Je länger ich mich mit diesen Thema beschäftige, desto mehr möchte ich glauben, was da versprochen wird. Zumindest an die positiven Visionen von Überfluss, medizinischem Fortschritt, der einfachen Nutzung immer interessanterer Medien usw. usf. Andere Versprechen sind für mich zumindest unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen eher Bedrohungen: kognitive und körperliche Verstärkung der Fähigkeiten in Militär und Berufsleben als normierender Zwang, Verlust der eigenständigen Lebendigkeit natürlicher Gegebenheiten unter technischem Gestaltungsdruck, der vorausgesetzte unhinterfragbare Determinismus der Entwicklung. Hinter der grundsätzlichen Infragestellung der Grundlagen des Menschseins in dieser Welt stehen für mich die unmittelbaren Gefahren erstens durch die real existierenden und sich ausbreitenden Nanoteilchen (zu den konkreten Risiken der Nanoteilchen siehe Wikipedia, auch beim AK Anna, sehr ausführlich zu Risikoethik und Vorsorgeprinzip auf diesem Gebiet siehe z.B. Grunwald 2008b) und zweitens sogar auch die sich selbst reproduzierenden Roboter, die die Welt zu einem „grauen Schleim“ machen könnten bzw. zu einer „mechanischen Pest“ (Crichton 2002: 223) werden könnten, sogar hintenan. Wie bei der Gentechnik, bei der die Unternehmen lange erfolgreich behaupteten, Gentechnik sei nur eine Erweiterung der traditionellen Zucht, so wird derzeit im Bereich der Risikoabschätzung für Chemikalien und Lebensmittel oft angenommen, Nanoteilchen könne man mit Teilchen derselben chemischen Substanz gleichsetzen (Shelley 2007: 96). Die häufigsten Warner in diesem Bereich sind übrigens nicht die Verbraucher mit ihren Institutionen, sondern die Versicherungswirtschaft! (ebd.: 155)

Nachdem bereits in ca. 800 Produkten Nanoteilchen enthalten sind (eine kleine Auswahl gibt’s bei stern.de), warnt nun das Umweltbundesamt vor dem unüberprüften Wachstum dieser Praxis, weil noch zu wenig über ihre Wirkungsweise und Folgewirkungen bekannt ist.

Grundsätzlich sollte bei der Risikobewertung (z.B. nach Grunwald 2008b: 141) unterschieden werden zwischen

  • „normalen“ (nicht lebenden) Nanomaterialien und Nanoteilchen (hierzu ebd. 181 ff.),
  • Synthetischer Biologie (lebende oder lebensähnliche Systeme werden ausgehend von atomaren oder molekularen Bausteinen erzeugt, hierzu ebd.: 190 ff. ),
  • der Frage der neuroelektrischen Schnittstellen zum Menschen (ebd.: 227 ff.) sowie
  • (eventuell sachlich sogar nicht realisierbaren) „Gray Goo“-, Nano-Robotern bzw. Cyborg- Szenarien, vor allem ausgehend von den Drexlerschen Visionen.

Ethische Fragen der Nanotechnologie-Entwicklung

Es geht dabei aber nicht rein fachlich um isolierte wissenschaftliche oder technische Fragen, sondern um ganze „sozio-technische Systeme“. Die wichtigen Themenfelder für eine Reflexion über unsicherer Handlungs- und Entscheidungsgrundlagen (also eine Ethik) können nach Grunwald (2008b: 140; Erläuterungen siehe auch dort) in einer Matrix dargestellt werden, bei der wichtige Fragestellungen den nanotechnologischen Handlungsfelder zugeordnet werden.

  • Dabei gibt es im Handlungsfeld Nanomaterialien neue Umweltrisiken zu bedenken. Insgesamt sind die Risiken inhaltlich unbestimmt.
  • Im Bereich der Nanoelektronik gilt es für die ethische Fragestellung „Autonomie“ die mögliche Bedrohung der Privatheit und die Erweiterung der Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten zu untersuchen. In Bezug auf die Verteilungsgerechtigkeit sind mit der nanotechnologischen „Revolution“ auch Auswirkungen auf die digitale Spaltung geben.
  • Im Bereich der Nanobiotechnologie könnte die Autonomie von Selbstorganisationsprozessen gerade dazu führen, dass sie außer Kontrolle geraten. Die Umwelt wird eventuell durch „grey goo“ oder „green goo“ gefährdert. Insgesamt steigt das Unsicherheitspotential durch die technische Nutzung von selbstorganisierenden Prozessen, die auch entweichen und sich selbsttätig weiter entwickeln können.
  • Die Nanomedizin ermöglicht die Emanzipation des Menschen von seiner körperlichen Verfasstheit, dabei gibt es wiederum die für Technik typische Ambivalenz von möglichem Nutzen und möglichem Risiko in Fragen der Neuro-Invervention und des Human Enhancement. Es ist auch zu erwarten, dass der Zugang zu neuen Diagnosen und Therapien ungerecht verteilt sein wird.

