Das 21. Jahrhundert ist voll von Problemen. Zwar ist die Menschheit so reich wie nie. Reich an produktiven Kräften, an technischen Errungenschaften, an Konsumgütern wie keine Generation vorher – das bezahlen wir aber mit dem Verlust einer intakten ökologischen Umwelt und wir schaffen es nicht einmal, dass alle Menschen dieser Erde daran partizipieren können.

Wohlstand ist bisher nur zu erreichen auf Kosten natürlicher Ressourcen und auf Kosten des Lebensniveaus anderer Menschen. Egal wie wir über diese Gesellschaft denken – wir können unser Leben nur fristen in Kooperation mit anderen; wir brauchen Ressourcen und Leistungen anderer und können diese derzeit aber nur über das Medium Geld erreichen, das wir nur bekommen, wenn wir uns beteiligen an der Aufrechterhaltung der herrschenden Wirtschaftsordnung. Die Allermeisten stecken den größten Teil ihres Lebens in Hamsterrädern, egal ob auf der Arbeit, dem Hobby oder den alltäglichen Verrichtungen. Das weit verbreitete Stöhnen über den Montag und das Warten auf Freitag zeigt, wie sehr sich viele wenigstens über einen kurzzeitigen Ausstieg aus einem der Räder freuen… Kann das schon alles sein, was wir im Leben erreichen können? (mehr …)

Die Kritische Psychologie stellt konzeptionelle Gedanken und Begriffe zur Verfügung, um die eigene Lebensführung zu durchdenken. Wenn alles gut läuft, braucht man sich meist nicht viele Gedanken machen – aber wenn es Probleme gibt, beginnt das Grübeln.

Die Suche nach Alternativen beginnt und bleibt dann allzuoft stecken in der Erfahrung, dass es ja doch nicht anders geht, als sich zusammen zu reißen und einfach irgendwie weiter zu machen.

Die traditionelle psychologisch orientierte Ratgebung versucht das Öl im Lager des Hamsterrades zu erneuern. Oder sie malt das Gestänge bunt an, damit das Tretmühlentreten interessanter wirkt. Oder besser noch: sie leitet die Betroffenen, d.h. die Klienten oder gar Patienten dazu an, selber Farbe in die Hand zu nehmen.
Stolz
Im Sinne der Kritischen Psychologie werden Probleme anders angegangen. Hier setzen sich Menschen zusammen, denen es um ähnliche Probleme geht. Sie beschäftigen sich mit Grundprinzipien und -begriffen, mit denen sie ihre psychischen Befindlichkeiten und Handlungsalternativen diskutieren können, ohne dass sie von anderen manipuliert oder gegängelt werden. Das bedeutet aber auch, dass sie sich selbst auf den Weg machen und die Ungewissheiten erkunden und ausprobieren, wie man außerhalb des Hamsterrades vorankommt. Das kann zum Tanz auf schwankendem Seil werden… (mehr …)

– Kollektive Selbstverständigung im Sinne der Kritischen Psychologie –

Hamsterrad und Seiltänzer

Ich wurde schon vor einigen Wochen gefragt, ob ich mit einigen jungen Leuten ein Gespräch der Kollektiven Selbstverständigung im Sinne der Kritischen Psychologie durchführen würde. Ich war mir bisher unsicher, was ich ihnen vorschlagen sollte als Roten Faden des Gesprächs. Wir hätten höchstens ein Wochenende Zeit, davon einen Abend für eine Einführung in die Kritische Psychologie. Und ich bin mir sehr bewusst darüber, wie schnell so ein Gespräch in ein allgemeines „Mal-Drüber-Reden“ ausufern kann, das zwar die meisten auch irgendwie befriedigt, aber doch offen lässt, worin sich nun das Kritisch-Psychologische zeigt und was dessen Potenziale, die viele schon aufgrund der Kenntnis der grundsätzlichen Konzepte und Begriffe vermuten, ermöglichen.

Bei der Lektüre des zuletzt vorgestellten Buches „Alltägliche Lebensführung“ (dessen Titelbild auch die Idee vom Seiltanzen entnommen ist) haben sich dann für mich einige vorher ungeordnete Gedanken strukturiert. Ich las weitere Texte zum wiederholten Male und möchte nun eine Art Konzept vorstellen, mit dem ich mich nun mit den jungen Leuten zusammensetzen möchte.

Teil I: Kritische Psychologie und Gemeinsame Selbstverständigung

Teil II: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und unser Tun

Teil III: Sich selbst auf die Schliche kommen

Teil IV: Auf dem Weg…

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Den ganzen Text gibts jetzt auch als PDF


Literatur
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Die „Kritische Psychologie“ hat ein ganzes System von Kategorien entwickelt, bei denen es nicht mehr darum gehen soll, aus Sicht von PsychologieexpertInnen über andere Menschen zu sprechen, sondern allen Begriffe in die Hand zu geben, mit der sie ihre eigene Selbst- und Welterfahrung besser verstehen können. Es geht um die „Selbstverständigung über die interessengeleiteten Beweggründe und Konsequenzen meines je eigenen Handelns in kritischen Lebenssituationen“. (Holzkamp 1996: 166)

Das Buch „Grundlegung der Psychologie“ (Holzkamp 1983) ist theoretisch sehr anspruchsvoll und trotz aufklärender Handreichungen wie „Die „Grundlegung der Psychologie“ lesen“ von Stefan Meretz (2012) oder des Versuchs der „Einführung in die Kritische Psychologie“ von Morus Markard (2009) blieb bisher oft unklar, wie diese Begriffe zur angestrebten Selbstverständigung genutzt werden können.

