Version 2 (6.5.2017)


Die folgende Abbildung (aus Stocker 2013b ) zeigt, auf welche Bereiche der globalen durchschnittlichen Erwärmung wir in Abhängigkeit von den CO2-Emissionen zusteuern (unterschiedlich gefärbte Bereiche):

Seit vielen Jahren wird über das sog. „2-Grad-Ziel“ gesprochen. Dies ist die Grenze der globalen durchschnittlichen Temperaturerhöhung, die bis vor kurzem als Grenze zwischen verkraftbaren und gefährlichen Klimaveränderungen angesehen wurde. Deshalb war es ein Erfolg, dass auch in internationalen Klimavereinbarungen die Unterschreitung dieses Wertes als Ziel anerkannt wurde. In Wikipedia (Stand 31.04.2017) steht noch:

„Die Emissionsreduktion muss im Laufe der 2010er Jahre einsetzen, ansonsten besteht keine realistische Aussicht mehr, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten.“ (Wikipedia: Zwei-Grad-Ziel)

Um ein Ansteigen der durchschnittlichen globalen Temperatur gegenüber den vorindustriellen Zeiten um 2 Grad zu verhindern, müssten die Treibhausgasemissionen (also nicht nur CO2) unter einem Wert von 400 ppm bleiben. 2015 betrug der Wert aber schon 485 ppm! (NOAA/ESRL2016). Bis zum Jahr 2050 müssten die Treibhausgasemissionen um 48% bis 72% sinken, wenn das Zwei-Grad-Ziel noch erreicht werden soll. Das ist eine Senkung des Wertes von 2005 um 90%! (Weaver et al. 2007).Die folgende Abbildung (leicht verändert aus EEA 2015) zeigt die Größe der Aufgabe: Genau so schnell, wie in den letzten Jahrzehnten die Treibhausgasemissionen angewachsen sind, müssen sie jetzt wieder reduziert werden, wenn sich die klimatischen Verhältnisse nicht in gefährlicher Weise verändern sollen.

Das heißt, wir müssen „in den Knick kommen“. Aber wie stehen die Aussichten dafür?

„… hat sich bemüht…“

Unsere „Zukunftswerkstatt Jena“ hatte sich in ihrem „Info ´92“ bereits vor einem Vierteljahrhundert auf einen Bericht der Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ aus dem Jahr 1990 (DB 1990) bezogen. Damals galt noch das Jahr 2005 als Zieljahr für maßgebliche Reduktionen der klimarelevanten Gase. Der Knick von wachsenden Emissionen hin zu Senkungen war in den damaligen Bildern für das Jahr 1995 vorgesehen (ebd.: 52, 855).

In Wirklichkeit stiegen die weltweiten Emissionen weiter an und befinden sich sogar oberhalb des damals prognostizierten Erwartungsbereichs.

Dabei hätten die Emissionen noch größer sein können, wenn nicht die Wirtschaftskrisen zu kleinen Einknicken geführt hättenBild aus Olsson 2014):

In internationalen Klimaanalysen wurde dann das Jahr 2000 als Umkehrjahr benannt und so ging es immer weiter. Wie lange lässt sich dieses Spielchen noch treiben? Ist die reale Natur da draußen genauso geduldig wie das beschriebene und vergessene Papier?

Die Reduktionen kommen nur im Schneckentempo voran. Einige Erfolge gab es in der BRD bzw. in Europa durchaus. Einerseits wirkte sich hier der Verlust der Industrieproduktion bzw. ihre Modernisierung in den früher sozialistischen Ländern mit ihren entsprechenden Emissionen aus, andererseits gab es in fast allen Bereichen Effizienzsteigerungen. Was erreicht wurde und was noch zu erreichen ist, zeigt das folgende Bild für die BRD (aus UBA 2017):

Nach einem Strukturwandel sieht das auch nicht aus, genauso wenig wie die Veränderung der Struktur des Energieverbrauchs (Bild aus Wikipedia: Energieverbrauch):

In einer Beurteilung des Erfolgs der Anstrengungen würde hier also stehen müssen: „haben sich bemüht…“.

… reicht nicht

Das bisher Erreichte reicht bei weitem nicht aus, um „in den Knick zu kommen“.
Die folgende Abbildung zeigt die möglichen Pfade zur Verringerung der CO2-Emissionen. Angenommen, die Reduktion beginnt im Jahr 2020 (grüne durchgezogene Linie), so ist eine Senkung der Emissionsrate von 3,5 % pro Jahr notwendig, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf 2 Grad zu beschränken. Sollte die Reduktion langsamer erfolgen oder später beginnen (also rechts der gestrichelten Linie), so ist es nicht mehr möglich, diese Begrenzung zu erreichen (ergänzt aus Stocker 2013a: 280).

