Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, aber es waren Veranstaltungen während den Ferienunis „Kritische Psychologie“, die mich darauf aufmerksam machten, dass es zwischen der individuellen und der gesellschaftlichen Ebene noch soziale Orte gibt, die für die Orientierungen und Begründungen von Handlungen von Individuen wesentlich sind. Insbesondere den Namen Josef Held merkte ich mir. Vor kurzem las ich nun die IG-Metall-Jugendstudie aus dem Jahr 2002 (Bibouche, Held 2002) und fand darin interessante inhaltliche Ergebnisse zu Orientierungen von Jugendlichen zur damaligen Zeit (immerhin von vor 20 Jahren), aber auch wertvolle konzeptionelle Ergänzungen zu dem, was ich aus der Kritischen Psychologie kenne. Ich denke, diese sind wichtig 1. für das inhaltliche Konzept der Kritischen Psychologie wie auch 2. für die daraus abgeleiteten Praxen der Kollektiven Selbstverständigung. (mehr …)

Da im Kontext des Diskussionsblogs „Keimform.de“ viel von den Begriffen aus der Kriti-schen Psychologie nach Klaus Holzkamp gehalten wird, möchte ich hier auch an die Bedeutung der Begriffe „Interaktion“, „Kooperation“ und „Handeln“ erinnern, weil die sich auch auf unterschiedliche Beziehungsformen beziehen.

  • Interaktion: Einbeziehen von Sozialpartnern in die Aktivität eines Einzelnen auf operativer Ebene (schon bei Tieren).
  • Kooperation: die Beteiligten antizipieren einen gemeinsamen verallgemeinerten Nutzen (eine vorgegebene Zielkonstellation) und agieren dementsprechend gemeinsam; Kooperation bezieht sich auf den überindividuellen, nicht mehr unmittelbaren Zusammenhang der verallgemeinerten Vorsorge für die je individuelle Existenz.
  • Handeln: gesellschaftliches Handeln kann auch die gesellschaftliche Zielkonstellation in Frage stellen und verändern.

Das, was Benni mit „Metapersonalität“ meint, erscheint bei Holzkamp als Bestimmung von Gesellschaftlichkeit: Dies ist „die individuellen Lebensläufe überdauernden Welt gegenständlicher und symbolischer Bedeutungen“, die „in der produzierten gegenständlichen Welt“ angelegt sind (Holzkamp 1977a/2015: 233). Gerade die individuelle Möglichkeitsbeziehung von Individuen verweist auf die Gesellschaftlichkeit als Struktur der Ermöglichung dieser Möglichkeitsbeziehung. Die Gesellschaft zeigt sich den Individuen gegenüber als Bedeutungsstrukturen (gesamtgesellschaftliche Handlungsnotwendigkeiten), die jedoch für die Individuen „ nicht den Charakter von direkten Handlungsdeterminanten“ haben, „, sondern lediglich von gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten, die zwar einerseits global gesehen zur subjektiven Lebenserhaltung /-entfaltung „irgendwie“ genutzt werden müssen, denen gegenüber aber andererseits das Individuum im jeweils speziellen Fall über „Alternativen“ verfügt“ (Holzkamp 1988: 35).

2. Die systemtheoretische Perspektive auf das gesellschaftliche-Allgemeine

 

Frigga Haug hat im vorigen Jahr ein neues Buch mit vorwiegend schon älteren Texten veröffentlicht, die sie durch Vor- und Zwischenworte nachträglich in einen persönlichen Entwicklungs- und Erkenntnisweg einordnet. Ich kann es nur empfehlen, wenn man sich mit der Vielfalt ihrer Gedanken und Praxen einlesen möchte oder mehr Hintergründe dazu wissen möchte. Deshalb habe ich auch eine Rezension für die junge Welt geschrieben.

Zur Rezension bei der jungen Welt

Die Folien zu meinem Workshop auf der Ferienuni Kritische Psychologie sind jetzt auf  Slideshare online:

In der online gestellten Version sind deutlich mehr Folien enthalten, als ich im Workshop verwendet habe, es ist also eine Erweiterung und Vertiefung.

Viel Spaß und interessante Erkenntnisse damit…

Wer zu den Fragen auf S. 37, 39, 48 und 50 was sagen möchte, kann das auch in den Kommentaren hier tun.

Ich werde auch dieses Jahr wieder auf der Ferienuni Kritische Psychologie in Berlin sein. Ihr könnt mich ab morgen dort (Alice Salomon Hochschule Berlin, am U-Bahnhof Hellersdorf) treffen.

Am Donnerstag gibt es auch eine Veranstaltung mit mir:

Donnerstag, 13.9.2018, 10:00–12:00 Uhr

Es geht wieder um „Dialektik in der Kritischen Psychologie“, diesmal aber nicht mit Bezug auf die funktional-historische Methode von Holzkamp, sondern um dialektische Momente der Begriffe restriktive und verallgemeinerte Handlungsfähigkeit.

Danach:
Ein (erweiterter) Foliensatz dazu ist jetzt auch online.

Der junge Marx sah in der „freien bewussten Tätigkeit“ den „Gattungscharakter des Menschen“ (Marx 1844: 516). Im Unterschied zum Tier macht der Mensch „ seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins.“ (ebd.). Unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen, speziell kapitalistischen, führt die „entfremdete Arbeit“ dazu, dass „seine Lebenstätigkeit, sein Wesen nur zum Mittel für seine Existenz“ wird (ebd.). Die Aufgabe der Emanzipation besteht demnach darin, diese Verkehrung wieder aufzuheben, das Gattungswesen wieder herzustellen. „Die Geschichte wird damit zum Prozeß der Selbstentfremdung und Selbstverwirklichung des menschlichen Gattungswesens im Prozeß der Arbeit.“ (Wagenknecht 1997: 160) (mehr …)

Von menschlicher „Natur“ spricht man häufig, wenn man das „Wesentliche“ kennzeichnen will (z.B. im Titel von Schlemm 2001a). Durch die anthopogenetische Behandlung der Fragen der Anthropologie gibt es eine evolutionäre Begründung des Spezifisch-Wesentlichen der Menschen.

In der Anthropogenese entsteht nicht nur die Möglichkeit, sondern sogar die Notwendigkeit, das eigene Leben durch gesellschaftlich vermittelte Arbeitsprozesse zu reproduzieren, wobei Menschen die Bedingungen ihres Lebens aktiv und bewusst verändern. Menschen sind Wesen, die auf gesellschaftlicher Ebene ihre Lebensbedingungen selbst schaffen und erweitern. Individuen sind mit den gesellschaftlichen Bedingungen in komplexer Weise vermittelt, sie haben keine unmittelbare Kopplung an die gesellschaftlichen Bedingungen. (mehr …)