Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


Dass die Fesseln der gesellschaftlichen Verhältnisse immer wieder gesprengt wurden, sieht man aus einer Perspektive des erreichten Entwicklungsstandes, quasi der „Eule der Minerva“, die „erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ beginnt. (HW 7: 28) Bis zur Gegenwart hat es immer weitere Stufen der Höherentwicklung gegeben. Wenn wir nur diese Stufen betrachten und dieses Strukturmuster des stufenweisen Voranschreitens weiter in die Zukunft antizipieren, entsteht ein recht deterministisches Geschichtsbild. Die Stufen werden abgeleitet aus den „Gesetzmäßigkeiten“ der Geschichte. In dem schon genannten Lehrbuch wird die Argumentationsweise, die dazu führt, offenbart: Die Bestimmung der „Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung“ werden unmittelbar aus dem „Kapitel über die materialistische Dialektik“ über die Bestimmung der dort verhandelten Gesetzmäßigkeiten abgeleitet (Hahn, Kosing, Rupprecht 1983: 411). Das ist ein methodologischer Kurzschluss (Erpenbeck, Hörz 1977: 50) zwischen unterschiedlichen Ebenen des Erkenntnisprozesses (zwischen der allgemein-philosophischen Ebene der Philosophie und der Verallgemeinerung geschichtlicher Erkenntnisse) und überspringt die notwendigen Studien der „wirklichen Bewegung“ in der Geschichte, d. h. das Studium geschichtlicher Entwicklungen „jede […] für sich“ und ihre Vergleichung. (mehr …)

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Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“. (Version 1.8, 25.10.2018)


Die Autoren des Buchs „Kapitalismus aufheben“ wollen „die objektive Möglichkeit der Veränderung und ihre Bedingungen aufzeigen“ (S&M: 9). Die Kategorie „Möglichkeit“ lässt sich wie auch der Begriff des „Begriffs“ (siehe 4.3.1.) in unterschiedlicher Weise interpretieren. Da gibt es zuerst die abstrakte Möglichkeit (Möglichkeit I). Friedrich Engels kritisiert die Philosophie Schellings deswegen, weil sie eine „Nichtsausschließende“ ist und sein will, „denn möglich ist am Ende alles. Es kommt aber darauf an, daß der Gedanke sich bewähre durch seine innere Kraft, sich zu verwirklichen“ (Engels MEW 41: 187). Die abstrakte Möglichkeit (I) besagt einfach nur, dass das als abstrakt-möglich gekennzeichnete Wirkliche nicht unmöglich ist und sich selbst nicht widerspricht (vgl. HW 6: 204). Dabei wird von Bedingungen und Umständen abstrahiert. Dass gesellschaftliche Verhältnisse inklusionslogisch gestaltet sind, ist sicher nicht unmöglich und widerspricht sich nicht selbst. Ihre abstrakte Möglichkeit ist also gegeben. Insofern ist auch die von Stefan und Simon erstrebte „kategoriale Utopie“ auf Grundlage der überhistorischen „menschlich-gesellschaftlichen Möglichkeiten“ (S&M: 104) möglich, aber eben nur im abstrakten Sinne. (mehr …)

Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


4.3.1 Abstrakter und konkreter Begriff

Der „Begriff des/vom Menschen“ (S&M: 119, 123) ist ein wesentlicher Baustein für die Entwicklung der sog. Kategorialen Utopie. Ein „Begriff“ ist für die Autoren eine „Verdichtung theoretischer Überlegungen“ (ebd.: 22). Theorien können nun unterschiedliche Gegenstandsbereiche haben und für jeden dieser Gegenstandsbereiche gibt es entsprechende Begriffe. Theorien von Menschen gibt es z.B. auf einer allgemein-überhistorisch-anthropologischen Ebene. Da der Begriff einer Sache „das in ihr selbst Allgemeine“ (Hegel HW 5: 26) ist, besteht der Begriff „des Menschen“ in dem, was allen Menschen gemeinsam ist, was sie aber auch gegenüber allen anderen Tieren auszeichnet, was das konkrete Besondere der Menschen gegenüber der Tierwelt ist. (mehr …)

Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“. (Version 1.8, 25.10.2018)


Wie schon erwähnt, kritisierten Marx und Engels in ihrer Auseinandersetzung mit früheren Weggefährten und Vorbildern z.B. an Feuerbach, dass er „die Menschen nicht in ihrem gegebenen gesellschaftlichen Zusammenhange, nicht unter ihren vorliegenden Lebensbedingungen“, sondern als „Abstraktum „der Mensch““ betrachtet (MEW 3, DI: 44). Dies kennzeichnet den Wandel vom „anthropologischen Materialismus […] zum historischen“ (Mocek 1988: 222). Übrigens hatte auch Aristoteles vor, „jene staatliche Gemeinschaft zu betrachten, die für Menschen, die möglichst nach Wunsch leben können, von allen die beste ist…“ (Aristoteles Politik: 31). Er unterschied dabei die „schlechthin beste Verfassung“ von der „nach Umständen beste[n]“ (ebd. 123). Die Bedeutung der Umstände zeigt sich auch an der Bedeutung konkreter technischer Möglichkeiten, denn Sklaven als „beseeltes Besitzstück“ (ebd.: 7) wären unter bestimmten Umständen nicht mehr notwendig, denn „wenn so auch das Weberschiff von selber webte und der Zitherschlägel von selber spielte, dann brauchten allerdings die Meister keine Gesellen und die Herren keine Knechte.“ (ebd.)

