Das eben Geschriebene gilt übrigens auch für den absoluten Geist. Der ist keine starre Krone über allem, kein toter Kristall, der alle Bewegung und Lebendigkeit abtöten würde. Bei Hegel ist er so etwas wie die Gesamtheit der Welt, die sich selbst erkennt (siehe dazu mehr hier und zur Methode des Hegelschen Philosophierens auch hier (bezogen auf die „Phänomenologie“) und hier (bezogen auf die „Logik“)).


Man kann das auch „materialistischer“ interpretieren, dann benennt der absolute Geist die ständige Tätigkeit der Rekapitulation des realen und geistigen Entwicklungswegs der Menschheit durch die Menschheit (vgl. Lukács 1986: 583) bzw. aller sich ihrer selbst bewussten kosmischen Zivilisationen.

Keine endliche Menge an Wissensinhalten könnte dies alles jemals umfassen. Alle Bereiche des Wirklichen, vor allem jene, die sich und ihre Rolle in der Welt selbst mit reflektieren können (also bewusste, vernünftige Wesen) in ihrer sich ständig wandelnden Vielfalt, stellen dieses Absolute dar. Bei Hegel wird die Wirklichkeit nicht unter begriffliche Schemata subsumiert. Das ist auch der Grund, weswegen das Zitat von Shaw den vorigen Beitrag einleitete. Jedes Problem muss neu durchdacht werden, während andere hoffen, mit einem Wort oder einem Schema die unermessliche Fülle der Komplexität erschlagen zu können.

Im Zusammenhang mit den Überlegungen zur Ambiguität im Islam möchte ich dazu noch eine Interpretation von T.S. Hoffmann zum Absoluten bei Hegel zitieren:

„Dieses Absolute meint hier nicht, daß eine Philosophie den gleichsam definitiven Standpunkt, die Antwort auf alle Fragen erreichte oder etwas dergleichen auch nur anstrebte. Es bedeutet vielmehr, daß jede Philosophie eine Einladung ist, an einer Vernunft zu partizipieren, die zwar in unendlicher Variation dargestellt sein kann, aber in diesen Darstellungen doch auch immer dasselbe Unendliche ist – vom Unendlichen gibt es kein Plural […].“ (Hofmann 2004: 127)

Die Unterscheidung von Endlichem und Unendlichen kann einen Vorbegriff für verstandesmäßiges und vernünftiges Denken bei Hegel geben. Während der Verstand sich lediglich mit endlichen Dingen beschäftigt, zielt die Vernunft auf das Unendliche. Dies ist nicht nur eine Summe aus ganz, ganz vielen endlichen Phänomenen, sondern es erfordert eine neue Denkstruktur. Warum ist es überhaupt notwendig, sich derart anzustrengen? Weil die Welt in ihrer Größe, aber auch in der unerschöpflichen inneren Struktur jedes einzelnen Bereiches unerschöpflich, also unendlich ist. Warum sollten wir bei der unvollkommenen Vorstellung einer bloß verständigen Aufreihung von Endlichem stehen bleiben, wenn wir doch in der Praxis dazu angehalten sind und auch das Vermögen dazu haben, die komplizierteren Methoden des vernünftigen Begreifens zu erlernen? (Das gilt nicht als Zwang für jeden einzelnen Menschen, aber für die Menschheit als Gattung – was sich in Gestalt bestimmter Menschen, die das gern tun, verkörpert.)


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