Friedrich Engels:

„Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“ (MEW 20: 453)

Wir haben als Menschheit bereits vier der neun sogenannten „Planetaren Belastungsgrenzen“ überschritten. Die Folgen, vor allem abrupte klimatische Veränderungen, lassen sich nicht mehr verleugnen. Für die Gesellschaftsordnung, die die Welt prägt, ist das bisher aber noch keine Störung ihres „Business as usual“. Solch eine Störung kam mit einer anderen Rückwirkung der Natur auf unser Tun, mit der Viruspandemie Covid-19. Andreas Malm schildert in seinem Buch Klima|x ausdrücklich, wie das Vordringen der Menschen in die Natur und auch die Klimaveränderungen fast unausweichlich zu einem weiteren Wachstum von Pandemiegefahren führen. Wir werden wohl weiterhin ständig mit neuen Pandemien leben müssen und die scheinbar so unaufhaltbare kapitalistische Wirtschaftslogik läuft sich vielleicht unter anderen an damit weiteren mit dem Klimawandel verbundenen sozialen Folgen fest.

1. Sicht: Mensch vs. Natur

(mehr …)

Hier dokumentiere ich für eine gerade laufende Debatte einen Teil eines umfassenderen Textes zu einem anderen Thema aus dem Jahr 2007:


Peter Ruben und Camilla Warnke veröffentlichten 1979 einen Text, der sich gegen eine ihrer Ansicht nach einseitige Bestimmung der menschlichen Arbeit richtet. Georg Lukács hatte als Bestimmung der menschlichen Arbeit vor allem ihre Zielgerichtetheit betont. Für ihn beruhte die Arbeit auf einer „fortlaufenden Verwirklichung teleologischer Setzungen“ (zit. in Ruben, Warnke 1979: 21).
Dem stellten Ruben und Warnke eine umfassende eigene Bestimmung der Arbeit entgegen, bei der das umfassende Wissen Camilla Warnkes über die philosophische (Hegelsche) Dialektik und Peter Rubens über die analytische Verdinglichung als einer reduzierenden Denkmethode zur vollen Wirkung kommt. Auch die menschliche Arbeit kann unter diesen beiden Sichtweisen betrachtet werden, der dialektischen und der analytischen.

Eine dialektische Sicht auf die Arbeit muss die konkrete Einheit ihrer Momente erfassen. Dabei sind die Momente zwar kategorial unterschieden, aber in ihrer Existenz untrennbar miteinander verknüpft. Dies gilt, wenn wir die unmittelbare, aktuelle Existenz eines Arbeitsvorganges betrachten. Dabei eignet sich ein Arbeitssubjekt das Arbeitsobjekt an und bildet es um. Das Subjekt ist als solches nur bestimmt in der konkreten Einheit mit dem Objekt – das Objekt in der Einheit mit dem Subjekt.


Eine Trennung dieser Momente ist durch die gedankliche Analyse möglich, das „Subjekt“ arbeitet dann aber nicht mehr, sondern wird zu einem abstrakten, verdinglichten Arbeitsvermögen und das „Objekt“ steht diesem Vermögen äußerlich, z. B. als Naturgegenstand, gegenüber.


Ein wirkliches Subjekt und ein wirkliches Objekt gibt es nur in der dialektischen Relation in der wirklichen, konkreten Beziehung. In einer analytischen Sichtweise werden (potentielle) „Subjekte“ und (potentielle) „Objekte“ zu vergleichbaren Gegenständen in einer nicht mehr dialektischen, sondern in einer binären Relation. Beide werden als in ihrer Existenz voneinander unabhängige Dinge unterstellt und zwischen ihnen werden analytische Vergleiche möglich (so können zwischen aufgewandtem subjektiven Arbeitsvermögen – Aufwand – und dem konsumierbaren vergegenständlichten Arbeitsvermögen – Nutzen – ökonomische Vergleiche stattfinden).

(mehr …)

Ich habe natürlich auch in den letzten Tagen gearbeitet, die Beitragsreihe „Zu Godelier“ wird in den nächsten Tagen fortgesetzt und beendet. Zwischendurch bastle ich schon an einem neuen Thema und dafür ist mir eine neue Darstellung eingefallen:

Das kann ich natürlich nicht mal „auf die Schnelle“ erklären. Neu ist die Sortierung der Schlussformen entlang der Zwischenglieder der Vermittlung (das Besondere, das Einzelne oder das Allgemeine vermittelt).

