Passierte an diesem Jahreswechsel tatsächlich nichts anderes als Feiern und ansonsten gehts eigentlich weiter wie bisher? Nein, diesmal gingen im Zuge des endlich beschlossenen Ausstiegs aus der Kernenergie am 31.12.2021 drei weitere Kernkraftwerke vom Netz.

Das war wieder mal ein Erfolg vor allem auch der jahzehntelangen Kämpfe gegen Kernenergie (ich berichtete z.B. 2001 ausführlich von Protesten gegen die Castor-Transporte 2001).

(Gruppe aus Jena 2001

Inzwischen musste ich erfahren, dass aus den Reihen der Klimabewegten durchaus einige (oder auch mehr) meinen, man brauche die Kernkraft, um Kohle und Öl zeitiger abschaffen zu können. Es wird Zeit, sich noch mal in Erinnerung zu rufen, warum die Kernkraft ebenfalls zu Treibhausgasemissionen führt, und warum sie aus anderen Gründen sowieso unverantwortlich ist. Ich mache dies hier nicht selbst mit einem Text, aber ich biete einige Hinweise, wo man sich informieren kann.

Nachtrag nach einigen Stunden: Wir müssen aufpassen, dass die Freude nicht zu früh kam:

Wie zu befürchten war, hat die EU Kernkraft jetzt doch als klimafreundlich eingestuft. Ich erinnere daran, dass im IPCC-Bericht von 2018 eigentlich jedes Szenario, bei dem das 1,5-Grad-Ziel noch eingehalten werden könnte, noch von der Existenz der Kernkraft ausging. Sogar ein Szenarium mit starker Senkung des Energiebedarfs rechnete mit 150% Kernenergie im Jahr 2050 und der „nachhaltige“ Pfad mit nachhaltigen Konsummustern brauchte noch 98% der damals aktuellen globalen Kernenergiemenge. Die beiden anderen Pfade, mit denen das 1,5-Grad-Ziel noch einhaltbar wären, brauchen sogar ungefähr eine Verfünffachung der Kernenergiemenge (zusätzlich zu Negativemissionen).

Damit hat sich die Menschheit, haben wir uns, hat der Kapitalismus uns in eine echte Sackgasse hineinmanövriert. Die Nutzung sich erneuernder Energien und entsprechende Infrastrukturen, Energieeinsparung und ähnliches wurden jahrzehntelang ausgebremst und geraten jetzt erst recht aus dem Fokus, weil man auf die Kernenergie vertraut. Das ist eine echtes Minus-Summenspiel und die Klimabewegung muss nun auch stärker zu einer Anti-Kernkraftbewegung werden! Beide Themen erfordern eine abrupte Bremsung im Energieverbrauch und deshalb eine radikale Umgestaltung unserer Produktions- und Lebensweise!

Der Deutsche Wetterdienst machte Ende Dezember bekannt, dass auch das Jahr 2021 in Deutschland um ca. 0,9 Grad wärmer war als im Mittel in der Zeit von 1961-1990. In den letzten 20 Jahren gab es nur ein Jahr, in dem die Temperatur unter diesem Mittelwert lag (2010). Wenn man noch das kalte Jahr 1995  hinzunimmt, waren es seit 1990 nur zwei Jahre die unter dem Mittel in der Zeit zwischen 1961 und 1990 lagen, insgesamt wanderte die Durchschnittstemperatur unaufhaltsam in die Höhe:

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Zu einem Artikel von Fritz Reusswig zu diesem Thema

Annette Schlemm zur Vorbereitung eines Seminars
des Gesprächskreises Dialektik & Materialismus mit Fritz Reusswig

Am 12.11.2021 findet online ein Seminar mit Dr. Fritz Reusswig vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) statt. Dieses Seminar wird vom Gesprächskreis Dialektik & Materialismus gestaltet. Beteiligte am Seminar bereiten sich bereits vorher auf das Thema vor und mein folgender Text ist ein Teil davon. Ich werde im Folgenden vor allem einen Text von Fritz Reusswig referieren und Ergänzungen aus meiner Sicht einfügen, die vor allem an Kritiken an Hegels Naturphilosophie von Renate Wahsner anknüpfen.


