Nach der ersten weltweiten Rebellionswoche ist zumindest eins ihrer Ziele erreicht worden: Man spricht über sie (leider weniger „mit ihr“). Und über das, was von XR unter dem Motto „Sag die Wahrheit“ behauptet wird. Dass das dringend nötig ist, zeigen jene Kommentare, die denen, welche die  Wahrheit aussprechen, vorwerfen, unnötig Endzeit zu beschwören und damit Panik zu verbreiten. Gegen den enttäuschenden Vorwurf der einst radikalen GRÜNEN, Jutta Ditfurth, gegenüber XR, eine „irrationale Weltuntergangssekte“ zu sein,  positioniert sich ein Schreiben der AG Bildung der Ortsgruppe Jena, der ich auch angehöre.

Aus dieser Gruppe wurde am Dienstag auch bei den Alternativen Orientierungstagen für die Erstesemester an der Uni Jena ein Vortrag über die wissenschaftlichen Ergebnisse zur Brisanz der Lage und der Gefährlichkeit der zu erwartenden weiteren Entwicklung gehalten. Etwas bildhafter kommt das bei uns eher anhand von trockenen Grafiken Erläuterte in diesem kleinen Video rüber.

Die Lage IST ernst. Der Klima-Umbruch hat begonnen, auch wenn wir in unserer privilegierten Lage (geographisch und auch auf unsere imperiale Wirtschafts- und Lebensweise bezogen, die uns auf Kosten anderer noch mehrheitlich gut leben lässt) noch nicht so viel davon spüren. Und der Klima-Umbruch verstärkt das Aussterben vieler Lebewesen und die Zerstörung vieler Ökosysteme, die unser Leben bisher sicherten. Wenn XR dafür kritisiert wird, diese  Gefahren laut und öffentlich auszusprechen, wird hier der Überbringer der Botschaft geschlagen, … wohl weil die Botschaft unerträglich scheint.

Es ist ja durchaus nicht so, dass die „XR-Gurus“ die jungen Leute erst „emotionalisieren“ würden, wie J.D. behauptet – nein, sie selbst waren es ja, die zuerst aufbegehrten wegen ihrer Angst und Not, gegen die sie nun – neben den FFF-Demos – endlich etwas unternehmen wollen.

Auch andere Diskussionen kommen jetzt hoch. Wie wir auch schon innerhalb von XR diskutierten, müssen wir uns damit beschäftigen, welche Position unterschiedliche Menschen, die im Namen von XR schreiben und reden, jeweils im Namen aller äußern können und was nicht für alle steht. Auch Roger Hallam ist nicht der Guru, dem wir bedingungslos gehorchen. Nur wer glaubt, was sie/er selber hineinprojiziert, nämlich dass die  Bewegung „von oben“ und zentralistisch gesteuert wird, kann die gesamte Bewegung haftbar machen für jede Äußerung irgend einer Autor*in oder einer Redner*in. Zu offensichtlich sind z.B. in Deutschland die Differenzen zu Hallam in Bezug auf das Verhältnis von geplanten Bürger*innenversammlung und existierender bürgerlich-demokratischen Institutionen.

Zur Strategie selbst: Ziviler Ungehorsam ist nichts Neues und Ungewöhnliches.  Und dass eine konkrete Bewegung irgendwann und irgendwo konkret beginnt und sich dann unter für sie günstigen Bedingungen ausbreitet, ist ebenso normal. Über theoretische Zusammenfassungen und daraus abgeleitete Strategien wie Rossana Rossandas Revolutionskonzept, über den Movement Action Plan (Bill Moyer)  und das Manifest für eine gewaltfreie Revolution (George Lakey ) schrieb ich z.B. in meinem zweiten Buch 1999. Während ich das damals schrieb, begannen sich die späteren Antiglobalisierungsbewegungen zu bilden und „Peoples Global Action“ sowie die Tutte Bianches und Zapatistas betraten die Bühne der Weltgeschichte. Ist das alles an Jutta Ditfurth vorbei gegangen? Oder hat sie die auch alle gecheckt und in den Orkus geschickt wegen eventuell vorhandener Esoterik und Spiritualität?