Mehr zur Schlusslogik kann man z.B. an entsprechender Stelle im Hegel-System entnehmen, Poster dazu gibts hier bereits.

Dies gehört zum Projekt „Verstehen wir Gesellschaften als Systeme oder Verhältnisse?“.


Wir sind damit schon zu einer weiteren Unterscheidung gelangt, die in der Hegelschen Philosophie wichtig ist und auch für die Unterscheidung von systemischem und dialektischem Denken. Es geht um die Unterscheidung von Wesen und seinen Erscheinungen, um deren Verkehrung und ihre Einheit. Das Systemische bleibt im Bereich der Erscheinungen und behandelt deren gegenseitige Beziehungen und die daraus „emergierenden“ ganzheitlichen Systeme. Dass in bzw. hinter den Erscheinungen so etwas wie ein „Wesen“ enthalten bzw. verborgen ist, ist nach der anti-essentialistischen Wende im zeitgenössischen Denken fragwürdig geworden. Wie verfehlt solch ein Verzicht auf das Wesen ist, zeigt das einfache Beispiel der Planetenbewegung. Würden wir lediglich die Erscheinungen untersuchen, blieben wir bei der Beschreibung der Bewegungsveränderungen am Himmel, gesehen vom geozentrischen Standpunkt aus, stehen. Diese Bewegung wäre dann auch, wie systemtheoretisches Denken, relativ gegenüber unserem Beobachterstandpunkt, denn auf dem Mars würden wir andere raumzeitliche Koordinaten der Bewegung der anderen Planeten verzeichnen als auf der Erde. Auf jeden Fall bewegen sich für solche Beobachter alle Planeten letztlich um ihren Standpunkt herum, auf wie verworrenen Bahnen auch immer. Tatsächlich jedoch, „in Wirklichkeit“, so wissen wir seit Kopernikus, Kepler und Newton, erfolgt die Planetenbewegung entsprechend des Newtonschen Gravitationsgesetzes um die größte Masse, d.h. die Sonne herum. Das Newtonsche Gravitationsgesetz, aus dem sich die Keplerschen Planetengesetze ableiten lassen, ist das Bewegungsgesetz der Planeten. Das Wesen der Planetenbewegungen ist im physikalischen Sinne mit dem Gravitationsgesetz erkannt und diese Erkenntnis geht über die reine Beschreibung der Erscheinungsformen, der Phänomene, hinaus. Die wissenschaftliche Erkenntnis solcher Gesetze, die zwar in den Erscheinungen drin stecken, aber nicht immer offensichtlich sind, zielt darauf, das in den Erscheinungen steckende, aber oft verborgene oder gar verkehrte Wesen zu ergründen. Nach Marx ist dies auch das Kennzeichen von Wissenschaft, denn „alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“ (Marx, MEW 25: 825).[1] (mehr …)

Dies gehört zum Projekt „Verstehen wir Gesellschaften als Systeme oder Verhältnisse?“.


Reflexionslogisch sind Besonderungen des Allgemeinen „Stuhl“ zum Beispiel „Bürostuhl“ oder „Küchenstuhl“ und so weiter (vgl. zu den Stühlen auch Froeb 1997-99). Diese einzelnen Stuhlarten lassen sich nicht aus dem Begriff des „Stuhls“ ableiten – der Begriff „Stuhl“ fasst Gemeinsames der besonderen Stuhlarten zusammen, er bildet eine sog. abstrakte Allgemeinheit. Im Begriff des „Stuhls“ liegt es jedoch, dass jeder „Stuhl“ eine „Sitzfläche“ hat und eine „Lehne“. Diese notwendigen Momente dessen, was „Stuhl“ genannt wird und auch wirklich einen Stuhl darstellt, machen den so bestimmten „Stuhl“ zu etwas konkret-Allgemeinem. Um auf das Allgemeine zu kommen, wird hier nicht von Besonderheiten (ob es ein Büro- oder Küchenstuhl ist) abstrahiert, sondern dieses Allgemeine bestimmt sich konkret aus der Gesamtheit seiner Besonderheiten, denn ohne „Sitzfläche“ und ohne „Lehne“ ist kein Stuhl ein Stuhl. Dabei gilt, dass sich der Gesamtzusammenhang in jedem einzelnen (z.B. dem Stuhl) vollständig (notia completa) ausdrückt, denn jeder einzelne Stuhl hat alle Momente. Aber er ist nicht in jedem Einzelnen vollkommen (notio perfecta) – es gibt keinen Stuhl, der eine „vollkommene Lehne“ hätte.[1] (nach Holz 2005: 208) (mehr …)