(siehe später mehr zur „Ethik der Technikentwicklung“)

Human Enhancement

Zur Debatte um das „Human Enhancement“ ist festzustellen, dass „Verbesserungen“ nicht nur wie das Heilen einen als „Gesundheit“ bezeichneten Zustand wieder herstellen, sondern Fähigkeiten über das bisher als normal betrachtete hinaus weiter entwickeln sollen. (vgl. Grunwald 2008b: 252.) Qualitativ bezieht sich eine Verbesserung immer auf bestimmte vorgegebene Kriterien – quantitativ gibt es kein begrenzendes Maß.

Die Bindung an Kriterien bringt es auch mit sich, dass der Blick auf derartige Verbesserungen des Menschen den Menschen ebenfalls als technisches Objekt unterstellt. All diese Bedenken werden in der Praxis dadurch verdeckt, dass quasi „Testgruppen“ für die Verbesserungspraxis zur Verfügung stehen: Das sind einerseits die „Behinderten“,bei denen erst einmal eine Art „Heilen“ in Frage kommt, bei denen aber häufig gleichzeitig eine mögliche „Verbesserung“ mit impliziert ist (wie z.B. bei Geordi in „Star Trek – The next Generation“, der als Blinder eine direkt ans Gehirn angeschlossene Sehhilfe bekommt, mit der er mehr erfassen kann als mit einem normalen menschlichen Auge.). Die zweite Testgruppe sind Soldaten. Gesellschaftlich gibt es einen starken Trend hin zu einer „Leistungssteigerungsgesellschaft“ („enhancement society“) (ebd.: 309), dies wird es für immer weniger Menschen unmöglich machen, sich den psychischen und physischen Leistungssteigerungsmitteln zu entziehen.

Eine spezielle Frage der Nano-Neuro-Medizin ist die Möglichkeit von Neuro-Implantaten. Sie haben ihre besondere Problematik darin, dass die Eigenständigkeit des Akteurs fraglich werden könnte und eine Zurechnung von Handlungen uneindeutig wird. (ebd.: 270)

Natürlich wäre es auch falsch, die „Natürlichkeit“ des Menschen als Norm zu fordern. Menschen sind natürlich immer auch „kultürlich“ (Plessner). Aber die Richtung der Veränderung, ob sie selbstbestimmt oder über einen Leistungsdruck in der Konkurrenzgesellschaft erfolgt, ist wesentlich. Auch die Unterstellung einer deterministischen Entwicklung, die gar nicht im Ermessen von Menschen läge, entmächtigt Menschen und stellt ihre Autonomie in Frage.

Grunwald fordert dem gegenüber:

„Es muss weiterhin möglich sein, den Menschen als „trans-technisches“ Wesen zu thematisieren, als ein Wesen, das von der Technik in und an seinem Körper profitiert, aber in dieser Technik nicht aufgeht.“ (Grunwald 2008b: 302)

Weltanschaulicher und praktischer Reduktionismus

Für mich zeigen sich aber noch andere Probleme:

Nanofuturismus und Konvergenz-Hype bedeuten in ihrer Technikfixiertheit und dem Machbarkeitswahn eine direkte Verschleierung der Bedeutung der gesellschaftlichen Ebene unseres Daseins, die Veränderbarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse wird ausgeblendet. Im Gegenteil, die eventuell günstigen Folgen des Einbringens bestimmter Nanoteilchen in die Umwelt zur Beseitigung von Umweltschädigungen könnte den Eindruck erwecken, die bisherige Lebens- und Wirtschaftsweise könne weiter geführt werden, da es ja nun technische Hilfe bei den selbst erzeugten Problemen gibt (vgl. Shelley 2007: 108).

„Wird die Umwelt als etwas Reparierbares oder Ersetzbares betrachtet, führt dies zu einem zerstörerischen Produktions- und Konsumverhalten oder gar zu der gefährlichen Illusion, wir könnten uns mithilfe der Nanotechnologie auf andere Planeten zurückziehen.“ (ebd.)

Damit verbunden ist auch der „atomare Reduktionismus“ (Grundwald 2008b: 25), den ich schon in einem anderen Blogbericht beschrieb. Reduktionismus bezieht sich hier auf die Annahme, alle makroskopischen Phänomene würden durch Vorgänge auf der atomaren Ebene determiniert. (vgl. auch ebd.: 41). Es wird eingeschätzt, dass zwar kein Forscher daran wirklich glaube, dass aber diese Denkweise im Hintergrund sehr wirkmächtig sei (zit. ebd.: 25). Vor allem der Glaube an die absolute Machbarkeit schließt sich hier an. Wenn der Mensch den Beginn aller Kausalketten in der Hand hätte, könnte er praktisch alles kontrollieren. Dass dabei die Unterscheidung zwischen belebten und unbelebten, zwischen natürlichen und künstlichen, zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Objekten verloren geht, ist geradezu das „Leitmotiv“ der Nanotechnologie (ebd.: 46). Damit verändert sich sogar das Selbstbild der Biologie, denn das Lebendige wird eher in Form von Technischem beschrieben (vgl. Grundwald 2008b: 205). Speziell für die Untersuchung von Lebendigem in der Bionik gilt:

„Lebendige Systeme interessieren nicht als solche, z.B. in ihrem jeweiligen ökologischen Kontext, sondern sie werden analysiert in ihrem technischen Funktionszusammenhang.“ (ebd.: 208)

Natur wird dann lediglich gesehen als „Ensemble technischer Problemlösungen unter evolutionärem Druck“ (ebd.: 208). Diese Einebnung qualitativer Unterschiede ist besonders im Konzept der „Converging Technologies“ deutlich.

