Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


Die dialektische Entwicklung in der Geschichte verbürgte für viele MarxistInnen ihren Fortschrittsoptimismus. Kuczynski schrieb nach der „Wende“: „Der einzige Trost in der gegenwärtigen Situation ist, daß man weiß, wie auch Engels sagt, daß die Geschichte im Zickzack verläuft, und daß sich letztlich stets die fortschrittliche Zickperiode durchsetzt.“ (Kuczynski 1994: 92) Ist er damit ein „hoffnungsloser Fall von Optimismus“, wie das Buch heißt, aus dem dieses Zitat entnommen ist? Ernst Bloch jedenfalls wusste um die Möglichkeit des Scheiterns (EP: 70), der Vereitelung der Utopie (PH 364): „Also, Hoffnung muß enttäuscht werden können, sonst kann sie keine Hoffnung sein.“ (Bloch 1975: 233) (mehr …)

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Den meisten Büchern, die anlässlich des Marxjahres erschienen, bringe ich kein Interesse entgegen. So führte mich auch nur ein Hinweis aus der Veranstaltungsreihe, innerhalb derer ich in drei Wochen in Hamburg sein werde, zu dem Buch von Kurz Bayertz mit dem nicht so besonders aufregenden Titel: „Interpretieren, um zu verändern. Karl Marx und seine Philosophie.“

Gleich das erste Kapitel, das ich las, begeisterte mich jedoch wegen der analytischen Klarheit. Hier geht es um die „philosophischen Voraussetzungen“ der Marxschen Theorie“, die Marx zu einem großen Teil nicht explizit erläuterte. Bayertz wählt für seine Darstellung das „Prinzip der wohlwollenden Interpretation“:

„Die Marxsche Theorie soll so stark gemacht werden wie möglich – aber nicht stärker. Wohlwollen zeigt sich nicht darin, dass man Unklarheiten und Inkonsistenzen kaschiert.“

Im folgenden Beitrag werde ich aus dem Kapitel V: „Geschichte, Fortschritt, Revolution“ berichten. (mehr …)

Ich war nach Dresden eingeladen, um in einer Veranstaltungsreihe anlässlich des Geburtstages von Karl Marx mit dem Motto „…an allem ist zu zweifeln!“ vorzutragen. Als Titel habe ich gewählt: „Täuscht die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“

Von der Notwendigkeit des Fortschritts sind wir längst nicht mehr so überzeugt wie früher. Können wir wenigstens Hoffnung auf den »dialektischen Gang der Geschichte« haben? Was geschah, als Marx und Engels die Hegelsche Dialektik materialistisch »umstülpten« und welche Probleme sind damit verbunden? Der drohende Klima-Umbruch der nächsten Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte sollte uns Geschichtsphilosophien überdenken lassen, die sich bisher allzu leicht von der Hoffnung auf die Dialektik tragen ließen.

Hier gibt es die Präsentation auf Slideshare.

 

 

 

 

Die Abkehr von Karl Marx von der Vorstellung eines menschlichen „Gattungswesens“ und die Bezugnahme auf die „wirklichen“ Menschen wird von Klaus Holzkamp (1927-1994), der mit der „Kritischen Psychologie“ eine „marxistische Individualwissenschaft“ (Holzkamp 1983/1985: 239) entwickelt hat, ebenfalls geteilt. Er kritisiert jedes Konzept, in dem der „Mensch“ „nicht als Inbegriff des wirklichen Menschen im historischen Lebensvollzug gesehen [wird], sondern [als] ein der Geschichtlichkeit und der gesellschaftlichen Bedingtheit entzogenes, als „absolut“ gesehenes Gedankengebilde“ (Holzkamp 1972: 60). Auch für Ernst Bloch kann es keine statische Bestimmung des Menschlichen geben, denn „wichtig ist, daß gar nicht gesagt werden kann, was der Mensch ist, weil er eben am stärksten drängend von allem, was es gibt, sich nicht hat, sondern wird“ (Bloch EM: 172). (mehr …)

Die folgenden Texte sind eine Antwort auf den Kommentar von Simon in diesem Blog. Diese Antwort untergliedert sich in mehrere Schwerpunkte, für die ich jeweils einen Blogbeitrag einstelle. Da in einem Blog jeweils das zuletzt Eingestellte zuerst erscheint, füge ich die Beiträge hier so aneinander, dass sie von oben nach unten gelesen werden können.