Dies gehört zum Projekt „Verstehen wir Gesellschaften als Systeme oder Verhältnisse?“.


Bei Hegel wird solch eine Struktur durch die Kategorie des Ganzen mit seinen Teilen erfasst. Diese Teile müssen nicht dinglich sein, sondern könnten auch Prozesse oder Beziehungen sein. Dabei wird nicht von der Qualität der Teile abstrahiert, sondern gerade ihren den qualitativ bestimmten Wirkmöglichkeiten ergeben sich ihre Beziehungen bzw. daraus das Ganze. Manchmal werden „schwache“ und „starke“ Ganze voneinander unterschieden (vgl. Schlemm 2002). „Stark“ ist das Ganze, wenn die Teile nur noch aus dem Ganzen heraus zu verstehen ist, „schwach“ dagegen, wenn es nur um die zweiseitigen Wechselwirkungen der Teile untereinander geht. Insofern auch bei diesen Wechselwirkungen ein Ganzes entsteht, das mehr ist als die Summe der Teile, wird dieses „mehr“ häufig mit der Kategorie der „Emergenz“ belegt, der Zusammenhang wird damit aber nur als noch nicht wirklich begriffen gekennzeichnet und meist als nicht wirklich begreifbar abgetan. (mehr …)

Dies gehört zum Projekt „Verstehen wir Gesellschaften als Systeme oder Verhältnisse?“.


Schellings Naturphilosophie sucht nach einer „“vernünftigen“, gesetzmäßige[n] innere[n] Ordnung“ in der Natur, damit versucht Schelling deren „eigentümliche Einheit und die ihr innewohnenden Entgegensetzungen zu ergründen“ (Warnke 1977b: 104). Er verlegt den Subjektcharakter, die „Ichheit“ die Fichte als selbstreflexive Struktur erkannt hatte, in die Natur, vor allem ihre organismischen Formen, hinein (vgl. Schlemm 2010). Solange auch die natürlichen Dinge jeweils durch andere bedingt sind, sind sie nur endliche (natura naturata), haben als solche aber Anteil an dem Unendlichen, das selbst nicht mehr durch Anderes bedingt ist (natura naturans). Im Zusammenhang beider untrennbaren Naturen bleiben auch die endlichen Zusammenhänge, die als offene Systeme, die mit jeweils einer äußeren Umgebung in Wechselwirkung stehen, gedeutet werden können (natura naturata) mit der Natur als Ganzes (natura naturans), „als ein geschlossenes System, das in sich zurückkehrt“ (Warnke 1977b: 142) verbunden. Diese in sich zurückkehrende Bewegung wird als produktiv gedacht, daher ist Schellings Begriff der Natur als natura naturans auch so eng verwandt mit Naturbegriffen, die die Dynamik und Selbstorganisiertheit der Natur betonen. Dabei ist alles Existierende eingespannt darin, dass es einerseits der Ausfluss der schöpferischen Natur ist, aber auch zu endlichen Gestalten „gerinnt“, in dem es etwas Hemmendes erfährt.