Ein neues Büchlein kann hier ein Stück weiter helfen. In ihm wurden Beiträge zum Thema „Alltägliche Lebensführung“ aus der Sicht der Kritischen Psychologie zusammen getragen. Kurt Bader und Klaus Weber stellen mehrere Beiträge von ihnen selbst, von Ute Ostkamp, Klaus Holzkamp, Ole Dreier, Frigga Haug und anderen zusammen, die vielfältige Herangehensweisen und Erfahrungen zeigen. (mehr …)

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Ich lese grad in einem Büchlein folgenden Absatz:

„Wir funktionieren wie am nicht enden wollenden Fließband, drehen unsere Runden, immer wieder, solange nichts passiert. […] Das kann doch nicht das ganze Leben sein!

 

Nein, ist es auch nicht. Es ist die Absicherung uns elementar scheinender Lebensregelungen. Diese Elemente alltäglicher Lebensführung – die übrigens auch den Arbeitsalltag vieler strukturieren – halten uns den Rücken frei. Wofür? Für das Leben, für das „eigentliche“ Leben – für Sinn, Perspektive, Glück und Liebe. Aber wo finden wir das „Eigentliche“?“ (Bader 2016: 95)

Hamsterrad 2
Kann das wirklich nicht das ganze Leben sein? Gibt es für alle Menschen noch so etwas wie das „Eigentliche“? Gibt es das für Dich, für Sie? Wie ist es aushaltar, dass das Hamsterrad alle Kräfte schlaucht und immer weniger für das „Eigentliche“ übrig bleibt? Lässt es sich zusammenbringen?

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Ein wichtiger Begriff der Kritischen Psychologie ist die „Handlungsfähigkeit“. Er ist in dieser Theorie bestimmt als „Fähigkeit, im Zusammenschluss mit anderen Verfügung über meine jeweiligen individuell relevanten Lebensbedingungen zu erlangen“ (Holzkamp 1987). Ich brauche, um zu handeln, ja nicht nur meinen Willen dazu, sondern ich muss auch tatsächlich das bewirken können, was ich möchte. Dazu brauche ich die Verfügung über die dazu relevanten Lebensbedingungen. Zum Teil habe ich sie, zum Teil muss ich sie immer wieder neu erlangen und das geht meistens nicht alleine, sondern im Zusammenwirken mit anderen.

Die für mein Handeln notwendigen Lebensbedingungen stehen mir zumindest in der herrschenden Gesellschaft nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. Ich kann nur leben, wenn ich genug Geld verdiene und das kann ich nur, wenn ich demjenigen, der die „Investitionen“ dafür tätigt, Profit bringe. Letztlich kann ich unter diesen Bedingungen meine Interessen eigentlich nur befriedigen, wenn ich anderen damit strukturell schade, also wenn andere meinen Arbeitsplatz nicht haben, wenn andere möglichst zu billigen Löhnen arbeiten müssen, wenn die Natur zerstört wird, damit die Güter für mich bezahlbar bleiben. All diese Bedingungen beschränken mich – aber gleichzeitig sind sie die Grundlage dafür, dass ich unter diesen Bedingungen überhaupt existieren kann.

Ich schaffe diese Bedingungen täglich mit, und muss sie immer wieder in Frage stellen. Wenn ich sie verändern will, muss ich mich mit anderen zusammen tun.

Die alten Konzepte vom Klassenkampf, bei dem davon ausgegangen wird, dass bestimmte Menschengruppen per se gemeinsame Interessen haben und gegen andere Menschengruppen kämpfen, haben ausgespielt. Deshalb werden neue Erfahrungen aufgegriffen und neue Konzepte entwickelt. Drei wichtige Konzepte für eine neue Theorie und Praxis werden von Rahel Sophia Süß in ihrem Buch „Kollektive Handlungsfähigkeit“ aufgegriffen und vorgestellt.

Ich werde zuerst wichtige Aspekte dieser Konzepte referieren und dann zusammenfassen, was dies für die Praxis der Sozialen Selbstverständigung beitragen kann.
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Auf der Veröffentlichungsseite meiner Webseiten bei Thur.de hatte mal wieder jemand mein Angebot gesehen, einen Reader mit Texten zur Kritischen Psychologie zu versenden. Ich habe aber gar keine gedruckten Exemplare mehr. Deshalb habe ich die Texte noch mal zusammen gestellt und biete sie hiermit zum Download an:

Menschsein

Hier noch der Download-Link: http://www.thur.de/philo/pdf/Menschsein.pdf