Essay


Friday4Future in Jena

Danke dafür, dass Ihr uns aus dem Schlaf der Verleugnung und Verdrängung holt. Oder aus der Einsamkeit der schon Verzweifelnden. Ihr merkt es bereits: Viele von uns schließen sich Euch an. Eltern und Wissen schaffende… für eine noch lebenswerte Zukunft. Manche von uns versuchen auch, Euch immer noch zu belehren.

Ich aber möchte mich zuerst einmal entschuldigen. Entschuldigen für die verlorenen Jahrzehnte der Umkehr. Wir hätten es wissen können. Auch in der DDR hat man von den Globalen Problemen der Menschheit erfahren, aber den meisten von uns waren Bananen, Westautos und Mallorcareisen zu wichtig, um uns beirren zu lassen auf dem Weg ins rücksichtslose Wirtschaftswachstum. Sogar viele in der DDR Umweltbewegte fanden am Westen auf einmal nicht mehr allzu viel schlecht. Die Deindustrialisierung der DDR und industrielle Modernisierungen mit höheren Umweltstandards verhalfen der BRD dann zu einem maßgeblichen Anteil an ihrer nicht allzu schlechten Umwelt- und Klimabilanz, aber kaum jemand stellte den nationalen und regionalen Standortwettbewerb in Frage, egal was es kostet an Zukunftschancen. Also entschuldigt, dass wir Euch mit materiellem Wohlstand befriedigen wollten und dabei Eure Zukunft „geklaut“ haben, wie Ihr so treffend ruft.

Und entschuldigt, dass wir schon wieder so halbherzig sind. In einer Meinungsrunde lobte Euch jemand und schlug vor, dass Ihr, wenn die Demos und Streiks am Freitag nichts bewirken, doch auch noch am Donnerstag streiken könntet. Ich stutzte: Verdammt noch mal, lassen wir nicht schon wieder die Kinder die Kartoffeln aus dem Feuer holen? Wie wäre es denn, wenn wir alle auch streikten?

Ich höre schon den Aufschrei: Das geht doch nicht, wenn das alle machten…! Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Ja, wenn das alle machten, würde mal einen Tag lang die Werbe- und Marketing-Maschinerie stillstehen und es bräuchten all die Dinge gar nicht hergestellt werden, die an diesem Tag den Leuten aufgeschwatzt werden. Und schon wäre ein Fünftel aller Energie, Rohstoffe und Lebenszeit gespart.

Aber was sagt denn dann mein Chef dazu? Ja genau, darum geht es. Hier täte es weh. Dem Chef und auch mir. Deshalb machen wir es nicht. Entschuldigt Ihr auch das?

Die Natur wird es nicht entschuldigen. Um zu einer ökologisch nachhaltigen Lebensweise zu kommen, in der das Klima nicht kippt und die planetaren Grenzen nicht überschritten werden, müssten wir hochentwickelten Industrieländer unseren Umweltimpact um 80% senken. Wir müssten also nicht nur am Freitag und nicht nur noch am Donnerstag aussetzen mit der Naturzerstörung, sondern fast die ganze Woche.

Naomi Klein schrieb zum Klima-Umbruch: „Das ändert alles!“ – Ja, das tut es. Die Losung „Systemwandel statt Klimawandel“ muss ernst genommen werden.

Menschliches Leben beruht auf der Nutzung von natürlich bereitgestellten Stoffen und Energien. Diese sind nicht einfach nur „da“, sondern bestehen aus Prozessen, in denen vieles miteinander zusammenhängt und die durch Rückkopplungen untereinander aufrechterhalten werden. Wie stark alle Faktoren des Lebens miteinander wechselwirken, zeigen u.a. AutorInnen, welche den Planeten Erde selbst als lebendigen Organismus betrachten und ihn deshalb „Gaia“ nennen (Lovelock 1982).

