Vorgestern hatte ich etwas zur Spiegelmetapher geschrieben, die in der Philosophie recht hilfreich sein kann, um sich sog. Reflexionsbeziehungen vorzustellen. Die Verwandtschaft von „Spekulation“ und „speculum“ (lat. für Spiegel) ist übrigens auch keinesfalls zufällig. In einem anderen Text verwende ich diese Metapher gerade und diesen Teil möchte ich hier auch vorstellen (leicht ergänzt am 11.1.). Es geht um die unter Marxist_innen bekannte Wertformanalyse (siehe dazu auch hier) im ersten Band des „Kapitals“ von Marx (MEW 23: 62-85). Dieses Kapitel ist grundlegend für das dort folgende Fetischkapitel (ebd.: 98; beides zusammen auch in MEGA II.5: 27-51), das ja häufig auch in politischen Debatten verwendet wird.

Marx beschreibt zuerst die erste oder einfache Form des Werts, in dem „das Geheimnis aller Wertform“ steckt (MEW 23: 63). Dabei dient eine Ware in ihrer Naturalform als Äquivalent (der Rock) und die andere Ware (die Leinwand) ermittelt ihren eigenen Wert durch ihre „Spiegelung“ an der Äquivalentform:

„Die Leinwand drückt ihren Wert aus im Rock, der Rock dient zum Material dieses Wertausdrucks. […] Der Wert der Leinwand kann …nur relativ ausgedrückt werden, d.h. in anderer Ware.“ (MEW 23: 63)
„Ihr Wertcharakter tritt hier hervor durch ihre eigne Beziehung zu der andern Ware.“ (ebd.: 65)
„Vermittels des Wertverhältnisses wird also die Naturalform der Ware B zur Wertform der Ware A oder der Körper der Ware B zum Wertspiegel der Ware A.“ (ebd.: 67)

Damit sind wir direkt bei der „Spiegelmetapher“. Die Ware, deren Wert gesucht wird, steht hier für das Objekt, das gespiegelt wird und die Ware in Äquivalentform stellt den Spiegel für diese ihren Wert suchende Ware dar. Der Wert ist dann so etwas wie das Spiegelbild des Objekts.

Für die Beziehung Objekt – Spiegel – Spiegelbild gilt:

Spiegelmetapher 2

  • Das Objekt spiegelt sich im Spiegel, der Spiegel dient zum Material dieser Spiegelung.
  • Das Spiegelbild kann sich nur im Spiegel zeigen.
  • Das Spiegelbild tritt nur hervor durch die Beziehung des Objekts zum Spiegel.

Hans Heinz Holz schreibt zu dieser Struktur: „im Spiegel ist die Sache selbst und doch nicht die Sache selbst, sondern ihr Spiegelbild zu sehen“ (Holz 2005: 210). In dieser allgemeinen Struktur gibt es bereits einen „notwendigen Schein“: betrachten wir diese Situation vom Spiegel her. Er enthält das Objekt (als Spiegelbild), er „greift über“. Wenn wir als Spiegel das Bewusstsein betrachten, als Objekt die Gegenstände der realen Welt, so entsteht aus der Perspektive des Bewusstseins (des Spiegels) notwendigerweise der Schein des Idealismus. (ebd.: 107)

In derselben Weise gilt für die Beziehung Ware in relativer Wertform – Ware in Äquivalentform – Wert der Ware in relativer Wertform:
Spiegelmetapher 3

  • „Die Leinwand drückt ihren Wert aus im Rock, der Rock dient zum Material dieses Wertausdrucks.“
  • „Der Wert der Leinwand kann …nur relativ ausgedrückt werden, d.h. in anderer Ware.“
  • „Ihr Wertcharakter tritt hier hervor durch ihre eigne Beziehung zu der andern Ware.“

Das Objekt ist das bestimmte Verhältnis der Produzenten, in der Warenform nimmt es die Form eines Verhältnisses von Gegenständen an. „Die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit“ werden „ als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst […] zurückspiegelt“. Die Ware also spiegelt den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit zurück, aber in einer bestimmten Form.