Sam Knigts beschreibt in einer Broschüre von XR („Wann, wenn nicht wir“, engl.: „This is not a drill“), dass auf der Grundlage des Studiums der Erfahrungen vieler Aktionen und Bewegungen des Zivilen Ungehorsams fünfzehn Menschen in einer englischen  Kleinstadt begannen, Vorträge zu halten und Aktionen durchzuführen. Dass diese Bewegung, im Unterschied zu vielen anderen ähnlichen Anfängen, tatsächlich Schwung aufnahm und  zur Massenbewegung wurde, liegt wohl daran, dass viele tausende Menschen die Lage besser erkennen als J.D..

Diese Entstehung und der Aufschwung der Bewegung haben erst mal gar nichts mit Esoterik (lies dazu Wikipedia) oder Sekten (ebenso) zu tun, denn sie beruft sich weder auf Geheimwissen (sondern das Gegenteil: Wissenschaft) und unterscheidet sich weder inhaltlich (siehe Wissenschaftlichkeit) noch in der Bewegungsform  (siehe allgemeines Konzept des Zivilen Ungehorsams) von „vorherrschenden Überzeugungen“. In der Wahrnehmung der Brisanz der Lage unterscheidet sie sich tatsächlich von anderen. Aber nicht von der Mehrheit der KlimawissenschaftlerInnen. Wohl aber von denen, die irgendwie fühlen oder erkennen, dass ihre naturfeindliche und imperiale Lebensweise nicht aufrecht erhalten werden kann, wenn man die Probleme ernst nimmt – und die sich deshalb weigern, den Ernst der Lage zu akzeptieren.

Soweit ich es in der Praxis sehe, beziehen sich  natürlich auch bei XR, wie in wohl in allen Menschengruppen (außer J.D.s  ÖkoLinX), auch Menschen auf esoterisch-spirituelle Konzepte und Praxen. Diese können und  müssen jeweils konkret thematisiert werden. Aber der ganzen Bewegung ein entsprechendes Etikett aufzuherrschen, ist völlig unangemessen.

Tatsächlich gibt es auch überzogene Aussagen, so stimmt es wirklich nicht unbedingt, wie J. Ditfurth zitiert, dass „unsere Kinder in den nächsten 10 bis 20 Jahren sterben werden“. Wir können niemandem den Mund verbieten, aber wir als Bildungsgruppe Jena machen z.B. einen Check für alle Aussagen, die auf der „Fakten“-Seite von XR-Deutschland im Web stehen. Im Laufe der Zeit wird das sicher immer besser, aber ein Einzelzitat dem Ganzen vorzuwerfen, macht sicher jede Bewegung kaputt (so was fände ich sicher auch bei irgendeiner einst radikal GRÜNEN Autor*in, wenn ich mal tief in meine Bibliothek reinzoome). Dass es nicht unsere Kinder sind, die schon jetzt sterben, macht die Sache übrigens nicht weniger schlimm! Und auch mancher junge Mensch in den privilegierten Ländern stirbt schon jetzt an zu viel Hitze, nicht nur die Alten. (Für die USA ist das z.B. für junge gesunde Sportler erwiesen).

Auch wir XRler*innen sind, wie es Jutta Ditfurth der FFF-Bewegung zugesteht, „vielfältig, wissbegierig, an Fakten interessiert“. Wenn sie nur einmal in einer Ortsgruppe gewesen wäre, oder sich auf den Blockaden mit uns unterhalten hätte oder an einer Bürger*innenversammlung teilgenommen hätte, wüsste sie das. Ich habe da jedenfalls keine „enorm viele[n] Esoteriker*innen“ gesehen. Und auch wir beschäftigen uns mit Fragen des Zusammenhangs der Klima-Problematik mit dem Kapitalismus. Und bestimmte Positionen, die z.B. im Kontext der von Jutta Ditfurth kritisch angesprochenen „Tiefenökologie“ aufkommen könnten, werden konkret diskutiert (so z.B. bei dem oben erwähnten Vortrag an der Uni Jena). Wenn es Menschen gibt, die Gedankengut aufgeschnappt haben, das uns nicht gefällt, müssen wir uns konkret der Diskussion stellen und wenn wir die besseren Argumente haben, brauchen wir nicht auf die altlinke Methode der Ausgrenzung und Diffamierung zurückfallen, wie es J.D. anscheinend möchte.