„Das „Seyn der Natur“ besteht in einer „continuirlich-wirksame(n) Naturthätigkeit, die im Produkt erloschen ist“. Alle Produkte also sind nur Ergebnis einer Hemmung dieser unendlichen Naturtätigkeit. Diese Hemmung wird von der unendlichen Tätigkeit selbst erzeugt, damit die Natur endlich darstellbar wird und nicht im Unendlichen „zerfließt“. […] (Schlemm 1997)

Diese beiden Pole bleiben quasi auf einer Ebene, es geht hin und her. Hegel kritisiert dies später als ein „perennierende[s] Herüber- und Hinübergehen von dem einen Gliede des bleibenden Widerspruchs zum andern“ (HW 5: 264). „Der Progreß ist daher gleichfalls nicht ein Fortgehen und Weiterkommen, sondern ein Wiederholen von einem und eben demselben“ (ebd.). Das, was Dasselbe bleibt, ist nämlich das Gesamtsystem, das den Teilen übergeordnete Ganze. Dieses entwickelt sich nicht, d.h. es bildet keine neue Qualitäten aus, sondern wird als unveränderlich vorausgesetzt. Dies kennzeichnet alle Systemtheorien. Eine Entwicklungstheorie ist damit nicht möglich. Für das Verständnis der Erhaltung der Systemhaftigkeit ist jedoch ein großer Schritt getan. Die Organisation, die das gewährleistet, ist damit bestimmt als „Struktur bewußtlos verlaufender Prozesse, durch die Selbstdetermination und Selbstbewegung zustande kommen“ (Warnke 1977b: 139). In dieser sich selbst reproduzierenden Struktur werden Kausalketten zum in sich geschlossenen Wirkungskreis zusammengeschlossen (ebd.: 142). Mit der Annahme, die Organisation sei  „das An-und-für-sich der Dinge, das als das Bleibende, Perennierende den Wandel der Erscheinungen durchhält, das den Erscheinungen immer schon und a priori vorausliegt“ (ebd.), entspricht dies auch der Systemvorstellung von Niklas Luhmann, der ausgehend vom Konzept der Autopoiesis annimmt, dass eine Systembildung „durch Konstitution „von oben“ zu erklären“ sei, statt durch „Emergenz „von unten““ (Luhmann 1984: 43).

Dies gehört zum Projekt „Verstehen wir Gesellschaften als Systeme oder Verhältnisse?“.


Nikolaus von Cues

Bei Cusanus/ Nikolaus von Cues z.B. kann die Bewegung als Selbstbewegung, d.h. unabhängig von einem Beweger gedacht werden, in dem die Kreisbewegung als „Muster einer Bewegung, die endlos fortgeht und dennoch in sich abgeschlossen ist“ (Hedtke 1977: 44) gedacht wird, was Hegel später aufgreifen wird. Als Beispiel nennt Cusanus die Aufeinanderfolge von einem Baum, der wieder Baum wird, was durch den Samen vermittelt wird. Die Bewegung ist das Ganze und sie wird vollzogen von ihren Teilen. Das Ganze ist dann die „wechselseitige Aktion und Reaktion der Teile selbst“ (ebd.: 51). Die spezifische eigene Qualität der Teile verschwindet dabei nicht, sondern sie löst geradezu die Bewegung aus und trägt sie. Das, was sich bewegt, verschwindet dabei nicht, d.h. die Substantialität wird nicht von der Bewegung ersetzt. „Jeder Teil besitzt somit Qualitäten, die für das System konstitutiv sind. Aber er realisiert diese Tätigkeiten nicht in der direkten Beziehung zum Ganzen, sondern im Teil-Teil-Wechselwirkungszusammenhang.“ (ebd.: 51) Den Grund für diese Bewegung kann man nur finden, wenn man die Qualitäten der in Bewegung befindlichen Teile selbst in Betracht zieht, denn nur daraus erklärt sich z.B., warum ein Baum über die Vermittlung der Samen wieder zu einem Baum wird. Dieses Denken des Cusanus hängt durchaus mit konkreten gesellschaftlichen Umständen zusammen, nämlich der Entstehung eines einheitlichen europäischen Markts durch das handelskapitalistische Patriziat (ebd.: 29).

Universalienrealismus vs. Nominalismus

(mehr …)

Und was bedeutet das?

Vorbemerkung, Einordnung

In einem Projekt, in dem ich mitarbeite, versuchen wir, ein Modell zu simulieren, bei dem Güter für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zustande kommen und verteilt werden können ohne dass Geld zur Vermittlung verwendet wird. Mittels einer Agentenbasierten Modellierung werden die handelnden Menschen als „Agenten“ mit bestimmten inneren Variablen (und Anfangswerten hierfür) belegt und sie treten zueinander in Beziehung über berechenbare Funktionen. Durch diese Beziehungen entsteht ein Ganzes, das bei ausreichender Anzahl von Agenten, Variablen und Relationen zu übergreifenden Strukturen und Prozessen führt, die nicht mehr nur der Summe der Einzelaktionen entsprechen, was auch „Emergenz“ genannt wird.

