektik materialistisch »umstülpten« und welche Probleme sind damit verbunden? Der drohende Klima-Umbruch der nächsten Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte sollte uns Geschichtsphilosophien überdenken lassen, die sich bisher allzu leicht von der Hoffnung auf die Dialektik tragen ließen.

Hier gibt es die Präsentation auf Slideshare.