Wie der Titel dieses Beitrags war eine Informationsveranstaltung betitelt, die diese Woche in Jena stattfand. Eingeladen hatte das Europäische Informations-Zentrum in der Thüringer Staatskanzlei. Auf dem Aufsteller neben dem Rednerpult stand der Slogan „Reden Sie mit!“.

Erderwärmung

Zuerst redeten natürlich die eingeladenen Gäste, die Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz, Anja Siegesmund, Prof. Radermacher aus Ulm, F. Schafhausen und auf dem Podium nahm dann noch R. Hoffmann vom BUND Thüringen Platz.

Vor allem Franz-Josef Radermacher ging auf die aktuelle Klimalage ein. In seinen einleitenden Worten wollte er uns Zuhörer da „abholen“, wo er uns vermutete. Er meinte, dass Menschen in unseren Breiten wohl nichts dagegen hätten, wenn es etwas wärmer würde. Aber die armen Menschen in südlichen Ländern, die hätten doch schon genug Hitze. Nebenbei rutschte ihm auch noch die Bemerkung raus: „Deshalb ist der Wohlstand ja auch bei uns…“

Wasch mir den Pelz… Franz-Josef Radermachers Vortrag

Mit einem Diagramm, das er schon länger in Vorträgen verwendet (z.B. auch hier) erläuterte er dann, was seiner Meinung nach von politischen Klimaverhandlungen zu erwarten ist und was andere Akteure, d.h. die „Privaten“ noch machen müssen (damit meint er Unternehmen und uns, andere verwendeten später häufig die Bezeichnung “Zivilgesellschaft“ für die anderen Akteure).
radermacher

In diesem Bild ist die Menge an CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 in verschiedenen Szenarien dargestellt.

Um das Ziel, die globale Temperaturerhöhung auf 2 Grad zu beschränken, zu erreichen, dürfen demnach insgesamt nur noch 600 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre gebracht werden. Das würde bedeuten, dass zuerst die Emissionen einmal stark sinken müssen, danach kann die Senkung etwas langsamer weiter gehen. Dies stellt die grüne Kurve (4) dar.

Tatsächlich jedoch verläuft der Anstieg des CO2 weiterhin nach der roten Kurve (1) und ohne Erfolge bei den Klimaverhandlungen wird es auch so weiter gehen.

Nun ist laut Radermacher von vornherein nicht zu erwarten, dass die internationalen Klimaverhandlungen den Spalt zwischen der roten und der grünen Kurve schließen werden. Höchstens eine Senkung des Anstiegs entlang der schwarzen Linie (2) könne erwartet werden. D.h., durch die Ergebnisse von erfolgreichen Klimaverhandlungen werden ca. 500 Mrd. Tonnen Kohlendioxid nicht emittiert.

Die nun noch verbleibende Lücke zwischen dem, was die Politiker günstigstenfalls erreichen können (der schwarzen Linie 2) und dem, was notwendig ist, um den globalen Temperaturanstieg auf 2 Grad zu begrenzen (grüne Linie 4), was weiteren 500 Mrd. Tonnen Kohlendioxid entspricht, muss durch andere Akteure geschlossen werden: Unternehmen und Menschen wie Du und ich…

Wie soll das gehen?

Wir kommen damit zu der blauen Linie (3). Diese trennt im oberen Bereich das sog. „Stilllegungspotential“ vom unteren „Negativemissionspotential“.

Schauen wir zuerst auf die Stilllegung:

Gemeint sind hier Drosselungen der CO2-Emissionen über den von der Politik vereinbarten Rahmen hinaus. An dieser Stelle macht Rademacher einen sehr einfachen Vorschlag: Kauft doch einfach selber Rechte für die Emission von CO2-Gasen auf und zerreißt die dann bzw. lasst sie „stilllegen“! Seit 10 Jahren werden die Rechte, CO2 zu emittieren, gehandelt wie andere Waren (siehe hierzu Wikipedia). Das ist ein Versuch, das Klima mit den Mitteln der Marktwirtschaft zu retten. Leider sind die Preise für diese Zertifikate so gering, dass dieser Handel bisher so gut wie keinen Effekt hatte. Und solange die Preise so niedrig sind, mag der Vorschlag von Prof. Radermacher auch durchaus praktizierbar sein. Radermacher und andere „neutralisieren“ auf diese Weise z.B. ihre Flüge. Der Vermutung, dies stelle nur eine moderne Form des „Ablasshandels“ dar, wurde zwar in der Veranstaltung widersprochen, aber überzeugend war das für mich nicht. Daran ändert es auch nichts, dass einige Firmen und auch Regionen wie Hessen sich damit schmücken, ihre Klima“neutralität“ auf diese Weise herstellen zu wollen. Vor allem nicht, solange es eben so billig ist, dass es am „Business as usual“ absolut nichts ändert. (Wer es trotzdem ausprobieren möchte, dem schalte ich als „Werbeblock“ hier noch den Link zur entsprechenden Initiative des „Berliner Appells“). Grundsätzlich kann dieses Instrument nur funktionieren, wenn es so teuer wird, dass der wirkliche Treibhausgasausstoß reduziert wird, d.h. wenn der Flug gar nicht stattfindet. Und auch die 11 Tonnen, die meine Lebensweise pro Jahr in die Luft bläst, müssten auf etwas 2,7 Tonnen runtergedrückt werden. Das ist etwas ganz anderes, als bei billigen Preisen so zu tun, als würde man mit einem zerrissenen Zertifikat tatsächlich weniger CO2 emittieren.

