Am vergangenen Wochenende war ich wieder einmal in Berlin und nahm an der Hans-Heinz-Holz-Tagung 2015 teil. Sie wurde veranstaltet von der Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie und der DKP und fand im Marx-Engels-Zentrum in Berlin statt, das ich noch gar nicht kannte.

Hegel_Marx_Holz

In die Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie war ich gleich eingetreten, als ich die ersten Hefte ihrer Zeitschrift „Aufhebung“ gelesen hatte. Mein Gedanke, dass die Dialektik es Wert ist, nicht nur in Salzburg vorangetrieben zu werden, wurde anscheinend von vielen Menschen geteilt, so dass sich auch in Berlin eine entsprechende Gruppe bildet (an deren Treffen am Sonntag nachmittag ich leider nicht mehr teilnehmen konnte, weil ich ja noch nach Thüringen zurück musste).

Die Tagung war recht kurz, von 11 bis 16 Uhr hörten wir drei Vorträge, die sich weitgehend um den zentralen Begriff der „gegenständlichen Tätigkeit“ herum bewegten. Zentral waren die Anstöße, die Hans Heinz Holz gegeben hat.

Im ersten Beitrag von Andreas Hüllinghorst wurde die Interpretation der Feuerbachthesen (FTH) von Marx durch Ernst Bloch und Hans Heinz Holz gegeneinander gesetzt. Während Bloch sich seiner Meinung nach zu einseitig auf das Potential der FTH für alles Kommende konzentriert und sein Denken dementsprechend strukturiert hat, sei – mit Holz – zu berücksichtigen, dass das Neue auch eine Vorgeschichte hat. Bloch erfasse nicht ausreichend, dass sich nach Marx auch die Philosophie selbst grundlegend verändern müsse; er bleibe noch eher beim bürgerlichen Verständnis von Philosophie stecken. Es ist nicht möglich, eine Philosophie von der Zukunft her zu entwerfen und diese dann zur Kritik der Gegenwart zu verwenden – sondern auch die Philosophie wird jeweils von der Welt her kritisiert. Es ist notwendig, dass „die Wirklichkeit sich selbst zum Gedanken drängt“, wie es in ähnlicher Weise Marx formuliert. Das sei bei Holz wesentlich stärker als bei Bloch durchdacht.

Zur materialistischen Umstülpung der Hegelschen Dialektik entwickelte er zwei Darstellungen, die nicht ganz uninteressant sind (auch wenn er sie wegen ihr Unvollständigkeit, die bei dieser Art Schematisierung entsteht, entschuldigte – und meine Skizze unten vereinfacht noch mehr!). Die Hegelsche Philosophie hat selbst den Anspruch sich selbst in einem Kreis zu entwickeln. Von unten her beginnt der Hegelsche Argumentationsgang (in der „Phänomenologie des Geistes“) mit der Kategorie der „sinnlichen Gewissheit“. Aus dieser entwickelt sich ein wissenschaftliches, d.h. verständiges Wissen und … über mehrere weitere Phasen schließt daran die „Wissenschaft der Logik“ mit der Entfaltung der Vernunft mit ihrem Höhepunkt, der „absoluten Idee“, an. Auf Grundlage dieser Systematik kann dann auch eine Philosophie der Natur, der Gesellschaft und schließlich auch der Geschichte das System des Wissens vervollständigen.

Hegel nach Hüllinghorst

Im gesprochenen Vortrag wurde die Wende von der „absoluten Idee“ in Richtung der Natur und Geschichte einmal als „Entäußerung in die Wirklichkeit“, also das Seiende, formuliert. Das habe ich im Sinne der üblichen Interpretation der Hegelschen Philosophie,dass bei ihm die wirkliche Welt aus dem Gedachten entstünde, verstanden. Später formulierte Andreas Hüllinghorst diesen Fortgang als epistomologischen: dass der erkennende Geist nach dem Durchlauf seiner Entwicklungsschritte in der „Phänomenologie“ und der „Wissenschaft der Logik“ sich nun dem Begreifen der Struktur von Natur und Gesellschaft und der Geschichte der letzeren widmen könne. (Was er genau meint, wird sicher in der Veröffentlichung des Vortrags nachzulesen sein).

