I.2. Was ist Dialektik und was ist ihr Gegenstand?

Heutzutage ist es gar nicht mehr selbstverständlich, so etwas wie die Dialektik als sinnvoll oder gar notwendig für bestimmte Erkenntnisse anzusehen. Wenn wir uns hier damit beschäftigen, so gehen wir davon aus, dass wir für unsere Orientierung und unser Handeln in der Welt Erkenntnisweisen benötigen, die etwas mit dem, was als Dialektik durch die Philosophiegeschichte hindurch geht, zu tun haben. Wir brauchen Wissen über die Welt, ihre Strukturen und Bewegungsdynamik, das wir im Erkenntnisprozess gewinnen, um eingreifendes Handeln zu ermöglichen. Dabei wird sinnvollerweise auch angenommen, dass die Strukturen bzw. die Bewegungsdynamik der wirklichen Verhältnisse sich dieser Erkenntnisweise öffnen, dass sie bzw. viele von ihnen selbst so geartet sind, dass dialektisches Denken sie besonders gut erfassen kann. Früher wurde das häufig so bezeichnet, dass eine “objektive Dialektik“ vorliegt, welche durch die „subjektive Dialektik“ im Erkennen wiedergespiegelt werden kann. Vorauszusetzen ist auf jeden Fall die These:

In wichtigen Formen der Erkenntnis und (wahrscheinlich) in der Welt geht es (wenigstens an wichtigen Stellen) dialektisch zu.

Die einfachste Bestimmung der Dialektik besteht darin, dass es keine wirklich isolierten Dinge in der Welt gibt und die bloße Feststellung des Daseins von isolierbaren Fakten noch keine angemessene Welterkenntnis darstellt. Dialektik bedeutet also 1. Alles steht mit anderem in Zusammenhang und Wechselwirkungen. Wenn wir etwas als Isoliertes, Einzelnes betrachten, so wird das sicher nicht die ganze Wahrheit über diesen Erkenntnisgegenstand sein.

Alles, was wir betrachten können, unterliegt und vollführt Veränderungen und Bewegungen. Auch ein Stein entstand irgendwann innerhalb geologischer Prozesse, selbst die Sonne existiert nur durch eine ständige chemische Umwandlung ihrer Atomstruktur. Deshalb gilt 2. Alles bewegt sich. Wenn uns etwas als „Ding“ erscheint, so sehen wir eine geronnene Struktur, die in einem Prozess entstanden ist und die durch bestimmte einander entgegen gerichtete Bewegungen, wie einem Strahlungsdruck von innen nach außen und der diesem Strahlungsdruck entgegen gerichteten Gravitation, zusammen gehalten wird.

Für einzelwissenschaftliche Untersuchungen, z.B. über die Bewegung der Planeten, werden nun wiederum durchaus bestimmte Merkmale der unendlich komplexen Welt von anderen isoliert untersucht und die Gegenstände in ihren Bewegungsmöglichkeiten auf wenige beschränkt. Die kosmische Bahn der Planeten wird nicht durch chemische Analysen ihrer Atmosphäre ermittelt, die chemische Struktur von Wasser wird nicht während des Trinkens bestimmt. Wichtig ist es nur, dass die Einschränkungen der Zusammenhänge und Bewegungsformen dem, was gerade untersucht werden soll, angemessen sind. So wäre es unzweckmäßig, die Subjektivität von Menschen zu unterbinden, wenn etwas typisch Menschliches psychologisch erforscht werden soll.

Manchmal wird Dialektik auf diese beiden zuerst genannten Aspekte des Zusammenhangs und der Bewegung reduziert. Wirklich spannend wird es aber erst mit den Widersprüchen. Dialektik geht 3. von Widersprüchen aus, d.h. von Strukturen, bei denen der untersuchte Gegenstand bzw. seine Bewegung eine Einheit bildet, in der sich zwei Momente zueinander verhalten, die im Gegensatz zueinander stehen, aber nur innerhalb dieser Einheit überhaupt existieren und sich damit gegenseitig bedingen.

