Dies ist die erweiterte Form meines Beitrags aus den Marxistischen Blättern 05_209:


Langform der Veröffentlichung in Marxistische Blätter 05_209:

Dialektik als Logik welcher Entwicklung?

Richard Sorg hat in der Nummer 4_2018 der „Marxistischen Blätter“ die Frage gestellt, ob es einen „Unterschied zwischen einer ‚idealistischen’ (Hegel) und einer ‚materialistischen’ Dialektik (Marx und Engels)“ gibt. Seine Ausführungen zeigen, dass der Unterschied nicht so groß ist, wie er häufig angenommen wurde und wird. Er verweist auf den „impliziten Materialismus“[1] (Sorg 2018: 107) bei Hegel. Trotzdem gibt es natürlich Unterschiede in der Art und Weise, wie Hegel in verschiedenen Themenkomplexen vorging und wie Marx und Engels daran herangingen. Richard Sorg skizzierte das unterschiedliche Vorgehen. Ich möchte diese Themenstellung noch ein wenig weiter führen, indem ich problematisiere, dass die Dialektik als Entwicklung sich insbesondere bei Hegel i.a. nicht auf zeitliche Veränderungen bezieht, sondern ) logisch-strukturell (bzw. logisch-systematisch) auf den „Gesamtzusammenhang“ (MEW 20, DN: 307 bezogen ist und sich von einer logisch-zeitlich (bzw. logisch-historisch) verstandenen Dialektik unterscheidet[2]. Diese Unterscheidung darf nicht verloren gehen, weil sonst viele Stellen bei Hegel und Marx falsch verstanden werden und das eigene dialektische Denken fehlgeleitet werden könnte. (mehr …)

200 Jahre nach seiner Geburt wurde auf einer Tagung vom 19.-21. Februar auch in seiner Heimatstadt gefragt, wie aktuell Friedrich Engels heute noch ist. Ich war für die Marx-Engels-Stiftung mit dort. Nachdem wir von unserer nahe gelegenen Pension zur „Burg“ der (wirklich!) Bergischen Universität Wuppertal gestiegen waren, begrüßte uns erst einmal gähnende Leere im Gelände. Vor dem Hörsaal trafen wir erste Menschengrüppchen und bei der Eröffnung des Kongresses waren dann auch viele der 150 angemeldeten TeilnehmerInnen versammelt. Auf den ersten Blick fiel auf, dass die Veranstaltung wahrhaft international war (lediglich chinesische Teilnehmer waren wegen dem Corona-Virus nicht persönlich anwesend).

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Auf diese Seite kommt im September die lange Version meines Artikels für die Marxistischen Blätter…

Unterscheidung von Widersprüchen der Bewegung und Widersprüchen der Entwicklung

Zur Vorbereitung eines Vortrags[1] für die Tagung der Ernst-Bloch-Assoziation vom 2.-4. November 2018 in Hamburg stellte ich verschiedene philosophische Begriffe rund um das Thema „Widersprüche“ zusammen. Dabei fiel mir nicht zum ersten Mal auf, dass entgegen der vereinfachenden Losung, die Widersprüche seien Quelle und Triebkraft der Entwicklung, Widersprüche auch zu einer bloß das Vorhandene reproduzierende Bewegung führen können. Auch Lenin spricht, Hegel folgend, zuerst nur von selbsttätiger „Selbstbewegung“ (LW 38: 131,), schließt aber an einer Stelle sogleich auch das „Abbrechen der Allmählichkeit“ und das „Umschlagen in das Gegenteil“ im Sinne des „Vergehen[s] des Alten und Entstehen[s] des Neuen“ (ebd.: 339) an. In dieser Tradition wurde ein Widerspruch letztlich immer als „ein dynamisches, spannungsgeladenes Verhältnis“ begriffen, „als ein Verhältnis, das, wie Marx sagte, zu seiner Auflösung drängt.“ (Einführung… 1977: 214). Ist das tatsächlich so? Sind Widersprüchlichkeit und Auflösung des die Widersprüchlichkeit enthaltenden Ganzen notwendigerweise miteinander verbunden? Es ist sinnvoll, hier zwischen „Bewegung“ und „Entwicklung“ zu unterscheiden. Bei „Bewegungen“ als Veränderung bleibt die Grundqualität des sich Bewegenden trotz ständigem Wechsels erhalten; erst wenn qualitativ neue Grundqualitäten entstehen, wird von „Entwicklung“ gesprochen.

