Klassen-Antagonismus trotz Charaktermasken-Identität?

Am Ende des 23. Kapitels des „Kapital“ bleibt wahrscheinlich vor allem die Ungleichverteilung von Reichtum und Armut im Gedächtnis. Letztlich verlaufen die Bruchlinien an dieser Stelle zwischen den beiden Hauptklassen des Kapitalismus, den Kapitalisten und den Proletariern. Für letztere gibt Marx in diesem Kapitel übrigens eine vorläufige Definition an: Proletarier sind demnach jene, deren Arbeitskraft gekauft wird, um Kapital zu verwerten, wobei sie Mehrwert für den Kapitalisten produziert (MEW 23: 647). Daran kann man kritisieren, dass der Kapitalist sich den Mehrwert aneignet, man kann aber auch weiter gehen in der Kritik und die Orientierung des Produktionsprozesses an der Kapitalverwertung statt an der menschlichen Bedürfnisbefriedigung kritisieren. Robert Kurz gehört zu jenen, denen jeweils die Kritik an der Mehrwertaneignung nicht ausreicht.

Robert Kurz und Ernst Lohoff behaupten in ihrem Text „Der Klassenkampf-Fetisch“, dass die „Arbeiterklasse“ letztlich auch nur eine „Charaktermaske des variablen Kapitals“ sei. Diese Position der Identität aller Gesellschaftsmitglieder im Kapitalismus als letztlich bürgerliche „Charaktermasken“ des sich selbst verwertenden Werts, des Kapitals sehen sie gefährdet durch die Ansicht der von ihnen vehement kritisierten marxistischen Position einer Klassenspaltung, der „klassenmäßigen“ Nicht-Identität. Um nichts in der Welt wollen sie in Betracht ziehen, dass aus dem Zyklus der Selbstverwertung des Werts irgend etwas heraus fallen oder herausdrängen könnte, denn der Wert ist der Wert ist der Wert… Der Klassenkampf kann deshalb nach Kurz und Lohoff nicht mehr sein als „die Bewegungsform des Fetischismus selbst, die wiederum identisch ist mit der Selbstbewegung des Kapitals“. Richtig ist, dass es falsch wäre, die Klasseninteressen des Kapitals einseitig mit der Kategorie der „abstrakten“ Arbeit zu verbinden und das Klasseninteresse der Arbeiterklasse mit der „konkreten Arbeit“. Falls dies tatsächlich in irgendeiner Marxismus-Gruppe gemacht wurde, sei der Kritik von Kurz und Lohoff hier zugestimmt.

Aber es gibt nicht nur die beiden konstruierten Alternativen:

  1. Kapitalisten vertreten „abstrakte“ Kapitalinteressen; Arbeiter dagegen „konkrete Gebrauchwertinteressen“ ODER
  2. Kapitalisten und Arbeiter vertreten beide Kapital=Wert-Interessen.

Sondern zumindest die wirklich arbeitenden Menschen stecken in einem widersprüchlichen Verhältnis, in dem sie Güter zur Bedürfnisbefriedigung herstellen, aber in Verhältnissen, in denen die Wertverwertung, d.h. die Kapitalakkumulation bestimmend ist. Ein solches widersprüchliches Verhältnis ist dadurch gekennzeichnet, dass das eine Moment dem anderen entgegengesetzt ist (abstraktes Kapitalverwertungsmoment ist dem konkreten Nutzen entgegengesetzt und umgekehrt), sondern dass das eine das andere auch enthält (Nutzen für den Gebrauch wird nur wertmäßig berücksichtigt und der Tauschwert wird nur realisiert, wenn die Kunden einen Nutzen zu kaufen vermeinen). Diese Widersprüchlichkeit würde außer Kraft gesetzt, wenn man jedes Moment mit einer Menschengruppe als getrennte Klassen zusammendenken würde – aber auch die platte Ineinssetzung unter der Identität der Wertverwertung des Werts macht die wesentlichen Unterschiede unsichtbar (abgesehen von ziemlich grundsätzlichen Fehlern in der Deutung der dialektischen Argumentation gleich im ersten Absatz des Artikels.)