Aus der Perspektive des Objekts gesehen, bzw. von außen her, ist das Spiegelbild die Erscheinung des Objekts. Das Spiegelbild ist eine Erscheinung des Objekts selbst, es ist das Objekt, als von sich unterschieden. Hier liegt nun eine „ontologische“ Betrachtung vor, in der das Objekt übergreifend ist über sich selbst und sein Gegenteil, das Spiegelbild. Die „gegenständliche[n] Charaktere der Arbeitsprodukte“ sind Erscheinungen der gesellschaftlichen Charaktere der Arbeit im Kapitalismus und das Verhältnis der Produzenten „greift über“ seine Erscheinungform, das Verhältnis von Gegenständen.

Dem Spiegeln liegt hier zugrunde, dass beiden Waren, derjenigen in relativer Wertform und derjenigen in Äquivalentform, gleichermaßen menschliche Arbeit zugrunde liegt.
Für den gesuchten Wert der einen Ware gilt nun: „Der Wert der Ware Leinwand wird […] ausgedrückt im Körper der Ware Rock, der Wert einer Ware im Gebrauchswert der andern.“ (ebd.: 66).

Hierin steckt im Keim das Fetischverhältnis: Der Wert, der letztlich ein gesellschaftliches Verhältnis ist, wird ausgedrückt im Gebrauchswert der anderen Ware, also eines Dings. Marx formuliert mehrere “Eigentümlichkeiten“ der Äquivalentform (hier also des Rocks):

  • Der Gebrauchswert (der Ware in Äquivalentform) wird zur Erscheinungsform seins Gegenteils des Werts (der Ware in relativer Wertform) (ebd.: 70)
  • Konkrete Arbeit wird zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit (ebd.: 73).

In der relativen Wertform verbirgt sich jeweils ein gesellschaftliches Verhältnis (ebd.:71). Damit sind wir beim Fetisch:

„Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.“ (MEW 23: 86)

Spiegelmetapher 4

Das heißt man kann nicht die „gesellschaftlichen Charaktere der eigenen Arbeit“ gegen die „gegenständlichen Charaktere der Arbeitsprodukte“ ausspielen oder umgekehrt. Es ist nicht so, dass im Kapitalismus der „gesellschaftliche Charakter“ verschwunden wäre, und den rein gegenständlichen, sachlichen Beziehungen Platz gemacht hätte. Nein, beides ist vorhanden: auch die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse sind gesellschaftliche Verhältnisse, aber sie haben gegenüber anderen gesellschaftlichen Verhältnissen die Besonderheit, dass sie die spezifische Form der gesellschaftlichen Verfasstheit spiegeln. Diese Spezifik besteht darin, dass hier Menschen als voneinander Separierte im Besitz von Produktionsmitteln und ihrer Arbeitskraft sind, wobei typischerweise gerade das Eigentum an Produktionsmitteln und an Arbeitskraft nicht im gleichen Menschen zusammen treffen, so dass eine Gruppe Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen muss, um als lebendiges Wesen zu überleben, während die andere die Arbeitskraft kauft und alleinig über den Zweck der Produktion bestimmen kann. Was sie bestimmen kann ist ihr aber auch vorgegeben: „Es muss sich rechnen“ – was im Kapitalismus heißt: Es muss Profit bringen – was die allgegenwärtige Konkurrenz erzwingt. Durch diesen Flaschenhals muss alles und insofern bestimmt ein sachlicher Zusammenhang (Mehrwert, Mehrwert, Mehrwert, auch auf Kosten von Mensch und Natur) über die gesellschaftlichen Beziehungen anstelle von bewussten, gemeinsam abgestimmten Entscheidungen von Menschen…

Aber, und darauf sollte dieser Text auch hinaus: Es sind nicht wirklich die Dinge, die sachlichen Verhältnisse, die über alle Menschen herrschen – sondern es sind unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, dass die Eigentumsverhältnisse so eingerichtet ist, dass wir dieser Profitlogik unterworfen sind… Und in unserem Verhalten beziehen wir uns auf diese Verhältnisse – sie unterstützend oder sie kritisierend… und vielleicht auch mal verändernd.

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