Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Im Stigmergie-Konzept bleibt das Gesamte den einzelnen Menschen weiterhin verborgen. Sie beziehen sich nicht auf das Gesamte, sondern beziehen sich nur auf die Teilaufgabe, für die sie auch nur das wissen müssen, was sie für die Aufgabe wissen müssen. Das ist nicht zufällig, denn die Herkunft dieser Metapher aus dem Zusammenwirken von Termiten beinhaltete auch schon, dass die Termiten nicht darüber kommunizieren brauchen, „wer wann wo was und wie zu tun hat“ (Heylighen 2007: 174). Es können damit erstaunliche Termitenhaufen entstehen. Bei Wikipedia zeigt sich aber schon, dass deren Gestaltung nicht nur in der Summe des Abarbeitens der roten Links besteht, sondern wesentlich in der aktiven Aufrechterhaltung und Gestaltung der gesamten Infrastruktur – an der sich nur ein Bruchteil der insgesamt Beteiligten beschäftigt. Aber auch so wären nicht wirklich sachlich komplex ineinander verwobener Produktionsprozesse zu gestalten – überhaupt geht der Gestaltungsanspruch fürs Ganze verloren oder wird an jene delegiert, die in den „Hubs“ dafür sorgen. Da diese dann eingreifen in die Infrastrukturgestaltung und -festlegung – für die es keine Alternativen geben kann, wenn sie das globale Netzwerk betreffen – kann hier nur sehr träumerisch an das ewige Fortbestehen einer nur eingebetteten Allgemeinheit geglaubt werden.

Das Nutzen stigmergischer Netzwerke entlastet natürlich davon, als Individuum selbst in allen Lebensbereichen von der lokalen Ebene bis zur globalen hin mitmischen zu müssen. Allerdings bedeutet dies auch, dass ich einen großen Teil an Entscheidungen nicht mit treffen werde. Dies ist wahrscheinlich unaufhebbar, wenn ich von einem Systemcharakter des jeweiligen übergreifenden Netzwerkes ausgehe (Emergenz). Problematisch wird es, wenn auf diese Weise zwar für die „verallgemeinerten Anderen“ mit gearbeitet wird aber die Gestaltung des Stigmergie-Netzes als des Zusammenhanges, der alles umgreift und damit bestimmt, den Menschen entzogen ist. Worauf ich damit hinaus will: Es geht nicht nur um eine Enthierarchisierung der (horizontalen) Beziehungen zwischen Menschen, sondern auch um eine neue (vertikale) Beziehung des Einzelnen gegenüber dem Ganzen. Alle Aussagen darüber, dass sich keine* mehr „auf Kosten anderer“ entfalten könne, oder dass „die individuelle Entfaltung zur Voraussetzung für die individuelle Entfaltung aller anderen Menschen“ (S&M: 155) wird, bezieht sich auf die horizontalen zwischenmenschlichen Beziehung (ob inter- oder transpersonal). Wie steht es aber um das Verhältnis der Einzelnen zum Ganzen? Ist das Ganze das mehr oder weniger zufällig aus dem Zusammenwirken der Individuen (emergent) entstehende Gesamtsystem? Wenn wir von „Freiwilligkeit“ und „kollektiver Verfügung“ als Grundbausteine des „Commonismus“ ausgehen, so könnten Menschen durchaus freiwillig und kollektiv irgendetwas Beliebiges beschließen und ausführen. Jeder einzelne Mensch könnte dann in dieses Gesamte nicht sein ganzes Vertrauen legen. Denn die allgemeine „Möglichkeit des Menschen“ umfasst nicht nur das von uns Gewünschte und unter inklusionslogischen Bedingungen vielleicht Nahegelegte. Es bleibt möglich, dass Menschen nicht nur aus „guten Gründen“ handeln, sondern aus schlechten.

Die vorausgesetzte Konflikthaftigkeit des Aushandelns der Bedürfnisse mag für Menschen, die davon ausgehen, ihre Bedürfnisse in gleichem Maße „stark“ zu machen wie andere, auch eine erwünschte Dynamik sein. Für andere jedoch wäre eine gewisse regelhafte Festlegung von Gerechtigkeit von Vorteil, weil sie sich bzw. ihre Lebenskraft nicht stets und ständig diesen Konflikten aussetzen wollen. Das Einbeziehen der Bedürfnisse anderer oder von sachlichen Erfordernissen weitab vom eigenen konkret Erlebten wird auch immer schwerer sein als die Einbeziehung der Bedürfnisse der jeweils näheren Menschen und erlebbaren Sacherfordernissen. Der Glaube daran, dass es unter den geeigneten Bedingungen für alle Menschen subjektiv funktional sei, andere Bedürfnisse und Erfordernisse als die eigenen oder nächsten von sich aus einzubeziehen, stützt sich lediglich auf die These, dass ein Handeln „ auf Kosten anderer“ letztlich zu einer Selbstschädigung führt.