Während wir täglich von Meldungen überrollt werden, dass die Industrie sich in keiner Weise wirklich von profitablen Auslagerungen der Schäden oder der Kosten auf die Gesellschaft abhalten lässt (VW-Abgasskandal; Kippen der Klimaabgabe für Kohlekraftwerke; alle möglichen Ausnahmeregelungen zur Erhaltung der „Wettbewerbsfähigkeit“), sollen wir glauben, dass der CO2-Zertifikatehandel noch in absehbarer Zeit tatsächlich so einschneidend wirkt in wirtschaftliche Tätigkeit, dass es wirklich „weh“ tut??

Aber nein, wirtschaftlich weh tun soll es ja auch gar nicht. In dem schon erwähnten Vortrag in Wien wird Radermacher deutlicher: Edas Ganze scheint nur denkbar zu sein, wenn das Ziel des Geldverdienens (für die Unternehmen) nicht in Frage gestellt wird. Ökoaktivitäten sollen selbst Geld einbringen oder wenigstens Reputation, die dann wieder Geld wert ist.

Dabei macht Radermacher auch deutlich, dass er gar nicht daran glaubt, dass das 2-Grad-Ziel noch zu erreichen sei:

„Wir werden das Klimaproblem nicht lösen, wir werden auch das 2-Grad-Ziel nicht einhalten. Aber natürlich werden alle unter Reputationsdruck irgendwas tun, was sie tun können…“

Was sie tun können, das ist neben dem Zertifikate kaufen auch etwas, das in den Bereich des „Negativemissionspotentials“ fällt: Da geht es um die sog. Biologische Sequestrierung, womit das Aufforsten, Aktivitäten zur Humusbildung und des Managements von Feuchtbiotopen gemeint ist, wodurch CO2 in der Natur eingelagert wird, was das Problem seiner Treibhausgaswirkung zumindest verzögert. Aufgeforstet soll vor allem in den Tropengebieten werden, die bisher schon kahlgeschlagen wurden. Und verdienen lässt sich daran auch noch: „Da kommt global ein gigantisches Business.“

In Jena sprach er dann noch, weil auch andere die Energiewende angesprochen hatten, davon, dass er ein „Neues Energiesystem“ als notwendig ansieht. Dass er kein einziges Mal etwas von „Erneuerbaren Energien“ sagte, ist wohl kein Zufall, wenn man im Internet (z.B. hier und hier) findet, dass auch Kernkraft zu seinem „Neuen Energiesystem“ gehört (auch dieses Wort vermied er bei seinem Vortrag).

… aber mach mir den Pelz nicht nass: Wachstum? Wachstum!

Radermacher machte mehrmals deutlich, dass er nichts davon hält, die Wachstumsorientierung in Frage zu stellen. Wachstum ist für ihn verbunden mit Wohlstand. R. Hoffmann vom BUND sprach dagegen sogar von „Verzicht“ und die grüne Ministerin A. Siegismund von einem „Umbau des Wirtschaftssystems“ und davon, dass wir neu zu diskutierten hätten, was Wohlstand überhaupt heißt für uns. Radermacher dagegen will an der gegenwärtigen Flüchtlingsbewegung auch sehen, was „die Leute“ wollen, nämlich so einen Wohlstand wie bei uns. Außerdem deutete er auch an, warum er vor so etwas wie einem „Umbau“ eher Scheu hat: „Die große Maschine hält uns alle am Leben und was daran zu verändern ist wie eine Operation am offenen Herzen und wenn das ins Stocken kommt, sterben Millionen…“.

Das Verrückte ist: Bei dem letzten Satz hat nicht ganz unrecht. Natürlich hielt und hält das jetzige Wirtschaftssystem für die Privilegierten dieser Erde, also uns, einen ganzen Batzen Gutes bereit und je prekärer das Erreichte auch angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrisen wird, desto weniger Gewissheit können wir haben, von einer Transformation des Ganzen mehr zu erhoffen. Die negativen „Nebenwirkungen“ und die gefährlichen ökologischen Nachwirkungen der profitgetriebenen Art zu wirtschaften betreffen uns ja nicht alle gleichzeitig und gleichermaßen. Deshalb ist Solidarität so schwer und die Suche nach lebbaren Alternativen so ungleichmäßig und unambitioniert.