Das Problem damit ist, dass der Optimismus, den das „Gaia“-Konzept zu begründen hofft, sich lediglich auf den Planeten Erde bezieht. Der Planet selbst und natürliche ökologische Prozesse auf ihm wird es tatsächlich immer weiter geben – die Frage ist nur, ob Menschen darauf gut leben können, oder ob sich Gaia dieses „Schmarotzers“ entledigt…

Lange dachte man, dass die ökologischen Veränderungen durch menschliche Aktivitäten wie Rodungen usw. nur regionale Auswirkungen gehabt haben. Inzwischen wird vermutet, dass vor allem die Entstehung der Landwirtschaft vor ca. 8000 Jahren einen Beitrag an der Stabilisierung des Klimas im sog. Holozän geleistet hat. Derzeit geht es gerade um die Zerstörung dieser Stabilität, die für die Lebensgrundlagen der Zivilisation grundlegend ist. (mehr …)

Unterscheidung von Widersprüchen der Bewegung und Widersprüchen der Entwicklung

Zur Vorbereitung eines Vortrags[1] für die Tagung der Ernst-Bloch-Assoziation vom 2.-4. November 2018 in Hamburg stellte ich verschiedene philosophische Begriffe rund um das Thema „Widersprüche“ zusammen. Dabei fiel mir nicht zum ersten Mal auf, dass entgegen der vereinfachenden Losung, die Widersprüche seien Quelle und Triebkraft der Entwicklung, Widersprüche auch zu einer bloß das Vorhandene reproduzierende Bewegung führen können. Auch Lenin spricht, Hegel folgend, zuerst nur von selbsttätiger „Selbstbewegung“ (LW 38: 131,), schließt aber an einer Stelle sogleich auch das „Abbrechen der Allmählichkeit“ und das „Umschlagen in das Gegenteil“ im Sinne des „Vergehen[s] des Alten und Entstehen[s] des Neuen“ (ebd.: 339) an. In dieser Tradition wurde ein Widerspruch letztlich immer als „ein dynamisches, spannungsgeladenes Verhältnis“ begriffen, „als ein Verhältnis, das, wie Marx sagte, zu seiner Auflösung drängt.“ (Einführung… 1977: 214). Ist das tatsächlich so? Sind Widersprüchlichkeit und Auflösung des die Widersprüchlichkeit enthaltenden Ganzen notwendigerweise miteinander verbunden? Es ist sinnvoll, hier zwischen „Bewegung“ und „Entwicklung“ zu unterscheiden. Bei „Bewegungen“ als Veränderung bleibt die Grundqualität des sich Bewegenden trotz ständigem Wechsels erhalten; erst wenn qualitativ neue Grundqualitäten entstehen, wird von „Entwicklung“ gesprochen.

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Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, aber es waren Veranstaltungen während den Ferienunis „Kritische Psychologie“, die mich darauf aufmerksam machten, dass es zwischen der individuellen und der gesellschaftlichen Ebene noch soziale Orte gibt, die für die Orientierungen und Begründungen von Handlungen von Individuen wesentlich sind. Insbesondere den Namen Josef Held merkte ich mir. Vor kurzem las ich nun die IG-Metall-Jugendstudie aus dem Jahr 2002 (Bibouche, Held 2002) und fand darin interessante inhaltliche Ergebnisse zu Orientierungen von Jugendlichen zur damaligen Zeit (immerhin von vor 20 Jahren), aber auch wertvolle konzeptionelle Ergänzungen zu dem, was ich aus der Kritischen Psychologie kenne. Ich denke, diese sind wichtig 1. für das inhaltliche Konzept der Kritischen Psychologie wie auch 2. für die daraus abgeleiteten Praxen der Kollektiven Selbstverständigung. (mehr …)

Gerade die individuelle Möglichkeitsbeziehung verweist also auf die Notwendigkeit eines systemischen Zusammenhangs, eines „in sich funktionsfähige[n] Erhaltungssystem[s]“ (Markard 2009: 162), „durch das die Lebenssicherung des Einzelnen vermittelt ist“ (ebd.: 86). Solche „in sich funktionsfähigen Systeme“ sind auch Gegenstand von System- und Selbstorganisationstheorien. Dort wird von ihrem sachlichen Inhalt abstrahiert und allgemeine Zusammenhänge für solche Systeme erkundet. Es wäre unangemessen, direkt aus der dort vorliegenden abstrakten Sphäre direkte Schlüsse auf konkrete inhaltlich bestimmte Systeme, wie z.B. das gesellschaftliche zu ziehen (vgl. Bühl 1987), aber heuristische Hinweise können auf jeden Fall entnommen werden. Was könnte aus diesen Theorien für unser Thema interessant sein?

