Die folgenden Beiträge werden zur Zeit wohl eher als „Alarmismus“ verschrieen werden. Warum soll man sich nach einigen warmen Sommern schon Sorgen um den Klimawandel machen? Es gibt doch wohl Hoffnung auf ein rechtzeitiges Sinken der Treibhausgasemissionen wie einst bei FCKW, oder nicht?

Es könnte aber auch sein, dass mein Enkel mich nach dem Lesen dieses uralten Textes anstarrt und fragt: „Ja, Ihr wusstet doch alles, warum – verdammt noch mal – habt Ihr nicht alles unternommen, um uns eine lebbare Umwelt zu hinterlassen?“

In einer Studie zu den Schadensrisiken durch den Klimawandel (die sog. „Vulnerabilität“) wird vorgeschlagen, die Risiken nur sehr vorsichtig zu kommunizieren:

Die Risiken des Klimawandels können zu Verdrängungsreaktionen oder sogar zu fatalistischen Reaktionen („Ich kann ja doch nichts tun.“) führen. Um diese Reaktionen von vornherein zu verhindern, sollte ein „Katastrophismus“ – d.h. die Betonung von potenziellen Klimafolgen katastrophalen Ausmaßes – vermieden und die Kommunikation von Risiken immer mit der Kommunikation von Anpassungsmöglichkeiten verbunden werden. Zur Kommunikation von Anpassungsmöglichkeiten sind Vorbilder, die Anpassungsmaßnahmen „vorleben“, besonders geeignet. (Zebisch u.a. 2005: 11)

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Dieser Text gehört zur „Langen Antwort an Simon“ zu seinem Kommentar hier im Blog.  Insgesamt gehören mehrere Blogbeiträge zu dieser Antwort.


Verhältnis einer kategorialen Theorie des Menschlichen zur (transformierenden) Praxis

… (vorheriger Abschnitt siehe oben)… Damit sind wir innerhalb unseres Dialogs im Zusammenhang mit dem Kommentar von Simon bei der Frage des Verhältnisses von Theorie und Praxis. Dies ist derzeit im Umfeld der Keimform-Debatten wichtig. Bei der Diskussion der Vorstellung von progressiven nachkapitalistischen Verhältnissen kommt das Gespräch häufig ins Stocken, weil Gegenargumente vorgebracht werden, die in den Bedingungen der jetzigen Verhältnisse begründet sind. Deshalb schlug Stefan Mz. vor, zwei Diskurse zu unterscheiden: Der „Diskurs 1“–- der „Commonismus-Diskurs“ – bezieht sich auf die Zukunftsvorstellung und das allgemein-Menschliche, während der „Diskurs 2“ den „Transformationsdiskurs“ darstellt. Beide Diskurse haben einen theoretischen Anspruch (nicht umsonst sind sie „Diskurse“), aber der zweite verbindet sich stärker mit praktischen Handlungen. Es gibt eine Verbindung: Aus der „kategorialen Analyse“ sollen Kriterien gewonnen werden, „die für unser heutiges Handeln relevant sind, also Gegenwart mit Zukunft verbindet“. An anderer Stelle schreibt Stefan nochmal, dass wir „Kritieren der (Selbst-)Entwicklungsrichtung“ brauchen. Die kategoriale Analyse im Diskurs soll keine konkretistische „Auspinselung“ einer Wunschwelt sein, sie soll auch nicht lediglich in einer abstrakten Kritik (etwa der Aussage „Ende jeder Herrschaft“) stecken bleiben. (mehr …)

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„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Während bei Agnes Heller in diesen Bestimmungen der kommunistischen Bedürfnisse immer noch die Vorstellung des Unentfremdeten enthalten ist, war sich Marx sicher, dass die Menschen ihre schöpferischen Anlagen herausarbeiten „ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebenen Maßstab“ erfolgt (GR, MEW 42: 396). Dass „jedes Individuum Repräsentant der bewusstgewordenen und realisierten Gattungsmäßigkeit“ werden kann, „ das in jedem anderen Menschen den Repräsentanten der realisierten Gattungsmäßigkeit erkennt und sich zu ihm als solchem in Beziehung stellt“ (Heller 1974/1980: 143) – wie weiter oben schon zitiert –, kann damit nicht einfach aus einer „Aufhebung der Entfremdung“ erhofft werden. (mehr …)

