Rezension von Annette Schlemm zu:
Sorg, Richard (2018): Dialektisch Denken. Köln: PapyRossa Verlag


Dialektisches Denken zielt aufs Ganze – aber es ist so gut wie unbekannt im Alltagsdenken und es ist marginal geworden in der Universitätsphilosophie wie auch in gesellschaftskritischen Kreisen. Zwar wurden auch postmoderne Denkweisen nicht gerade richtungsweisend, aber man muss wohl konstatieren, dass die Tradition des einigermaßen geschulten dialektischen Denkens in linken Debatten abgerissen ist.

Umso wichtiger ist ein Buch, das wichtige Traditionen des dialektischen Denkens in die Erinnerung zurückruft und als Einstiegshilfe in diese Thematik dienen kann. Mit dem Titel „Dialektisch Denken“ verweist der Autor, der Soziologe Richard Sorg, auf die Tatsache, dass man die Dialektik nicht wie ein erledigtes Ding in der Tasche tragen kann, sondern dass sie sich jeweils nur im konkreten Denken realisieren kann. Dies zeigte er schon in früheren Arbeiten z.B. über das dialektische Denken in der Sozialen Arbeit. Dass dialektisches Denken not täte, zeigt Sorg auch mit Verweisen auf derzeitige Umbrüche in den Produktivkräften, auf gravierende ökologische Probleme, sich vertiefende soziale Spaltungen zwischen arm und reich und ebenso zwischen den Geschlechtern (S. 9). All diese Probleme sind nicht mehr unter den Tisch zu kehren und führen verbreitet zu „populistischen“ Verarbeitungsformen. Wie kann eine Welt voller Widersprüche gedacht werden, ohne in diese Falle zu tappen? Zum dialektischen Denken gibt es hier keine Alternative. Sie stellt nach Sorg eine „Grundorientierung“ dar, „die eine bestimmte Sichtweise auf die Welt“ (S. 11) prägt. Angesichts der komplexen Problemlagen gilt es, komplexe Zusammenhänge zu begreifen und hinter der Oberfläche Wesentliches zu erfassen. (mehr …)

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Grenzen der Dialektik

Dialektik hat bei jenen, die unverdrossen nach einer Alternative zum globalen Kapitalismus suchen, immer noch einen guten Klang. Es rettet uns kein höhres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun – aber vielleicht die Dialektik? Im traditionellen Marxismus wurde die Dialektik als allgemeine Methode der Philosophie der Siegesgewissheit überhöht. Kann sie heute wenigstens eine Philosophie der Hoffnung tragen? Alles fließt, alles entwickelt sich – also wird auch das heute Schlechte überwunden werden, wir müssen nur den dialektischen Gang der Geschichte verstehen und dementsprechend handeln. So einfach war das einmal – ist es aber wohl doch nicht mehr.
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Die Ferienuni „Kritische Psychologie“ rief und über 800 Menschen meldeten sich an. Die Räumlichkeiten in der Alice Salomon Hochschule boten nicht so viel Platz wie die Freie Universität bei den letzten Ferienunis. Aber es war viel los.
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Es fanden täglich echte einführende Veranstaltungen in Holzkamps „Grundlegung der Psychologie“ entlang der auch online vorhandenen Einführung von Stefan Meretz statt. Andere Vorträge befassten sich mit philosophischen Grundlagen oder dem Verhältnis zum Marxismus und dessen neueren Entwicklungen. Im Programm gab es auch für die PraktikerInnen viel Raum. Das betraf vor allem die vielfältige Berufspraxis von PsychologInnen. Neu war der Versuch, die Praxis der Kollektiven Selbstverständigung auf der Ferienuni zu beleben und auch durchzuführen. Hier wird der Anspruch der Kritischen Psychologie, Begriffe „für Menschen zur Klärung/Verallgemeinerung je meiner Welt- und Selbsterfahrung“ (Holzkamp) bereitzustellen, ernst genommen. (mehr …)

Ich bin wieder in Berlin bei der Ferienuni Kritische Psychologie. Diese findet vom 13.-17.September 2016 an der Alice Salomon-Hochschule in Berlin statt.

Ferienuni 2016
Bei meinem Vortrag geht es um die Dialektik bei der Begründung der Kategorien der Kritischen Psychologie durch Klaus Holzkamp.

Er findet am 14.09.2016 von 10.00 bis 12.00 Uhr statt.
(Ankündigung der Veranstaltung)

Ich beteilige mich auch an der Führung und Auswertung von Gesprächen der Kollektiven Selbstverständigung. Ich war ja bei der vorigen Ferienuni (2014) etwas traurig gewesen, weil meine Versuche, Interesse an der Weiterentwicklung der Sozialen Selbstverständigungs-Praxen zu finden, auf nicht viel Resonanz gestoßen war (siehe meine damalige Sicht darauf). Aber siehe da… es gab dann von mir unabhängig mehrere Ansätze dazu, die sich schließlich im diesjährigen Treffen in Hiddinghausen fokussierten. Dieser Schwung wird nun auch in die Ferienuni mitgenommen und ich bin gespannt, was wir hier erleben und gestalten können…

Am vergangenen Wochenende war ich wieder einmal in Berlin und nahm an der Hans-Heinz-Holz-Tagung 2015 teil. Sie wurde veranstaltet von der Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie und der DKP und fand im Marx-Engels-Zentrum in Berlin statt, das ich noch gar nicht kannte.

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Holzkamp als Vertreter der „logisch-historischen“ Interpretationslinie

Holzkamp

Gleich zu Beginn der systematischen Entwicklung der Kritischen Psychologie beteiligte sich Klaus Holzkamp an der streitbaren Debatte über die logisch-historische versus logisch-systematische Lesart des „Kapitals“. Er nahm Stellung gegenüber Joachim Bischoff, der 1973 ein Buch zugunsten der logisch-systematischen Lesart veröffentlicht hatte (Bischoff 1973). Holzkamp argumentierte gegen Bischoffs Ansicht, das Historische habe keine konstitutive Funktion im Begründungszusammenhang der Kritik der Politischen Ökonomie. (Holzkamp 1974: 7)

Er folgt dabei der von Engels vorgezeichneten logisch-historischen Interpretationslinie. Die Herleitung der Geldform gilt für ihn als „Rekonstruktion der Stufen ihrer historischen Ge-wordenheit“ (Holzkamp 1974: 31). „Entwicklung“ bedeute hier „keine logische Gedankenentwicklung, sondern die wirkliche Entwicklung des materiellen gesellschaftlichen Lebensprozesses“ (ebd.)
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Versteht Engels Marx richtig?

Parallelität von Logischem und Historischem

Engels

Am deutlichsten wird diese Ansicht der Parallelität von Logischem und Historischem von Friedrich Engels vertreten. So schreibt er:

„Da in der Geschichte, wie in ihrer literarischen Abspiegelung, die Entwicklung im ganzen und großen auch von den einfachsten zu den komplizierteren Verhältnissen fortgeht, so gab die literargeschichtliche Entwicklung der politischen Ökonomie einen natürlichen Leitfaden, an den die Kritik anknüpfen konnte, und im ganzen und großen würden die ökonomischen Kategorien dabei in derselben Reihenfolge erscheinen wie in der logischen Entwicklung.

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