Die Frage nach einer echten Umkehr im Mensch-Natur-Verhältnis und dem Ende der kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensweise wird deshalb nicht nur von Radermacher vermieden. Er jedenfalls hofft darauf, dass seit den letzten Wirtschaftskrisen jene, die bisher auf die „freien Märkte“ gesetzt hatten, der Wind aus den Segeln gefahren ist und ein neues Paradigma Fahrt aufgenommen hätte. Das nennt sich: „grüne und inklusive Märkte“.

Tatsächlich gibt es dieses Stichwort inzwischen häufig. Radermacher gab allerdings selber zu, dass das bisher nur ein „wording“ ist und noch nicht praktisch umgesetzt. Ich weiß nicht, was da neu sein soll gegenüber dem auch von ihm früher vertretenen wording von der „ökosozialen Marktwirtschaft“. Dass er die Armen dieser Welt versucht mitzudenken, ist löblich. Allerdings verfällt er darauf, dass bei denen und vor allem jenen, die sich nun auch in Richtung Wohlstand arbeiten, am meisten zu tun ist in Richtung Öko. Er argumentiert mehrmals, dass die Beiträge zur Treibhausgasemissionssenkung von Deutschland oder auch Österreich letztlich nichts in der globalen Bilanz bringen würden, übersieht aber dabei die möglichen technologisch-treibenden Kräfte (z.B. bei der Photovoltaik durch das EEG in der BRD) bzw. die enorme Vorbildwirkung, die ein Beweis, dass ökologische Nachhaltigkeit und lebenswertes Leben zusammen erreichbar sind, haben könnte.

Aufgrund dieses Konservatismus hat er wohl guten Grund für die ehrliche Vermutung, dass wir ein Einhalten des 2-Grad-Zieles wohl schaffen könnten, dass er aber nicht glaube, dass wir es schaffen werden.

Die Summe von neuem wording („grün und inclusiv“), dem Verschenken von zerreißbaren Emissionszertifikaten zu Weihnachten und Aufforstung dort, wo eh grad mehr und mehr abgeholzt wird… das wird’s wirklich nicht bringen.

Damit auch ja niemand aus der (vorher namentlich angemeldeten) Teilnehmerschaft irgend einen neuen Gedanken einbringen konnte, achtete die Moderation nach den Vorträgen ziemlich barsch darauf dass auch „Nur Fragen!“ gestellt wurden. Zwei Teilnehmern des Klimanetzes Jena und Umgebung wurde so das Wort abgeschnitten. Das diente sicher dem Einhalten der vorgesehenen Zeit, hat aber sicher nichts mit dem Slogan auf dem Aufsteller „Reden Sie mit!“ zu tun!

Zusätzliche Informationen:

  • Der WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) zum CO2-Budget-Ansatz (ausführliches Sondergutachten dazu)
  • Emission Gap Report 2013 der UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen): Es wird immer unwahrscheinlicher, dass das 2-Grad-Ziel auf dem kostengünstigsten Weg erreicht werden kann und ohne eine Kehrtwende in den Emissionen wird es ab 2020 teurer und risikoreicher. Report 2014 (Englisch)
  • „Klimapolitik am Scheideweg“, ein Text von O. Geden und S. Beck über den Wechsel von einem Top-Down-Ansatz in der Klimapolitik (der von der naturwissenschaftlich begründeten Notwendigkeit des Einhaltens des 2-Grad-Ziels bestimmt war und von daher die notwendigen Veränderungen in den einzelnen Regionen und Ländern erausfordern sollte) zu einem Bottom-Up-Ansatz (bei dem jeder Staat letztlich nur das macht, „was er für vertretbar hält“. Die von Radermacher genannte „schwarze Linie“ beruht wahrscheinlich schon auf dem neuen, sich durchsetzenden Bottom-Up-Ansatz.
  • Warum menschliche Entwicklung nicht unbedingt mit mehr Wachstum und Naturverbrauch verbunden sein muss: Die Abbildung, die die Abhängigkeit des Human Development Index vom ökologischen Fußabdruck zeigt (z.B. hier), kann so gelesen werden, dass ab einem bestimmten Human Development Index auch immer mehr Naturverbrauch (größerer Fußabdruck) diesen Index nicht mehr anhebt.
  • Ein früherer Text von mir: Spielt das Wachstumsthema Ökologisches gegen Soziales aus?
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