Das Problem der „materialistischen Umstülpung“

Marx schrieb im Nachwort zur zweiten Auflage des „Kapitals“, dass seine dialektische Methode das „direkte Gegenteil“ (MEW 23: 27) der Hegelschen wäre. Das, was er als das „Rationelle“ von Hegel übernehmen will, sind die „allgemeinen Bewegungsformen“:

„Die Mystfikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“ (MEW 23: 27)

Was wissen wir über diese allgemeinen Bewegungsformen und ihre Umstülpung?

1. Gesetz von der Einheit und dem „Kampf“ der Gegensätze

Hegel spricht von Gegensätzen im Begriff von etwas. Bei der materialistischen Umstülpung wird angenommen, dass den gedachten gegensätzlichen Momenten auch etwas in der objektiven Realität entspricht. Es wäre aber ein empiristisches Missverständnis, wenn diese Entsprechung in Form von unmittelbar vorfindlichen Tatsachen gesucht würde.

1a) Die gegensätzlichen Momente der Arbeit im Kapitalismus, ihr abstraktes und ihr konkretes Moment, kann man nicht „direkt sehen“, sie zeigen sich in der Art und Weise, wie der Widerspruch, der sich durch ihren Gegensatz bei gleichzeitiger Einheit ergibt, in der real ablaufenden Bewegung der Arbeit im Kapitalismus seine (relativen) Lösungsformen findet. Dies ist eine Möglichkeit, sich auch materialistisch auf die von Hegel in die Philosophie eingeführte Widersprüchlichkeit zu beziehen. Dabei sind beide Momente die Momente dieser Einheit, und keine weist von sich aus über diese Einheit hinaus.

1b) Die andere Möglichkeit, die mit der ersten häufig vermischt wird, geht davon aus, dass einer der Gegensatzpole für das Alte steht und einer für das Neue und ihr Kampf letztlich zur Veränderung der Qualität führt (also das Moment der Diskontinuität in der zeitlichen Entwicklung verkörpert), wobei die Einheit der Gegensätze das Moment der Kontinuität im zeitlichen Prozess verkörpert.

Bei der zuerst genannten Möglichkeit (1a) führt der Widerspruch nicht von sich aus zur Negierung des Gesamtzustands/des Verhältnisses, sondern die Reproduktionsbewegung des Verhältnisses ist gerade die Lösungsform des Widerspruchs. Gebrauchswert, konkrete Arbeit und auch lebendige Arbeitskraft sind lediglich Momente der übergreifenden kapitalistischen Einheit Wert, Arbeit bzw. Kapital. Sie sind nicht das darüber hinaus Weisende. Bei Hegel enthält die Kategorie des „Werdens“ die Kategorie des „Seins“ und des „Nichts“. Das „Nichts“ geht nicht verloren im „Werden“. Das „Werden“ ist nicht nur die höhere Form des „Seins“, sondern auch des „Nichts“. Die Kategorie des „Gattungslebens“ enthält „Lebendiges“ und den „Tod“. Das Gattungsleben beruht auf beidem, es ist nicht nur die höhere Form des „Lebendigen“, bei dem der „Tod“ verloren ginge. Deshalb ist eine direkte Übertragung der Vorstellung der inneren Widersprüchlichkeit auf zeitlich veränderliche Verhältnisse nicht angemessen. Beim Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus soll der Tauschwert (und der Wert als Verhältnis), die abstrakte Arbeit (und die kapitalistische Lohnarbeit) und das Kapital (ebenso wie die ausgebeutete lebendige Arbeitskraft) verschwinden. Das Übergreifende soll hier „die menschliche Entwicklung“ als Ganzes sein, wobei alle Formen, die sich dabei historisch ausgebildet haben, auch vergänglich sind.