Philosophisch gesehen geht es hier um die sehr alte Frage nach dem Verhältnis von Ganzem und seinen Teilen oder auch von Allgemeinem und Einzelnem sowie Besonderem. In neuerer Zeit wurden allgemeinste Aspekte dieser Verhältnisse auch von den System- und Komplexitätstheorien untersucht. Die oben genannte Modellierung, die eine Simulation einer „gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung ohne Geld“ ermöglichen soll, nimmt derartige Systemüberlegungen auf und konkretisiert sie. Welche Stellung kann eine solche Modellierung einnehmen für die Entwicklung gesellschaftstheoretischer Aussagen? Welchen Erklärungs- oder Prognoseanspruch können die Ergebnisse der Simulation überhaupt behaupten? Hierzu wird im ersten Teil gezeigt, dass es ein Nachdenken über „Systeme“ im philosophischen Kontextschon länger gibt. Besondere Bedeutung erlangt dabei die Kritik der Politischen Ökonomie von Marx, weil dabei das Systemdenken überschritten wird. Im zweiten Teil wird der Begriff des „Verhältnisses“ entwickelt, der eine philosophisch-dialektische Einbettung des Systemdenkens ermöglicht (siehe zum Verhältnis von Systemtheorie in Form von Selbstorganisationstheorien und philosophischer Dialektik auch schon Schlemm 2006). Im dritten und vierten Teil schließlich soll ein Bezug der Modellierung der „Gesellschaft nach dem Geld“ in Beziehung zu diesen Überlegungen gestellt werden und auch die modellierte Gesellschaft des verallgemeinerten Commoning selbst. Als Quellen für meine Ausführungen dienen vor allem die Arbeiten aus der Arbeitsgruppe von Camilla Warnke von vor fast 50 Jahren. Leider ist die Entwicklung des philosophischen Denkens in ihrer Substanz bisher kaum darüber hinaus gegangen. Wie diese Inhalte in den letzten fast 10 Jahren der DDR unterdrückt worden sind, kann anderso nachgelesen werden (Rauh 1991, Warnke 2009). Umso wichtiger ist es, sie auch inhaltlich dem Vergessen zu entreißen.


Hier gehts weiter.


Gliederung der Beiträge:

In einer Diskussionsrunde zu den wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Commons-Theorien werden wir uns beim nächsten Mal auch mit Niklas Luhmann beschäftigen. Ich habe mich mit ihm gleich nach der „Wende“ in den 90er Jahren beschäftigt, weil einige ihn damals als Alternative zum Marxismus priesen. Außerdem habe ich mich parallel dazu ja auch interessiert mit Selbstorganisations- und Autopoiesis-Konzepten beschäftigt. Allerdings las ich damals auch Texte aus der Arbeitsgruppe von Camilla Warnke, die mir eine neue Welt des marxistischen Denkens eröffneten. In ihnen wurde speziell auch Luhmann kritisiert, indem gezeigt wurde, worin die Grenzen seines Konzepts bestehen. Diese Grenzen kann man letztlich nur sehen, wenn man darüber hinaus ist. Das „darüber hinaus“ enthält jedoch philosophisches Wissen, speziell auch der Hegelschen Philosophie, wie es leider auch in der DDR üblicherweise nicht vermittelt wird. Für mich wurde das damals zur Motivation, mich in Hegel einzuarbeiten. Diesmal will ich das dazu angeeignete Wissen hier nach und nach veröffentlichen, zuerst beginne ich mit der Darstellung des Luhmannschen Denkens[1]


Dies gehört zum Projekt „Verstehen wir Gesellschaften als Systeme oder Verhältnisse?“ .