1 Fritz Reusswig zu Hegel und dem Klimaproblem

1.1 Die Bedeutung von Philosophie

Die Bedeutung von Philosophie für bestimmte Problembereiche hat Hegel selbst thematisiert. Er schrieb in seiner „Differenzschrift“ von 1802:“ Wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet […], entsteht das Bedürfnis der Philosophie“ (HW 2: 22). Reusswig konstatiert: „In der Klimadebatte ist es jetzt soweit: der Geist der Vereinigung – wenn es ihn je gab – hat dem Geist der Entzweiung Platz gemacht“ (Reusswig 2020). Fritz Reusswig sieht dabei insbesondere das dialektische Denken als einen der „Ansatzpunkte, um die Herausforderungen, die der anthropogene Klimawandel für Natur und Gesellschaft bietet, kognitiv und dann auch politisch-praktisch besser zu bewältigen“ (Reusswig 2013: 1). Für jede Gesellschaftstheorie habe die „normative Generalthese“ zu gelten, die „Gesellschaft so zu denken, dass ihre physische Reproduktion über die Zeit (und unter Einschluss des guten Lebens aller Gesellschaftsmitglieder) möglich bleibt“ (ebd.: 2). Leider herrsche derzeit eher eine „Krise einer naturvergessenen Sozialwissenschaft“ (ebd.).

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Friedrich Engels:

„Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“ (MEW 20: 453)

Wir haben als Menschheit bereits vier der neun sogenannten „Planetaren Belastungsgrenzen“ überschritten. Die Folgen, vor allem abrupte klimatische Veränderungen, lassen sich nicht mehr verleugnen. Für die Gesellschaftsordnung, die die Welt prägt, ist das bisher aber noch keine Störung ihres „Business as usual“. Solch eine Störung kam mit einer anderen Rückwirkung der Natur auf unser Tun, mit der Viruspandemie Covid-19. Andreas Malm schildert in seinem Buch Klima|x ausdrücklich, wie das Vordringen der Menschen in die Natur und auch die Klimaveränderungen fast unausweichlich zu einem weiteren Wachstum von Pandemiegefahren führen. Wir werden wohl weiterhin ständig mit neuen Pandemien leben müssen und die scheinbar so unaufhaltbare kapitalistische Wirtschaftslogik läuft sich vielleicht unter anderen an damit weiteren mit dem Klimawandel verbundenen sozialen Folgen fest.

1. Sicht: Mensch vs. Natur

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Wie weit darf man gehen, um die Welt zu retten?

Um diese Frage geht es im Klima-Thriller „Klima. Deine Zeit läuft ab“ von David Klass. Im Jahr 2020 ist das Buch auf Englisch erschienen und nach eigenen Aussagen haben ihn Gespräche mit seiner Tochter über den Klimawandel inspiriert.

In seinem Roman gibt es vorerst noch keine politische Klimabewegung wie die „Fridays for Future“. Es gibt, wie schon lange, viele Gruppen, die sich für Umweltschutz einsetzen. Aber angesichts der Gefahr, wie sie jetzt fast unabwendbar auf uns zukommt, reicht das offensichtlich nicht. Deshalb geht ein Öko-Aktivist weiter und es kommt zu Opfern, die auch er nicht bringen wollte. Es gibt ein Gedankenexperiment aus der Ethik, in dem danach gefragt wird, wie man für einen heranbrausenden nichtbremsbaren Zug die Weiche stellen würde: Ohne Eingreifen würde er in eine größere Menschengruppe fahren – wenn ich die Weiche herumreiße, würde nur ein einziger Mensch sterben. Was tun? Und wie mit dem Wissen um die Folgen leben?

Im Roman „Klima. Deine Zeit läuft ab“ bewegen sich der Öko-Terrorist und ein FBI-Ermittler unaufhaltsam aufeinander zu. Der FBI-Ermittler kann sich gespenstig gut in den „Green Man“ einfühlen und man verwünscht dies beim Lesen fast. Auch er selbst ist nicht so glücklich damit, denn er kann es nicht verhindern, dass ihn die Argumente von „Green Man“ für die Erdrettung überzeugen. Sie treffen tatsächlich aufeinander und nur einer verlässt den das brennende Fracking-Ölfeld.

Man könnte denken, sie kapierens langsam. Auf der tagesschau-Website wird über die Intiative „KLIMA vor acht“ informiert. Es gibt dazu einen Offenen Brief, der gern noch weiter unterschrieben werden kann!!!, darin steht u.a.:

Wir, die Vertreter:innen und Unterstützer:innen der Initiative KLIMA° vor acht, fordern Sie auf, eine wissenschaftlich fundierte und verständliche Klimaberichterstattung anzubieten, täglich und zur besten Sendezeit.

Während zum Thema „Wirtschaft“, inclusive „Börse vor acht“ 618 Beiträge gesendet wurden, gab es bei der ARD nur 128 Sendungen mit dem Begriff „Klima“ im Titel. Was brauchen wir dringender zum Überleben, eine intakte Umwelt oder die Börse? Bewahrheitet es sich, dass sich Menschen eher einen kaputten Planeten Erde vorstellen können, als einen Wechsel unserer Wirtschaftsordnung zugunsten von bisher ausgebeuteten Menschen und der Mit-Welt? Die Dominanz des Börsenthemas in den Medien bestärkt dies.

