Essay


Auf der Suche nach neuen Vermittlungsformen
(Version 1.3.1, März 2018)

1. Die Grenzen von System- und Selbstorganisationstheorien als Entwicklungstheorien

Im „Keimform“-Blog wurde im vorigen Jahr über die Suche nach neuen gesellschaftlichen Vermittlungsformen diskutiert. Etwas Aufregung kam in die Debatte, als die Systemtheorie ins Spiel gebracht wurde. Ich habe den damit verbundenen Anspruch, die bis dahin diskutierten Inhalte einfach durch Systemtheorie zu ersetzen, zurückgewiesen. Letztlich vollziehe ich damit meine eigene Selbstkritik noch einmal. Denn auch ich war ja in den späten 80ern angetreten mit dem Versuch, die damals neueren Erkenntnisse der Selbstorganisationstheorie zur Erneuerung der Dialektik zu nutzen um dann von daher auch gesellschaftstheoretisches Neuland betreten zu können (siehe meinen Beitrag zum Philosophenkongress 1989). Als ich mich dann konkret daran machte, speziell die Entwicklungsprozesse in allen Bereichen (Kosmos, Lebendiges, Gesellschaft) daraufhin zu untersuchen, wie ihn ihnen Selbstorganisationsprozesse ablaufen, kam ich schnell an die Grenzen der System- und Selbstorganisationstheorien, die vor allem in ihrer Abstraktheit liegen. Biologische Evolution kann ich nur verstehen, wenn ich mich mit biologischen Themen selbst beschäftige (wie in meinem ersten Buch). Beschreiben kann ich ihre allgemeinsten Strukturen dann auf abstrakte Weise auch systemtheoretisch. Aus den Systemtheorien können auch heuristische Hinweise kommen, worauf ich bei den fachspezifischen Untersuchungen achten sollte (z.B. auf Wechselwirkungen zwischen Teilen und Ganzem…). Aber allgemeine Systemtheorie kann die besonderen Theorien der besonderen Untersuchungsgegenstände nicht ersetzen. Das gilt in besonderem Maße für die Gesellschaftstheorie, deren Gegenstand bei einer abstrakt systemtheoretischen Methode völlig verfehlt würde. Das merkte ich auch, und beschloss mein zweites Buch mein zweites Buch (über die Gesellschaft, 1999) damit zu beginnen, einen solchen sys-temtheoretischen Zugang zu kritisieren. Auch später blieb ich diesem Abschied von den Systemtheorien für meine Fragestellungen treu, bzw. begründete ihn immer wieder.

  • siehe z.B. die Antwort auf die Frage „Bei welchen systemtheoretischen Vergleichen gerät man in Teufels Küche?“ in diesem Interview
  • siehe dazu auch den grundsätzlichen Text: „Ersetzt Selbstorganisationsdenken die Dialektik?“
    Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, sich hin und wieder zu fragen, inwieweit das systemtheoretische Denken heuristische Hinweise für bestimmte Probleme liefern kann. …

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Ich bin nicht bei Facebook und lebe auch sonst „datensparsam“ (ich habe auch aus diesem Grund hier im Blog die  „Like“-Funktion abgeschaltet, damit die mich ggf. Likenden nicht nachverfolgt werden können). Mich kann man nicht manipulieren, mich geht das nichts an…. Aber das stimmt nicht: Wenn mit Facebook-Daten Wahlen in einem der für die Weltpolitik bedeutungsvollsten Ländern manipuliert werden, dann verändert das die Welt als Ganzes.
Not f'd — you won't find me on Facebook

Reiner schrieb für den Zukunftswerkstatt-Blog einen Text über das Facebook-Geschäftsmodell:


Die Wellen schlugen hoch, als bekannt wurde, dass Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern extern abgegriffen und weiterverarbeitet wurden. Meldungen dazu u. a. bei Tagesschau oder heise.de.

Hier gehts weiter…

Die Zeiten, in denen in den Medien verstärkt über den Klimawandel berichtet wurden, sind nach dem letzten Klima-Gipfel wieder vorbei. Es läuft alles wie immmer…

Nicht wie immer war die Sendung „Die Anstalt“ vom 27. Februar. Die wurde nämlich diesmal von der Mannschaft der „Enterprise“ geentert, wobei vor allem Spock das, was wir auf der Erde gerade anrichten, mal nicht mehr „faszinierend“ fand, sondern „tödlich“.

Wie kann man darüber noch Witze machen??? Das kann man sich noch ein Jahr lang anschauen in der Videothek des ZDF und sei hiermit nachdrücklich empfohlen:

Ja, was denn nun? Auf der Website „wetter.de“ lese ich, dass die letzten Wintertage eigentlich nur einen früher „typischen Winter“ kurz wieder aufleben lassen. Trotzdem vermerkt auch dieser Bericht, dass der Klimawandel das Wetter schon verändert hat. Nämlich gerade dadurch, dass so etwas wie ein früher normaler Spätwinter so selten geworden ist. Vom Deutschen Wetterdienst kommt die dazu gehörige Grafik:

Während also im Zeitraum zwischen 1961 und 1990 die mittleren Temperaturen in Deutschland im Februar noch winterlich waren und Mitte Februar sogar für einige Tage sanken (mit einer kalten Nordost-Strömung), verschwand seit 1991 dieses Temperaturtal und die Temperaturen schrauben sich bis Ende Februar viel schneller nach oben.