Dieses Argument hat in der Kritischen Psychologie lediglich in der Analyse der restriktiven Handlungsfähigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft. Unter diesen Bedingen ist jedes Handeln „auf Kosten anderer“ eine Stärkung der herrschenden Kräfte, weil man sich dadurch „an der Unterdrückung aktiv“ beteiligt (Holzkamp 1983: 377). (Dieses Argument gilt übrigens so nicht mehr, wenn man die von Simon und Stefan vertretene Kapitalismusauffassung – siehe 3.2.1. – vertritt, weil es dabei keine unterschiedlichen Menschengruppen als „herrschende Kräfte“ bzw. „Unterdrückte“ mehr vorkommen, sondern die „verallgemeinerte Tauschwirtschaft“ das Hauptproblem sein soll.) Jedenfalls soll die Beteiligung an der Unterdrückung anderer dazu führen, dass man „sich selbst zum Feind“ wird und ich dadurch „meine eigene Basis wirklicher langfristiger Handlungsfähigkeit immer mehr verringere“ (ebd.). Diese Überlegung zur restriktiven Handlungsfähigkeit wird nun von Simon und Stefan

  • erstens verallgemeinert und es wird davon ausgegangen, dass letztlich alle wesentlichen gesellschaftlichen Probleme durch Handlungen, die „auf Kosten anderer“ stattfinden gekennzeichnet sind (denn mit einem Aufheben dieser Verhältnisse und der Einführung von sog. inklusionslogischen Verhältnissen sollen diese Probleme im wesentlichen entfallen).
  • Zweitens wird angenommen, dass dieses Verhalten „auf Kosten anderer“ wegen der Selbstfeindschaft Leiden erzeugt und deshalb möglichst vermieden würde.
  • Daraus wird Drittens gefolgert, dass es für Menschen unter inklusionslogischen Bedingungen naheliegt, immer die Bedürfnisse (aller) anderen einzubeziehen, weil sie ja das Leiden darunter, sich selbst zu schädigen, vermeiden wollen.

Ich denke, diese Schlüsse sind alle sehr idealisiert und nicht in dieser Form gesellschaftstheoretisch verallgemeinerbar. Man kann die Argumente in die „Wunschkiste“ legen, und hoffen, dass sie sich geschichtlich wenigstens ein wenig auswirken könnten. Aber auf diesen schwachen Vermutungen die ganze Konstruktion der inklusionslogischen Gesellschaft zu verankern wird sich höchstwahrscheinlich als zu schwache Konstruktion erweisen. Letztlich wird es immer eine Abwägung geben beispielsweise zwischen dem Leid, dass vielleicht tatsächlich durch die Verletzung der Bedürfnisse anderer entsteht und möglichem Leid, das durch den Verzicht auf Bedürfnisse zugunsten anderer bzw. die Konflikthaftigkeit des Aushandelns entsteht. Das Konzept des ständigen konflikthaften Aushandelns bevorzugt eindeutig Menschen mit starker Durchsetzungskraft, während andere lieber von vornherein zurückstehen. Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Übrigens ist es sicher auch kein Zufall, dass das Thema der „Gerechtigkeit“ nur als Beispiel für „ethische Überzeugungen“ vorkommt (S&M: 216), die aufgrund der „Veränderung der Handlungsbedingungen“ als nicht weiter wichtig angenommen werden.

Es braucht letztlich auch für das Ganze ein konkret bestimmtes Regelwerk und Institutionen, die die gewünschte Funktionsweise der Prinzipien absichern. Die dauernde Geltung der genannten Prinzipien ergibt sich z.B. nicht einfach aus einem einmal geschlossenen neuen „Gesellschaftsvertrag“ als veränderlicher „Wille Aller“. Diese Geltung muss zum „allgemeinen Willen“ werden, d.h. ständig aktiv erhalten und ggf. wiederhergestellt werden. Dieses Allgemeine soll sich natürlich nicht wieder verselbständigen, es soll ein Allgemeines sein, in dem das Besondere (Individuum) „in ihr bei sich“ sein kann (HW 10: 303). Simon und Stefan nennen dies „eingebettete Allgemeinheit“ (S&M: 186), Hegel nannte es „Sittlichkeit“(vgl. Schlemm 2011b).

Wenn die Konstruktionspläne hierfür nicht weiterhin in der „Wunschkiste“ verbleiben sollen, müssten sie aber gesellschaftstheoretisch besser durchdacht werden.

Advertisements