Dagegen nun das Thema der Umwelt- bzw. Klimagefahren aufzubringen, ist nun laut Antwort des gesschäftsführenden Redakteurs bei der ARD „erstmal eine parteiische Interessengruppe“. Und der Journalismus soll ja „unabhängig“ bleiben. Wie unparteiisch die Folgen des schon beginnenden Klima-Umbruchs zuschlagen, erleben ja nun mittlerweile auch wir und immer öfter berichten alle Medien über diese Folgen in den alltäglichen Katastrophenmeldungen. Davon wird sich niemand „unabhängig“ halten können.

Über die existentiellen Gefahren der ökologischen- und Klimagefahren Alarm zu schlagen, ist längst nicht mehr nur „Interessengruppen-„Vertretung! Es geht uns alle an, deshalb geht es um unser aller Interessen!!!

Deshalb: KLIMA vor Acht – immer und überall!

So langsam krieg ich ein Déjà-vus. Bei wievielen Klimastreiks war ich schon dabei? Heute ist wieder ein Klima-Streiktag, zur Kundgebung noch Jena fahre ich gleich. Hier aber erst noch mein inhaltlicher Beitrag zum Thema für heute:

Klassenkampf scheint sich heutzutage oft auf Klassismus-Debatten zu reduzieren. Und die globalen Öko- und Klimaprobleme sind noch mal was anderes, oder? Tatsächlich jedoch zeigt sich auch in diesen fortschreitenden katastrophalen Verhältnissen das für die kapitalistische Seite noch zu erfolgreiche Klassenverhältnis. Als Klassen stehen sich im Kapitalismus jene Kräfte gegenüber, die sich selbst auf Grund ihrer Verfügung über die Produktionsmittel selbst reproduzieren, und denen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um über den Umweg des erarbeiteten Lohns zu ihren Existenzmitteln zu kommen. Die über die Produktionsmittel verfügen, bestimmen auch über den Zweck der Produktion und als einzelne Kapitalist*innen unterliegen sie dem Zwang, dabei so viel Profit zu machen, dass sie die gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate nicht unterschreiten. Wenn sie das nicht schaffen, gehen sie pleite, so dass nur jene übrig bleiben, die – gemessen an der Durchschnittsprofitrate und nicht etwa ihrem Maß an Gier – genügend Profit erwirtschaften.

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fürs CI-Treffen 05.12.2020
Version 2.0.: Punkt 2.3 ergänzt

Morgen findet beim Commons-Instituts-Herbsttreffen ein Workshop zur den Fragen statt, die wir in einer Diskussionsgruppe des CI ein halbes Jahr lang gesammelt haben. Die Fragen wurden bisher im einem Pad[1] gesammelt, aber sie sind dort echt schwer zu erfassen. Von Jojo wurde bereits eine Zusammenfassung erstellt. Auch ich schreibe jetzt – ziemlich auf die  Schnelle – noch einen Text, der das zusammenfasst, was morgen vielleicht diskutiert werden könnte.

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„Die Klimakrise als treibende Kraft für eine zukünftige Schule“

  • Wie gehen Schulen mit Unsicherheiten im Umgang mit den drohenden Klima-Umbrüchen und den unterschiedlichen Interessenlagen und Anforderungen an Schule um?
  • Welches neue Wissen und welche neuen Methoden brauchen Lehrkräfte (s.Kommentar 1) unten), Schülerschaft und Eltern, um gemeinsame Lernprozesse für die Gestaltung einer wünschenswerten Zukunft zu initiieren?
  • Wie entwickeln sich Entscheidungsstrukturen und Aktionsräume, die alle Beteiligten einbeziehen und ermutigen, die Veränderung der eigenen Schule hin zur Nachhaltigkeit voranzubringen?

Dies waren die Leitfragen für den ersten Change School Summit, der vor nun schon zwei Wochen in Köln stattfand. Hier trafen sich am 1. und 2. Oktober fast 70 Menschen aus 13 Schulen, die sich nicht nur über die Klimakrise informieren wollten, sondern auch vorhatten neue Vorhaben für ihre Schule zu planen. Organisiert wurde die Tagung von einer Veranstalter-Kooperation zwischen der parto gUG gemeinnützige Gesellschaft für Partizipation und Organsationsentwicklung Köln, dem Wuppertal Institut und Germanwatch. Für die Teilnahme war es Bedingung, dass sich pro Schule jeweils Schüler*innen und Lehrer*innen beteiligen, damit die Impulse tatsächlich in den Schulen weiterwirken.

Unter Coronabedingungen in einem recht großen Raum sowie weiteren Seminarräumen und ständig mit Maske trafen sich hier Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern und zeitweise gab es Videokonferenzen mit Teilnehmer*innen als Kolumbien, Nigeria und Peru. Ich selbst war auf einem der Workshops als Impulsgeberin eingeladen.

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