2. Gesetz vom Umschlagen quantitativer in qualitative Veränderungen und umgekehrt

Die Aussage, „Wenn H2O auf eine Temperatur von über 100°C erhitzt wird, liegt Wasser in Form von Dampf vor“ wird in der Aussagenlogik eine materiale Implikation genannt. Der nach „wenn“ genannte Faktor gilt als Bedingung für den nach „dann“ genannten Faktor. Es geht dabei nur um die Wahrheit oder Falschheit von Aussagen, nicht um zeitliche Zustandsveränderungen. Darum geht es erst, wenn man davon ausgeht, dass sich Bedingungen im Laufe der Zeit ändern und deshalb sich das, was von den Bedingungen abhängt, auch ändert.

3. Gesetz der Negation der Negation

Im Denkprozess ergibt sich die Negation der Negation daraus, dass der Gegenstand „zuerst genommen wird, wie er ist, dann wie er sich widerspricht, endlich wie er die concrete Identität der Entgegengesetzten ist“ (Erdmann 1864: 8-9, § 15). Die erste Sicht auf den Gegenstand „wie er ist“ wird negiert durch die Erkenntnis des Widerspruchs, die wiederum negiert wird durch das Begreifen der „concreten Identität der Entgegengesetzten“. Weder die erste, noch die zweite Erkenntnis- bzw. Darstellungstufe erreicht die ganze Wahrheit, sondern erst die Negation der Negation.

Materialistisch wurde diese „allgemeine Bewegungsform“ übertragen auf reale Zustände, bei denen Formen mit einer neuen Qualität immer noch in bestimmter Weise auf die vorherige Qualität verweist.

Bleiben die genannten Voraussetzungen der Dialektik bei dieser Umstülpung erhalten?

  • Das Umfassende, die höhere Einheit, aus der sich ihre besonderen Momente sowie ihre Gegensätzlichkeit in der Einheit erklären lassen, muss schon vorhanden sein („an sich“).
    Zu 1a)
    Die kapitalistische Arbeit ist immer schon da, wenn man ihre Gegensätze und deren Einheit begrifflich erfasst. Und sie muss möglichst weit entwickelt sein, damit diese Momente in großer Klarheiterkennbar sind. „Arbeit“ ist „eine ebenso moderne Kategorie wie die Verhältnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugen“ (Marx MEW 42: 38). Deshalb schreibt Marx auch: „Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutungen auf Höhres in den untergeordneten Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist.“ (ebd.: 39).Zu 1b) Wenn der Kampf der Gegensätze auf den Kampf zwischen Neuem und Altem währen der Phase der Qualitätsveränderung eines (z.B. gesellschaftlichen) Zustandes bezogen wird, so wird es schwer, das „schon bekannte“ Höhere zu bestimmen. In einer kombinierten Geschichts- und Zukunftsphilosophie, wie sie etwa im Projekt „Keimform“ diskutiert wird (veröffentlicht z.B. hier), die auf die Abschaffung von Ausbeutung und Entwürdigung in allen Formen, also Kommunismus, abzielt, wird deshalb davon gesprochen, dass es „Kommunismus in aller Geschichte“ gibt (wovon z.B. hier berichtet wird).Dabei vollzieht sich die Entwicklung dieses Kommunismus aus seinen Frühformen, in denen seine vollständige Form erst „an sich“,d.h. der Möglichkeit nach, enthalten ist bis dahin, dass er umfassend verwirklicht ist.
  • Der Gegenstand bezieht sich auf sich selbst. Die erste Voraussetzung, dass die höhere Einheit vorausgesetzt wird, bedeutet auch, dass es im dialektischen Entwicklungsprozess genau diese Einheit ist, die sich entwickelt. Sie bezieht sich dabei auf sich selbst. Eine solche Einheit wäre für die eben diskutierte Problematik die „gesamte menschliche Entwicklung“.Eine dialektische Betrachtung dieser Entwicklung überträgt dann die „allgemeine Bewegungsform“ der Negation der Negation auf diese menschliche Entwicklung und es entsteht die Vorstellung eines primären gesellschaftlichen Zustands, der in einer solchen Weise negiert wird, dass wesentliche vorherige Charakteristika verloren gehen (wie Gemeineigentum), bzw. wobei „Verkehrungen“ geschehen (dass z.B. im Kapitalismus nicht mehr unmittelbar die Menschen über ihr produktives Handeln entscheiden, sondern sie „entfremdet“ von ihren Lebensbedingungen, sich selbst und ihren Produkten sind und die von ihnen erzeugen Sachen mit ihrer Logik die Wirtschaft bestimmen). In einer dritten Phase werden diese „Verkehrungen“ bzw. die Entfremdung wieder negiert und das Gemeineigentum kehrt in höherer Form („gesellschaftliches Eigentum“ oder „Commons“) wieder zurück.Wenn man davon ausgeht, dass wir uns erst in der zweiten Phase dieser Entwicklung befinden, so ist dieses Konzept nicht nur eine Geschichtsphilosophie (denn die würde nur das bereits Geschehene thematisieren), sondern eine kombinierte Geschichts- und Zukunftsphilosophie.