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„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Agnes Heller vertritt in ihrem Buch „Theorie der Bedürfnisse“ noch eine Unterscheidung von Sozialismus und Kommunismus. Den Sozialismus sieht sie als einen „Übergang, der freilich Jahrhunderte in Anspruch nehmen kann“ (Heller 1974/1980: 116). Erst im Kommunismus als „Gesellschaft der assoziierten Produzenten“ gibt es die Möglichkeit, dass bei steigender Produktivität die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit so stark gesenkt werden kann, „daß dem Arbeiter die Befriedigung „höherstehender“ Bedürfnisse möglich wird“ (ebd.: 27).
Unter den Bedingungen einer hohen Arbeitsproduktivität und der Existenz kommunistischer gesellschaftlicher Verhältnisse können sich auch die Bedürfnisse grundlegend ändern. Diese Veränderung trifft unterschiedliche Bedürfnisse der heutigen Zeit in unterschiedlicher Weise, wie Marx ausführt:
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„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Im Kapitalismus werden also Bedürfnisse nur in einer bestimmten Weise befriedigt, die angesichts der menschlichen Möglichkeiten (der „an Bedürfnissen reiche“ Mensch“ (Heller 1974/1980: 48) bzw. gesellschaftlich vermittelte Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 34)) als beschränkt oder reduziert erscheint, bzw. bei der Ziele und Mittel verkehrt sind.

Diese konkrete Form der reduzierten Bedürftigkeit im Kapitalismus kann nicht durch Appelle oder individuelle Entscheidungen aufgehoben werden, denn sie ist in die konkrete Weise der Bedürfnisbefriedigung, also die Wirtschaftsform eingebunden. Individuen stehen sich im Kapitalismus als einzelne Menschen gegenüber, die je nach ihrer Klassenstellung durch den Besitz an Produktionsmitteln oder nur ihrer Arbeitskraft unterschiedliche Bedürftigkeiten haben und diese nur entsprechend den herrschenden Verhältnissen befriedigen können; die ArbeiterInnen also nur durch Verkauf ihrer Arbeitskraft. Damit sind sie per se von den umfassenderen menschlichen Möglichkeiten abgeschnitten, unabhängig davon, ob sich dies auf ihren Bedürfnisreichtum (z.B. nach freier Zeit anstatt Lohnarbeit) oder die Kontrolle über die Lebensbedingungen, die sie nicht haben, bezieht.
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„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Bleiben wir vorerst wieder bei Agnes Heller. Sie verschweigt ebenso wenig wie Marx, dass der Kapitalismus als Durchgangsphase der menschlichen Entwicklung auch eine zivilisatorische Rolle hat. Bei Marx wird in dieser Phase die „Entdeckung, Schöpfung und Befriedigung neuer aus der Gesellschaft selbst hervorgehender Bedürfnisse“ (GR, MEW 42: 32) möglich und im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Verhältnissen ist „im Prinzip […] kein einziges Mitglied von der Befriedigung der Bedürfnisse jedwelcher Qualität ausgeschlossen – man muß lediglich die Gegenstände der Bedürfnisse erkaufen“ (Heller 1974/1980: 51).

Gleichzeitig liegen Mängel der Bedürfnisbefriedigung für die Arbeiterschaft auf der Hand. Marx zitiert z.B. R. Owen:
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„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


In diesem Teil werde ich nicht nur die Schrift von Agnes Heller referieren, sondern auf eine philosophische Basis hinweisen, der gegenüber eine kritische Distanz notwendig ist.

Agnes Heller bezieht sich auf einen Maßstab, an dem sich das Ungenügen des Kapitalismus zeigt. Dieser Maßstab wurde schon in der 4. Bedeutung des Begriffs der „gesellschaftlichen Bedürfnisse“ bei Marx genannt. Es sind die „reichen menschlichen Bedürfnisse“. (Heller 1974/1980: 40). Bei Lucien Séve tritt dieser Maßstab auf als „mittelbare[s], reiche[s] Bedürfnis, das heißt freie Bestreben des weitgehend sozialisierten Individuums“ (Séve 1969/1977: 335).

Die Verhältnisse im Kapitalismus werden, dem frühen Marx folgend, als „entfremdete“ bezeichnet. Dies unterstellt etwas, wovon sie entfremdet sind, etwas Nicht-Entfremdetes.

„Als Wertmaßstab dient […] der „an Bedürfnissen reiche“ Mensch“ (Heller 1974/1980: 48)

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