J.D. erwähnt auch, dass die Jüngeren wahrscheinlich nichts von der antisemitischen Bedeutung des „Kraken“ wüssten, die  Älteren aber schon. Eben – deshalb braucht es Lernprozesse, deshalb braucht es übergreifende Kooperationen statt ein Abwatschen. Es kann ja sein, dass die ganze Bewegung mangels innerer guter Auseinandersetzung in diese oder jene Richtung „abrutscht“ (vor allem, wenn die scheinbar oder wirklich „Klügeren“ sich von vornherein abgrenzen) oder sich letztlich spaltet. Aber für endgültige Aburteilungen ist sie eindeutig zu jung und zu Recht glaubt man auch den Alten nicht mehr alles (im Falle des  „Kraken“ (außer beim Bild des „Datenkraken“) wäre es aber durchaus wichtig).

Interessant ist auch, wer sich jetzt an der Kritik von Jutta Ditfurth goutiert. Nicht jene, die sich  kooperativ-solidarisch um erfolgreichere Bewegungen bemühen, sondern jene, die schon immer „wussten“, dass  Klimaaktivismus weder notwendig noch sinnvoll ist. Man kann sich nicht nur „ganzheitlich und ohne Sorgen“ (aus dem Titel eines guten antiesoterischen Buches) aus den Kämpfen der Gegenwart in eine irrationale Esoterik zurückziehen  – man kann auch  „spaltend und ohne Sorgen“ kampflos in den Klima-Umbruch und entsprechend ratlos in die damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüche rutschen. Jutta Ditfurth will anstatt der bunten Widersprüchlichkeit in XR einen „rationalen, wirklich politischen ökologischen Widerstand gegen die Klimakatastrophe“. Dann soll sie doch einen entwickeln! (Hauptsache, sie entwickelt dabei keine Guru-Attitüden). In den 90ern hoffte ich mal auf ein wenigstens deutschlandweites „ÖkoLinX“-Netzwerk – aber daraus wurde dann bloß eine Regionalpartei, die J.D. ins Frankfurter Stadtparlament brachte.

Dass das Symbol für ÖkoLinX sehr schön ist, gebe ich ja gerne zu. Wenn J.D. aber im XR-Logo etwas „Runenhaftes “ sieht (was wohl per se verdammenswert wäre), so soll sie sich mal das CND-Peace-Logo anschauen. An dieser  Stelle weiß ich nicht, was ich von ihrer Art zu kritisieren, halten soll.

Ich würde mich freuen, wenn wir uns solidarisch-kooperativ gegenseitig kritisieren könnten, statt solche Pauschalverurteilungen erleben zu müssen. Ich selbst hatte seit einigen Wochen vor, meine eigene Kritik an vor allem Roger Hallams Texten auszuarbeiten. In unserer Ortsgruppe haben wir auch schon drüber gesprochen, allerdings kannten noch nicht alle alle Quellen, sondern viele schafften es bisher kaum, die Bücher der Bewegung (Engl.: „This is not a drill“, Dt. erst neu mit z.T. neuen Beiträgen gegenüber dem  Englischen: „Wann, wenn nicht wir“) zu lesen. Die unsolidarische Verurteilung führt dann erst einmal zu einer Abwehr – was aber nicht bedeutet, dass wir nicht innerhalb der Bewegung weiter daran arbeiten, Positionen zu klären.