Bei Marx, und dies versuchte Hüllinghaus, der selbst Schüler von Hans Heinz Holz war, im Anschluss an Holz zu erläutern, wird auch eine dialektische Methode entwickelt, diese verläßt dann (ungefähr dort, wo die „absolute Idee“ bei Hegel steht), allerdings den Bereich der reinen Philosophie und zielt auf „Verwirklichung“, die bei Hegel fehlt. Die „absolute Idee“ enthält die Möglichkeit des Setzens von Zwecken und hier werden also gezielt besondere Zustände hergestellt. Der Kreis sieht dann ungefähr so aus (wieder durch mich vereinfacht):

Hegel-Marx nach Hüllinghorst

An die Philosophie wird deshalb die Forderung gestellt, dass sie „einen Verwirklicher“ in sich haben muss. „Sie muss in der Wirklichkeit auf Verwirklicher treffen…“.

In der Diskussion konnte die Frage nicht ausreichend beantwortet werden, wie denn der Vorgang des „Umstülpens“ genau geschah. Hüllinghorst legte Wert auf den logischen Charakter seiner Überlegungen dazu, das rein historische Nachverfolgen der Debatten, u.a. der Junghegelianer dazu fand er nicht interessant.

Ein Teilnehmer fasste den Vortrag so zusammen: Der Vortrag habe gezeigt. wie sich der Gegensatz wzischen einem bürgerlich-revolutionärem und einem proletarisch-revolutionärem Standpunkt in Bloch und Holz wiederhole.

Der zweite Vortrag von Georgios Kollias über die „Gegenständliche Tätigkeit als Widerspiegelung“ zeichnete den Standpunkt von Hans Heinz Holz über die gegenständliche Tätigkeit als Widerspiegelung nach. Die Hauptfrage der Feuerbachthesen sei die Frage, welchen Gegenstand eine materialistische Philosophie haben könne, die nicht verdinglichend und mechanisch ist. Marx formuliert es in den FTH: Der Gegenstand sind nicht sinnlich wahrnehmbare Dinge, sondern es ist die gegenständliche Tätigkeit. (Hm, was ist dann der Gegenstand der Philosophie der Naturwissenschaft?: Nicht, wie die natürliche Materie „an sich“, d.h. außerhalb unserer Praxis in ihr sein könnte). Das materielle Substrat ist zwar objektiv vorhanden (also unabhängig von unserer Anschauung), aber nicht unabhängig von unserer Praxis.

Die Praxis darf dabei nicht individualistisch gesehen werden. Manche Überlegungen, die sich um das Verhältnis von Subjekt und Objekt drehen, können zumindest (eventuell auch bei Holz, wie der Referent vorsichtig andeutete) den Anschein erwecken, als ginge es dabei um isolierte Subjekte in ihrem Widerspiegelungsverhältnissen in Bezug auf die Objekte, die ihnen gegenüber stehen.

Der dritte Vortrag von Hermann Klenner zeigte einen spannenden Einblick in die zum Teil gemeinsame Geschichte von Klenner (der in der DDR wirkte) und Holz. Ich werde meine Bibliothek mal durchsuchen, ob ich den Artikel von Klenner zur Klassenfrage bei Hegel aus den 50er Jahren finde, der dazu führte, dass er 20 Jahre lang nicht mehr dort veröffentlichen konnte (weswegen ich Klenner auch „nur“ als schon zu DDR-Zeiten sehr interessanten Rechtstheoretiker kannte, aber nicht als Philosophen).

Zum „Herr-Knecht-Verhältnis“ erinnerte Klenner daran, dass schon bei Leibniz, den Holz maßgeblich rezipierte, eine „utopische Dimension“ vorhanden ist. Bei Leibniz gibt es eine Stufenfolge dieses Verhältnisses: Zuerst ist der Knecht nur ein Instrument des Herrn, danach begreift sich der Knecht als nicht nur vom Herrn abhängig und im dritten muss der Herr begreifen, dass auch der Knecht Mensch sein können muss.

Diese utopische Dimension ist in diesen Debatten als „bonum commune“ gegenwärtig. Ich denke, diese europäische Tradition sollte erschlossen werden in allen aktuellen Debatten um „Buen vivir“ bzw. die Commons!!!

In einem Pausengespräch musste ich die Erfahrung, dass in der DDR die Lektüre von Hegel nicht erwünscht war, leider weiter festigen. Eine Zeitgenossin erzählte, dass ein maßgeblicher Philosoph auf die Bemühungen einer Gruppe, sich Hegel im Original zu erschließen nur gemeint habe: „Da könnt Ihr auch Chinesisch lernen!“. Tja, das war es halt, was dazu führte, dass nur nachgebetet und zu wenig wirklich selbst so durchdacht war, dass es die „Wende“ hätte überstehen können!

Ein Interview mit Hans Heinz Holz gibt es auch in der aktuellen Jungen Welt zu lesen: „Revisionisten sind immer Kantianer“.