Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


An diesem Zitat müssen wir natürlich heute zweifeln. Eine „Notwendigkeit des geschichtlichen Fortschritts“ gibt es nicht. Oder doch?
Ellen Meiksin Wood (Wood 2015) kritisiert in ihrem Buch „Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche“ (2015) jene Sichtweise, bei der die Entstehung des Kapitalismus als quasi notwendige Folge der vorherigen Geschichte angenommen wird. Das bedeutet dann, dass die Entstehung des Kapitalismus eine „Möglichkeit“ sei, „die ergriffen werden muss, wo immer und wann immer es möglich ist“ (ebd.: 14). Das Fehlen des Kapitalismus stellt dann immer „irgendwie ein historisches Scheitern dar […]“ (ebd.: 39) und bei der geschichtlichen Suche nach den Anfängen des Kapitalismus sucht man auf jenen Ansatz, „der immer nur darauf wartete, von äußeren Hindernissen befreit zu werden“ (ebd.: 25). Demgegenüber vertritt Wood die Ansicht, dass es nur in England eigentümliche Bedingungen gab, die zur Ausbildung des Kapitalismus führten. Ganz besondere rechtliche Eigentumsformen unter ganz speziellen Bedingungen führten erst dazu, dass Marktimperative entstanden, die dann auch die Entwicklung der Produktivkräfte beförderten. (mehr …)

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Die dialektische Entwicklung in der Geschichte verbürgte für viele MarxistInnen ihren Fortschrittsoptimismus. Kuczynski schrieb nach der „Wende“: „Der einzige Trost in der gegenwärtigen Situation ist, daß man weiß, wie auch Engels sagt, daß die Geschichte im Zickzack verläuft, und daß sich letztlich stets die fortschrittliche Zickperiode durchsetzt.“ (Kuczynski 1994: 92) Ist er damit ein „hoffnungsloser Fall von Optimismus“, wie das Buch heißt, aus dem dieses Zitat entnommen ist? Ernst Bloch jedenfalls wusste um die Möglichkeit des Scheiterns (EP: 70), der Vereitelung der Utopie (PH 364): „Also, Hoffnung muß enttäuscht werden können, sonst kann sie keine Hoffnung sein.“ (Bloch 1975: 233) (mehr …)

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„An allem ist zu zweifeln…“ war das Motto einer Vortragsreihe in Dresden, in der ich über das hier verhandelte Thema vortrug. Marx musste in seinem Leben mehrmals zweifeln an seinen zu optimistischen Prognosen über eine baldige Revolution, aber er verzweifelte nicht, sondern setzte sich auf den Hosenboden und arbeitete weiter. Das ganze turbulente 20. Jahrhundert liegt zwischen ihm und uns. Die „bürgerlichen Ideologen“ verbreiteten schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Untergangsstimmung. Hauke Ritz kennzeichnet die „Neuzeittheorien“ als „Krisentheorien“ (Ritz 2013: 30), die die „Geschichte nicht als Fortschritt, sondern eher als Verhängnis und Verstrickungszusammenhang“ (ebd.: 45) betrachten. Rudolf Bultmann etwa schreibt: „Der Glaube an den stetigen Fortschritt der Menschheitsgeschichte ist verloren gegangen.“(Bultmann 1961: 50) Es fällt uns nicht mehr so leicht wie Helga Nowack im Jahr 1989, diese Ansichten als Reflexion des „Verlusts der historischen Hegemonie der Klasse“, d.h. der bourgeoisen herrschenden Klasse und als „bornierte, aber mögliche Widerspiegelung von Teilaspekten realer Dialektik […] des Fortschrittsprozesses“ (Nowack 1989: 782) anzusehen. (mehr …)

Den meisten Büchern, die anlässlich des Marxjahres erschienen, bringe ich kein Interesse entgegen. So führte mich auch nur ein Hinweis aus der Veranstaltungsreihe, innerhalb derer ich in drei Wochen in Hamburg sein werde, zu dem Buch von Kurz Bayertz mit dem nicht so besonders aufregenden Titel: „Interpretieren, um zu verändern. Karl Marx und seine Philosophie.“

Gleich das erste Kapitel, das ich las, begeisterte mich jedoch wegen der analytischen Klarheit. Hier geht es um die „philosophischen Voraussetzungen“ der Marxschen Theorie“, die Marx zu einem großen Teil nicht explizit erläuterte. Bayertz wählt für seine Darstellung das „Prinzip der wohlwollenden Interpretation“:

„Die Marxsche Theorie soll so stark gemacht werden wie möglich – aber nicht stärker. Wohlwollen zeigt sich nicht darin, dass man Unklarheiten und Inkonsistenzen kaschiert.“

Im folgenden Beitrag werde ich aus dem Kapitel V: „Geschichte, Fortschritt, Revolution“ berichten. (mehr …)

 „Wenn man „Klassen“ und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien
und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man aber noch lange nicht,
dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen
hinter den Wörtern objektiv zu tun haben.“ (Eribon 2016: 122)

Es gab schon einmal mindestens drei Klassenkonferenzen in Jena (2010, 2011, 2012). Bei der aktuellen Nummer wurde an diese Tradition nicht direkt angeknüpft, sondern es hieß gleich „Klasse neu denken“.

Es war deutlich zu spüren: Diesmal wird Ernst gemacht. Vor allem im gerade entstehenden „Projekt Klassenanalyse Jena“ an der Uni Jena. Diese Dynamik liegt vor allem daran, dass „Klassen und Klassenpolitik mit Wucht in den öffentlichen Diskurs zurückgekehrt“ sind, wie Klaus Dörre sagte (zitiert aus der Veröffentlichung: Dörre 2018).

Von einem „Klassenkampf von oben“ wurde seit Anbruch des „Neoliberalismus“ schon immer mal gesprochen. Derzeit jedoch führt das Fehlen einer angemessenen Re/-Aktion „von unten“ zu fatalen Folgen: Klaus Dörre führt den Erfolg der rechten Strömungen darauf zurück, dass diese in die Lücke stoßen, die sich auftut zwischen der Zunahme der klassenspezifischen Ungleichheiten und der Schwäche von politischen und gewerkschaftlichen Organisationen, die „um den Gegensatz von Kapital und Arbeit gebaut“ (ebd.) sind.

Klaus Dörre formuliert dann einige Thesen, von denen ich einige Gedanken hier – anders gegliedert – vorstellen will. Gleichzeitig sehe ich die hier genannten Überlegungen auch immer im Kontrast zum gerade herausgekommenen Buch „Kapitalismus aufheben“ von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz (die diesbezüglichen Verweise stamme nicht aus der Tagung, sondern von mir):

1. Zur Definition des Begriffs „Klasse“
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Wieder sind zwei Veröffentlichungen von mir erschienen. Diesmal fast gleichzeitig zum selben Thema. Der erste ist die Verschriftlichung eines Vortrags bei der Ernst-Bloch-Assoziation von 2017, der zweite wurde für die Zeitschrift „Aufhebung“ geschrieben.

 

Wie weiter nach radikal ent-täuschten Hoffnungen? In: VorSchein. Jahrbuch 2017 der Ernst-Bloch-Assoziation (Hg.: Doris Zeilinger). Nürnberg: ANTOGO Verlag. S. 77-88.
Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie? In: Aufhebung. Zeitschrift für dialektische Philosophie. #12/2018. Berlin: Gesellschaft für dialektische Philosophie Eigenverlag. S. 49-69.

Als Blogbeiträge online.

Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Im Stigmergie-Konzept bleibt das Gesamte den einzelnen Menschen weiterhin verborgen. Sie beziehen sich nicht auf das Gesamte, sondern beziehen sich nur auf die Teilaufgabe, für die sie auch nur das wissen müssen, was sie für die Aufgabe wissen müssen. Das ist nicht zufällig, denn die Herkunft dieser Metapher aus dem Zusammenwirken von Termiten beinhaltete auch schon, dass die Termiten nicht darüber kommunizieren brauchen, „wer wann wo was und wie zu tun hat“ (Heylighen 2007: 174). Es können damit erstaunliche Termitenhaufen entstehen. Bei Wikipedia zeigt sich aber schon, dass deren Gestaltung nicht nur in der Summe des Abarbeitens der roten Links besteht, sondern wesentlich in der aktiven Aufrechterhaltung und Gestaltung der gesamten Infrastruktur – an der sich nur ein Bruchteil der insgesamt Beteiligten beschäftigt. Aber auch so wären nicht wirklich sachlich komplex ineinander verwobener Produktionsprozesse zu gestalten – überhaupt geht der Gestaltungsanspruch fürs Ganze verloren oder wird an jene delegiert, die in den „Hubs“ dafür sorgen. Da diese dann eingreifen in die Infrastrukturgestaltung und -festlegung – für die es keine Alternativen geben kann, wenn sie das globale Netzwerk betreffen – kann hier nur sehr träumerisch an das ewige Fortbestehen einer nur eingebetteten Allgemeinheit geglaubt werden. (mehr …)