Zunächst einmal wird davon ausgegangen, dass Systeme „höherer“ Ordnung jeweils auf Grundlage der Bewegung von Elementen der „niederen“ Systeme entstehen, wobei „Hö-herentwicklung“ mit wachsendem Komplexitätsgrad verbunden ist und damit, dass jeweils „niedere“ Systeme ohne die „höheren“ existieren können, aber nicht umgekehrt.
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Da im Kontext des Diskussionsblogs „Keimform.de“ viel von den Begriffen aus der Kriti-schen Psychologie nach Klaus Holzkamp gehalten wird, möchte ich hier auch an die Bedeutung der Begriffe „Interaktion“, „Kooperation“ und „Handeln“ erinnern, weil die sich auch auf unterschiedliche Beziehungsformen beziehen.

  • Interaktion: Einbeziehen von Sozialpartnern in die Aktivität eines Einzelnen auf operativer Ebene (schon bei Tieren).
  • Kooperation: die Beteiligten antizipieren einen gemeinsamen verallgemeinerten Nutzen (eine vorgegebene Zielkonstellation) und agieren dementsprechend gemeinsam; Kooperation bezieht sich auf den überindividuellen, nicht mehr unmittelbaren Zusammenhang der verallgemeinerten Vorsorge für die je individuelle Existenz.
  • Handeln: gesellschaftliches Handeln kann auch die gesellschaftliche Zielkonstellation in Frage stellen und verändern.

Das, was Benni mit „Metapersonalität“ meint, erscheint bei Holzkamp als Bestimmung von Gesellschaftlichkeit: Dies ist „die individuellen Lebensläufe überdauernden Welt gegenständlicher und symbolischer Bedeutungen“, die „in der produzierten gegenständlichen Welt“ angelegt sind (Holzkamp 1977a/2015: 233). Gerade die individuelle Möglichkeitsbeziehung von Individuen verweist auf die Gesellschaftlichkeit als Struktur der Ermöglichung dieser Möglichkeitsbeziehung. Die Gesellschaft zeigt sich den Individuen gegenüber als Bedeutungsstrukturen (gesamtgesellschaftliche Handlungsnotwendigkeiten), die jedoch für die Individuen „ nicht den Charakter von direkten Handlungsdeterminanten“ haben, „, sondern lediglich von gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten, die zwar einerseits global gesehen zur subjektiven Lebenserhaltung /-entfaltung „irgendwie“ genutzt werden müssen, denen gegenüber aber andererseits das Individuum im jeweils speziellen Fall über „Alternativen“ verfügt“ (Holzkamp 1988: 35).

2. Die systemtheoretische Perspektive auf das gesellschaftliche-Allgemeine

 

Benni Bärmann führte neben dem Begriff der Interpersonalität und der Transpersonalität noch den Begriff Metapersonalität ein. Es geht dabei um „Beziehungen zwischen Menschen“. Bei interpersonalen Beziehungen sind „die konkreten Personen mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen in ihrer Gesamtheit […] wichtig und nicht austauschbar“, bei transpersonalen Beziehungen dagegen sind „die konkreten Personen mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen in ihrer Gesamtheit in ihr nicht wichtig und austauschbar“. Stefan Meretz präzisiert diese Bestimmungen und meint, dass es bei interpersonalen Beziehungen um „konkret Andere“ geht und bei transpersonalen um „allgemeine Andere“, wobei letztere nur vermittelt möglich sind.

Zusätzlich zu diesen Beziehungen zwischen Menschen wird, so meint Benni richtig, noch eine umfassendere („Meta-“)Ebene benötigt, nämlich die gesellschaftliche. Beziehungen auf dieser Ebene nennt er „metapersonal“. Sie lassen sich nicht interpersonalisieren (was für die transpersonalen Beziehungen noch gilt). Folgende Phänomene spielen sich auf dieser Ebene ab: Sprache, Kultur, Wissenschaft, Diskurse, Technik, heteronormative Praxis und die Warenproduktion.

Simon Sutterlütti spricht in der Diskussion schon davon, dass sich die metapersonale Ebene durch „Emergenz“ ergibt. Benni antwortet: „Aber das ändert ja gar nix. […]„Emergenz“ ist für mich vor allem so ein Handwedelbegriff, den man immer dann hervorholt wenn man nicht mehr weiter weiß und der im Grunde nix erklärt“ (dazu dann hier im Punkt 2.)

1. Bezug zu Begriffen der Kritischen Psychologie

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