In einer Diskussionsrunde zu den wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Commons-Theorien werden wir uns beim nächsten Mal auch mit Niklas Luhmann beschäftigen. Ich habe mich mit ihm gleich nach der „Wende“ in den 90er Jahren beschäftigt, weil einige ihn damals als Alternative zum Marxismus priesen. Außerdem habe ich mich parallel dazu ja auch interessiert mit Selbstorganisations- und Autopoiesis-Konzepten beschäftigt. Allerdings las ich damals auch Texte aus der Arbeitsgruppe von Camilla Warnke, die mir eine neue Welt des marxistischen Denkens eröffneten. In ihnen wurde speziell auch Luhmann kritisiert, indem gezeigt wurde, worin die Grenzen seines Konzepts bestehen. Diese Grenzen kann man letztlich nur sehen, wenn man darüber hinaus ist. Das „darüber hinaus“ enthält jedoch philosophisches Wissen, speziell auch der Hegelschen Philosophie, wie es leider auch in der DDR üblicherweise nicht vermittelt wird. Für mich wurde das damals zur Motivation, mich in Hegel einzuarbeiten. Diesmal will ich das dazu angeeignete Wissen hier nach und nach veröffentlichen, zuerst beginne ich mit der Darstellung des Luhmannschen Denkens[1]


Dies gehört zum Projekt „Verstehen wir Gesellschaften als Systeme oder Verhältnisse?“ .


Luhmann betrachtet die Welt nicht als Wirklichkeit, in der auf Grundlage wesentlicher Zusammenhänge und jeweils konkreter Bedingungen mögliche Bewegungsformen der Materie in Existenz treten und sich verändern und entwickeln, sondern als Menge von Ereignissen, die immer „auch anders möglich“ sind (Luhmann 1984: 47). In dieser Abstraktheit gesehen, ist die Grundlage der Welt „entropisch“ (vgl. ebd.: 80). Ausgehend von dieser abstrakten Möglichkeit, alles könne anders sein, wird dann festgestellt, dass das in der wirklichen Welt natürlich nicht so ist. Denn nicht die gesamte Menge dieser möglichen Ereignisse verwirklicht sich, sondern nur jene, die herausselektiert werden. Und diese Reduktion geschieht auch nicht immer in beliebig verschiedener Weise, sondern es gibt eine Art „Konditionierung“ der Auswahl, die sie stabilisiert. Komplexität ist das „Maß für die Unbestimmtheit“, die bei mehr Möglichkeiten jeweils größer ist (sie ist damit eigentlich identisch mit Entropie). Es gibt dabei dann immer Bereiche, in denen diese Auswahl und die Konditionierung gegenüber der jeweils noch komplexeren Umwelt geschieht – dies sind die Systeme. Systeme sind bestimmt dadurch, dass sie die Aufgabe erfüllen, Komplexität zu reduzieren, d.h. Möglichkeiten einschränken. Systeme sind deshalb immer weniger komplex (entropisch) als ihre Umwelt.

Mit meinen Formulierungen habe ich schon erwähnt, dass die Elemente des Systems weder Dinge, noch Beziehungen oder gar Menschen sind, sondern Ereignisse; im sozialen System beispielsweise Kommunikationsereignisse. Menschen gehören immer in die Umwelt der Systeme, haben also mehr Handlungsmöglichkeiten als in jedem System „konditioniert“ sein kann (vgl. ebd.: 289). Die Komplexitätsreduktion im System hat jeweils die Funktion, Probleme zu lösen (ebd.: 84). Reale Systeme strukturieren sich durch die Orientierung an Funktionen, dies hilft auch dabei, sie wissenschaftlich mittels einer „funktionalen Analyse“ zu studieren (ebd.). Das Ziel einer solchen Analyse besteht dann auch darin, für bestimmte Probleme andere Funktionsmöglichkeiten vorzuschlagen, die vorhandenen Funktionen, deren Nachteile man vermeiden will, äquivalent sind (ebd.: 85). Insofern ist Luhmanns Theorie auch nicht nur affirmativ, weil wegen dieser Funktionsäquivalenz auch andere Formen der Funktionserfüllung gefunden und eingesetzt werden können. Die allgemeine Funktion der Systembildung ist die Reduzierung von Komplexität, so dass innerhalb der System-Umwelt-Grenzen eine Ordnung mit weniger Möglichkeiten als in der Umwelt aufrechterhalten kann. Die Luhmannsche Systemtheorie ersetzt mit ihrer Orientierung an dieser komplexitätsreduzierenden Funktion von Systemen die Ganzes-Teil-Ontologie durch eine, bei der die Differenz zwischen System und Umwelt wesentlich wird. Dabei wird diese Grenze zwischen System und Umwelt vom System selbst aufrechterhalten. Dies ist das wichtigste Kennzeichen von autopoietischen Systemen (vgl. Schlemm 1997/98). Das System reproduziert also nicht nur seine eigenen Elemente, sondern auch seine Grenzen gegenüber der Umwelt. Wir kennen solche Systeme aus der Theorie von Organismen und der Gehirnaktivitäten. Das Einwirken äußerer Reize geschieht nicht einfach nach kausalen Gesetzen, sondern das Innere „entscheidet“, wie es mit diesen äußeren Gegebenheiten umgeht. Das heißt, „daß jede Einheit, die in diesem System verwendet wird, durch dieses System selbst konstituiert sei muß und nicht aus dessen Umwelt bezogen werden kann“ (Luhmann 1984: 51). Auch Hegel erkennt: „Das Organische zeigt sich als ein sich selbst Erhaltendes und in sich Zurückkehrendes und Zurückgekehrtes.“ (HW 3: 200) Und: „Das Individuum ist Beziehung auf sich dadurch, daß es allem anderen Grenzen setzt; aber diese Grenzen sind damit auch Grenzen seiner selbst, Beziehungen auf Anderes, es hat sein Dasein nicht in ihm selbst“ (HW 5: 121). (mehr …)