    Hegels Philosophie der Weltgeschichte (HW 12) beschränkt sich auf die Geschichtsphilosophie und Hegel sieht in seiner Gegenwart die Prinzipien der vollständigen Entfaltung der Freiheit zumindest erkannt (mit seiner Philosophie), wenn auch noch nicht überall umfassend verwirklicht. (dazu im nächsten Beitrag mehr)

    Wie aber kann der „Prozess menschlicher Entwicklung“ sich auf sich selbst beziehen? Hegels Gedanke des „Weltgeistes“ ist eine stringente Antwort auf diese Frage. In der materialistischen „Umstülpung“ muss ein anderer Träger für dieses „sich selbst“ gefunden werden, wenn die Struktur der dialektischen Negierungen in gleicher Weise angenommen, bzw. in dem, was wir über diese Entwicklung wissen, erkannt wird. In der marxschen Theorie übernehmen anscheinend „die Produktivkräfte“ diesen Part. (Ergänzung siehe unten *)

Bei der materialistischen Umstülpung werden logische Entwicklungen zu zeitlichen uminterpretiert. Logische Negierungen (Lebendiges – Tod) werden zu gegensätzlichen Beziehungen (z.B. zwischen ausgebeuteter und ausbeutender Klasse), die zur Veränderung bestimmter gesellschaftlicher Formen führen. Dabei gehen jedoch Implikationen verloren. Wenn „Lebendiges“ durch den „Tod“ negiert wird, so ist das „Gattungsleben“ die höhere Einheit dieser beiden Momente. Das ist logisch notwendig. Wenn eine gesellschaftliche Klasse einer anderen gegenüber steht, so gibt es keine implikative Notwendigkeit für die weitere historische Entwicklung.

„Das Kapital vorausgesetzt, müssen wir beispielsweise die so genannte ursprüngliche Akkumulation als einen unvermeidbaren Vorgang begreifen. Das Kapital selbst aber ist weltgeschichtlich so wenig unvermeidbar wie es sich logisch aus seinen Voraussetzungen nicht erklären lässt.“ (Pohrt 1978)

Bei der Übertragung aus der Logik ins Historische entsteht also eine Begründungslücke. (Ausführlich zum Logischen und Historischen im nächsten Beitrag) Nicht umsonst spricht Marx von einer „Dialektik, deren Grenzen zu bestimmen“ seien (MEW 42: 43).

Wenn diese Lücke nicht gesehen wird, so entstehen teleologische Konzepte zur menschlichen Entwicklung.

Weltgeist


(*) Wenn es jedoch in Wirklichkeit „die Menschen“ sind, die Geschichte machen anstatt eines überindividuellen Subjekts, geht diese „sich selbst“ verändernde Entität verloren, denn „die Menschen“ verbürgen durch die einander abwechselnde Endlichkeit der Generationen keine überindividuelle Kontinuität.

Zu dieser Ansicht Marx und Engels:

„Die Geschichte tut nichts, sie ¸besitzt keinen ungeheuren Reichtum´, sie ¸kämpft keine Kämpfe´! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die ¸Geschichte´, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre – als ob sie eine aparte Person wäre – Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.“ (MEW 2: 98)


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