Die logisch-historische Ableitung der „biologisch-naturgeschichtlichen Gewordenheit“ nehmen in dem Buch von Ute Holzkamp-Osterkamp („Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung 1“) über 200 Seiten ein und die „neue Qualität der gesellschaftlichen Entwicklung“ (ebd.: 229) weitere 150 Seiten. Sie kann deshalb hier nicht einmal ansatzweise angemessen referiert werden. Festzuhalten sind jedoch folgende Ergebnisse:

  • Dadurch, dass Menschen durch Arbeit ihre eigenen Lebensbedingungen schaffen, sind die veränderten bzw. hergestellten Gegenstände Vergegenständlichungen menschlicher Zwecke und Fähigkeiten (ebd.: 233) im Kontext der „übergreifenden Notwendigkeiten der Lebenssicherung“ (ebd.: 235) und tragen Bedeutungen, die über die Phase der unmittelbaren Nutzung hinausgehen (Das Spezifikum der menschlichen Werkzeugherstellung wird in der „geplante[n] Werkzeugherstellung für künftige Gelegenheit“ (ebd.: 232) gesehen).
  • Menschliche Tätigkeit bezieht sich auf diese bedeutungsvolle Umwelt innerhalb der jeweils konkreten historischen Entwicklungsstufe der Menschheit (ebd.: 235).
  • Die Bedeutungen, die über die unmittelbare Verwendung hinaus in den Vergegenständlichungen gegeben sind, müssen individuell angeeignet werden. (ebd.) Die Möglichkeit und Notwendigkeit zur individuellen Aneignung der Bedeutungen wurde im naturgeschichtlichen Entwicklungsprozess in die Gene der Menschen „eingeschrieben“, da ihre Verwirklichung für ihre Vorfahren entwicklungsnotwendig war. Zu diesen anzueignenden Bedeutungen gehören auch die Bedeutungen der Tätigkeiten anderer Menschen im arbeitsteiligen Reproduktionsprozess sowie anderer Faktoren der gesellschaftlichen Lebensgewinnung.
  • Die Entwicklungsfähigkeit erhält neue Dimensionen: „Der Mensch kann nun aufgrund des in den vergegenständlichten Arbeitsprodukten festgelegten gesellschaftlichen Wissens und Könnens individuelle Anpassungsleistungen auf immer erweiterter Stufenleiter vollziehen, wobei in der Arbeitstätigkeit gleichzeitig die vom Menschen geschaffene und beherrschte Wirklichkeit immer mehr erweitert wird.“ (ebd.: 237). Auch die historische Weiterentwicklung der Werkzeuge (ebd.: 241) begründet die neue Qualität menschlich-gesellschaftlicher Entwicklung gegenüber der bloß biologischen.

Die dabei entwickelten „Formen gesellschaftlicher Lebenssicherung und -erweiterung“ (ebd.) zeichnen sich u.a. durch folgende Charakteristika aus:

  • Neue Qualität der Umweltkontrolle durch Antizipation von Gebrauchseigenschaften eines zu erarbeitenden Gegenstands, durch die Überwindung der Abhängigkeit von der Zufälligkeit der Lebensumstände, die systematische praktische Erforschung von Ursache und Wirkung….
  • Soziales Aufeinanderbezogensein bei Werkzeugherstellung und -gebrauch (ebd.: 242), d.h. die „Zusammenarbeit“ besteht aus „Unterordnung der Teilaktivitäten, […] Aufstellung der Zwischenziele und […] Umverteilung unter das anzustrebende sachliche Resultat und die verallgemeinerten Zielsetzungen der gegenständlichen Arbeit zur gemeinschaftlichen Lebenssicherung“ (ebd.).
    „Jeder Einzelne, weil er hier Einzelner ist, arbeitet für Ein Bedürfnis; der Inhalt seiner Arbeit geht über sein Bedürfnis hinaus; er arbeitet für die Bedürfnisse Vieler, – und so jeder. Jeder befriedigt also die Bedürfnisse Vieler und die Befriedigung seiner vielen besonderen Bedürfnisse ist die Arbeit vieler Anderer.“ (Hegel, JS III: 214)
  • Bewusstheit in dem Sinne, „daß in der vergegenständlichenden Veränderung der Realität zur gesellschaftlichen Lebenssicherung die generalisierten Ziele und Mittel zu ihrer Erreichung unabhängig vom aktuellen Handlungszusammenhang erfaßt werden können“ (Holzkamp-Osterkamp1977: 250). „Bewußte Lebenstätigkeit“ beinhaltet „planende Voraussicht künftiger aktueller Situationen und generalisierte Realitätskontrolle durch Bereitstellung der Mittel zu ihrer Bewältigung“ (ebd.). „Bewußte Realitätskontrolle“ ist dabei „die Veränderung einer als unzulänglich erkannten Lebenslage gemäß antizipierten verallgemeinerbaren Zielen“ (ebd.) Das heißt, dass „vorausschauende Planung und bewußte Schaffung von künftigen Bedingungen gesellschaftlicher Lebenssicherung […] sich als bestimmende Weisen der Lebenstätigkeit durchsetzen“ (ebd.: 252).

Folgen der Gesellschaftlichkeit

Zu diesen von Ute Holzkamp-Osterkamp genannten Charakteristika können aus Klaus Holzkamps späterer „Grundlegung der Psychologie“ (1983/1985) weitere wichtige Folgen der Gesellschaftlichkeit des menschlichen Lebens genannt werden:

Gesellschaftlichkeit bedeutet im Unterschied zur Gemeinschaftlichkeit, dass ein systemhafter Zusammenhang entsteht, dessen Strukturen und Eigenschaften nicht mehr nur als Summe seiner Teile bzw. Interaktionen verstanden werden kann. In der Systemtheorie gibt es dafür den Begriff der „Emergenz“. Zu den Eigenschaften der Gesellschaft im Unterschied zu bloßen Gemeinschaften gehört es, dass die einzelnen Menschen nicht in direkter Weise Zugriff auf ihre Strukturen und Funktionsweisen haben. Das übergeordnete System entsteht und wird ständig wieder erzeugt durch das Handeln der in ihm wirkenden Menschen, aber es bildet Gesetzmäßigkeiten aus, die Rahmenbedingungen für das Handeln werden, so dass die Systemstrukturen und -eigenschaften immer wieder erneut reproduziert werden und der direkten Einflussnahme durch Einzelne entzogen sind. Das systemische Ganze behält seine Systemeigenschaften, wenn die in ihm enthaltenen Teile seine Struktur immer wieder reproduzieren. Die wechselwirkenden Teile sind dabei in ihrem Verhalten nicht direkt und unmittelbar festgelegt. Diese Nicht-Festlegung des Verhaltens der im Ganzen doch systemerzeugenden Teile ist die Grundlage für eine wichtige menschliche Eigenschaft: Menschen sind als gesellschaftliche Individuen, aber ihr Handeln leitet sich nicht direkt und unmittelbar aus den gesellschaftlichen Strukturen ab. Gesellschaftliche Strukturen bilden Rahmenbedingungen, innerhalb derer die Menschen unterschiedliche Möglichkeiten des Handelns haben. Nicht jedes Individuum muss sich stets und gleichermaßen an der Aufrechterhaltung des Ganzen beteiligen. Tiere dagegen bilden keine solche Gesellschaft – jedes Tier muss sich auch in sozialen Gruppen unmittelbar an den zum Überleben notwendigen Aktivitäten beteiligen.