Im Marxismus-Leninismus wurden drei „Grundgesetze der Dialektik“ formuliert (Kosing 1976: 275, vgl. Engels DdN: 348):

  • Gesetz von der Einheit und dem „Kampf“ der Gegensätze, demzufolge die Triebkraft jeder Bewegung und Entwicklung die den Dingen innewohnenden dialektischen Widersprüche sind, die Bewegung also als Selbstbewegung gefasst wird,
  • Gesetz vom Umschlagen quantitativer in qualitative Veränderungen und umgekehrt, das die Entwicklung nicht als einfache, quantitative Veränderung, sondern die Einheit von Quantität und Qualität, von Evolution und Revolution, Kontinuität und Diskontinuität in der Entwicklung betont,
  • Gesetz der Negation der Negation, nach dem die Entwicklung eine Höherentwicklung ist, keine einfache Vernichtung des Alten, sondern ein Prozess dialektischer Negationen, in denen frühere Stadien überwunden werden, aber gleichzeitig ihre positiven und entwicklungsfähigen Seiten erhalten bleiben.

Das Gesetz vom Umschlagen quantitativer in qualitative Veränderungen und umgekehrt fand Engels in der Seinslogik, also dem ersten von drei Teilen der Hegelschen Logik. Engels meint, dieses und andere Gesetze seien „von Hegel in seiner idealistischen Weise als bloße Denkgesetze entwickelt“ worden, während er sie auch direkt in der Natur vorfindet. So finden qualitative Änderungen nur statt „durch quantitativen Zusatz oder quantitative Entziehung von Materie oder Bewegung (sog. Energie)“ (ebd.: 349).

Das Thema von Hegels „Wissenschaft der Logik“ (HW 5 und HW 6) ist es, „[d]as Reich des Gedankens philosophisch, d.i. in seiner immanenten Tätigkeit, oder, was dasselbe ist, in seiner notwendigen Entwicklung darzustellen“ (H“ 5: 19). Auch die „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“ (HW 8 – HW 10) handelt vom philosophischen Wissen über die Natur, die Gesellschaft und das menschliche Denken. Damit steckt Hegel den von ihm behandelten Gegenstand eindeutig ab: Er spricht tatsächlich jeweils über das „Wissen von…“ und nicht direkt über das, wovon etwas gewusst wird, also die erkenntnisunabhängigen Weltgegebenheiten. „Idealistisch“ würde das nur, wenn aus diesem Wissen die reale Existenz dieser Gegebenheiten abgeleitet würde, was Hegel jedoch nicht macht. Allerdings verwendet er auch häufig Beispiele, die missgedeutet werden können: „Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird…“ (HW 3: 12, vgl. auch HW 10: 19).

Letztlich spricht Hegel, wenn er von einer „Knotenlinie von Maßen auf eine Skala des Mehr oder Weniger“ spricht (HW 5: 437) in keiner Weise von Veränderungen in einem zeitlichen Ablauf, sondern nur von einem auch zur gleichen Zeit möglichen Vergleich der qualitativen Zustände bei bestimmten quantitativen Gegebenheiten.

Die marxistisch-leninistische Dialektikkonzeption diskutiert diesen Zusammenhang aber vorwiegend als Moment des „Qualitätssprungs“ im Verlaufe von Entwicklungsprozessen (vgl. Warnke 1976: 1000). Damit würde die marxistisch-leninistische Denkweise etwa nahelegen, die Linie „Eis-Wasser-Dampf“ würde mit steigender Temperatur im Topf einen „Entwicklungsprozess“ des Dampfes/Wassers beschreiben. Dies aber gar nicht der Gegenstand der Hegelschen Philosophie, sondern lediglich eines Versuchs, die Hegelsche Denkweise „materialistisch umzustülpen“. So einfach ist es leider nicht, deshalb müssen wir uns nun wohl oder übel doch erst mal in die Hegelsche Dialektik hinein arbeiten, damit wir nicht zu kurz kommen mit einer verkürzten Sichtweise auf Dialektik.


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