Die folgenden Texte sind eine Antwort auf den Kommentar von Simon in diesem Blog. Diese Antwort untergliedert sich in mehrere Schwerpunkte, für die ich jeweils einen Blogbeitrag einstelle. Da in einem Blog jeweils das zuletzt Eingestellte zuerst erscheint, füge ich die Beiträge hier so aneinander, dass sie von oben nach unten gelesen werden können.

Als Vorrede noch eine Bemerkung: ich nehme hier häufig gegenüber früher von mir selbst vertretenen Standpunkten die Rolle des Advocatus Diaboli ein, auch wenn die Kritiken scheinbar andere treffen. Wenn ich bestimmte Standpunkte in Frage stelle, so sind das meist Überlegungen, die mir zumindest auch schon gekommen sind, die ich aber als zu einseitig oder in der Konsequenz doch als fragwürdig empfinde.

Es gibt folgende Beiträge:

Dieser Text gehört zur „Langen Antwort an Simon“ zu seinem Kommentar hier im Blog.  Insgesamt gehören mehrere Blogbeiträge zu dieser Antwort.


Verhältnis einer kategorialen Theorie des Menschlichen zur (transformierenden) Praxis

… (vorheriger Abschnitt siehe oben)… Damit sind wir innerhalb unseres Dialogs im Zusammenhang mit dem Kommentar von Simon bei der Frage des Verhältnisses von Theorie und Praxis. Dies ist derzeit im Umfeld der Keimform-Debatten wichtig. Bei der Diskussion der Vorstellung von progressiven nachkapitalistischen Verhältnissen kommt das Gespräch häufig ins Stocken, weil Gegenargumente vorgebracht werden, die in den Bedingungen der jetzigen Verhältnisse begründet sind. Deshalb schlug Stefan Mz. vor, zwei Diskurse zu unterscheiden: Der „Diskurs 1“–- der „Commonismus-Diskurs“ – bezieht sich auf die Zukunftsvorstellung und das allgemein-Menschliche, während der „Diskurs 2“ den „Transformationsdiskurs“ darstellt. Beide Diskurse haben einen theoretischen Anspruch (nicht umsonst sind sie „Diskurse“), aber der zweite verbindet sich stärker mit praktischen Handlungen. Es gibt eine Verbindung: Aus der „kategorialen Analyse“ sollen Kriterien gewonnen werden, „die für unser heutiges Handeln relevant sind, also Gegenwart mit Zukunft verbindet“. An anderer Stelle schreibt Stefan nochmal, dass wir „Kritieren der (Selbst-)Entwicklungsrichtung“ brauchen. Die kategoriale Analyse im Diskurs soll keine konkretistische „Auspinselung“ einer Wunschwelt sein, sie soll auch nicht lediglich in einer abstrakten Kritik (etwa der Aussage „Ende jeder Herrschaft“) stecken bleiben. (mehr …)

Viele kennen vielleicht die sog. Maslowsche Bedürfnispyramide (hier die erweiterte Form aus Wikipedia):

beduerfnispyramide

Diese Pyramide gibt’s mittlerweile mit weiteren Ergänzungen nach unten: So wird als Grundbedürfnis genannt: „WLAN“ und Witzbolde fanden noch ein tieferes Bedürfnis: „Akku“!
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Die eben genannten Spezifika des Gesellschaftlichen haben auch Folgen für die Bedürftigkeit der Menschen. Sie sind zwar auch biologische Wesen, die durchaus auch unter physiologischen Mangelzuständen leiden, aber der Hunger hat für Menschen eine andere Bedeutung als für Tiere. Schon innerhalb der Tierwelt gibt es verschiedene Entwicklungsstadien von Bedarfszuständen und Aktivitäten ihrer Befriedigung. Das beginnt bei einer „weitgehend am Stoffwechselgeschehen orientierte[n] Bedürftigkeit der niederen Tierformen“ (Holzkamp-Osterkamp 1077: 191). Im Verlauf der phylogenetischen Entwicklung entwickelt sich vor allem die individuelle Lernfähigkeit, so dass Tiere höherentwickelter Tierarten Fähigkeiten für vielfältigere Aktionsmuster haben. Zur Befriedigung eines Bedarfs gehört nicht nur das Erreichen des befriedigenden Gegenstands (Futter etc.), sondern auch das Ausüben der entsprechenden Aktivität (Jagen). Es entsteht ein „gegenüber den einzelnen inhaltlichen Bedarfszuständen verselbständgte[r] übergeordnete[r] „Bedarf nach Umweltkontrolle“ […] außerhalb der jeweiligen Ernstsituation“ (ebd.: 190). Auch das Neugier- und Explorationsverhalten, lernende und übende Verhaltensweisen und der Bedarf nach sozialen Kontakten sind „“bedarfsmäßig“ abgesichert“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 37). In Tiergärten und Zoos wird seit längerer Zeit darauf geachtet, dass die Tiere nicht nur ihr Futter vorgesetzt bekommen, sondern ihre artgerechten Verhaltensweisen, z.B. beim Suchen und Jagen nach dem Futter, ebenfalls ausleben können. (mehr …)

