Versteht Engels Marx richtig?

Parallelität von Logischem und Historischem

Engels

Am deutlichsten wird diese Ansicht der Parallelität von Logischem und Historischem von Friedrich Engels vertreten. So schreibt er:

„Da in der Geschichte, wie in ihrer literarischen Abspiegelung, die Entwicklung im ganzen und großen auch von den einfachsten zu den komplizierteren Verhältnissen fortgeht, so gab die literargeschichtliche Entwicklung der politischen Ökonomie einen natürlichen Leitfaden, an den die Kritik anknüpfen konnte, und im ganzen und großen würden die ökonomischen Kategorien dabei in derselben Reihenfolge erscheinen wie in der logischen Entwicklung.

Diese Form hat scheinbar den Vorzug größerer Klarheit, da ja die wirkliche Entwicklung verfolgt wird, in der Tat aber würde sie dadurch höchstens populärer werden. Die Geschichte geht oft sprungweise und im Zickzack und müßte hierbei überall verfolgt werden, wodurch nicht nur viel Material von geringer Wichtigkeit aufgenommen, sondern auch der Gedankengang oft unterbrochen werden müßte; zudem ließe sich die Geschichte der Ökonomie nicht schreiben ohne die der bürgerlichen Gesellschaft, und damit würde die Arbeit unendlich, da alle Vorarbeiten fehlen. Die logische Behandlungsweise war also allein am Platz. Diese aber ist in der Tat nichts andres als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der störenden Zufälligkeiten. Womit diese Geschichte anfängt, damit muß der Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fortgang wird nichts sein als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konsequenter Form, des historischen Verlaufs; ein korrigiertes Spiegelbild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der wirkliche geschichtliche Verlauf selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment auf dem Entwicklungspunkt seiner vollen Reife, seiner Klassizität betrachtet werden kann.“ (Engels MEW 13: 474-475)

So versteht Engels auch die Abfolge der Argumentation im „Kapital“ von Karl Marx. Er sieht sie als „logische Behandlungsweise“, d.h. „nichts andres als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der störenden Zufälligkeiten“. In der sog. Wertformanalyse (MEW 23: 62ff.) untersucht Marx nacheinander die einfache (einzelne oder zufällige), die totale (oder entfaltete) und die allgemeine Wertform. Marx selbst verwendet hier historische Bezüge. So schreibt er zur einfachen Wertform:

„Diese Form kommt offenbar praktisch nur vor in den ersten Anfängen, wo Arbeitsprodukte durch zufälligen und gelegentlichen Austausch verwandelt werden (ebd.: 80).

In ähnlicher Weise bezieht er die entfaltete Wertform auf Zustände, in denen ein Produkt „nicht mehr ausnahmsweise, sondern schon gewohnheitsmäßig“ ausgetauscht wird und die allgemeine Wertform erfordert einen entwickelten Kapitalismus.

Marx bezieht die problematischen historischen Illustrationen nur auf die Wertformananlyse. Engels verallgemeinert diese Methode für das gesamte „Kapital“:

„Wir gehen bei dieser Methode aus von dem ersten und einfachsten Verhältnis, das uns historisch, faktisch vorliegt, her also von dem ersten ökonomischen Verhältnis, das wir vorfinden.“ (Engels 1895: 475)

In „Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des „Kapital““ schildert Engels ausführlicher, wie er sich das vorstellt (Engels 1895: 906ff.). Hier verwendet er auch den Ausdruck „einfache Warenproduktion“ (ebd.: 909), von der spätestens heutzutage bekannt ist, dass es sie niemals gab (vgl. Hecker 1997).

Heinz-Dieter Kittsteiner hat schon 1977 ausführlich analysiert, dass die Interpretations-schwierigkeiten auch damit zusammenhängen, dass Marx zuerst tatsächlich vorhatte, „dialektisch und historisch“ vorzugehen. Die erste Gliederung für 6 Bände folgte diesem Plan. Marx stellte jedoch bei der Arbeit daran fest, dass er nicht durchzuhalten ist. Wahrscheinlich kannte Engels noch die Gedanken zum Vorhaben und bemerkte die Veränderungen in der Umsetzung nicht. Die meisten Marxisten-Leninisten folgten ihm darin.

Es wäre untubar und falsch…

marx

Würde Marx tatsächlich schon den ersten historischen Anfängen des Warentausches die Bedeutung der Kategorie Wert entnehmen und diese Kategorie dann parallel zur historischen Entwicklung immer mehr anreichern können? Wohl kaum, denn letztlich geht der Betrachtung der historischen Stufen die Kenntnis des Begriffs voraus, denn nur mittels dieses Begriffes lassen sich die historischen Zustände dann auch inhaltlich einordnen.

Marx schreibt selbst bei der Begründung, dass die „Anatomie des Menschen […] ein Schlüssel zur Anatomie des Affen“ ist:

„Die Andeutungen auf Höhres in den untergeordneten Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist.“ (Marx EG: 39).

