„Nichts ist gefährlicher, als das jeweilige Ideal in ein abstraktes Normativ zu verwandeln,
in eine wie auch immer gefärbte Brille, durch welche die Wirklichkeit nur noch als
mehr oder minder gelungene Verkörperung des Ideals zu sehen ist.“ (Brie 1990: 8)

In manchen Debatten wird angenommen, dass wir in einer nachkapitalistischen, besseren Gesellschaft nicht mehr „arbeiten“ müssen. Klar müssen noch genug Sachen hergestellt werden, damit wir leben zu können, aber dieses Tun soll nicht mehr „Arbeit“ genannt werden, sondern zum Beispiel „Tätigkeit“. Das Wort „Arbeit“ wird dann nur auf seine Bedeutung aus dem Mittelhochdeutschen als „arabeit“ in der Bedeutung von Mühsal und Not reduziert. Es gibt in diesem Sinn auch eine Verwandtschaft mit dem Wort „rabota“, was von- „rabu“ (= Knecht, Leibeigener) hergeleitet ist. Inhalte von Worten und Begriffen haben sich historisch häufig gewandelt. Im Englischen gibt es wenigstens noch die Unterscheidung von work und labour.

Vor allem die bisherigen Unterdrückungsgesellschaften füllten die Worte mit Inhalten, die deren Praxen entsprachen. Müssen wir deshalb die ganze Sprache neu erfinden? Oder sollten wir ausweichen auf anscheinend „unverbrauchte“, „unverschmutzte“ Worte, wie von „Arbeit“ zu „Tätigkeit“ oder von „Eigentum“ zu „Verfügung“? Ich bin in solchen Fällen immer dafür, den Begriffsumfang in aller Geschichte genau zu erkunden und dann zu versuchen, auf den allgemeinsten hier vorkommenden Begriff zurück zu kommen, um dann Unterschiede als Besonderungen zu bestimmen. Der Begriff von „Arbeit“ hat eine besondere Bedeutung, gilt er doch im marxschen Kontext als wichtige Unterscheidung für das Menschliche gegenüber allem, was Tiere tun können.

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Manchmal muss man einen Schritt zurück treten, um eine Orientierung für den Schritt nach vorn zu gewinnen. Den Kapitalismus und mit ihm jegliche Klassengesellschaft zu überwinden und eine Gesellschaft aufzubauen, in der Ausbeutung, Unterdrückung, Diskriminierung und andere Entwürdigungen nicht mehr vorkommen, ist nach den vielen Jahrtausenden voller Kriegen, Plünderungen und Demütigungen eine ungeheure Herausforderung. In der bleiernen Zeit der frühen 70er Jahre durchforstete der Schriftsteller Wladimir Tendrjakow die Leninschen Schriften auf der Suche nach der Quelle der verfahrenen Situation im Sozialismus der UdSSR.

„Zwei sind im Zimmer:
ich
und Lenin – “ (Majakowski in Tendrjakow 1969ff./1991: 11)

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fürs CI-Treffen 05.12.2020
Version 2.0.: Punkt 2.3 ergänzt

Morgen findet beim Commons-Instituts-Herbsttreffen ein Workshop zur den Fragen statt, die wir in einer Diskussionsgruppe des CI ein halbes Jahr lang gesammelt haben. Die Fragen wurden bisher im einem Pad[1] gesammelt, aber sie sind dort echt schwer zu erfassen. Von Jojo wurde bereits eine Zusammenfassung erstellt. Auch ich schreibe jetzt – ziemlich auf die  Schnelle – noch einen Text, der das zusammenfasst, was morgen vielleicht diskutiert werden könnte.

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Wieder mal habe ich ein altes Buch in der Hand. 50 Jahre ist es alt und es kommt mir beim Durchblättern auch inhaltlich häufig so alt vor. Ganz hinten lese ich aber etwas, das mich quasi „anspringt“. Es ist eigentlich trivial, muss aber wohl doch manchmal in Erinnerung gerufen werden – es geht um die Relativität dessen, was möglich ist und was nicht.

Ich habe bereits einiges zum Verhältnis von abstrakten und konkreten Möglichkeiten zum Begriff der Möglichkeiten (Schlemm 2018a) geschrieben. Das abstrakt Mögliche ist nicht unmöglich und widerspricht sich nicht selbst. Dies gilt unabhängig von Bedingungen und bleibt „leeres Reden“ (nach Hegel HW 8: 282).

Konkret werden Möglichkeiten erst, wenn man den Zusammenhang zu ihren Bedingungen erfasst. Konkrete Möglichkeiten sind relativ gegenüber dem Gegebensein von Bedingungen. Diese Bestimmung hilft auch bei der Unterscheidung, was gerade als abstrakt und was als konkret gelten kann. „Vertikal“ gesehen gibt es Ebenen mit unterschiedlichem Allgemeinheitsgrad. Was auf der einen Ebene abstrakt ist, ist auf der anderen konkret. Und was auf der „oberen“ Ebene konkret war, wird für die „untere“ abstrakt. Inhaltlich können wir das Konkrete daran erkennen, dass dafür für die jeweilige Ebene konkrete historische Bedingungen und Voraussetzungen angegeben sind. Als konkret möglich wird etwas gedacht, wenn diese konkret-historischen Voraussetzungen mit bedacht werden. Zwar unterliegt auch die Existenz der Menschheit Bedingungen, aber wenn es um die Möglichkeit einer spezifischen Gesellschaftsformation geht, verbürgen die dafür spezifischen Bedingungen die Konkretheit und nicht etwa die allgemeinen. Für die spezifische Gesellschaftsformation Kapitalismus reicht es nicht aus, dass die allgemeinen Möglichkeiten des Menschseins erfüllt sind, sondern dass Menschen als LohnarbeiterInnen kein Eigentum an den grundlegenden Produktionsvoraussetzungen mehr haben.[1] Es gibt also quasi eine vertikale Relativität dessen, wofür die Bedingungen für die Fragestellung nicht berücksichtigt werden und wofür sie wesentlich sind.

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Vom 28.-30 Mai 2010 findet in Erfurt ein Treffen zum Thema „Utopien“ statt, mit Vortragen zu Utopien, dem gar nicht mehr so utopischen Konzept der „Peer-Ökonomie“, mit praktischen Aktionen wie Urban Gardening, einer Zukunftswerkstatt zur Zukunft der Stadt Erfurt, Lesungen usw. usf.

UTOPIA NOW 2010 soll Impulse setzen für einen politischen, sozialen und künstlerischen Neuaufbruch…