Die logisch-historische Ableitung der „biologisch-naturgeschichtlichen Gewordenheit“ nehmen in dem Buch von Ute Holzkamp-Osterkamp („Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung 1“) über 200 Seiten ein und die „neue Qualität der gesellschaftlichen Entwicklung“ (ebd.: 229) weitere 150 Seiten. Sie kann deshalb hier nicht einmal ansatzweise angemessen referiert werden. Festzuhalten sind jedoch folgende Ergebnisse:

  • Dadurch, dass Menschen durch Arbeit ihre eigenen Lebensbedingungen schaffen, sind die veränderten bzw. hergestellten Gegenstände Vergegenständlichungen menschlicher Zwecke und Fähigkeiten (ebd.: 233) im Kontext der „übergreifenden Notwendigkeiten der Lebenssicherung“ (ebd.: 235) und tragen Bedeutungen, die über die Phase der unmittelbaren Nutzung hinausgehen (Das Spezifikum der menschlichen Werkzeugherstellung wird in der „geplante[n] Werkzeugherstellung für künftige Gelegenheit“ (ebd.: 232) gesehen).
  • Menschliche Tätigkeit bezieht sich auf diese bedeutungsvolle Umwelt innerhalb der jeweils konkreten historischen Entwicklungsstufe der Menschheit (ebd.: 235).
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Methodik der Kritischen Psychologie für die Kennzeichnung menschlicher Charakteristika

Die genannten Begriffsbestimmungen von Rubinstein und Leontjew leiden wie fast alle anderen an einer gewissen Willkürlichkeit. Wie können wir vom willkürlichen „Ausdenken“ von Definitionen wegkommen? Gibt es andere als „bloß äußerliche, unabgeleitete Klassifikationen“, wie Ute Holzkamp-Osterkamp die vorhandenen kritisiert (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 117)? Die Alternative sieht Holzkamp-Osterkamp darin, den Begriff der Bedürfnisse wie andere Begriffe zur Kennzeichnung von menschlichen Charakteristika „aus den materiellen Entwicklungsnotwendigkeiten des Übergangs von der bloß biologischen zur gesellschaftlichen Lebenserhaltung und der progressiven Entfaltung der Produktionsweise“ abzuleiten (ebd.: 124). (mehr …)

Dieser Beitrag gehört zum Themenkomplex:
„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Während bei Agnes Heller in diesen Bestimmungen der kommunistischen Bedürfnisse immer noch die Vorstellung des Unentfremdeten enthalten ist, war sich Marx sicher, dass die Menschen ihre schöpferischen Anlagen herausarbeiten „ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebenen Maßstab“ erfolgt (GR, MEW 42: 396). Dass „jedes Individuum Repräsentant der bewusstgewordenen und realisierten Gattungsmäßigkeit“ werden kann, „ das in jedem anderen Menschen den Repräsentanten der realisierten Gattungsmäßigkeit erkennt und sich zu ihm als solchem in Beziehung stellt“ (Heller 1974/1980: 143) – wie weiter oben schon zitiert –, kann damit nicht einfach aus einer „Aufhebung der Entfremdung“ erhofft werden. (mehr …)