Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Problemcluster 2: Finalismus, Einlinigkeit, Verlust der Möglichkeitsfelder, Multifaktorialität

Die Übertragung des Keimform-Konzepts aus der Geschichtstheorie in die dementsprechende Antizipation erbt auch die anderen Probleme der Keimform-Geschichtstheorie, so auch jene des Finalismus, der Einlinigkeit und des Verlusts der Möglichkeitsfelder.

Die geschichtliche Erfahrung, wenn man nicht nur jene Punkte herauspickt, die in ein vorher ausgewähltes Konzept passen, zeigt, dass für spätere Umbrüche 1. immer viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielten (Umwelt, Eigentumsverhältnisse, Kräfteverhältnis, Mentalitäten…) und dass 2. im Moment des Dominanzumschlags vor der „Entscheidung“ meist mehrere verschiedene weitere Entwicklungswege möglich gewesen wären, von denen sich nur eine verwirklichte, d.h. dominant wurde (wofür oft nur eine Kleinigkeit in den Faktoren ausschlaggebend war). Außerdem waren es häufig nicht schon vorher vorhandene „Keimformen“, die später dominant wurden, sondern aus einzelnen Momenten früherer gesellschaftlicher Praxen synthetisierten sich völlig neue Praktiken heraus, für die die vorherigen aber nicht wirklich als „Keimform“ gelten können, weil zu viele Faktoren Einfluss nahmen (Beispiel: Entstehung des Feudalismus, ohne das hier länger auszuführen).

Diese Multifaktorialität, das Vorhandensein vieler verschiedener Ansätze, die sich im  Moment der Entstehung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse u.U. neu mischen und dann das Neue ergeben, machen einen Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung, wie er in einer logisch-historischen Rekonstruktion und damit auch dem Keimformkonzept rekonstruiert wird, unwahrscheinlich. Natürlich wird im Nachhinein auch eine derartige logisch-historische Rekonstruktion möglich sein, aber sie enthält dann eben wieder alle Beschränkungen einer solchen, wie bisher schon ausführlich beschrieben.

Für eine Orientierung in die Zukunft hinein ist der ein Ausblenden der genannten Charakteristika gesellschaftlicher Entwicklung jedoch nicht sinnvoll. Wenn das Keimform-Konzept antizipativ verwendet wird, müssen die fehlenden Teile systematisch ergänzt werden. Aber auch, wenn das getan wird, bedeutet das, dass in großem Maße der Anspruch dessen, was eine wie auch immer antizipierende Theorie leisten kann, als sehr begrenzt angesehen werden muss: Bisher wurde die freie Gesellschaft sehr stark antizipiert – es kommt aber darauf an, sich in die Widersprüche hineinzubegeben und darin zu agieren.

Es ist vielleicht schön zu wissen, dass Menschen grundsätzlich nicht ungeeignet sind für inklusionslogische gesellschaftliche Bedingungen. Aber allein aufgrund der Tatsache, dass sie sich selbst schaden, wenn sie ihre Bedürfnisse auf Kosten anderer befriedigen, konnte noch keine Person oder Menschengruppe historisch wirksam ihre Gesellschaft verändern.

Um sich Vorstellungen (und vielleicht auch Begriffe) davon machen zu können, was wirklich geschichtsmächtige Faktoren sind, kann man sich vielleicht auch fragen, was die Menschen bisher daran hinderte, sich nicht entsprechend dem „Begriff des Menschen“ zu verhalten, warum sie also ihre eigenen Bedürfnisse auf Kosten anderer durchsetzen und derartig exklusive gesellschaftliche Organisierungen durchsetzten, unterstützten bzw. duldeten.

Das gleiche gilt für die Gegenwart: Worum es hier und heute nur gehen kann, ist das Studium der realen Bedingungen in Politik, Ökonomie, Bewusstseinswandel und die Bestärkung aller Tendenzen, die in die von uns gewünschten und nach bestem Wissen auch für andere wünschbare Richtung gehen. Natürlich gehört dazu die Konstitution und Verbreitung von so viel wie möglich Commoning-Praxen. Aber eine Beschränkung darauf und die Kritik an allen anderen Praxen wäre nicht hilfreich.