Wäre Marx dem Prinzip der Parallelität von Historischem und Logischem gefolgt, so hätte es nahe gelegen, beim für das Verständnis des Kapitalismus bedeutsamen Eigentumsbegriff zu versuchen, vom historisch vorgängigen Grundeigentum zu beginnen. Aber gerade hier betont Marx, dass dies nicht angemessen ist:

„Das Kapital ist die alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen Gesellschaft. Es muß Ausgangspunkt sowie Endpunkt bilden und vor dem Grundeigentum entwickelt werden.“ (ebd.: 41)

Gleich danach folgt der Satz, der explizit gegen eine Parallelisierung spricht:

„Es wäre also untubar und falsch, die ökonomischen Kategorien in der Folge aufei-nander folgen zu lassen, in der sie historisch die bestimmenden waren. Vielmehr ist ihre Reihenfolge bestimmt durch die Beziehung, die sie in der modernen bürgerli-chen Gesellschaft aufeinander haben und die gerade das umgekehrte von dem ist, was als ihre naturgemäße erscheint oder der Reihe der historischen Entwicklung entspricht.“ (ebd.)

Die Parallelisierung ist auch nicht möglich im Fall des Kaufmannskapitals (MEW 25: 298). Der Begriff des Wertes setzt einen Begriff von Arbeit im Kapitalismus voraus. Auch hierfür betont Marx:

„Auch die Vorstellung derselben [der Arbeit, AS] in dieser Allgemeinheit – als Arbeit überhaupt – ist uralt. Dennoch, ökonomisch in dieser Einfachheit gefaßt, ist „Arbeit“ eine ebensosehr moderne Abstraktion, wie die Verhältnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugen.“ (ebd.: 38).

Und weiter: „So entstehn die allgemeinsten Abstraktionen überhaupt nur bei der reichsten konkreten Entwicklung…“ (ebd.).

Erst danach kann dann untersucht werden, wie die historische Entwicklung zu genau diesen bereits erreichten Formen der “reichsten konkreten Entwicklung“ gekommen ist.

„Die sog. historische Entwicklung beruht überhaupt darauf, daß die letzte Form die vergangnen als Stufen zu sich selbst betrachtet…“ (ebd.: 40).

Ebenso wie bei der Arbeit musste auch der Wert als Begriff mit all seinen Momenten historisch vollständig entwickelt sein. Als solcher kann nun seine innere Struktur untersucht werden, d.h. seine enthaltenen Momente und ihre Beziehungen – dies ist Gegenstand der Wertformanalyse. Sie ist also letztlich eine „synchrone“ Untersuchung, eine Untersuchung der gleichzeitig vorliegenden Momente. Sobald der Begriff in dieser Komplexität (geistig reproduktiv) entwickelt wurde, können unter Umständen auch empirische Entsprechungen in ihrer diachronen Aufeinanderfolge aufgezeigt werden, was Marx mit den entsprechenden Verweisen (MEW 23: 80) auch tat – aber erst danach und nicht als Ersatz der synchronen Analyse. Letzteres wäre „untubar und falsch“.

Ca dépend

Marx ist dabei kein Prinzipienreiter, denn er lässt die Frage durchaus zu:

„Aber haben diese einfachen Kategorien nicht auch eine unabhängige historische oder natürliche Existenz vor der konkretern? Ca dépend.“ (MEW 42: 36)

Es „kommt darauf an“ (=“ca dépend“), was wir untersuchen wollen.

Marx geht davon aus, dass manchmal „die einfachen Kategorien Ausdrücke von Verhältnissen sind, in denen das unentwickelte Konkrete sich realisiert haben mag, ohne noch die vielseitigre Beziehung oder Verhältnis, das in der konkreten Kategorie geistig ausgedrückt ist, gesetzt zu haben…“ (EG: 36f.).

„Geld kann existieren und hat historisch existiert, ehe Kapital existierte, ehe Banken existierten, ehe Lohnarbeit existierte etc. Nach dieser Seite hin kann also gesagt werden, daß die einfachre Kategorie herrschende Verhältnisse eines unentwickeltern Ganzen ausdrücken kann, die historisch schon Existenz hatten, eh das Ganze sich nach der Seite entwickelte, die in einer konkretern Kategorie ausgedrückt ist. Insofern entspräche der Gang des abstrakten Denkens, das vom Einfachsten zum Kombinierten aufsteigt, dem wirklichen historischen Prozess.“ (ebd.: 37)

Er schreibt aber ausdrücklich „entspräche“ und nicht „entspricht“, verwendet also die Sprachform des sog. „Irrealis“. Die Relativierung folgt gleich danach. Wenn es uns nur ums Geld als Tauschmittel ginge, entspräche der historische Gang vielleicht dem logischen. Aber es geht Marx im „Kapital“ um das Geld im entwickelten Kapitalismus. Im zweiten und dritten Teil des „Kapitals“ geht es um Geld deshalb nur noch als Moment der Kapitalakkumulation und dies ist auch vom Begriff her weiter entwickelt als das Geld als Tauschmittel. Es kommt also darauf an…

Engels Parallelisierung des Historischen und Logischen, die er dem Marxschen Text unter-schiebt, ist deshalb zwar nahegelegt, auch durch Bemerkungen von Marx selbst (MEW 23: 80) – aber methodisch unzureichend.

Die parallelisierende logisch-historische Sichtweise war dominant im sog. „Marxismus-Leninismus“, also dem Lehrkanon in den realsozialistischen Ländern. Spätestens seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden im westlichen Marxismus jedoch heiße Debatten um eine angemessene Interpretation insbesondere der Wertformanalyse im „Kapital“ geführt, die längst noch nicht abgeschlossen sind.


Morgen gehts weiter…



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