In den bisher ausgeführten Interpretationen des Kapitels 23 ist bereits enthalten, dass hier durchaus nicht nur die Aneignung des Mehrwerts durch die Kapitalisten kritisiert wird, sondern dass die Produktion (auch die konkrete Arbeit) im Kapitalismus (auch der Gebrauchswerte) grundsätzlich nach Maßgabe der Wertverwertung bzw. der Kapitalakkumulation erfolgt und nicht nach Maßgabe menschlicher Bedürfnisse. Trotzdem geht es darum, die enthaltenden Gegensätze nicht aus den Augen zu verlieren. Es wäre tatsächlich verkürzt, dieses Kapitel nur als „Verelendungs-Theorie-Kapitel“ zu lesen. Es geht nicht nur um die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, sondern darum, dass „der Arbeiter für die Verwertungsbedürfnisse vorhandner Werte, statt umgekehrt der gegenständliche Reichtum für die Entwicklungsbedürfnisse des Arbeiters da ist.“ (MEW 23: 649)

Vielleicht ist diese Dimension der Kritik am Kapitalismus bisher tatsächlich angesichts der Skandalisierung der ungerechten Reichtumsverteilung zu kurz gekommen. Umso wichtiger wird sie in Zeiten, wo die Reichtumsverteilung kaum noch jemanden zu interessieren scheint.

Der Skandal ist also nicht nur die Verarmung von Menschen, sondern die Ausrichtung der Produktion auf Kapitalakkumulation und Wertverwertung statt Bedürfnisbefriedigung. Klassenkampf muss sich also nicht nur auf den Kampf um die Rückgewinnung von möglichst viel Mehrprodukt richten, sondern darauf, warum, wie, was und für wessen Interessen was produziert wird.

Warum, wie Kurz und Lohoff behaupten, sich das „Klasseninteresse des Proletariats“ „immer und unvermeidlich in der Wert- und damit Geldform geltend“ machen muss, und sich nicht in Richtung der radikaleren Kritik entwickeln könnte, ist mir schleierhaft. Gerade die arbeitenden Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen (also „Proletarier“ im marxschen Sinne) erleben die Widersprüchlichkeit der Verhältnisse: einerseits in Bezug auf die ungleiche Reichtumsverteilung, aber andererseits auch der grundsätzlichen Orientierung auf Kapitalverwertung statt Bedürfnisbefriedigung. Josef Falkinger (dessen Beitrag ich bei anderen Fragestellungen nicht zustimmen kann) nennt in seiner grundsätzlichen Kritik an Kurz und Lohoff viele Beispiele, von revolutionärer, nicht wertförmiger Selbstorganisation der kämpfenden Arbeiter. Denn arbeitende Menschen im Kapitalismus sind nicht nur Waren, sie sind gleichzeitig die Produzent_innen des gesellschaftlichen Reichtums, und ihr lebendiges Vermögen beinhaltet mehr als die verkaufte Arbeitskraft.

„Schrauben sind keine ProduzentInnen des gesellschaftlichen Reichtums. Das ist der Unterschied zwischen der Warenform der Schraube und der Warenform der Arbeitskraft. EinE ArbeiterIn ist eben keine sprachbegabte Schraube,sondern ein Mensch.“ (Falkinger)

Dies bestärkt die Überlegungen, die ich schon einmal anlässlich der Kategorie des „Arbeitsvermögens“ zusammen getragen hatte.

Historisch gesehen gibt es vermutlich tendenziell eine Verschiebung der Prioritäten. Angesichts offensichtlichem Elend lag und liegt die Priorität zuerst auf der Reichtumsfrage. Wo diese Probleme nicht mehr dominieren, verschieben sich auch die Kampflinien – nicht umsonst ist fordert die IGM seit mehreren Jahren vor allem ein „Gutes Leben“ und nicht mehr nur mehr Geld. Diese gewerkschaftliche Sicht wird nicht ausreichend sein, umso mehr kommt es darauf an, neue Formen der Thematisierung dieser Widersprüchlichkeit zu finden und zu etablieren.

Übrigens, das Spielchen der Gewerkschaft: „Bastle Dir dein Gutes Leben…“ ist gar nicht so schlecht:


Advertisements