Als ich ein Votum zum Stichwort „Mensch-Natur“ für das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus erarbeitete, fiel mir bei dem vorliegenden Textentwurf auf, dass die erwähnte Literatur zu diesem Thema in den 70er Jahren mit Vertretern des sog. „westlichen Marxismus“ endete. Dabei war mir sehr gut in Erinnerung, dass wir in unserem FDJ-Klub bei der Beschäftigung mit den sog. „Globalen Problemen der Menschheit“ durchaus auf der Basis von recht guten theoretischen Vorarbeiten aus der DDR-Philosophie arbeiten konnten.

Titelbild unseres 1984 erstellten „Infos“ aus Jena

Deshalb habe ich meine Bibliothek genutzt, um einiges zusammen zu tragen, was von damals zu erinnern ist. Denn es ist nicht so, dass in der DDR bzw. den anderen sozialistischen Staaten einfach völlig unbedacht der Natur Schaden zugefügt wurde und der Umweltschutz völlig vernachlässigt wurde. Ich denke sogar, die Grundgedanken zum Verhältnis von Natur und Gesellschaft bis hin zu den besten Gedanken, wie dieses Verhältnis zu gestalten sei, sind nach wie vor aktuell.

Warum damals diese Ziele nicht erfüllt werden konnten, und warum wir heute – zumindest global gesehen – weiter weg davon sind als jemals zuvor, kann nur durch die Analyse der jeweiligen Handlungsmöglichkeiten und -bedingungen und der konkreten Aktivitäten erfolgen. Und die zeigt für die realsozialistischen und realkapitalistischen Umstände jeweils sicher typische Unterschiede. Das ist hier aber ausdrücklich nicht das Thema, sondern es geht um die Erinnerung und auch Würdigung der Natur-Gesellschafts-Philosophie speziell in der DDR. (Dazu zitiere ich das, was ich für das oben genannte Votum zum Wörterbucheintrag zusammengestellt habe).


Zur Philosophie des Mensch-Natur-Verhältnisses wird in allen Schriften die Einheit von Mensch und Natur, das Eingebettetsein der gesellschaftlichen Praxis in die natürlichen Zusammenhänge, betont. Diese Einheit wird als eine widersprüchliche gesehen:

„Das Verhältnis zwischen Mensch (Gesellschaft) und Natur schließt unter allen Bedingungen den Widerspruch ein, und auch die oft beschworene Einheit von Mensch und Natur kann nur als Moment begriffen werden, das mit dieser Widersprüchlichkeit untrennbar verbunden ist.“ (Bauer, Eichhorn 1986: 259)

Im Zusammenhang mit der Debatte über den Arbeitsprozess wird die Natur als objektive Realität mit vom menschlichen Erkennen und Tun unabhängigen Wechselbeziehungen und Verhaltensweisen unabhängigen Wechselbeziehungen und Verhaltensweisen bestimmt. Dabei gilt für die Beziehung von menschlichem Tun und den natürlichen Bewegungsformen und Verhaltensweisen: „Alles Menschenwerk ist Verwirklichung von mit den Gesetzen der N[atur] vorgegebenen objektiven Möglichkeiten.“ (Löther 1996: 634).

Dabei entwickelt der „Stoffwechsel mit der Natur eine andersartige und größere Evolutionsdynamik als sie der Stoffwechsel in der Natur aufweist“ (Bauer, Eichhorn 1986: 260). Der Mensch handelt zweckorientiert und zielstrebig und dabei verhält sich der anthropogene Stoffwechsel zum natürlichen „„positiv“ und „negativ“ zugleich: bestimmte Seiten und Arten natürlicher Stoffwechselprozesse werden genutzt und treibhausmäßig gefördert, andere unterbunden…“ (ebd.: 261).

Der angesprochene widersprüchliche Prozess nimmt „auf jeder Entwicklungsstufe der Produktionsweise besondere Charakterzüge an“ (ebd: 260). Auch Hörz und Wessel betonen die Abhängigkeit von der Gesellschaftsform, denn sie betonen z.B. den Zusammenhang von Technik und „historisch-konkretem Wesen“ des Menschen (Hörz, Wessel 1983: 176). Nachdem in den Jäger- und Sammler-Gesellschaften zuerst eher eine „okkupierende“ Verhaltensweise gegenüber der Natur praktiziert wurde, ging es später auch schon vor dem Kapitalismus um eine Modifikation des des natürlichen Stoffwechsels „im Dienste der Eigenproduktion von Subsistenzmitteln durch den Menschen“ (Bauer, Eichhorn 1986: 263), verbunden mit einer „Zunahme der ungewollten räumlichen wie zeitlichen Neben- und Fernwirkungen“ (ebd.: 264). Erst nach der „Trennung der Masse der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln“ (ebd.: 265) konnte die „ungeheure Sprengkraft kapitalistischer Produktivkraftentwicklung“ zu „tiefgreifenden Folgen hinsichtlich des Stoffwechsel mit der Natur“ führen (ebd.). Der Preis der Produktivitätsentwicklung ist eine „technische und sozialökonomische Entfremdung der Arbeiter in der Produktion“ und der „Widerspruch zwischen Mittel und Zweck der kapitalistischen Produktionsweise“ wird „zu einem Hauptsprengmittel des Systems“ (ebd.: 266).