Dass sich in diesem Jahr ein altes Muster wiederholt, kann aber keine Entwarnung signalisieren. (mehr …)

Aus meiner Feiertagslektüre:

„Folgendes: Man kann nicht leben wie ein Tier, wenn man ein Mensch ist. Das haben wir mal gewußt, das haben wir einander auch dauernd neu beigebracht, jeden Tag. Daß es um was gehen muß, um mehr als das stille Glück im Winkel und bestenfalls etwas philosophische Inneneinrichtung. Daß man die Welt planvoll umbauen muß, wenn man sich nicht gefallen lassen will, daß sie über einen verhängt wird, wie so ein Unglück.
Das Dumme war, daß unser biologisches Erwachsenwerden mit der größten historischen Niederlage der Linken seit ihrem größten historischen Sieg, der französischen Revolution, zusammengefallen ist. die meisten von uns sind dann Fatalisten geworden oder andere Arten Spießer. Aber einige machen, was die Vernunft in solchen Fällen empfiehlt: Sie zeichnen auf, was wir gewußt haben, als wir noch dachten, mit diesem Wissen könnte man erfolgreich handeln.“ (Dietmar Dath (2006) Dirac, S. 296)

Erinnert sich noch jemand an den Hurrican Harvey im August diesen Jahres? Da war doch irgendwas… weit weg für die meisten. Ganz weit weg von unserem Alltag, abgesehen von der erregten Berichterstattung über eine kurze Zeit.

(Joe Webb)

Die nun erfolgten wissenschaftlichen Auswertungen sind noch viel weiter weg. Sie sind zwar durch nur wenige Klicks im Internet erreichbar, aber wen interessieren sie schon? Für die Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Vereinigung war die Auswertung der wissenschaftlichen Befunde zum Hurrican Harvey (vgl. auch jw vom 15.12.2017) ein Höhepunkt. (mehr …)

In meinem Text „Wie weiter nach radikal ent-täuschten Hoffnungen?“ stellte ich die Frage, welche Bedingungen der Weg hin in die gewünschte mögliche Zukunft braucht.

Hilmar und Albert aus Hamburg gaben aus ihrer gelebten Praxis (Umsonstladen, Tomatenretter) einige Antworten daraus, die ich hier gerne ergänze:


  1. Wenigstens ein Lebensbereich (Grundnahrungsmittel, Wohnen, Energie, Reparieren, Produktverteilung u.s.w.) wird selbstorganisiert betrieben und in eine praktische Verbindung mit seinem sozialen Umfeld gebracht zu Gruppen und Einzelnen, die sich auch auf einen Weg aus diesem kriselnden System gemacht haben.
  2. Wenn diese vielfältigen Ansätze, wie momentan, allerdings weitgehend unverbunden bleiben, wird nichts gesellschaftlich Bedeutsames entstehen. Es wird gezielt versucht, zumindest einen Teil von Produktion, Verteilung und Reproduktion der allgemein vorherrschenden Erwerbsarbeit zu entziehen.
  3. Es hat ein gruppenübergreifender Prozess der gemeinsamen Bestimmung der Grundsätze begonnen, an dem eine wachsende Anzahl der Beteiligten mitwirkt. (Das ist heute noch nicht der Fall.) Dabei wird darauf verzichtet, sich gegenseitig zu einem geschlossenen Weltbild zu nötigen. Es wird von der Vielfalt der Einzelnen und deren besonderen Weltbildern akzeptierend ausgegangen. Grundlegende, nicht sogleich lösbare Kontroversen können auch mit ihren verschiedenen Ansichten in die gemeinsamen Grundsätze eingebaut werden.
  4. Dem Hauptanliegen der jeweiligen Gruppe wird ein breiter, selbstorganisierter Bildungsprozess hinzugefügt: Sport, Kunst, Musik, Entspannung und Spaß, Heilwissen Kräuter ..) haben dort neben allen gewünschten Wissensthemen ihren Platz.
  5. Es wird sich darin geübt, in den notwendigerweise in den Gruppen aufbrechenden Konflikten einen liebevollen, lösungsorientierten Umgang zu finden.
  6. Ein grundlegend friedliches, lernend offenes, respektvolles Verhältnis zu der uns umgebenden Natur, die nicht mehr einseitig nach unseren Zielsetzungen ausgerichtet werden soll, wollen wir Schritt für Schritt verwirklichen.
  7. Lernend aus bisherigen linken Parteien und Bewegungen wird versucht, einen inneren bunten Pluralismus zu fördern und die Einflussnahme von möglichst vielen Einzelnen auf Gemeinschaft und Gesellschaft zu fördern und zuzulassen: Wir üben uns in einem Verzicht auf (manchmal gedankenlose) Machtausübung und autoritäres Verhalten. Bestätigungen und Zuneigung geben wir uns gegenseitig, sodass ein zunächst vielleicht unstillbarer Anteil davon sich durch diese Erfüllung beruhigen und unser Angstpotential zurückgehen kann.
  8. Ein solcher Anfang ist hier und da gemacht. Aber nur wenn sich eine bewusst gelebte Menschlichkeit ausbreiten kann, wächst die Chance auf diesem Planeten dauerhaft zu überleben und zu leben.

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