Als Vorrede noch eine Bemerkung: ich nehme hier häufig gegenüber früher von mir selbst vertretenen Standpunkten die Rolle des Advocatus Diaboli ein, auch wenn die Kritiken scheinbar andere treffen. Wenn ich bestimmte Standpunkte in Frage stelle, so sind das meist Überlegungen, die mir zumindest auch schon gekommen sind, die ich aber als zu einseitig oder in der Konsequenz doch als fragwürdig empfinde.

Es gibt folgende Beiträge:

Dieser Text gehört zur „Langen Antwort an Simon“ zu seinem Kommentar hier im Blog.  Insgesamt gehören mehrere Blogbeiträge zu dieser Antwort.


Verhältnis einer kategorialen Theorie des Menschlichen zur (transformierenden) Praxis

… (vorheriger Abschnitt siehe oben)… Damit sind wir innerhalb unseres Dialogs im Zusammenhang mit dem Kommentar von Simon bei der Frage des Verhältnisses von Theorie und Praxis. Dies ist derzeit im Umfeld der Keimform-Debatten wichtig. Bei der Diskussion der Vorstellung von progressiven nachkapitalistischen Verhältnissen kommt das Gespräch häufig ins Stocken, weil Gegenargumente vorgebracht werden, die in den Bedingungen der jetzigen Verhältnisse begründet sind. Deshalb schlug Stefan Mz. vor, zwei Diskurse zu unterscheiden: Der „Diskurs 1“–- der „Commonismus-Diskurs“ – bezieht sich auf die Zukunftsvorstellung und das allgemein-Menschliche, während der „Diskurs 2“ den „Transformationsdiskurs“ darstellt. Beide Diskurse haben einen theoretischen Anspruch (nicht umsonst sind sie „Diskurse“), aber der zweite verbindet sich stärker mit praktischen Handlungen. Es gibt eine Verbindung: Aus der „kategorialen Analyse“ sollen Kriterien gewonnen werden, „die für unser heutiges Handeln relevant sind, also Gegenwart mit Zukunft verbindet“. An anderer Stelle schreibt Stefan nochmal, dass wir „Kritieren der (Selbst-)Entwicklungsrichtung“ brauchen. Die kategoriale Analyse im Diskurs soll keine konkretistische „Auspinselung“ einer Wunschwelt sein, sie soll auch nicht lediglich in einer abstrakten Kritik (etwa der Aussage „Ende jeder Herrschaft“) stecken bleiben. (mehr …)

Dieser Beitrag gehört zum Themenkomplex:
„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Während bei Agnes Heller in diesen Bestimmungen der kommunistischen Bedürfnisse immer noch die Vorstellung des Unentfremdeten enthalten ist, war sich Marx sicher, dass die Menschen ihre schöpferischen Anlagen herausarbeiten „ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebenen Maßstab“ erfolgt (GR, MEW 42: 396). Dass „jedes Individuum Repräsentant der bewusstgewordenen und realisierten Gattungsmäßigkeit“ werden kann, „ das in jedem anderen Menschen den Repräsentanten der realisierten Gattungsmäßigkeit erkennt und sich zu ihm als solchem in Beziehung stellt“ (Heller 1974/1980: 143) – wie weiter oben schon zitiert –, kann damit nicht einfach aus einer „Aufhebung der Entfremdung“ erhofft werden. (mehr …)