Das Fenster der Möglichkeit schließt sich – die „Fluchttür beim Klimawandel [steht] nur noch eine Handbreit offen“ (Schellnhuber 2009). Und je später die Bemühungen beginnen, desto größer muss die Reduktionsrate sein (und die notwendige Reduktionsrate wächst bei jedem Jahr Verzögerung sehr schnell!). Wir sehen auch, dass sich das Fenster für die Möglichkeit, die Temperaturerhöhung auf 1,5 Grad zu begrenzen, gerade schließt. Dabei wurde gerade erst 2015 im Pariser Abkommen beschlossen, möglichst doch bei einer Erwärmung unter 1,5 Grad zu bleiben.

Auch für das 2-Grad-Ziel sehen einige schon schwarz, so z.B. der Chefökonom der Internationalen Energieagentur Fatih Birol schon 2011 (Kirkland 2011). Auch über eine Modifikation des 2-Grad-Ziels wird bereits nachgedacht (Geden 2012).

Im letzten IPCC-Bericht von 2014 wird festgestellt, dass wir noch 20 Jahre haben, in denen eine umfassende Transformation eingeleitet werden muss, die unsere Art zu produzieren, zu konsumieren, Land zu nutzen und Energie zu produzieren und zu nutzen umfassen muss (IPCC 2014c: 490). Die gestrichelte Linie in der Abbildung von Stocker zeigt, dass danach das Fenster der Möglichkeit, mit der Temperaturerhöhung unter 2 Grad zu bleiben, zugeschlagen ist. Und mit jedem Jahr, das ohne endgültige Schubumkehr in diese Richtung vergeht, wird die notwendige Rate der Reduktion viel größer, so dass die Wahrscheinlichkeit dafür immer kleiner wird.

Das Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2009: 16) fand bereits 2009 eine drastische Formulierung für den Fall des Versagens. Es legt den fiktiven Lebenslauf eines 2004 geborenen Kindes zu Grunde:

„Noch bevor dieses Kind (nennen wir es Paul) auf eine weiterführende Schule wechseln wird müssen die Weichen in Richtung einer „klimaverträglichen“ Gesellschaft gestellt sein. Seinen 45. Geburtstag sollte Paul im Jahr 2049 in einer Welt mit 50–80 % geringeren Emissionen feiern; das Wirtschaften muss also binnen einer einzigen Generation von seiner heutigen fossilen Basis auf weitgehende Klimaneutralität transformiert werden. Sollten die Emissionen aber auf dem aktuellen Niveau verharren, wird die Menschheit wenn Paul erst Mitte zwanzig ist schon derart viel CO2 emittiert haben, dass die Erderwärmung nicht unterhalb von 2°C zu halten ist.“ (WBGU 2009: 16)

Da eine Senkung der Emissionen durch krisenhafte Zusammenbrüche der Wirtschaft nicht gerade sinnvoll ist, könnte zuerst auf verschwenderische Wirtschaftsanteile verzichtet werden. Zu bestimmen, was das ist, ist aber unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nur begrenzt möglich, denn angeblich bestrafen Märkte jede Verschwendung. Möglich ist weiterhin die Reduzierung der Treibhausgas- und speziell der CO2-Emissionen pro Wirtschaftseinheit. Dies wird als „Kohlenstoffintensität“ (engl. Carbon intensity) bezeichnet. Um das international von den meisten Staaten beschlossene Ziel, die globale durchschnittliche Temperaturerhöhung auf 2 Grad zu begrenzen, zu erreichen, müsste die Kohlenstoffintensität in der nächsten Zeit um 6,5% fallen. Zwischen 2000 und 2015 waren es nur 1,3%. Auch die entsprechend dem Pariser Abkommen versprochenen Ziele von Staaten führen nur zu einer Senkung um 3% (aus PWC 2015):

Trotzdem wird vorsichtig gehofft, endlich von einer Entkopplung des Wirtschaftswachstums von der CO2-Emissionserhöhung ausgehen zu können. Aber die Lücke zwischen dem Erreichten und dem Erforderlichen ist noch groß (ebd.: 2). Für die Bundesrepublik wird darauf hingewiesen, dass die entscheidenden Hebel noch gar nicht umgelegt wurden.

„Neben zahlreichen energie- und umweltpolitischen Maßnahmen ist der Rückgang der CO2-Emissionen in hohem Maße auf die Wiedervereinigung und die damit verbundene Modernisierung des gesamten Kapitalstocks zurückzuführen: Allein in den ersten zehn Jahren seit 1990 konnten die CO2-Emissionen um gut 207 Mio. t reduziert werden, in den darauffolgenden zehn Jahren nur noch um 102 Mio.t; ein Hinweis darauf, dass die relativ kostengünstigen Minderungspotenziale weitgehend ausgeschöpft sind, weitere Minderungen also nur unter Inkaufnahme zusätzlicher Kosten erreicht werden können.“ (BMWI 2010: 49)

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