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Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


Dass die Fesseln der gesellschaftlichen Verhältnisse immer wieder gesprengt wurden, sieht man aus einer Perspektive des erreichten Entwicklungsstandes, quasi der „Eule der Minerva“, die „erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ beginnt. (HW 7: 28) Bis zur Gegenwart hat es immer weitere Stufen der Höherentwicklung gegeben. Wenn wir nur diese Stufen betrachten und dieses Strukturmuster des stufenweisen Voranschreitens weiter in die Zukunft antizipieren, entsteht ein recht deterministisches Geschichtsbild. Die Stufen werden abgeleitet aus den „Gesetzmäßigkeiten“ der Geschichte. In dem schon genannten Lehrbuch wird die Argumentationsweise, die dazu führt, offenbart: Die Bestimmung der „Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung“ werden unmittelbar aus dem „Kapitel über die materialistische Dialektik“ über die Bestimmung der dort verhandelten Gesetzmäßigkeiten abgeleitet (Hahn, Kosing, Rupprecht 1983: 411). Das ist ein methodologischer Kurzschluss (Erpenbeck, Hörz 1977: 50) zwischen unterschiedlichen Ebenen des Erkenntnisprozesses (zwischen der allgemein-philosophischen Ebene der Philosophie und der Verallgemeinerung geschichtlicher Erkenntnisse) und überspringt die notwendigen Studien der „wirklichen Bewegung“ in der Geschichte, d. h. das Studium geschichtlicher Entwicklungen „jede […] für sich“ und ihre Vergleichung. (mehr …)

Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“. (Version 1.8, 25.10.2018)


Die Autoren des Buchs „Kapitalismus aufheben“ wollen „die objektive Möglichkeit der Veränderung und ihre Bedingungen aufzeigen“ (S&M: 9). Die Kategorie „Möglichkeit“ lässt sich wie auch der Begriff des „Begriffs“ (siehe 4.3.1.) in unterschiedlicher Weise interpretieren. Da gibt es zuerst die abstrakte Möglichkeit (Möglichkeit I). Friedrich Engels kritisiert die Philosophie Schellings deswegen, weil sie eine „Nichtsausschließende“ ist und sein will, „denn möglich ist am Ende alles. Es kommt aber darauf an, daß der Gedanke sich bewähre durch seine innere Kraft, sich zu verwirklichen“ (Engels MEW 41: 187). Die abstrakte Möglichkeit (I) besagt einfach nur, dass das als abstrakt-möglich gekennzeichnete Wirkliche nicht unmöglich ist und sich selbst nicht widerspricht (vgl. HW 6: 204). Dabei wird von Bedingungen und Umständen abstrahiert. Dass gesellschaftliche Verhältnisse inklusionslogisch gestaltet sind, ist sicher nicht unmöglich und widerspricht sich nicht selbst. Ihre abstrakte Möglichkeit ist also gegeben. Insofern ist auch die von Stefan und Simon erstrebte „kategoriale Utopie“ auf Grundlage der überhistorischen „menschlich-gesellschaftlichen Möglichkeiten“ (S&M: 104) möglich, aber eben nur im abstrakten Sinne. (mehr …)

Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


4.3.1 Abstrakter und konkreter Begriff

Der „Begriff des/vom Menschen“ (S&M: 119, 123) ist ein wesentlicher Baustein für die Entwicklung der sog. Kategorialen Utopie. Ein „Begriff“ ist für die Autoren eine „Verdichtung theoretischer Überlegungen“ (ebd.: 22). Theorien können nun unterschiedliche Gegenstandsbereiche haben und für jeden dieser Gegenstandsbereiche gibt es entsprechende Begriffe. Theorien von Menschen gibt es z.B. auf einer allgemein-überhistorisch-anthropologischen Ebene. Da der Begriff einer Sache „das in ihr selbst Allgemeine“ (Hegel HW 5: 26) ist, besteht der Begriff „des Menschen“ in dem, was allen Menschen gemeinsam ist, was sie aber auch gegenüber allen anderen Tieren auszeichnet, was das konkrete Besondere der Menschen gegenüber der Tierwelt ist. (mehr …)