Die Unterscheidung zwischen gesellschaftlichen Handlungsnotwendigkeiten und dem, was das Individuum als Handlungsmöglichkeit erkennt und aufgreift wirkt sich auch auf die Welterkenntnis aus: menschliche Individuen können nicht nur, sondern sie müssen immer wieder auswählen unter den Handlungsmöglichkeiten und stehen deshalb in einer gnostischen Distanz gegenüber der Welt. Menschliche Handlungen, auch wenn sie von anderen oder durch Umstände erzwungen sind, sind begleitet von eigenem Denken. Auch ein Sich-Zwingen-Lassen ist eine oft äußert sinnvolle Handlungsmöglichkeit und negiert nicht die grundsätzliche Möglichkeit, anders darüber denken und anders handeln zu können. Menschen sind, wie die Existentialisten sagen, dazu verdammt, ihre Entscheidungen zu treffen, sie verhalten sich bewusst zu den Handlungsmöglichkeiten.

Der gesellschaftliche Charakter von psychischen Grundlagen, Verhaltensmöglichkeiten und Handlungshorizonten zeigt sich vor allem dadurch, dass die Unmittelbarkeit der Beziehungen zwischen Organismus und Umwelt durchbrochen wird und gesellschaftliche Vermittlungsfaktoren vom Individuum aus jeweils in besonderer Weise wahrgenommen und aufgegriffen werden.

beduerfnis-2

Die „Natur“ und das „Wesen“ der Menschen

Diese allgemeinen, d.h. „überhistorischen“ Charakteristika des menschlichen Lebens haben sich herausentwickelt aus Lebensnotwendigkeiten. In historisch langen Zeiträumen hat sich die für Menschen „spezifische individuelle Lern- und Entwicklungsfähigkeit“ entwickelt und wurde zur „Natur des Menschen“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 330). Die „menschliche Natur“ ist so der „Inbegriff spezifisch menschlicher biologischer Entwicklungsmöglichkeiten des konkreten Individuums“ (ebd.: 332). Diese Entwicklungsmöglichkeiten können sich jeweils nur in bestimmte konkret-historisch vorliegende gesellschaftliche Verhältnisse hineinentwickeln. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse bilden nach Marx das „menschliche Wesen“ (ThF, MEW 3: 6).

„Dies bedeutet, daß die „menschliche Natur“ als Entwicklungspotenz zur individuellen Vergesellschaftung eine empirische Eigenart der artspezifisch biologischen Ausstattung darstellt, deren Realisierung aber stets im Hinblick auf historisch bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse erfolgt, so daß sie individualgeschichtlich niemals als „allgemeine“, „abstrakte“ im Individuum hockende Essenz erscheint, sondern immer und notwendig als Realisierungsweise des menschlichen Wesens in konkret-historischer Form.“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 332).

Die allgemeinen Charakteristika des Menschen sind nicht Bestandteil eines irgendwie herbeidefinierten „Menschenbildes“, sondern nur jene Populationen unserer menschlichen Vorfahren, die diese Charakteristika entwickelten, überlebten die vielfältigen biologischen Selektionsprozesse. Sie können auch nicht verloren gehen im Verlaufe der Entwicklung, sondern nur ihre Erscheinungsformen ändern. Deshalb ist es unpassend, von „Entfremdung“ zu sprechen und dabei anzunehmen, „eigentlich“ komme den Menschen dies oder jenes zu, von dem sie sich entfremdet hätten und wozu sie wieder zurück zu finden hätten.

Dagegen kann es im weiteren Verlauf der historischen Entwicklung durchaus geschehen, dass besondere historische Erscheinungsformen dieser menschlichen Charakteristika unzureichend sind, um neue Entwicklungsherausforderungen erfolgreich zu meistern. Wenn die Menschheit in gesellschaftlichen Verhältnissen verharrt, die es ihr nicht ermöglichen, die Annäherung an bzw. Überschreitung der Planetaren Grenzen kreativ zu bewältigen, wenn z.B. gesellschaftliche Kontrolle und Vorsorge an Geld und Kapital als Vorsorge- und Kontrollmittel gebunden bleibt, so kann die Existenz der Menschheit an ihr Ende kommen.

Advertisements