Deshalb kann erst durch die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und Naturschätzen… „ein prinzipiell neues Naturverhältnis“ hergestellt werden (Paucke, Bauer 1979: 31). Historisch konnte dies nur unzureichend realisiert werden, programmatisch wurde dies jedoch spätestens seit den 70er Jahren, im Zusammenhang mit der Einführung gesetzlicher Verordnungen und die Aufnahme des Umweltschutzes in die Verfassung immer weiter ausgearbeitet.

Es war bekannt: „Für die Zukunft des Menschen auf der Erde ist eine allgemeine Einstellung zur Natur erforderlich, die sich dagegen wendet, die Natur nur als Rohstoffquelle, nur als Werkstatt und als Schuttabladeplatz der menschlichen Zivilisation zu betrachten.“ (Löther 1985: 93)

Damit die natürlichen Grundlagen des menschlichen Lebens ausreichend stabil bleiben, kann es demnach auch keine ständige exzessive Ausweitung der Naturvernutzung geben:

„Dies schließt ein, daß bestimmte Wachstumsprozesse die Phase ihrer extensiven Ausweitung schnell durchschreiten und der intensive Typ des Wachstums immer mehr zur Hauptrichtung ihrer Entwicklung wird. Dies ist ein Wachstum, das nicht durch Einbeziehung neuer natürlicher Ressourcen und die Ausweitung des Produktionsfeldes, sondern durch Erhöhung ihres Wirkungsgrades ermöglicht wird.“ (Mayer 1977: 23)

Der notwendige Wechsel von der noch vorherrschenden Phase der Erweiterung der anthropogenen Umwelt gegenüber einer effektiveren Nutzung wird auch von Bauer und Eichhorn angesprochen (Bauer, Eichhorn 1986: 262). (Heute würden wir von einem Wechsel vom quantitativen Wachstum zu einem qualitativen sprechen)

Das bedeutet auch die “Durchsetzung und Sicherung der erforderlichen ökologischen Normen unmittelbar in der Technosphäre selbst.“ (Paucke, Bauer 1979: 27) Neue Wege für den anthropogenen Stoffwechsel „bestehen vor allem darin, die Natur nach dem Modell der Kooperation als „Partner“ bei der notwendigen Vernetzung der ökonomischen und ökologischen Systeme zu behandeln und die Effektivität der Naturaneignung stärker nach dem Modell biologischer Stoffumwandlungen zu erhöhen.“ (Bauer, Eichhorn 1986: 270)

Der Begriff „Kooperation“ im Verhältnis zur Natur wird wiederholt und die angestrebte „schrittweise Verbesserung des natürlichen Milieus“ wird unmittelbar aus dem sozialistischen „Ziel der universellen Entwicklung der Individuen“ abgeleitet (ebd.: 273).

„Wesentliche innere Bedingung dieses Entwicklungsprozesses ist die Herstellung eines korrespondierenden Verhältnisses von persönlichkeitsfördernder Gestaltung der Arbeitsbedingungen und -inhalte wie auch des Naturmilieus. Ohne dieses Korrespondenzverhältnis könnte die Individualitätsentwicklung von vornherein nicht zur Universalität tendieren, müßte sie verzerrt und einseitig bleiben.“ (ebd.: 273)

Die Umsetzung dieser Ziele wurde nur begonnen; die Ziele der Befriedigung der ständig wachsenden materiellen Bedürfnisse nach dem Vorbild der westlichen Staaten unter restriktiven Bedingungen (mit einer wesentlich geringeren Möglichkeit, die Kosten der Wohlstandssteigerung, zu „exportieren“) hinkte den Konzepten hinterher und stieß natürlich vor allem in den letzten Jahren der DDR und danach auf massive Kritik.

Heute jedoch haben wir noch weniger Möglichkeiten, solche und ähnliche Programme umzusetzen, weil uns jetzt die Eigentümer der wichtigsten Produktionsmittel die Einflussnahme grundsätzlich verwehren.

Literatur:

Bauer, Adolf; Eichhorn I, Wolfgang (1986): Naturaneignung und Vergesellschaftung. In: Manfred Buhr, Herber Hörz (Hrsg.): Naturdialektik – Naturwissenschaft. Das Erbe der Engelsschen „Dialektik der Natur“ und seine aktuelle Bedeutung für die Wissenschaftsentwicklung. Berlin: Akademie-Verlag. S. 259-275.

Hörz, Herbert; Wessel, Karl-Friedrich (1983): Philosophische Entwicklungstheorie. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften.

Löther, Rolf (1985): Mit der Natur in die Zukunft. Die natürlichen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens. Berlin: Dietz Verlag.

Löther, Rolf (1996): Natur. In: Philosophie und Naturwissenschaften. Wörterbuch. Bonn: Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH. S. 633-634.

Mayer, Harry (1977): Gibt es Grenzen des ökonomischen Wachstums? Berlin: Akademie-Verlag.

Paucke, Horst; Bauer, Adolf (1979): Umweltprobleme. Herausforderungen der Menschheit. Berlin: Dietz-Verlag.