Nano-Hype als Restauration

Joachim Schummer kritisiert die Ideologie des Nano-Hypes vor allem auch als „große Restauration“ (Schummer 2003: 16). So revolutionär sich dieser Trend auch darstellt, für die Menschheit ist schon die mit ihm verbundene weltanschauliche Form er ein großer Schritt zurück, bevor überhaupt die konkreten Nano-Objekte in der Welt sind. Das bezieht sich auf folgende Punkte:

  • Der Nano-Hype bedient die Sehnsucht nach einer allumfassenden Universalwissenschaft. Dabei verschwinden die spezifischen Qualitäten der Gegenstände auf den verschiedenen Strukturniveaus der Materie aus dem Blick.
  • Die Deutung von Entwicklung ist nicht nur deterministisch, sondern das Ziel scheint vorherbestimmt zu sein. Damit ist diese Vorstellung auch teleologisch.
  • Menschen sind „auch nur“ wichtig als Lebe- und Hirnwesen, die letztlich aus Nanoteilchen aufgebaut sind. Menschliches Leben, menschliche Individualität, menschliche Entscheidungsfindung wird nur gesehen unter technizistisch-teleologischem Blickwinkel und ein ethisch verantwortlicher, kritisch reflektierter Umgang mit Technologie wird systematisch als unnötig suggeriert.

Letztlich negiert die Weltanschauung, die all diesen Konzepten zugrunde liegt, die Möglichkeit der Autonomie der menschlichen Entwicklung. Dementsprechend bewegt sich die Technikentwicklung deterministisch auf ein vorgegebenes Ziel hin, Menschen sind nur Ausführende.
Zu dieser Einschätzung gibt es auch den Artikel „Vormoderner Populismus im futuristischen Gewand“ von Joachim Schummer im SPIEGEL ONLINE.

Zusammenfassung zu weltanschaulich-ethischen Fragen der Nanotechnologie

Ich selbst habe die Bedeutung dieser Thematik für das weltanschaulich-philosophische Selbstverständnis der Menschen, für die Fragen nach Selbstbestimmung oder Technikdeterminismus, nach dem Verhältnis von Gesellschaft und Technik usw. nun auch erst wenige Jahre nach den ersten Debatten mitbekommen. Es wird Zeit, dass wir da genauer hinschauen. Ein einfaches Schwarz-Weiß-Denken (euphorische Zustimmung oder pauschale Ablehnung) wird uns nicht weiter führen. Auf jeden Fall gilt hier wie auch für andere Fragen der technologischen Weiterentwicklung: Solange die Entwicklung durch kapitalistische wirtschaftliche „Triebkräfte“ und „Sachzwänge“, d.h. durch den Druck der strukturellen Gewalt der Kapitalherrschaft bestimmt und auch in seine Richtungen gesteuert wird, sind größte Vorbehalte angemessen. Erst wenn diese Interessen ausgeschaltet wären, könnten Bedürfnisse von Menschen nach Maßgabe ökologischer Angemessenheit zur Grundlage einer daran angepassten weiteren Entwicklung der technischen Fähigkeiten der Menschheit voll begrüßt werden. Armin Grunwald kommt deshalb auch zu dem resümierenden Schluss, dass es an wichtigen Punkten „nicht mehr einfach um ethische Fragen [geht], die in der einen oder anderen Richtung beantwortet werden könnten, sondern auch um die Gesellschaftsform, in der wir leben, und um deren Implikationen.“ (Grunwald 2008b: 311)

Für uns gibt es angesichts der Möglichkeiten und Gefahren der Nanotechnologie „die Aufgabe, sie uns anzueignen und für das Allgemeine nutzbar zu machen, damit sie nicht lediglich dazu dient, die Aktieninhaber der riesigen Konzerne noch reicher zu machen […].“ (Shelley 2007: 149)

Wer sich speziell in Jena dafür interessiert, kann sich eventuell in den nächsten Monaten an entsprechenden Treffen der „Zukunftswerkstatt Jena“ beteiligen.

Siehe auch

Nachtrag:

Es gibt inzwischen neue Hinweise auf die Gefährlichkeit von Nanoteilchen. Wie jetzt bekannt wurde, tötet eine bestimmte Konzentration an Titanoxid-Nanopartikel 90% der Wasserflöhe, weil ihre Entwicklung (Häutung) behindert wird.

Zur wahrscheinlichen Gefährlichkeit von Nanoteilchen gibts hier auch ein Interview mit Pat Mooney, Träger des „Alternativen Nobelpreises“.