Problem 3: Umgang mit Kampfbedingungen

Es ist auch Widerstand und Kampf gegen jene nötig, die die Bedingungen derart zu unseren Ungunsten verändern, dass unsere Pläne durchkreuzt werden. Kein Aktionsfeld, auch nicht die Politik, die im Buch von Simon und Stefan immer wieder zum „Buhmann“ gemacht wird, kann hier den Gegenspielern überlassen werden. In einem früheren Entwurf des Buchmanuskripts von Anfang 2018, der einigen Interessenten zur Diskussion übergeben worden war, stand noch, dass  zumindest beim Krisenszenarium zu erwarten ist: „Je heftiger der Crash, um so größer der Druck. Dann werden sich inklusionslogische Alternativen mit radikalisierten exkludierenden Tendenzen auseinandersetzen müssen.“ Ich schrieb als Kommentar: „Diese Problemstellung sollte ein ganzes Kapitel einnehmen, denn das wird die reale Frontstellung für die nächsten Jahrzehnte sein.“ Stattdessen wurde der zitierte Satz ganz entfernt.

Weil das Ziel in der Verwirklichung dessen, was als emanzipatives Maximum in dem „Begriff des Menschen“ steckt, gesehen wird, werden alle Praxen, die dem nicht entsprechen abgelehnt. Alles, was gegensätzliche Interessen annimmt, selbst ausübt, was nach einem Gegeneinander, also Kampf ausseht. Als Ausweg bleibt da eigentlich nur ein Szenarium „Runaway“ bzw. „Walkaway“ (Doctorow 2018), für das allerdings die Bedingungen nicht vorhanden sind.

Die Hoffnung, dass es für eine neue Gesellschaftsformation primär notwendig sei, neue Zustände einfach zu „konstitiueren“, so dass der „Bruch“ sekundär ist, scheint auch auf folgende Überlegung stützen zu können:

Der Kapitalismus konnte sich zuerst über mehrere Jahrzehnte ökonomisch schon innerhalb des Feudalismus festigen, bevor seine Durchsetzung dann schließlich durch politische Revolutionen gekrönt wurde. Die soziale Differenzierung in der Bauernschaft führte zu einem Auseinanderreißen der Großbauern und Kleinbauern, wobei zwar immer mehr Eigentum aus den Händen der Kleinbauern in jene der Großbauern floß (u.a. durch die von Wood beschriebenen Pachtbeziehungen), aber die herrschende Klasse konnte sich mit der Vergrößerung ihres Anteil an der Verfügung über die Produktionsbedingungen weiter entwickeln bis hin zu Agrarkapitalisten. Die Kämpfe gegen den Adel waren demgegenüber nachgeordnet, weil es für die „Kulaken-Freibauern“ auch leicht möglich war, Herrengüter zu kaufen und damit zu den adligen Großgrundbesitzern aufzuschließen (vgl. Dobb 1978a: 83).

Für den Sozialismus/Kommunismus ist dies jedoch nicht übertragbar, denn: Hier schließt die Trennung des Eigentums an den Produktionsbedingungen von den arbeitenden Menschen einen derartigen Übergang aus. Erst müssen die Produktionsbedingungen in die Hände der arbeitenden Menschen und die können – außer in Ausnahmefällen wie der „Freien Software“ – nicht einfach „konstituiert“ werden. Gerade die Überleitung der Debatte über eine freie Gesellschaft aus der Perspektive der Verallgemeinerung der Produktions- und Nutzensprinzipien der Freien Software (vgl. Oekonux) in die Commonsdebatte in Bereichen von gegenständlichen Ressourcen wie Land und Wasser usw. hätte das deutlich werden lassen sollen. Wenn man von den gegenwärtigen Bedingungen ausgeht, so sieht man zwar auch die Konstitution von Commons in vielen Gebieten – aber das Ausmaß der Zerstörung vorhandener Commons dürfte entschieden größer sein. Wenn vorhandene und entstehende Commons-Projekte „Keimformen“ für das erwünschte Neue sind, so muss wohl der Verteidigung vorhandener Commons mindestens die gleiche Aufmerksamkeit und das gleiche Maß an Engagement gewidmet werden, wie für neu entstehende. Letztere befinden sich eher in der „Wohlfühlzone“, der Verteidigungskampf ist aber weit von der Komfortzone entfernt und es liegt nahe, ihn deshalb eher auszublenden, solange unsere eigenen Lebensgrundlagen dadurch nicht bedroht werden. Simon als einer der Autoren des Buches, in dem Widerstand nicht thematisiert und Kampf, speziell politischer, deutlich abgelehnt wird, kann sich dabei an eine früherer Bemerkung von sich selbst erinnern: „Know your enemies“ (Sutter 2014).