Auch in den ethnologischen Exzerptheften von Marx findet deren Herausgeber, Lawrence Krader, „den Marxschen Übergang von der Kritik des abstrakten menschlichen Gattungswesens zur empirische Erforschung besonderer Gesellschaften“ (Krader 1976: 91). Marx begreift demnach „den Menschen zunächst als gesellschaftlichen Menschen, ohne ein inneres, außerhalb der Zeit stehendes Wesen, ohne von seinen Verhältnissen in der Gesellschaft und in der gesellschaftlichen Produktion, einschließlich seiner Selbsterzeugung, unterschiedenes Wesen.“ (ebd.: 88) Die Theorie „vom Menschen“ kann deshalb keine andere sein, als eine über wirkliche Menschen, und „[v]om Feuerbachschen abstrakten Menschen kommt man aber nur zu den wirklichen Menschen, wenn man sie in der Geschichte handelnd betrachtet“ (Engels MEW 21: 290). (mehr …)

Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“. (Version 1.8. seit 25.10.18)


4.2.1 Kritik am Maßstab des Begriffs?

„Jede Kritik besitzt ein Fundament, eine Position (eine positive Aussage), von der aus ein Zustand als falsch, schmerzlich oder unnötig kritisiert werden kann.“ (S&M: 112) Die Utopie ist „implizit in jeder Negation enthalten“ (ebd.: 113), denn in jedem Aufbegehren über Ungerechtigkeit steckt die Utopie der Gerechtigkeit.

Was ist nun diese positive Aussage, aus deren Nichtrealisierung die Kritik entsteht? Ist sie die Charakterisierung eines (durchaus auch dynamischen) späteren Zustands (z.B. die „gerechte Welt“, die „freie Gesellschaft“?) oder enthält sie einen Leitfaden, an dem sich der Fortschritt entlanghangeln könnte (bei Hegel etwa: Vernunft und Freiheit) oder reicht es aus, hier und heute ganz konkrete unentfaltete Potenziale zu finden (wie die Arbeitszeitersparnis durch neue Technologien, die nicht zur Lebensbereicherung der Arbeitenden führt?…) (mehr …)

Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.

…und ist eigentlich aus Versehen schon so zeitig gepostet worden. An der Numerierung sieht man, dass er logisch erst viel später geplant ist… Viele Bemerkungen und Begriffe nehmen Bezug auf vorherige, noch nicht veröffentlichte Teile. Also bitte gedulden und dann noch mal mitdenken…


Das Verhältnis zwischen einer Position bzw. einem Gegebenen und dessen Überschreitung wird von Hegel als „Grenze“ bzw. „Schranke“ diskutiert. Er geht von Spinozas Erkenntnis „Alle Bestimmung ist eine Negation“ aus (Omnis determinatio est negatio, vgl. HW 8: 196). Etwas hat seine wesentliche Qualität nur innerhalb seiner Grenze, die Qualität selbst ist diese Grenze: „Etwas ist durch seine Qualität das, was es ist, und indem es seine Qualität verliert, so hört es damit auf, das zu sein, was es ist.“ (ebd.: 195). Hegel verwendet an dieser Stelle übrigens eine schöne Lebensweisheit zur Illustration:

„Der Mensch, insofern er wirklich sein will, muß dasein, und zu dem Ende muß er sich begrenzen. Wer gegen das Endliche zu ekel ist, der kommt zu gar keiner Wirklichkeit, sondern er verbleibt im Abstrakten und verglimmt in sich selbst.“ (ebd.: 197).

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Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“. (Version 1.8 ab 25.10.18)


3. 1 Begriffe und Theorien

Zu den theoretischen Grundlagen gehört die Konzeption von Begriffen und Theorien. Stefan und Simon folgen hier, wie auch sonst vorwiegend, den entsprechenden Ausführungen von Klaus Holzkamp in der „Grundlegung der Psychologie“ (1983).

3.1.1 Begriffe sind mit Theorien verknüpft

Nach Klaus Holzkamp sind die „Kategorien“ Grundbegriffe, mit welchen für eine Wissenschaft ihr Gegenstand bestimmt wird und damit auch „seine Abgrenzung nach außen, sein Wesen, seine innere Struktur, bestimmt sind“ (Holzkamp 1983: 27). Diese Kategorien bestimmen dann auch darüber, was als „Empirie“ fassbar wird (ebd.: 35). Wenn Emotionalität kategorial als Verhältnis zwischen Innerem und Äußerem gefasst wird, nämlich als „Bewertung von Umweltgegebenheiten am Maßstab der eigenen Befindlichkeit“ (ebd.: 98), so ist der Gegenstand anders bestimmt, als wenn Emotionen lediglich (nur innere) „Gemütsbewegungen“ sind wie in Wikipedia (Wikipedia: Emotion). Diese Gegenstandsbestimmung hat auch Folgen für die Theorie, die mit diesen Kategorien arbeitet: „Solche Kategorien schließen stets eine bestimmte methodologische Vorstellungen darüber ein, wie man wissenschaftlich vorzugehen hat, um den Gegenstand adäquat zu erfassen.“ (Holzkamp 1983: 27-28) (mehr …)