Luhmann betrachtet die Welt nicht als Wirklichkeit, in der auf Grundlage wesentlicher Zusammenhänge und jeweils konkreter Bedingungen mögliche Bewegungsformen der Materie in Existenz treten und sich verändern und entwickeln, sondern als Menge von Ereignissen, die immer „auch anders möglich“ sind (Luhmann 1984: 47). In dieser Abstraktheit gesehen, ist die Grundlage der Welt „entropisch“ (vgl. ebd.: 80). Ausgehend von dieser abstrakten Möglichkeit, alles könne anders sein, wird dann festgestellt, dass das in der wirklichen Welt natürlich nicht so ist. Denn nicht die gesamte Menge dieser möglichen Ereignisse verwirklicht sich, sondern nur jene, die herausselektiert werden. Und diese Reduktion geschieht auch nicht immer in beliebig verschiedener Weise, sondern es gibt eine Art „Konditionierung“ der Auswahl, die sie stabilisiert. Komplexität ist das „Maß für die Unbestimmtheit“, die bei mehr Möglichkeiten jeweils größer ist (sie ist damit eigentlich identisch mit Entropie). Es gibt dabei dann immer Bereiche, in denen diese Auswahl und die Konditionierung gegenüber der jeweils noch komplexeren Umwelt geschieht – dies sind die Systeme. Systeme sind bestimmt dadurch, dass sie die Aufgabe erfüllen, Komplexität zu reduzieren, d.h. Möglichkeiten einschränken. Systeme sind deshalb immer weniger komplex (entropisch) als ihre Umwelt.

Mit meinen Formulierungen habe ich schon erwähnt, dass die Elemente des Systems weder Dinge, noch Beziehungen oder gar Menschen sind, sondern Ereignisse; im sozialen System beispielsweise Kommunikationsereignisse. Menschen gehören immer in die Umwelt der Systeme, haben also mehr Handlungsmöglichkeiten als in jedem System „konditioniert“ sein kann (vgl. ebd.: 289). Die Komplexitätsreduktion im System hat jeweils die Funktion, Probleme zu lösen (ebd.: 84). Reale Systeme strukturieren sich durch die Orientierung an Funktionen, dies hilft auch dabei, sie wissenschaftlich mittels einer „funktionalen Analyse“ zu studieren (ebd.). Das Ziel einer solchen Analyse besteht dann auch darin, für bestimmte Probleme andere Funktionsmöglichkeiten vorzuschlagen, die vorhandenen Funktionen, deren Nachteile man vermeiden will, äquivalent sind (ebd.: 85). Insofern ist Luhmanns Theorie auch nicht nur affirmativ, weil wegen dieser Funktionsäquivalenz auch andere Formen der Funktionserfüllung gefunden und eingesetzt werden können. Die allgemeine Funktion der Systembildung ist die Reduzierung von Komplexität, so dass innerhalb der System-Umwelt-Grenzen eine Ordnung mit weniger Möglichkeiten als in der Umwelt aufrechterhalten kann. Die Luhmannsche Systemtheorie ersetzt mit ihrer Orientierung an dieser komplexitätsreduzierenden Funktion von Systemen die Ganzes-Teil-Ontologie durch eine, bei der die Differenz zwischen System und Umwelt wesentlich wird. Dabei wird diese Grenze zwischen System und Umwelt vom System selbst aufrechterhalten. Dies ist das wichtigste Kennzeichen von autopoietischen Systemen (vgl. Schlemm 1997/98). Das System reproduziert also nicht nur seine eigenen Elemente, sondern auch seine Grenzen gegenüber der Umwelt. Wir kennen solche Systeme aus der Theorie von Organismen und der Gehirnaktivitäten. Das Einwirken äußerer Reize geschieht nicht einfach nach kausalen Gesetzen, sondern das Innere „entscheidet“, wie es mit diesen äußeren Gegebenheiten umgeht. Das heißt, „daß jede Einheit, die in diesem System verwendet wird, durch dieses System selbst konstituiert sei muß und nicht aus dessen Umwelt bezogen werden kann“ (Luhmann 1984: 51). Auch Hegel erkennt: „Das Organische zeigt sich als ein sich selbst Erhaltendes und in sich Zurückkehrendes und Zurückgekehrtes.“ (HW 3: 200) Und: „Das Individuum ist Beziehung auf sich dadurch, daß es allem anderen Grenzen setzt; aber diese Grenzen sind damit auch Grenzen seiner selbst, Beziehungen auf Anderes, es hat sein Dasein nicht in ihm selbst“ (HW 5: 121). (mehr …)