Wer will denn kämpfen…

Eine persönliche Bemerkung ist hier wichtig: meine Sympathie gilt durchaus der Haltung, selbst nicht in Kämpfe verwickelt werden zu wollen, insbesondere nicht in solche, die rückwärtsgewandt sind und letztlich das zu erkämpfende Ziel kompromittieren. Aus den Erfahrungen mit dem Ende des „real existierenden Sozialismus“ nahm ich auch die Hoffnung mit, dass bestimmte Standards der Emanzipation wie das „Nicht-gegängelt-werden-wollen“ und die Kontraproduktivität des „Interessenvertretens für andere“ der Ausgangspunkt für alle weiteren Strategien der Aufhebung des Kapitalismus und anderer Herrschaftsformen sein müsste. Selbstorganisierung als Konstitutionsweise des Neuen mit der Hoffnung, dass in sensiblen Phasen die vorher schon praktizierten dementsprechenden „Schmetterlingsflügelschläge“ sich verstärken, bis sie schließlich neue Gesellschaftsverhältnisse entstehen können (vgl. mein zweites Buch, Schlemm 1999). Auch ich forderte damals vor allem „Wege, die den Zielen entsprechen“ (ebd.: 176ff.) und „Selbstorganisation statt Interessenvertretung“ (ebd.). Ich berufe mich da auf Zitate wie: „Wir müssen die Art und Weise, wie wir verändern, verändern“ (zit. ebd.: 177) und „Es ist der Wunsch nach Herrschaftslosigkeit und der Wunsch, auch selber nicht zu herrschen“ (zit. ebd.). Dazu erinnere ich auch an Strategien wie das Revolutionskonzept von R. Rossanda, den Movement Action Plan, das Manifest für eine gewaltfreie Revolution und viele andere das Neue konstituierende Projekte und Praktiken.

Diese Orientierungen gelten für mich auch heute noch. Die darauf begründeten Hoffnungen schienen sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts mit den weltweiten Antiglobalisierungsbewegungen, der „Weltsozialforen“ und entstehender Netzwerke wie „Peoples Global Action“ auch endlich umzusetzen.

Die Bedingungen für den Erfolg solcher Bewegungen veränderten sich jedoch mit Beginn des 21. Jahrhunderts massiv. Es zeigt sich, dass nicht nur wir „Emanzipativ-Alternativen“ mit unseren Schmetterlingsflügeln geschlagen haben, sondern dass das in den 90er Jahren wohl in noch aktiverer und erfolgreicherer Weise von den rechts-orientierte Bewegungen praktiziert wurde. Deren Untergrundnetzwerke erfahren, seit sie an die Oberfläche gekrochen kamen, eine enorme Verstärkung aus großen Teilen der Bevölkerung, die eben doch nicht, wie von mir gehofft, ein grundlegend und irreversibles emanzipatives Selbstverständnis haben. Gleichzeitig überschreiten die ökologischen Zerstörungen das Ausmaß, mit dem ihre Regulierung noch weitgehend schadlos möglich gewesen wäre. Die erwartete Krisenhaftigkeit des Kapitalismus entbindet derzeit in geringstem Maße emanzipative Kräfte, sondern wühlt den schlimmsten Dreck aus verschüttet geglaubten historischen Tiefen wieder auf.

Im 21. Jahrhundert können diese Bedingungen meiner Meinung nach nicht mehr ignoriert werden, sondern sie müssen der Ausgangspunkt für alle Überlegungen sein. Ein „Abducken“ führt nur dazu, dass sich die Bedingungen hinterrücks immer mehr verschlechtern.

Natürlich möchte ich auf hoffnungsvolle Gedanken auch nicht verzichten, aber sie müssen sich dem Crash-Test stellen: Sie müssen auch unter den jetzt viel schlechteren Bedingungen praktikabel sein und bleiben (Schlemm 2015e). Commoning ist da nicht die schlechteste Strategie, wahrscheinlich eine der besten. Aber wie das zusammenwirkt, muss thematisiert werden, nicht ignoriert.

Wie ich schon einmal in einem Mailinglistkommentar vorgeschlagen habe, bietet sich für eine alternative Gliederung für dieses Buch das Muster der aufeinander folgenden Phasen einer Zukunftswerkstatt an:

  1. Kritikphase (mit dem Auflisten der Gründe, warum sich grundlegend was ändern muss und unter welchen Bedingung das steht)
  2. Utopiephase (Wie hätten wirs denn gern?)
  3. Realisierungsphase (Was aus dem Utopischen können wir durch eine geeignete Veränderung der uns zugänglichen Bedingungen in die Wirklichkeit holen?)

Aber das wäre ja ein anderes Buch gewesen…